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07.08.1998 - 

Arbeiten in der Informationsgesellchaft/Kosten der Telearbeit sind schwer zu ermitteln

Gegner und Befürworter streiten am Thema vorbei

07.08.1998

Kaum ist Karl-Heinz Hageni zum Betriebsratsvorsitzenden der Software AG, Darmstadt, berufen worden, setzt er das Thema Telearbeit auf die Tagesordnung. "Etwa 100 Kollegen aus Software-Entwicklung und Kundenberatung kommen dafür in Frage", so eine erste Hochrechnung des Arbeitnehmervertreters. Es gibt keinen Zweifel: Telearbeit steht hoch im Kurs. Nicht nur Arbeitnehmer und Betriebsräte, auch Personalverantwortliche und andere Entscheidungsträger interessieren sich für die flexible Arbeitsgestaltung via Telekommunikation.

Unternehmen versprechen sich von der Einführung der Telearbeit in erster Linie deutliche Kosteneinsparungen. Runter mit dem Aufwand für Personal, Bürofläche und Reisen - mit diesem Motto gehen sie frisch ans Werk.

Die Kehrseite der Medaille allerdings sind die erforderlichen Investitionen in Weiterbildung, Organisation und Management, wie Kienbaum-Berater Klaus Teske in einer Gegenüberstellung von betriebswirtschaftlichen Kosten und Nutzen der Telearbeit nachweist. Löcher in die Kasse, analysiert Teske, reißen schließlich die unvermeidlichen Kosten für den Ausbau der Informations- und Kommunikationstechnik.

Nichts als "virtuelle Luftschlösser" sind deshalb die mit der Telearbeit verknüpften Hoffnungen zumindest für das Freiburger Öko-Institut. Zwar unterstützten die neuen Techniken eine stärkere Internationalisierung, Vernetzung und Beschleunigung der Märkte. Für die Umwelt jedoch brächten sie nur eine steigende Belastung, so die Kritiker. Das Handy ersetze kein Telefon, die CD-ROM keine Zeitung und der Computer nicht das Papier. Unter solchen Vorzeichen könne man sich den mühsamen Weg in die Informationsgesellschaft sparen. Nur selten geraten die Promotoren in Überschwang: So bilanziert Werner Schmidt, Vorstandsmitglied der LVM-Versicherung in Münster, die 400 Telearbeiter beschäftigt, eine reduzierte Fahrstrecke von gut einer Million Kilometer pro Jahr. Zudem habe die Einführung alternierender Telearbeit den Neubau eines geplanten Verwaltungsgebäudes überflüssig gemacht. Auch bei der BMW AG in München ist kein Stimmungstief auszumachen, zumindest wenn man der Darstellung von Projektleiter Peter Cammerer folgt. Er berichtet von einem regelrechten Motivationsschub bei den BMW-Telearbeitern.

Wie die Beratungsgesellschaft TA Telearbeit GmbH in Geilenkirchen ermittelte, wird die zur Verfügung stehende Bürofläche nur zu 65 Prozent produktiv genutzt.

Die Gewerkschaftsinitiative Online Forum Telearbeit (Onforte) gibt zu bedenken, daß ein Kostenvergleich der technischen Ausstattung und der laufenden Kosten des Arbeitsplatzes meist den Ausschlag für den Telearbeitsplatz gebe. Dabei würden aber Einsparpotentiale vernachlässigt, die viel weiter führen. Wolle ein Unternehmen zum Beispiel hochqualifizierte Mitarbeiter binden, die sich gegen weite Fahrten zum Betrieb wehren und vielleicht deshalb mit einem Wechsel zu einem anderen Arbeitgeber liebäugeln, könne die Telearbeit attraktiv sein.

Spinnt man diesen Faden weiter, wird klar, daß sich die Lösung des Mitarbeiters aus hierarchischen Strukturen in mehrfacher Hinsicht lohnt, insbesondere bei häufigem Kundenkontakt. Die Wege direkt zum Kunden werden kürzer, beanspruchen weniger Arbeitszeit und mindern den Fahrzeugeinsatz.

Viele Initiativen zur Einführung von Telearbeit scheitern "an den mentalen Problemen der Unternehmer", so Karl-Heinz Kaiser, Direktor des Multimedia-Systemhauses der Deutschen Telekom in Bonn. Dies zeige das krasse Mißverhältnis zwischen der hohen ISDN-Anschlußquote in Deutschland mit 2,5 Installationen pro 100 Einwohner auf der einen und der niedrigen Telearbeiterquote mit 0,22 pro 100 Einwohner (Frankreich: 0,47/100, Großbritannien: 1,21/100) auf der anderen Seite.

Dabei bieten sich gute Chancen für einfache Tätigkeiten wie die Bestellannahme und Terminplanung sowie für hochqualifizierte Aufgaben in Konstruktions- und Produktionsprozessen. Als Beispiel nennt Kaiser das Prinzip "Follow the sun", also die Koordination und Beschleunigung von Arbeitsschritten in der globalen Automobilindustrie. Allerdings fehlen auch dem Telekom-Direktor überzeugende Argumente, wenn er auf die hohen Leitungskosten angesprochen wird, die in seinem Unternehmen entstehen.

Kulturelle Hürden überspringen

Daß die eigentlichen Potentiale der Telekooperation - aus Kosten- und Nutzenüberlegungen heraus - noch ganz woanders liegen können, zeigt das Projekt Glim (Globaler Lern- und Innovationsmarkt) recht eindrucksvoll. Das vom Lehrstuhl für allgemeine und industrielle Betriebswirtschaftslehre der Technischen Universität München (TUM) verantwortete Projekt geht von der Prämisse aus, daß vor allem kleinen und mittleren Unternehmen der Zugang zu globalen Märkten verstellt ist.

Hier setzt die Idee von Glim an. Wie Projektleiter Ralf Reichwald erklärt, sind nicht technische, sondern vor allem kulturelle Hürden die entscheidende Ursache mangelnder internationaler Präsenz. Man braucht nicht viel Phantasie, um den Aufwand zu ermessen, der getrieben werden muß, bis ein Vertrag zwischen einem deutschen und einem chinesischen Unternehmen unterschrieben werden kann.

Mit sogenannten Glim-Links wollen die Projektverantwortlichen bereits bestehende Beziehungsnetzwerke in Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur wie ein Spinnennetz miteinander verweben und damit vor allem dem Mittelstand unter die Arme greifen. Wichtigster Projektpartner ist das Goethe-Institut, das seine weltweite kulturelle Kompetenz einbringen kann. Mit zwei Pilotprojekten in Tunis, dem "Tor zum arabischen Markt", und Schanghai wollen die Münchner und die Universitäten vor Ort sowie die regionalen Wirtschaftsverbände und Goethe-Institute ihre Aktivitäten bündeln und neue Vertrauensbeziehungen herstellen.

Die Aussichten sind glänzend: Allein für das Schanghaier Infoport-Projekt, dessen Ziel die komplette Vernetzung aller Haushalte ist, stellt die chinesische Regierung 70 Milliarden Dollar zur Verfügung. Vorteil der deutschen Projektpartner: Jeder will von der hierzulande gesammelten Erfahrung und Kompetenz profitieren und dies für seine Vorhaben nutzen.

Angeklickt

Die technische Infrastruktur für die Einführung von Telearbeit gehört hierzulande zu den besten den Welt. Allerdings herrscht ein krasses Mißverhältnis zwischen der hohen ISDN-Anschlußquote in Deutschland mit 2,5 Installationen pro 100 Einwohner auf der einen und der niedrigen Telearbeiterquote mit 0,22 pro 100 Einwohner (Frankreich: 0,47/100, Großbritannien 1,21/100) auf der anderen Seite. Kritiker glauben, daß die mentalen Probleme die größte Bremse bei der Telearbeits-Einführung sind.

Winfried Gertz ist freier Journalist in München.