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29.05.1998 - 

Thema der Woche

Gehört Windows uns allen oder nur Microsoft?

Bislang mag die Öffentlichkeit geglaubt haben, in den jahrelangen Auseinandersetzungen zwischen Justizbehörde und dem Redmonder Unternehmen gehe es nur um eins: immer wieder die vielfälti- gen Rankünen minder begabter Konkurrenten zu kontern, die dem größten Software-Entwickler aller Zeiten aus schierer Mißgunst das Bein nässen wollen.

Diese Sicht der Welt hat sich vor zwei Wochen mit dem kämpferischen Auftritt von Joel Klein, dem obersten Wettbewerbshüter der USA, geändert. Er werde, so der Topbeamte der Federal Trade Commission (FTC), Klage gegen Microsoft einreichen. Kleins heftiger Vorwurf: "Microsoft hat ein Sperrfeuer illegaler, wettbewerbswidriger Praktiken entwickelt, (...) um seine Rivalen zu zerstören und Wettbewerb zu verhindern."

Die Gates-Company habe ferner Innovationen auf dem Softwaremarkt abgewürgt. Die langjährige Praxis, immer wieder neue Features in das Windows-Betriebssystem zu integrieren, lasse sich auch als Versuch interpretieren, Konkurrenten zu vernichten. Schon jetzt wird das titanische Ringen zwischen dem Softwaremogul, den manche schlicht dem Reich des Bösen zuordnen, und der US-Justiz zum Sündenfall der DV-Industrie, zur Kartellrechtsklage historischen Ausmaßes hochstilisiert.

Die mehr oder weniger klar formulierten Schuldzuweisungen der Microsoft-Freunde gegen die Justizbehörde siedeln in der gleichen Dimension an: Abertausende Arbeitsplätze in den USA stünden bei einem Gerichtsgang gegen Microsoft zur Disposition, eiferte eine eilfertig versammelte Lobbyisten-Truppe ranghöchster DV-Manager vom Schlage eines Eckhard Pfeiffer, eines Lewis Platt und eines Andy Grove, oberste Bosse von Compaq, HP und Intel. Angesagt war jedoch kein schwarzer Börsenfreitag, sondern lediglich die vage angedeutete Möglichkeit einer verzögerten Auslieferung des PC-Betriebssystems Windows 98. Letzteres ruft bislang bei Privatanwendern wenig Euphorie hervor, von professionellen Geschäftskunden dürfte es kaum nachgefragt werden.

Unabsehbare Auswirkungen auf die gesamte Softwarebranche werde eine Zügelung von Gates haben. Innovationen - welche? fragen mokant die Gegner der schönen, monopolisierten Microsoft-Welt - würden abgewürgt, sollte Microsoft wettbewerbsrechtlich in Ketten geschlagen werden. Welche Folgen genau der Ritt gegen das Vorzeige-Industrieimperium der westlichsten aller Demokratien haben werde, das wußten Microsofts Adlaten dann allerdings nicht so exakt zu benennen - schlechte auf jeden Fall.

Die einfallsreiche Verbalakrobatik der domestizierten Microsoft-Jünger genauso wie die Endzeitverkündungen der Gates-Antipoden und Verfechter eines freien und fairen Marktes scheinen allerdings doch eines klarzumachen: Am Falle Microsoft exemplifiziert sich das Unbehagen einer Gesellschaft, die in zwei nicht mehr konsensfähige Denklager auseinanderdriftet.

Hier die Vertreter eines seit weiland Ronald Reagan und Margaret Thatcher hofierten Neoliberalismus der Chikagoer Schule. Deren Vordenker Milton Friedman will den Markt Markt sein lassen, die Politik habe sich nicht einzumischen. Seine im Zuge der Monetarismus-Philosophie entwickelte Forderung nach dem Rückzug des Staates aus der Wirtschaft zugunsten des Marktmechanismus verstehen Manager und Politiker heute als Freifahrschein für die Industrie zu schrankenlosem Schalten und Walten.

Dort die Fürsprecher für eine zumindest in Maßen regulierte Industrie, deren größte Konzerne mittlerweile "Machtpotentiale jenseits von Parlament und Regierung" entfalten, die "ohne jede demokratische Legitimation sind", wie Gerald Boxberger und Harald Klimeta in ihrem Buch "Die 10 Globalisierungslügen" schreiben.

Entlang dieser Trennlinie gruppieren sich auch die Gegner und Befürworter des Antitrust-Verfahrens gegen die Gates-Company. Die neoliberalen Anhänger eines deregulierten Marktes scheuen jeden korrigierenden Eingriff des Staates wie der Teufel das Weihwasser. Folgerichtig argumentieren sie in Sachen Microsoft versus US-Justizministerium wie Josef Joffe kürzlich in einem Leitartikel der "Süddeutschen Zeitung": Zu Recht würden Marktfans Monopolisten hassen, "aber noch mehr müßte es sie grämen, wenn Beamte bestimmen, wer was in einer Industrie vermarktet".

Joffe konzediert zwar, daß Microsoft beispielsweise mit seiner gegen offene Standards im allgemeinen und Sun Microsystems im besonderen gerichteten Java-Politik ein grobes Foul begangen habe. Einen justitiabel zu verwertenden Tatbestand will er dennoch nicht erkennen. Denn anders als etwa Standard Oil, die zu Beginn dieses Jahrhunderts "die Konkurrenz in Preiskriegen wegputzte und dann die Preise hochjagte", tue Microsoft eben dies nicht. Es entbehrt nicht der unfreiwilligen Ironie, wenn Joffe weiter schreibt, "eher kauft es die Konkurrenz". Mit anderen Worten, wie Gates versucht, Konkurrenten auszuschalten, interessiert eigentlich nicht, der Zweck heiligt die Mittel.

Solcher Argumentation haftet ein grundsätzliches Mißverständnis an, das in Disputen um die Kartellrechtsklage nun immer wieder aufkommt: Leute wie Joffe lenken die Debatte in eine falsche Richtung, wenn sie argwöhnen, es gehe den "Marktfans" um Microsofts Monopol bei PC-Betriebssystemen, ergo um Windows. Deutlich wird das an der Argumentation, "wer Microsoft zerschlagen will, müßte just die Sprache verbieten" - gemeint ist Windows. Genau um Windows und Microsofts Monopol im PC-Betriebssystem-Markt dreht es sich aber nur in zweiter Linie.

Gates weiß, von wo ihm Gefahr droht

Joffe bezieht sich bezeichnenderweise bei seinem Rekurs auf die Zerschlagung des von John Davison Rockefeller gegründeten Energietrusts Standard Oil Company im Jahre 1911 auf eine Gesetzgebung, die nun auch Microsoft zu Fall bringen soll, deren Schlagrichtung aber offensichtlich nicht richtig eingeschätzt wird: den 1890 vom US-Kongreß erlassenen Sherman Antitrust Act, der 1914 durch den Clayton Antitrust Act und noch einmal 1936 durch den Robinson-Patman Act sowie 1950 durch den Celler-Kefauver Act ergänzt und mit klärenden Erweiterungen versehen wurde (siehe Kasten).

Darin ist unter anderem festgeschrieben, daß das Monopol in einem Industriesegment nicht dazu benutzt werden darf, andere Marktbereiche zu domestizieren. Es geht also nicht um die Monopolstellung Microsofts bei PC-Betriebssystemen, sondern darum, daß diese Machtposition von Bill Gates genutzt wird, andere Industriebereiche wie eben den der Internet-Browser-Software auch noch zu okkupieren. Dies ist verboten. Microsofts nachgeschobene Einlassung, der "Internet Explorer" sei schon immer Bestandteil des Betriebssystems gewesen und insofern nicht von Windows zu trennen, zeigt, daß die Juristen um Gates sehr wohl verstanden haben, wo ihrem Unternehmen Gefahr droht.

Die zum Browser-Krieg hochstilisierte Auseinandersetzung zwischen Microsoft und Netscape ist dabei nur das jüngste Beispiel für Microsofts Taktik, ehedem nicht zu Windows gehörige Softwareprogramme zu Betriebssystem-Komponenten umzudefinieren. Weitere Exempel wären Sicherungswerkzeuge, also Backup-Tools, Bildschirmschoner, Fax- und Stimmerkennungs- genauso wie digitale Audio- und Videobearbeitungssoftware, Netz- verbindungswerkzeuge, Malprogramme oder Bildbetrachtungssoftware. Wer immer in diesen Bereichen Produkte entwickelt und vertrieben hatte, bekam spätestens dann Probleme, wenn Microsoft auf die Idee verfiel, die betreffende Technologie in sein Betriebssystem einzugliedern und es dann kostenlos als nettes Add-on mit Windows mitzuliefern.

Mit Ausnahme der Stac Electronics Inc. aus dem kalifornischen Carlsbad wagte es kaum eine der meistens vergleichsweise kleinen Firmen, sich deshalb mit dem Riesen Microsoft anzulegen. Stac schrieb 1993/94 DV-Geschichte. Es ist das einzige Unternehmen, das den Softwaremoloch Microsoft mit Erfolg vor Gericht wegen illegaler Geschäftspraktiken bekämpfte.

Der Hersteller der Datenkompressions-Software "Stacker" hatte Microsoft Anfang 1993 wegen Patentrechtsverletzungen vor den Kadi gezerrt.

Technologie von Stac habe auf illegalem Weg als "Doublespace"-Tool Eingang in Microsofts für April 1993 angekündigte DOS-Version 6.0 gefunden. Über ein Jahr später, im Sommer 1994, entschied eine Richterin, daß Microsoft tatsächlich mit unsauberen Tricks der Stac-Technologie habhaft geworden sei. Bevor die Gates-Company wegen einer ebenfalls gerichtlich erwirkten Entscheidung gezwungen wurde, zwei DOS-Versionen weltweit zurückzurufen und 120 Millionen Dollar an Stac zu bezahlen, einigten sich David und Goliath gütlich. Danach erklärte sich Microsoft bereit, 43 Monate lang je eine Million Dollar Lizenzgebühren an Stac zu überweisen. Außerdem kaufte Microsoft für 39,9 Millionen Dollar stimmrechtslose Vorzugsaktien von Stac. Diese können bis zum Jahr 2004 in stimmberechtigte Aktien getauscht werden, was ungefähr einem 15prozentigen Anteil an Stac entsprechen würde.

Trotz dieses Erfolgs blutete das Unternehmen während des Gerichtsgangs so aus, daß Stac-Dependancen zum Beispiel in Deutschland geschlossen werden mußten. Der Hersteller hat sich zwar nicht aus seinem angestammten Markt zurückgezogen, konzentriert sich jetzt aber auf die Entwicklung von Softwarewerkzeugen für den Zugriff auf Informationen in einem Netzwerk.

Bei einem Cash-Vermögen von 12,3 Milliarden Dollar kann es sich Microsoft leisten, vielversprechende neue Technologien einfach aufzukaufen, um sie dann in Windows zu integrieren und danach die Konkurrenten aus dem Geschäft zu drängen.Akquirierte Softwaretechnologie in Windows einzuweben und dann als Bestandteil des Betriebssystems kostenfrei auf den Markt zu werfen könnte der Gates-Company langfristig aber zum Verhängnis werden. In Planspielen des Justizministeriums wird nämlich erwogen, ob man nicht auch diese Produktstrategie, die ja eigentlich eine Softwarepreisgestaltung impliziert, unter die Lupe nehmen sollte. Ziel eines solchen Vorgehens wäre, die kostenlose Vergabe von Produkten, die zu Lasten von Drittanbietern geht, zu reglementieren.

Solch ein Ansatz ist allerdings gewagt, wird doch der Softwaregigant damit de facto als eine sogenannte "public utility" behandelt, zu vergleichen etwa mit einem Stromversorger oder einem Dienstleister, der Kabel für die Telefonkommunikation zur Verfügung stellt.

Auf das Windows-Betriebssystem würde damit der juristische Terminus der "essential facility" (siehe Kasten) zutreffen. Win- dows wäre Allgemeingut, jeder könnte damit machen, was er will. Ähnliches gibt es heute bereits: So war das Unix-Derivat "Linux" seit jeher unentgeltlich für jeden verfügbar (public domain). Auch Netscapes für den Client-Teil gedachte Browser-Software "Communicator" kann inzwischen von jedem Entwickler auf der "Modzilla"-Homepage verändert beziehungsweise verbessert werden.

Bei diesen Produkten verpflichten sich die Programmierer, jede Modifikation samt Schnittstellen offenzulegen. Genau hiergegen wird sich Microsoft bei Windows natürlich mit Händen und Füßen sträuben.

Der jetzt entbrannte Streit um Win- dows 98 lenkt übrigens ab von einem Thema, das Microsoft ganz besonders am Herzen liegt: NT 5.0. Für Microsofts Geschäftsentwicklung dürfte das Server-Betriebssystem die wichtigere Rolle spielen.

Wie bei Windows 98 verfolgt die Gates-Company auch bei NT das Prinzip, eigenständige Produkte unlösbar in das Betriebssystem einzuarbeiten wie etwa den "Internet Information Server" (IIS), der direkt gegen Netscapes "Enterprise Server" gerichtet ist. Ähnliches gilt für den "Transaction Server" und für Message-Queueing-Software. Es existieren ferner Pläne, mit NT 5.0 einen "Netshow"-Server auszuliefern. Dieser würde mit einem Produkt von Realnetworks Inc. konkurrieren.

Natürlich argumentiert Microsoft, auf dem Server-Betriebssystem-Markt bei weitem nicht die dominante Position innezuhaben wie bei PC-Betriebssystemen. Folgerichtig hat das Justizministerium seine Klage nicht auf NT 5.0 ausgeweitet. Möglicherweise erweist sich dieses Versäumnis als folgenschwerer Fehler.

Essential Facility

Das US-amerikanische Rechtsgefüge kennt im Zusammenhang mit kartellrechtlichen Erwägungen den Begriff der "essential facility", die auch im Duell der US-Regierung und der 20 Bundesstaaten mit Microsoft Bedeutung erlangen könnte.

Essential facility bezeichnet ein Produkt oder eine Dienstleistung, mit dem ein Unternehmen, dem dieses Produkt gehört, Einfluß auf die Aktivitäten anderer Industrien nehmen kann. Dieser Einfluß muß so gravierend sein, daß es nicht mehr möglich ist, ohne dieses Produkt noch geschäftlich tätig werden zu können. Besitzt ein Unternehmen solch eine essential facility, muß es anderen Firmen und auch Konkurrenzunternehmen Zugang zu diesem Produkt oder dieser Dienstleistung gewähren.

Digital Equipment hatte in einer Klage gegen Intel Anfang 1998 darauf abgezielt, Intel-Prozessoren zu solch einer essential facility erklären zu lassen. Ähnlich schlußfolgerte Intergraph in seinem Rechtsstreit gegen Intel - eine Argumentation, die kürzlich ein Richter übernahm. Er verpflichtete Intel dazu, mit Intergraph geschäftlich zu kooperieren.