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17.07.1987

Geisteswissenschaften in der Informationsgesellschaft

Anläßlich einer Veranstaltung der IBM nahm der Autor zum Stellenwert geisteswissenschaftlicher Forschung aus der Sicht der Bundesregierung Stellung und formulierte Leitgedanken, die der Wissenschafts- und Forschungspolitik künftig als Orientierung dienen sollen. Wir bringen als Auszug die Thesen des Parlamentarischen Staatssekretärs.

These 1:

Geistes- und Sozialwissenschaften stiften kulturelle Identität und fördern kulturelles Verständnis.

Während uns Natur- und Technikwissenschaften sagen, was wir können, sagen uns die Geistes- und Sozialwissenschaften, was wir sind. Wir brauchen die Eindeutigkeit naturwissenschaftlicher Ergebnisse, aber wir brauchen auch die Vieldeutigkeit individueller und gesellschaftlicher Erscheinungen. Wir brauchen technisch verwertbares Wissen, aber auch Auskunft über unsere geschichtliche Herkunft und Orientierung für unsere Zukunftsplanung. Wir brauchen naturwissenschaftliche Erklärung, aber auch geisteswissenschaftliches Verstehen und philosophische Bedeutung. Nur geisteswissenschaftliche Forschung im weitesten Sinn kann uns die Vielzahl und Vielfalt kultureller Erscheinungen erschließen. Dieses Wissen einer Gesellschaft von sich selbst - ihrer Geschichte, ihrer Kultur, der in ihr herrschenden Ideen - ist ebenso unabdingbar wie wissenschaftsgestütztes technisches Können.

Wir brauchen jedoch nicht nur die "Geborgenheit" in der eigenen Kultur, sondern auch den Respekt vor der "kulturellen Heimat" anderer Nationen. Die wissenschaftliche Arbeit in den Geistes- und Sozialwissenschaften trägt dazu bei, sowohl kulturelle Identität zu stiften als auch kulturelles Verständnis zu ermöglichen. Sie kann uns helfen, in fremden Kulturen nicht nur das Exotische, sondern das Wesentliche zu sehen. Denn nur fundiertes Wissen und sachkundige Information vermögen Verständnis und Sympathie zu wecken.

Dieser Beitrag zur kulturellen Identität wie zur kulturellen Verständigung gelingt jedoch den Geistes- und Sozialwissenschaften nur da, wo ihre wissenschaftlichen Ergebnisse und Erkenntnisse die Schallmauer des wissenschaftlichen Elfenbeinturms durchbrechen. Dort, wo dies gelingt, hatten und haben die Geistes- und Sozialwissenschaften ihre "große Zeit". Rang und Ansehen geistes- und sozialwissenschaftlicher Forschung bemessen sich zu einem guten Teil sowohl an Ihrer Fähigkeit, zentrale Fragen der Zeit zu erkennen und sie in freier Entscheidung - das sei ausdrücklich betont - zum Gegenstand wissenschaftlicher Forschung zu machen. Sie bemißt sich aber auch dar an, ob und in welchem Maß der geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschung die Vermittlung ihrer Erkenntnisse über den engeren Bereich hinaus in die Öffentlichkeit gelingt. Wo Wissenschaft in diesem Sinn Teil der Kultur ist und sich als solcher begreift, lagen in der Vergangenheit und liegen in der Zukunft ihre besonderen Chancen. Ich möchte dazu ein Beispiel erläutern: Derzeit wird in Japan die Einrichtung eines deutschen geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschungsinstituts geplant.

Japan und die Bundesrepublik Deutschland sind einander zwar wichtige Handels- und Wirtschaftspartner; aber wie steht es darüber hinaus bei uns mit wissenschaftlich fundiertem Wissen über Geschichte Kultur, Literatur und Philosophie dieses Volkes? Wie weit sind wir vertraut, mit zivilisatorischen Gegenwartsproblemen dieses Landes? Die Bilanz ist - wie der Wissenschaftsrat jüngst in seiner Stellungnahme

zur Errichtung eines solchen Instituts konstatierte - völlig unzureichend.

Kenntnisse über Japan beruhen bis heute zu einem nicht unwesentlichen Teil auf Berichten einzelner Japan-Reisender. Während in Großbritannien und den USA frühzeitig an mehreren Hochschulen Zentren entstanden, an denen die Erforschung Japans wie der anderen großen Staaten und Kulturen Ostasiens in interdisziplinärer Zusammenarbeit betrieben wird, zählt die Japanologie in Deutschland bis heute zu den sogenannten "kleinen Fächern". Diese zeichnen sich dadurch aus, daß sie an verhältnismäßig wenigen Hochschulen - und dort meist in einem, ihren eigenen wissenschaftlichen Ansprüchen nicht genügendem Umfang - vertreten sind. Insofern sehe ich in der Initiative zur Errichtung eines deutschen geistes- und sozialwissenschaftlichen Instituts in Japan einen wichtigen und zukunftsweisenden Schritt, der uns möglicherweise in noch sehr eindrucksvoller Weise zeigen kann, wie wichtig es sein wird, daß sich die Kultur und die technischen Wissenschaften einerseits und die Geisteswissenschaften andererseits miteinander auf bestimmte Ziele hin verbinden. Nicht weniger wichtig ist die im letzten Jahr erfolgte Gründung des Max-Planck-Instituts für gesellschaftswissenschaftliche Forschung in Köln. Ich bin überzeugt, daß die Arbeit dieses Instituts wichtige Impulse für die Weiterentwicklung der politischen Kultur unserer Demokratie geben wird.

These 2:

Wenn Wissenschaft in diesem Sinn Teil unserer Kultur ist und sich als solche begreift, dann gehören kulturelle Probleme und Folgewirkungen des technologischen Wandels gleichermaßen auf die Themenliste der Geistes- und Sozialwissenschaftler wie der Natur- und Technikwissenschaftler.

Ein ins Auge fallendes Merkmal unserer wissenschaftlichtechnischen Kultur ist die sich offenbar stetig beschleunigende Zunahme des Wissens in allen Wissensbereichen und die sich immer rascher vollziehende Umsetzung von Erkenntnissen der Grundlagenforschung in anwendbare Technologien. Die modernen Regelungs-, Steuerungs-, Informations- und Kommunikationstechniken

haben in zahlreichen Beschäftigungsbereichen bereits Einzug gehalten und prägen in wachsendem Maß auch unseren privaten Alltag wie unser Freizeitverhalten.

Diese neuen Technologien eröffnen ungeahnte Chancen, wo bisher die begrenzten Kapazitäten des menschlichen Gehirns oder das endliche Fassungsvermögen eines herkömmlichen Zettelkastens wissenschaftlicher Neugier und berechtigtem Forscherinteresse vergleichsweise enge Grenzen setzten.

Technischer Fortschritt und technologischer Wandel bergen jedoch nicht nur Chancen, sondern auch Risiken. Die schon immer vorhandene, aber uns in zunehmendem Maß bedrohlich erscheinende Ambivalenz technischen Fortschritts stellt uns die Frage nach seiner Beherrschung in einer völlig neuen Dimension. Ich erinnere hier nur an die Entwicklung in den Bio- und Gentechnologien, die uns einerseits helfen können, Ernährungsgrundlagen menschlichen Lebens zu erweitern, die andererseits jedoch potentiell auch Mängel und Katastrophenzustände heraufzubeschwören drohen. Die Gentechnologien können Hilfe leisten bei der Verhinderung oder Korrektur biologisch bedingter Fehlentwicklungen,

doch sie ermöglichen prinzipiell auch unzulässige Eingriffe in das menschliche Wesen.

Der Eindruck wächst, daß unsere wissenschaftlich-technische Kultur in dem Maß, wie sie Probleme löst, neue erzeugt, die mit den Mitteln wissenschaftlich-technischer Rationalität allein nicht zu bewältigen sind. Das Wirkungsgeflecht moderner Technologien fordert eine Klärung ihrer Chancen und Risiken in mehrdimensionalen Problemzusammenhängen. Dies ist ohne Kooperation zwischen Geistes- und Sozialwissenschaften auf der einen, Natur- und Technikwissenschaften auf der anderen Seite nicht erreichbar.

Die Sensibilität für die sozialen und kulturellen Folgewirkungen technologischer Neuerungen wird künftig zur Aufgabe der Natur- und Technikwissenschaften ebenso gehören wie zu denen der Geistes- und Sozialwissenschaften. Deren vorrangige Funktion sehe ich jedoch nicht darin, kulturelle und soziale Schäden im nachhinein dort zu kompensieren, wo eine verkürzte technisch-ökonomische Rationalität als ausschließliches Kriterium technologischer Innovation fungierte. Aufgabe der Geistes- und Sozialwissenschaften wird es künftig mehr denn je sein müssen, vorhandene Entwicklungen zu analysieren, Funktion und Bewegungsrichtung moderner Technologien kritisch zu verfolgen und unter einer aufklärenden Perspektive zu reflektieren.

Ich bin davon überzeugt Carl-Friedrich von Weizsäcker hat recht mit seiner Feststellung, daß eine Kultur auf Dauer nicht stabil sein kann, deren technische Mittel um eine oder mehrere Größenordnungen besser entwickelt sind als das Bewußtsein über die Zwecke die mit ihnen verfolgt werden.

These 3:

Wir dürfen die Geistes- und Sozialwissenschaft nicht insofern überfordern, als wir von ihnen Antwort auf die Frage erwarten, was wir dürfen und was wir sollen. Orientierungswissen im Sinn einer Antwort auf Sollensfragen kann Wissenschaft grundsätzlich nicht erbringen.

Der Wissenschaftler hat wegen der prinzipiellen Unkontrollierbarkeit des wissenschaftlichen durch den außerwissenschaftlichen Verstand und wegen der Abhängigkeit moderner Gesellschaften von ihrer wissenschaftlichen Basis zweifellos eine besondere Verantwortung im Sinn einer Aufklärungspflicht. Wissenschaftler können sich dabei auch der Verantwortung für die Verständlichkeit ihrer Sprache und ihres Verhaltens nicht entledigen. Nur Verständnis schafft Vertrauen, und nur in diesem Vertrauen ist ein forschungsfreundliches Klima möglich.

Die Wissenschaften leisten - auch bei der Lösung ethischer Probleme - unentbehrliche Entscheidungsvoraussetzungen. Doch eine Sonderethik gegenüber einer nichtwissenschaftlichen "Standardethik" der Gesellschaft haben sie nicht. Das Ringen um ethisch und moralisch verantwortbare Entwicklungen gehört gewiß in herausragender Weise zum Ethos des Wissenschaftlers es ist aber zugleich die Verantwortung von uns allen. Wie wir dieser Verantwortung gerecht werden und welchen Beitrag dazu die Wissenschaft leistet, davon werden auch die Zukunft und die Entwicklungsfähigkeit unserer Demokratie abhängen.

Auszug aus den IBM Nachrichten 37 (1987),Heft 289, Seite 21 ff.