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29.11.1991 - 

Big Blue streicht bis Ende 1992 zusätzlich 20 000 Jobs

Gerüchte: IBMs Business-Units sollen viel unabhängiger werden

ARMONK (IDG) - Unternehmensnahen Quellen zufolge wird die IBM Corp. in den nächsten Wochen verschiedene Strukturveränderungen anpacken und die Macht der einflußreichen hauseigenen Mainframe-Lobby beschneiden, die bisher die Strategie bestimmte. Die Kontrolle soll auf mehr Manager verteilt werden, die sowohl räumlich als auch von ihrer Einstellung her näher am jeweiligen Kunden sind. Außerdem soll Big Blue vorhaben, im kommenden Jahr 20 000 weitere Stellen abzubauen.

Obwohl Details des Vorhabens noch nicht bekannt sind, scheinen die Veränderungen auf locker verbündete Business-Units hinauszulaufen, die sowohl nach Produkten als auch nach geographischen Grenzen getrennt sind. Die führenden Manager dieser Geschäftsbereiche sollen künftig nicht nur Produkt- und Marketing-Entscheidungen treffen können, sondern sind auch ergebnisverantwortlich. Die neu strukturierten Units werden besagten Quellen zufolge verpflichtet, sich untereinander abzustimmen.

Ein Zeichen dafür, daß es die IBM dieses Mal nicht bei Worten beläßt, sind die Berichte über 20 000 zusätzliche Stellenstreichungen im nächsten Jahr. Damit würde die Zahl der Mitarbeiter Ende 1992 bei 330 000 liegen; zu Beginn dieses Jahres waren es noch 373 000, eine Zahl, die bereits bis Jahresende auf 353 000 geschrumpft sein soll. Big Blue, so die Insider, beschleunige die Strategie-Debatte, weil der traditionelle Großmaschinen-Ansatz das Unternehmen immer stärker außer Tritt bringe und ihm immer weniger Wahlmöglichkeiten lasse.

Ähnliches berichtet das "Wall Street Journal", das die auftauchenden Gerüchte mit der Vorverlegung des Top-Management-Treffens von Anfang Januar auf Anfang Dezember in Zusammenhang bringt. Bereits eine Woche später, so das amerikanische Wirtschaftsblatt weiter, plane Big Blue ein Treffen mit Analysten und Pressevertretern. Offenbar, so vermuten Analysten, habe Chairman John F. Akers Dringliches mitzuteilen - erst seinen Top-Leuten und dann dem Rest der Welt.

Die genannten Insider vertraten gegenüber dem "Wall Street Journal" die Ansicht, daß die IBM-Verantwortlichen die Corporation stärker in Richtung Holding trimmen wollen, die die verschiedenen Geschäftsbereiche kontrolliert. Die so umgemodelte Zentrale würde dann aber nicht mehr direkt über die Aktivitäten der 350 000 Beschäftigten bestimmen.

Man erwartet, daß sich die Veränderungen in erster Linie in den USA auswirken, weil dort - bis auf einen - alle Produktbereiche angesiedelt sind und sich die Umstrukturierungen schließlich auf die Zentralen dieser Units konzentrieren werden. IBM habe bereits verschiedene Schritte getan, um die unteren Management-Ebenen stärker in die Entscheidungsfindung einzubinden und außerdem Zehntausende von Headquarterjobs gestrichen.

Außerdem wurden Gerüchte laut, daß die Armonker die Preisverantwortung nicht mehr in erster Linie den Vertriebsorganisationen vor Ort überlassen, sondern sie an die Business-Units zurückgeben wollen. Hinter einem solchen Schritt stehe auf jeden Fall die Absicht, überhandnehmende Preisnachlässe zu reduzieren, die den verschiedenen IBM-Bereichen - besonders dem Mainframe-Geschäft - enorm geschadet hätten.

Sollen sie bei der Preisgestaltung stärker gegängelt werden, so bekommen die Vertriebsleute mehr Spielraum bei den Entscheidungen über ihr Angebot - die Organisationen entscheiden selbst und ordern die Produkte bei den Units.

Die Schrift an der Wand nicht länger übersehen

Verschiedene Linien seien bereits anderen Units zugeordnet worden, vermeldet Ellen Hancock, IBM-Vice-President und General Manager der Network-Systems-Division. So sei das Open Systems Interconnect Communication Subsystem beispielsweise erst kürzlich von der Systems-Division getrennt und ihrer Gruppe zugeschlagen worden.

"Der Markt erzwingt diese Veränderungen", sagte der langjährige IBM-Beobachter Robert Djurdjevic, Präsident von Annex Research in Phönix gegenüber der "Computerworld", einer amerikanischen CW-Schwesterzeitung. "Im ersten Halbjahr 1991 wurden mit keiner der Produktlinien wirklich gute Geschäfte gemacht", fügt er hinzu. Erfolge in den verkaufsträchtigen Bereichen wie der AS/400- oder der RS/6000-Familie, wurden durch das schlechte Abschneiden im PC- und Mainframe-Bereich zunichte gemacht.

Im letzten Jahr verzeichnete die IBM das erste negative Quartalsergebnis ihrer Geschichte und mußte im dritten Quartal dieses Jahres Gewinneinbußen von 85 Prozent hinnehmen. Seit 1986 hat Big Blue insgesamt rund neun Prozent Marktanteil verloren, meldet Montgomery Securities aus San Franzisko. Am verheerendsten ist Insidern zufolge aber, daß das Mainframe-Geschäft mit der ES/9000 nur kurzfristig wiederbelebt werden könne.

Die von Montgomery zusammengestellten Zahlen für das dritte Quartal zeigen, daß das Auftragspolster gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres um 141 Prozent zugenommen hat. Die in der bei 4500 Anwender-Unternehmen durchgeführten Untersuchung gestellte Frage nach der Kaufabsicht beantworteten allerdings nur drei Prozent mehr Anwender positiv als im Vorjahr. Darüber hinaus wurden die Gebraucht-Computer-Händler enttäuscht, die wegen der ES/9000 eigentlich eine reiche Ernte an Second-hand-Maschinen erwartet hatten: Ältere Modelle kommen nur zögerlich auf den Markt.

Die Armonker dürften "die Schrift an der Wand" nicht länger übersehen, erklärte John B. Jones, ebenfalls Analyst bei Montgomery, der "Computerworld". IBMs Marschrichtung sei lange von Leuten bestimmt worden "die Mainframes entwickeln können und nichts anderes lieber tun als das". Dies habe zur Folge gehabt, daß der Mainframe zu lange zu viele technologische Ressourcen verschlungen habe. Nun werde die Mainframe-Krone zusammengeschmolzen, neu gestaltet und herumgereicht.

Im Gegensatz zum "Wall Street Journal" berichtet die amerikanische IDG-Publikation "lnfoworld", daß es weder Pläne gebe, das IBM-Hauptquartier in eine Holding umzuwandeln noch die Personal Systems Division (PSD) auszulagern. Big Blue habe vielmehr vor, der PSD unter Leitung von Jim Cannavino größere Unabhängigkeit von der Zentrale zu geben, was Design, Marketing und Produktion von PC-Hard- und -Software betreffe. So könne die Cannavino-Truppe schneller auf Marktveränderungen reagieren und konkurrenzfähigere Produkte anbieten. Allerdings sei der Nachfolger von Don Estridge auch für das Ergebnis allein verantwortlich, berichtet die "Infoworld" weiter.

PC-Absatz wahrscheinlich geringer als letztes Jahr

Wie weit die neue Unabhängigkeit gehen soll, ist unschwer an folgendem Beispiel zu erkennen: Wenn Cannavino entscheidet, verschiedene Microcomputer-Technologien an andere Anbieter zu lizenzieren, kann er das ohne Rücksprache mit dem Hauptquartier tun, schreibt das Blatt weiter. Das gleiche gelte für das Beschreiten neuer Vertriebs- und Distributionswege. Dabei komme die Erschließung neuer Vertriebskanäle keineswegs zu früh, schließlich werde die IBM 1991 höchstwahrscheinlich weniger PCs absetzen als im vergangenen Jahr.