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12.10.1990 - 

PPS-SYSTEME Knebel oder Motivator?

Generative Teile entscheidend

Der Stand der Technik im Bereich der Produktionsplanung und -steuerung läßt

sich schon lange nicht mehr an den Eigenschaften auf dem Markt befindlicher und in der Regel kaum vergleichbarer Pakete ablesen. Ausschlaggebender ist da

schon eher, welche "Funktionalitäten" in Berater- und Herstellerkreisen jeweils bereits als unverzichtbares Merkmal gehandelt werden und die aktuellsten Nöte der Anwender widerspiegeln.

Gerade für die PPS-Interessenten und -umsteiger dieser Tage ist es ein offenes Geheimnis, daß angesichts der oft mehrjährigen Implementierungszeiträume der Aspekt der Produktweiterentwicklung zur Gretchenfrage wird. Hier steht so mancher Anwender einem nur schwer abschätzbaren (und im übrigen auch nicht unmittelbar beeinflußbaren) Komplex aus Marketing-, Investitions- und Managemententscheidungen gegenüber. Selbst bei hehrem Vorsatz entscheidet häufig das ursprüngliche Design des jeweiligen Pakets: Läßt es entsprechenden Raum für für die Abbildung der sich wandelnden Anforderungen und zukünftigen Entwicklungen?

"Offene Systeme" meint heute in der allgemeinen Diskussion meist nur zweierlei: Die Fähigkeit, unterschiedliche Hardware/Betriebssysteme miteinander kommunizieren und verschiedene Anwendungsprogramme auf fest definierten Pfaden Daten austauschen zu lassen. Der gegenwärtig erreichte Stand und die vergleichsweise schleppende Verbreitung von CIM (Computer Integrated Manufacturing) weisen darauf hin, daß der Begriff der Offenheit erheblich weiter gefaßt werden muß. Das Vorliegen von De-facto-Industriestandards bei Betriebssystem/Hardware (wie Unix) und Protokollen (wie Ethernet, TCP/IP) sind zwar wichtige Voraussetzungen, aber die Entkopplung von äußeren Sachzwängen muß sich auch im Aufbau der Software fortsetzen. Einschränkungen hinsichtlich der Einsetzbarkeit der Anwendungspakete in bezug auf

- Einsatzort,

- Organisationsform,

- Systemumgebung,

- gewachsene betriebliche Arbeitsformen

sind in der überwiegenden Zahl der Implementierungsversuche von Industrielösungen aus

schlaggebender für den Erfolg als etwa Hardware- oder Datenbanktopologie. In ähnlicher Weise wie bei der Abwendung von kostenintensiven, redundanten Insellösungen vollzieht sich nun auch im Bereich der industriellen Software der Prozeß zum für das Unternehmen zugänglichen, offenen Werkzeug. Einige wesentliche Merkmale eines offenen PPS-Konzeptes als CIM-Kern lassen sich kurz zusammenfassen: Weitgehend neutral hinsichtlich Hardware, Datenbank, Fertigungstyp, Kommunikation, Anwendungsort und Releasestand, gleichzeitig leicht veränder- und erweiterbar, Oberflächen- und Belegänderung online. Die Parallelen zu den Standardisierungsbemühungen bei Hardware und Betriebssystemen sind frappierend.

Der Aufwand für die Wartung und Weiterentwicklung eines PPS-Systems schlägt bei funktional anspruchsvolleren Anwendungen Jahr für Jahr mit zweistelligen Mannjahrzahlen zu Buche. Dadurch scheiden sich die angebotenen Pakete in zwei Gruppen: Die der funktional relativ statischen Produkte kürzerer Lebensdauer und die überregionalen "Stückzahlprodukte"

Die Tendenz einiger führender Anbieter, ihr gesamtes Know-how-Potential und die Entwicklungsbudgets nun international einzusetzen, hat allerdings auch einige gewichtige strategische Gründe. Die zunehmende Öffnung und Verflechtung der internationalen Märkte wird durch die rechtlichen Veränderungen des Jahres 1992 nur in den Vordergrund gehoben. Die Beschaffung auf immer komplexer werdenden internationalen Märkten, durch Firmenzusammenschlüsse entstehende internationale Produktionsgemeinschaften oder monopolartige Lieferant/Kunde/Beziehungen machen Abstimmung unausweichlich.

Systeme ohne nationalen Charakter

Die Vereinheitlichung der Rahmenbedingungen und verwendeten Verfahren führen zu einer Angleichung der regional unterschiedlichen Produktionsphilosophien. PPS und kommerzielle Systeme müssen und werden ihren nationalen Charakter verlieren: Die Verfügbarkeit und Unterstützung des gleichen Produkts in unterschiedlichen Ländern ist eine Grundvoraussetzung für eine optimale grenztüberschreitende Planung und Abwicklung.

Die Erfahrungen hinsichtlich der Akzeptanz haben dabei gezeigt, daß multinational vertriebene englischsprachige Systeme in grenzenübergreifenden Organisationen zunehmend auf Probleme stoßen. Daß manches PPS nicht in der jeweiligen Landessprache angeboten wird, ist oftmals Ausschlußkriterium.

Ein Umdenken ist auch bei der Ausrichtung von PPS auf spezielle "reine" Fertigungstypen auf der Tagesordnung. Nicht nur innerhalb von Konzernen auch innerhalb der einzelnen Betriebe sind unterschiedlichste Mischfertigungen eher die Regel. Serienfertiger tendieren durch zunehmenden Kundendruck in Richtung Auftragsorientierung, Kundenauftragsfertiger tendieren zur Gruppierung, verschärfte Rechtsvorgaben erzwingen in immer weiteren Bereichen Verursachernachweise. Als produktionsnahe Abläufe müssen auch Bereiche wie Vorfertigung, Subunternehmer oder Filialbedarfe abgedeckt werden können. Die mit der Einführung eines PPS verbundenen Kosten und organisatorischen Aufwände lassen sich nur durch eine möglichst weitgehende Abdeckung aller auftretenden Produktionsformen rechtfertigen. Besonders

wichtig ist hierfür auch die Möglichkeit zur physischen Verteilung der Funktionen. Unterschiedliche Betriebs- oder Abteilungsgrößen machen es erforderlich, daß die Software auf Unterschiedlich leistungsfähiger Hardware lauffähig ist (im Extremfall von der Workstation) bis zum Mainframe).

Die angesprochene Abdeckung der zum Teil konzeptionell unvereinbaren Planungs- und Dispositionsbereiche kann natürlich allein durch Funktionsreichtum nicht erreicht werden. Marktgängige PPS-Systeme moderner Prägung bringen es auf zum Teil mehrere tausend Einzelfunktionen. Die unvermeidlichen Anpassungen

und Ergänzungen in den einzelnen Betriebs- oder Konzerneinheiten schmälern häufig die in anderen Bereichen erzielten positiven Effekte. Im Einzelfall kann entweder gar kein tragfähiges Ergebnis erzielt oder nur partiell neu programmiert werden.

Eine sehr elegante Lösung dieses Problems bieten neuartige PPS Konzepte wie mTMS von Unisys, die mit Hilfe einer Reihe von Programmgeneratoren erzeugt wurden. Die gleichen Benutzerwerkzeuge stehen dem Anwender für die Herstellung von Masken, Funktionen und Reports zur Verfügung. Neben den 40 - 80 Prozent Aufwandsersparnis hat dies den wichtigen Effekt, daß die spezifischen Änderungen und Erweiterungen integriert, das heißt in Form und Funktion Bestandteil des PPS werden.

Die Integration wurde von PPS-Anbietern naturgemäß aus der Sicht des PPS formuliert. Bei Durchdringungsgraden, die für PPS-Funktionen bei 85 und für EDV-Hardware bei nahezu 100 Prozent der Unternehmen liegen, ist der Grundgedanke eines "sich einpassenden" PPS fast schon trivial. So wie bei der Propagierung offener Hardwareumgebungen selbstverständlich vom Vorhandensein heterogener Rechenzentren ausgegangen wird, muß auch im organisatorisch/planerischen Bereich mit den eingeführten gewachsenen Systemen gerechnet werden. Mit dem Großteil der Stammdaten als Betriebsabbildung kommt dem PPS automatisch eine Kernfunktion zu die aber nicht zwangsläufig dazu fuhren muß, daß Aufbau und Zusammensetzung der angrenzenden Teilsysteme durch die PPS-Wahl präjudiziert werden.

Ziel muß hier eine Integrationswirkung sein. Die Kernlösung sollte nicht nur über eine integrierte Datenhaltung verfügen, die im Prinzip datenbankneutral ist. Mindestens ebenso wichtig ist eine neutrale Ausgestaltung der Kommunikationsschnittstellen, die für das PPS-System die angrenzenden Datenlieferanten-/Adressaten zu anonymen Systemen werden läßt. Durch neutrale Datenübergabebereiche (wahlweise für die Übergabe/Übernahme im Online oder Batch), in die ein Datensatzgenerator jedes beliebige Datensatzformat einstellen kann, werden vielfältige Schnittstelle auf einheitliche Weise und mit geringstem Aufwand realisierbar.

Eine ähnliche Problematik wie auf der Konzern- oder Branchenebene stellt sich auch hinsichtlich der Gewichtung der einzelnen Abteilungen als Folge unterschiedlicher Geschäftstätigkeit. Die speziellen Anforderungen einer sehr einkaufsintensiven Prototypen-Fertigung beispielsweise sollten von einem "State-of-the-art"-PPS bewältigt werden können. Daß dies bei der herkömmlichen Art der Modularisierung im Hauptwerk mit überwiegender Großserienfertigung und überschaubarer Lieferantensituation möglicherweise eine fatale Übermotorisierung im Einkaufsbereich bringen würde, liegt auf der Hand.

Die Antwort kann hier nur in einer sehr viel stärkeren Aufspaltung der möglichen Bausteine liegen, die dem Anwender separat für die Implementierung angeboten werden.

Die konsequenteste Konzeption muß allerdings weiter als die Preisliste reichen: Die Software sollte so aufgebaut sein, daß jede Einzelfunktion des PPS (zum Beispiel Arbeitsplan anlegen oder Arbeitsplan kopieren) als separate Programmroutine generiert und auch ansprechbar ist. Dies kann natürlich nur dann erfolgen, wenn die Datenbank und Transaktionssteuerungen strikt getrennt von der eigentlichen Anwendung gehalten werden. Diese Teilung hat verblüffende Folgen: Änderungen oder Ergänzungen einzelner Anwendungen haben einerseits keinerlei Auswirkung auf das "System", können aber auch unter anderen Betriebssystem/Datenbankkonstellationen eingesetzt werden. Da dann jede Einzelfunktion (zum Beispiel "Arbeitsplan anlegen") separat greifbar ist, können einsatzspezifische Varianten neben den eigentlichen Originalen gehalten werden, ohne die Fortführung des Standardprodukts (Release) zu gefährden. Dies setzt natürlich eines voraus: Feste, durch die integrierten Werkzeuge zwingend vorgegebene Prozeduren für Notation (unter anderem Data Dictionary), Änderungsabläufe und ähnliches.

Spezialfunktionen trotz Produktmodernisierung

Die preiswerte Erstellung von "Spezialfunktionen" durch den Anwender, ohne sich damit von der sukzessiven Produktmodernisierung abzukoppeln, ist angesichts langlaufender CIM-Prozesse ein elementares Anliegen.

Das Umsetzen der Automatisierung erfolgt normalerweise in den Abteilungen und Arbeitsgruppen. Selbst mit einem für die "Spezialitäten" des Betriebes erweiterten PPS können bei der Einführung Monate oder Jahre dadurch verloren werden, daß die gewachsenen Arbeitsformen nur unzureichend aufgenommen werden können. Jedes Unternehmen führt eine seinen Gegebenheiten angepaßte Terminologie und lebt in seinen speziellen Prozeduren und Sichtweisen. Mit der Einführung von CIM oder PPS im weiteren Sinne werden fast immer auch Straffungen und Neuordnungen der gewachsenen Strukturen angestrebt. Dies kann aber nicht heißen, daß sämtliche Lösungen, die sich über die Zeit gebildet haben, einer Normierung weichen sollen.

Die unangenehme Sichtweise herkömmlicher PPS-Systeme, wonach Anpassungen an Bildschirmmasken und Auswertungen Auftragsarbeiten sind, die zudem die Pflege des Systems in Frage stellen, ist heute kaum noch haltbar. Hier soll keine Lanze für die "Kleinstaaterei" innerhalb betrieblicher Organisationen gebrochen werden; es muß jedoch eine Möglichkeit geboten werden, rationelle Arbeitsweisen mitnehmen zu können. Sich neben den Standardmasken und Funktionen für einzelne Benutzer oder Benutzerkreise in Form, Inhalt oder Ablauf abweichende Spezialversionen anlegen zu können, ist ein erheblicher Akzeptanzfaktor. Am Vorhandensein solcher generativer Bestandteile macht sich aus Abteilungssicht letzten Endes fest, ob PPS als Knebelung oder Motivator empfunden wird. Beliebige Terminologie, Fehlermeldungen und Verwendung unterschiedlicher Fremdsprachen innerhalb des gleichen Systems sind nicht länger nur Komfortfaktoren.

Keine festprogrammierten Formate mehr

Gleiches gilt natürlich auch für die Papierseite des Systems. Das Belegwesen eines Standardpaketes kann heute angesichts fließender Umorganisationen in der Fertigung nicht mehr als fest programmiertes Format diktiert werden. Wie auch bei den Auswertungen und Berichten ist hier der Anwender gefragt, welche Information er wo in welcher Konstellation sehen möchte. Die gesamte Datenbank muß ihm im Prinzip offenstehen, um sich mit einem komfortablen Reporter-Programm seine Belege und Listen (oder zum Beispiel Dateien für ein PC-Multiplan) zu definieren.

Die unterschiedliche Sicht des PPS Systems durch die Endbenutzer kam bisher fast ausschließlich darin zum Ausdruck, zu welchen Modulen der einzelne ex definitione Zugriff haben sollte. Im Zuge der Ablaufvereinfachung bieten bereits viele Anbieter jetzt das freie Bewegen im System (Netzsprungtechnik) an, die Ablaufhierarchie bleibt davon aber unberührt.

Die Grenzen dieses Vorgehens zeigen sich etwa dann, wenn ein Benutzer bei seinen Arbeitsabläufen bereichsübergreifend arbeiten, aber nur einen sehr scharf umrissenen Zugriff haben soll.

Hier erweist sich wieder die Separierung der Einzelfunktionen als hilfreich: Es können einzelne Aktivitäten aus unterschiedlichen Arbeitsbereichen zu benutzerindividuellen Abläufen zusammengestellt werden,

die ihn einerseits auf einem Pfad halten, andererseits durch automatisierten Ablauf auch Rationalisierungen bedingen.

Seine wohl größte qualitative Auswirkung erreicht PPS durch eine erhöhte gesamtbetriebliche Transparenz. Wenn alle beteiligten Abteilungen maximalen Einblick erhalten sollen, ohne Kompetenzkonflikte zu erzeugen, muß die Steuerung der Lese- und Änderungsrechte auf Bereichs- und Benutzerebene offengelegt sein. Das Erhalten und/oder Ändern von Information sollte für einzelne Transaktionen steuerbar sein, dabei aber nicht zu einem unüberschaubaren Detailgeschäft werden. Für die Verwaltung des Gros müssen Kontrollbereiche leicht und schnell zu errichten sein, das Einzelprofil sollte eine gezielte Maßnahme bleiben.

Die Anzahl zu berücksichtigender Organisationsebenen hat unbestreitbar zugenommen. Die grundlegenden Anforderungen an Management-Informationssystemen werden in immer kürzer werdenden Abständen redefiniert und verfeinert. Der Erfolg hängt von größerer Flexibilität und der Fähigkeit ab, die sich permanent verschiebenden Markterfordernisse bei einer sich rasant vollziehenden technologischen Entwicklung berücksichtigen zu können. Produktionsplanungssysteme früherer Generationen waren weit weniger außenorientiert als heute; sie kümmerten sich herzlich wenig um den Bedarf nach Informationsfluß im Unternehmen oder den erforderlichen Datenaustausch mit technischen oder kommerziellen Systemen. Sie sind damit nicht mehr geeignet, die aufkommenden europäischen Marktverhältnisse der 90er Jahre zu bewältigen.