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DV und Umwelt / Weltweites Energiespar-Label verspräche Spareffekte für die Industrie


02.04.1999 - 

Gerangel um den "Energy Star" für Europa

Von Stephan Eder* Bald könnten Amerika und Europa mit dem "Energy Star" ein gemeinsames offizielles Energiespar-Label für die IT-Branche haben, wenn sich die EU-Kommission mit der US-amerikanischen Umweltbehörde EPA ( Environmental Protection Agency ) einigt. Doch es gibt noch Bedenken.

Meist fällt er erst bei genauerem Hinsehen auf, der Energy Star am Rechner oder Bildschirm: Das Wort "energy", ein fünfzackiger Stern daneben, als Hintergrund eine Erdhalbkugel. Geht es nach der EU-Kommission und der IT-Branche, Europa würde noch dieses Jahr einen Werbe- und Aufklärungsfeldzug für dieses Label erleben. Damit alle wissen: Ein PC mit diesem Zeichen kann Energie und damit bares Geld sparen.

Standby-Verbrauch soll weiter sinken

Seit zweieinhalb Jahren verhandelt die Brüsseler EU-Kommission mit der US-Umweltbehörde über eine Beteiligung an deren Energy-Star-Programm. Die EPA hat bereits einige Erfolge vorzuweisen: Mitte der 90er Jahre setzte sie die Einrichtung von Standby-Steuerungssoftware in Computern durch. Die 30-Watt-Grenze für den Stromverbrauch im Standby-Betriebsmodus ist mittlerweile international in den Ausschreibungen von Behörden und Unternehmen für informationstechnische Geräte ein übliches Kriterium geworden.

Eine Anordnung der US-Regierung, für die Bundesbehörden nur noch Geräte mit dem Energy Star zu beschaffen, puschte das Zeichen zunächst in den USA und dann auch in Europa. Heute ist der Energy Star in puncto Energiesparen für PCs und Peripheriegeräte der De-facto-Standard.

Die EU-Administration in Brüssel ist nun brennend daran interessiert, das Projekt unter Dach und Fach zu bringen. Sie will endlich ein EU-eigenes Energie Effizienzprogramm haben. Klappt der Deal mit der EPA, kann auch Geld für Aufklärungskampagnen fließen. Das war bislang nicht erlaubt, weil der Energy Star kein EU-Logo ist.

Auch die IT-Branche verspricht sich einiges von dem Übereinkommen. IBM-Umweltspezialist Reinhard Höhn sieht gleich mehrere Vorteile, wenn EPA und EU an einem Strang ziehen. "Das internationale Energy-Star-Programm kann ein Musterbeispiel für internationale Kooperation auf dem Umweltsektor werden", erläutert der Sprecher des Arbeitskreises Umwelt im Fachverband Informationstechnik. "Eine weltweite Industrie wie die IT-Industrie favorisiert globale, harmonisierte Kriterien. Die Produkte der IT-Branche werden schließlich für den Weltmarkt entwickelt und produziert."

Aber die Industrie denkt auch ans liebe Geld. Unterschiedliche regionale Energie-Label würden nur die Preise erhöhen, ohne das Produkt zu verbessern. "Außerdem hätten Firmen, die in Europa ansässig sind, eine europäische Registrierstelle zur Verfügung", erklärt Höhn. Dies dürfte den Papierkrieg verringern und damit Kosten sparen.

Schließlich hofft Höhn, daß das europäische Programm zur besseren Information der IT-Nutzer beiträgt. Eine Studie der europäischen Energieagenturen habe ergeben, daß häufig die entsprechenden Hardwarefunktionen zum Standby gar nicht genutzt werden. "Hier existiert noch hoher Aufklärungsbedarf."

Während EU-Kommission und EPA letzte Uneinigkeiten ausräumen, bereiten der europäische IT-Fachverband Eurobit und die Energieagenturen aus den Niederlanden, aus Dänemark, Frankreich und England deshalb eine Aufklärungskampagne vor, die möglichst kurz nach der Unterzeichnung des Kooperationsvertrags starten soll.

Doch obwohl Industrie und Verbände sein Potential übereinstimmend anerkennen, ist der Euro-Energy-Star noch längst nicht in trockenen Tüchern. Bisheriger Knackpunkt bei den Verhandlungen: Die Europäer wollen sich nicht einfach dem EPA-Programm anschließen. Sie verlangen Gleichberechtigung, unter anderem Mitspracherecht bei der Fortentwicklung der Kriterien.

Genau darum gehe es, versichert Alison ten Cate von der EPA und ergänzt: "Die Vertreter werden zusammenarbeiten, um folgendes zu koordinieren: Spezifikationen, Produktgruppen, die unter die Vereinbarungen fallen, Aufklärung, Datenerhebung und die Überwachung des Logogebrauchs."

Was sie so diplomatisch formuliert, wird hinter vorgehaltener Hand deutlicher ausgedrückt: Im Hintergrund der weitgehend deutschen und nordeuropäischen Skepsis steht die Befürchtung, sich mit dem amerikanischen Energy Star ein Kuckucksei ins Nest zu legen. Die Kriterien, so der Tenor, seien zu lasch, die Industrie hätte zu großen Einfluß.

Diese Hürde sei mittlerweile genommen, behauptet indes Europas Unterhändler Bertoldi: "Die EU wird die gleiche Stimme wie die EPA haben, um die technischen Anforderungen zu ändern und Produkte in das Programm mit aufzunehmen."

Im Endeffekt wird jedoch der Rat der EU entscheiden, ob das, was die Kommission ausgehandelt hat, den Vorstellungen der Mitgliedstaaten entspricht. Wolfgang Müller-Kulmann, als Leiter des Referats Energieeinsparung im Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) zuständig für das Thema, erklärt: "Auf jeden Fall spielt die genaue Ausgestaltung eines zukünftigen Mitspracherechts der EU bei den Kriterien eine sehr wichtige Rolle dabei, ob der Rat einem ausgehandelten Abkommen zustimmen wird."

Speziell an diesen deutschen Vorstellungen wird sich das Verhandlungsergebnis messen lassen müssen. Hierzulande stand 1998 das Thema Energiespar-Label auf der Tagesordnung von Bundesrat, Bayerischem Landtag, der Umweltministerkonferenz der Länder und des Bundestags. Dabei ging es jedoch nicht um den Energy Star, sondern vielmehr um das in den Anforderungen weitaus strengere Schweizer Energiesparprogramm "E 2000".

Außerdem beginnt sich seit dem Frühjahr 1998 ein deutscher Ableger des Schweizer Programms, die Gemeinschaft Energielabel Deutschland (GED), mit einem eigenen Energiesparzeichen am Markt zu etablieren - trotz einer Empfehlung des europäischen Industrieverbands Eurobit, das deutsche Label zu ignorieren.

Ein Sprecher des Umweltministeriums (BMU) erläuterte zwar, es mache "eher Sinn, sich auf internationaler Ebene auf ein gemeinsames Energiespar-Label zu einigen." Aber das BMU sieht den Energy Star bei den Bemühungen um ein internationales Label lediglich als Grundlage. Auch Müller-Kulmann läßt erkennen, daß der Energy Star für ihn nicht die optimale Lösung ist: "Die Schweizer Initiative ist etwas sehr Vernünftiges und Gutes, sie hat bislang auch zu beachtlichen Erfolgen geführt."

Eine nationale Umsetzung, so der Energiespezialist des BMWi, scheitere daran, daß die deutsche Regierung nicht einfach ein eigenes Energiesparprogramm aus der Taufe heben kann. Als EU-Mitglied müsse Deutschland seine Vorstellungen in Brüssel einbringen und versuchen, Zustimmung dafür zu bekommen.

Für Umweltschützer ist der Energy Star von einem Label, das Geräte mit fortschrittlicher Energiespartechnik auszeichnet, weit entfernt. Thomas Lenius, Computerexperte beim Bonner Umweltschutzverband BUND, erwartet von den Herstellern im IT-Bereich gar, "daß sie als Mindeststandard den Energy Star einhalten". Das sei mit der "Energieeffizienzklasse C" bei Waschmaschinen und Kühlgeräten vergleichbar.

Von einem Energiespar-Label, das jedoch im Vergleich besonders energiesparende Geräte auszeichnen und als Leitlinie für eine umweltfreundliche Beschaffung in Behörden und Unternehmen dienen solle, erwarte er deutlich mehr. Lenius: "Um im Bild zu bleiben: Ein solches Label sollte nur an Geräte der Klasse A vergeben werden."

Unerreichbares ist nicht gefordert

Damit trifft der BUND-Mann den wunden Punkt des Energy Star: Fast jedes Gerät hat den Aufkleber mit dem EPA-Stern. Naheliegender Schluß: Wenn es jeder kann, dann muß es noch besser gehen. EPA-Mitarbeiterin ten Cate kennt die Kritik, hat aber auch gar keine Probleme mit anspruchsvolleren Labels. Die Kriterien des Energy Star würden so gewählt, daß zum Zeitpunkt der Verabschiedung bereits ein Viertel der Produkte am Markt sie erfüllen könnten.

Gerade in der schnellebigen IT-Branche gehe es schließlich sehr rasch mit der Marktdurchdringung. "Zumindest in der Computerindustrie können die Label mit strengeren Anforderungen als höhere Ziele für jene Hersteller dienen, die eine Differenzierung im Markt suchen oder konkret den ,grünen 039; Verbraucher ansprechen wollen."

So ganz wohl fühlt sich aber auch die EPA mit der seit Jahren gültigen 30-Watt-Grenze für den Standby-Betrieb nicht mehr. Ein im Januar dieses Jahres veröffentlichter Planungsentwurf sieht vor, diesen Wert für übliche PCs bis zu einer Gesamtleistungsaufnahme von 200 Watt zu halbieren. Geht es nach der EPA, sollen die neuen Kriterien im Sommer in Kraft treten.

Starker Tobak für die Branche, urteilt IBM-Mann Höhn: "Diese Kriterien würden erhebliche Probleme in der Umsetzung für die Hersteller von Computern und Peripheriegeräten wie Drucker und Fax bedeuten."

Doch nicht die EPA, ganz andere amerikanische Pläne dürften der IT-Branche den Schweiß auf die Stirn treiben. Das amerikanische Lawrence Berkeley National Laboratory (LBNL) initiierte einen "1-Watt-Plan". Die Forscher stellten fest, daß bei den meisten untersuchten elektrischen Geräten - Computer wurden nicht untersucht - eine Leistungsaufnahme von 1 Watt zur Aufrechterhaltung der Funktionen (Bereitschaft, Standby etc.) ausreicht.

Bis zum Jahr 2010, so die US-Wissenschaftler, ließe sich die Technik für alle Geräte weltweit realisieren. Allein in den USA könne man damit jährlich über eine Milliarde Dollar sparen. Auch wenn die Berkeley-Forscher PCs aus ihren Untersuchungen ausgeblendet haben: Es stellt sich natürlich die Frage, ob die PC-Branche dem Sog eines solchen auf die gesamte Unterhaltungselektronik und Hausgerätetechnik ausgeweiteten Übereinkommens standhalten könnte.

BMWi-Experte Müller-Kulmann signalisierte im Januar auf einem Kongreß der internationalen Energieagentur, die Bundesregierung sei an diesem Plan interessiert. Unter anderem auch, weil das Berliner Umweltbundesamt in einer Studie nachgewiesen hat, welch großes Energiesparpotential in der Vermeidung und der Verringerung von Standby-Verlusten steckt. Ein, vielleicht sogar zwei Kraftwerke ließen sich in Deutschland einsparen.

Dennoch ist zu erwarten, daß die Bundesregierung die Kröte Energy Star schlucken wird. Denn sie kann im Rahmen ihrer EU-Präsidentschaft schnelle, imageträchtige Erfolge gut gebrauchen.

*Stephan Eder ist freier Journalist in Bonn.