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04.10.1991 - 

Zeitstillstand im zehnten Stock, Modernität weiter unten

Geschichte der Bürotechnik im Rathaus von Mülheim/Ruhr

Im Rathausturm von Mülheim an der Ruhr sind die Urahnen des Computers versammelt. Verwaltungsbeamte der Ruhrgebietsstadt Mülheim haben in mühevoller Kleinarbeit ein Büromuseum eingerichtet. Was sich hier zeigt, sind die Wurzeln heutiger Bürokommunikation.

Niemand braucht hier oben Angst zu haben. Der Turm fällt nicht runter. Niemanden befällt ein Schwindelgefühl im zehnten Stockwerk des ehrwürdigen Rathausturms in Mülheim an der Ruhr. Allein die Atmosphäre in diesen Räumen hält alle und alles fest. Hier oben, über den Dächern des Ruhrgebiets, ist die Zeit stehengeblieben. Unten sitzt der Stadtverwaltungsdirektor Horst Borgsmüller. Oben hat er die alte, enge Welt des Büros neu konzipiert und neu organisiert: das Mülheimer Büromuseum.

Die Einzeller der Bürokommunikation

Hier ruhen die Einzeller der Bürokommunikations aus denen sich in einer zunächst langsamen, dann immer rasanteren Evolution das moderne, komplizierte Rechengehirn, der Computer, entwickelte. Hier ruhen die ersten Schreib- und Rechenmaschinen. Und man lernt, daß auch ihre Entwicklung angestoßen werden mußte, und zwar vom Fahrrad und von der Nähmaschine. Sie waren zwar - man staune - die Eltern der ersten Büromaschinen. In denselben Fabrikhallen wurden sie gebaut, denn nirgendwo anders arbeiteten so viele, so gute Feinmechaniker. "Die ersten Schreibmaschinen mußten in den Fahrradgeschäften gekauft werden", erzählt Kurt Gabriel, der durch das Museum führt.

Wer mit dem Aufzug ins zehnte Stockwerk fährt, sieht Gabriel, nachdem sich die Aufzugstür geöffnet hat, hinter einem ausladenden, dunklen hölzernen Schreibtisch. Darauf: Tintenfaß und Federhalter. An der Wand hängen eine Pendeluhr und das Wappen der Obrigkeit. Über allem schwebt ein Kronleuchter, schwer und ausladend zwar, aber ohne Schnörkel, also bürokratisch schlicht. Das ist ein Büro aus der Jahrhundertwende. Und auf Schemeln, kleinen Tischen und in Vitrinen erblickt der Besucher in drei Etagen und auf einer Fläche von 130 Quadratmetern 300 Kostbarkeiten der Bürogeschichte.

Gabriel demonstriert Schreibmaschinen. Die "Mignon" von 1903 wiegt zwölf Kilo und hat keinerlei Tasten. Ein Metallstift wird über ein Buchstabenfeld bewegt, und über den gewünschten Buchstaben zieht der Museumsführer dann einen Hebel. Die Typenwalze knallt aufs Papier, und nach drei, vier Stunden wäre ein Brief dann vollendet. "Silenta", bis 1938 gebaut, ist die sanfte, die leise Schreibmaschine, nicht lauter als ein PC-Tastatur. Wenn Verwaltungsdirektor Borgsmüller gerade dabeisteht, wird er den Besucher fragen, aus wie vielen Einzelteilen dieses Schreibgerät besteht. Einige Hundert, kommt vielleicht die Antwort, und die Antwort wird falsch sein. "Viertausend", sagt der Mülheimer Stadtverwaltungschef nicht ohne Triumph in den Augen. Und Gabriel fügt hinzu: "Alles Handarbeit."

Das graue Eisenknäuel, das er jetzt aus der Schublade zieht, ist auch Handarbeit: eine Handkurbelmaschine. "Angenommen, Sie arbeiten in einem Verkaufskontor, und Sie sind morgends noch müde", stimmt Gabriel den Betrachter ein, während er eine einfache Rechenoperation eingibt, und warnt: "wenn Sie diesen Hebel ziehen, dann sind Sie wach." Er zieht den Hebel, die Maschine macht einen Höllenlärm. Addition kann schmerzen.

Der Geigenkasten aus Holz und Eisen am Fenster ist in Wirklichkeit eine "Saxonia" von 1890, ein Gerät mit Schiebern, Knöpfen und Hebeln, das alle vier Grundrechenarten bis zur vierten Stelle hinter dem Komma beherrscht. Borgsmüller hat effektvoll einen Mikrochip danebengelegt. Dieses graue, schnöde Silizium-Plättchen ist schneller und genauer als der große, elegante silberglänzende Kasten und faßt auch mehr Informationen. Museumsführer Gabriel mag die grauen Plättchen nicht, und so holt er aus zum Schlag gegen die Computerwelt. Mit einer Rechenmaschine von 1922. Auf ihrem Rücken trägt sie einen Motor für den Strombetrieb. Fällt der Strom aus - das war Anfang der 20er Jahre häufiger so - läßt sich von Hand weiterrechnen. Heutzutage, sagt Gabriel, würden die Rechensysteme bei der kleinsten Stromschwankung schon zusammenbrechen. Bei den Preisen halten seine Maschinen jedoch nicht mit. Die "Germania Nr. 5", eine Schreibmaschine von 1892 mit einem Tastenfeld für kleine und einem für große Buchstaben, kostete 450 Reichsmark. Ein mittlerer Angestellter verdiente im Jahr nur 350 Reichsmark. Wieviel PCs kann ein mittlerer Angestellter heute von seinem Jahresgehalt kaufen? Der Elektronenrechner auf der neunten Etage, ein Gerät für die vier Grundrechenarten aus den 60er Jahren, kostete 2400 Mark, der große weiße Olympia-Rechner von 1968, der danebensteht, hatte einen Preis von 5000 Mark. Gegenüber haben Borgsmüller und Gabriel eine Kopiermaschine aus den 30er Jahren gestellt, eine Kammer aus Stahl, zwei Meter lang und zwei Meter hoch. Außerdem blickt man auf alte Telefone, Diktiergeräte aus den 50ern, Filmprojektoren aus den 40ern, Stechuhren und Buchungsmaschinen. In der Mitte des Raumes lehnt eine Puppe in schwarzer Bürovorsteherkluft an einem Stehpult.

10 000 Besucher seien in die zehnte Etage des Rathausturmes gekommen, seit 1977 das Museum eröffnet wurde, erzählt Borgsmüller. In den 60er Jahren war er Leiter der Organisationsabteilung, also zuständig für die Neubeschaffung von Büromöbeln für die Stadtverwaltung. Das alte Bürogerät warf er nicht auf den Müll, sondern verwahrte es in einem Rathauskeller. Als der Raum fast überquoll, gab der Oberstadtdirektor grünes Licht für Borgsmüllers Museumsidee. Die Mülheimer kamen in Scharen. Und viele brachten von zu Hause ein Kleinod aus der Bürogeschichte mit. Die Kellerräume füllten sich wieder, die kostbarsten Stücke stehen im Museum.

"Unser Museum ist nicht wissenschaftlich aufgebaut", sagt Borgsmüller. Er ist Verwaltungsmann und kein Museumspädagoge. Als sich erstmals Professoren mit ihren Design-Studenten anmeldeten, habe er befürchtet, ihre Forschungsbedürfnisse nicht befriedigen zu können. Aber die Besucher von der Universität waren sehr zufrieden.

Der Sprung ins moderne Zeitalter

Wer auf den dunklen, nach Bohnerwachs riechenden Fluren des Mülheimer Rathauses zufällig dem Leiter der städtischen EDV-Abteilung, Albert Goralsky, begegnet, wird von ihm hören, daß die Urenkel von Fahrrad und Nähmaschine seit Beginn der 70er Jahre den Siegeszug durch die Amtsstuben angetreten haben. Die heutige EDV-Anlage sei mit 14 Jahren schon uralt. Aber er und seine Leute haben den politischen Gremien der Stadt ein Strategiepapier geschrieben. Darin steht, wie die Stadt ihre Dienste mit neuem Hard- und Software-Einsatz besser und schneller leisten kann.

Und wenn er Zeit hat, kommt er mit ins Einwohnermeldeamt. Jeder Bürger kann dort zu jedem Sachbearbeiter gehen, weil jeder Sachbearbeiter per Rechner Zugang zu jedem Buchstaben hat. Die Atmosphäre ist locker, freundlich, einladend. Keine graue, bedrückende Amtsstube, keine autoritären Bürokraten. Hier hat die Mülheimer Stadtverwaltung den Sprung in moderne Zeiten getan, dank Goralskys Software-Einsatz und des Computers, den es ohne diese schwarz lackierten, schweren Monstren im Museumsturm nicht geben könnte.

*Bernd Hendricks ist freier Journalist in Oberhausen.