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14.11.1986

Gesellschaft der Zukunft

Die im Arbeitsmarkt aufgetretene Veränderung ist in meinen Augen eine der weitreichendsten: Sie ist deshalb die nachhaltigste, weil wir in diesem Bereich - abgesehen vom Sozialsystem - auf die stärksten gesellschaftlichen Besitzstände stoßen, nämlich auf die großen gesellschaftlichen Organisationen, Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände und das Sozialsystem. Diese Massenorganisationen leisten mehr Widerstand, oder um es in der Metapher auszudrücken, können sich weniger leicht entschließen, durch das Fernrohr zu blicken als andere gesellschaftliche Gruppen. Sie versuchen deshalb auch im größeren Umfang als alle anderen gesellschaftlichen Gruppen, durch Auseinandersetzungen, durch rhetorischen Aufwand, durch Argumente, durch Mobilisierung sich den immer drängender werdenden Zwangsläufigkeiten der tatsächlichen Veränderung zu entziehen.

Worin liegt die tatsächliche Veränderung? Sie liegt in der Entwicklung der Mikroelektronik. Neben allen anderen Wirkungen setzt uns die Mikroelektronik in die Lage, mit Ressourcen, das heißt, mit Rohstoffen, Kapital, Arbeit, Umwelt, Halbfertigfabrikaten etc. viel sorgsamer umzugehen als bisher. Die Mikroelektronik, die moderne Computertechnologie, ermöglicht es mir zum Beispiel, eine Brücke mit weniger als der Hälfte des noch vor 15 oder 10 Jahren für notwendig gehaltenen Materialaufwandes zu bauen; einfach deshalb, weil ich mit der modernen Mikroelektronik Rechenoperationen durchführen kann, die mir vor 15 Jahren nicht möglich waren. So kann ich heute Belastungen, Statiken, Materialverbrauch, optimale Materialverwendung berechnen und damit Ressourcen schonen in einer bisher nicht erschließbaren Weise.

Was für das Material gilt, gilt natürlich auch für die menschliche Arbeit, gilt für die Energie, gilt für den Kapitaleinsatz gilt für die Umweltinanspruchnahme. Ich spreche hier vom Arbeitseinsatz. Es ist nicht nur der Einsatz des Menschen durch die Maschine, der zu einer Verringerung der Arbeit führt. Das ist keineswegs zwingend.

Was zu einer Verringerung an notwendigem Arbeitsaufwand zur Erzeugung des gleichen oder eines höheren Bruttosozialprodukts vor allem beiträgt, ist die mit den modernen elektronischen, wissenschaftlichen, technischen Möglichkeiten gewonnene Fähigkeit, den Einsatz dieser Ressource zu optimieren: die Dinge so zu berechnen, so zu gestalten, so zu organisieren, daß sich mit einem immer geringeren Aufwand das gleiche oder mit dem gleichen Aufwand ein immer größeres Ergebnis erzielen läßt. Wenn nun das immer größere Ergebnis keinen Markt mehr findet, weil das Wirtschaftswachstum sich nur noch relativ bescheiden gestaltet, wird, was im übrigen in den letzten 35 Jahren immer schon so war, die Steigerung der Leistungsfähigkeit der Arbeitsstunde höher sein, als der Zuwachs der Menge sich absetzen läßt. Das heißt: Wir haben eine positive Differenz zwischen Wirtschaftswachstum und Wachstum der Produktivität.

Dies ist schon ein Datum geworden, und alle Diskussionen über Wirtschaftswachstum, über Beschäftigungsförderung, über Maßnahmen der Beschäftigungsförderung, die dieses Datum unberücksichtigt lassen, werden ins Leere laufen. Denn wenn die Wirtschaft angekurbelt wird und die Folge ist, daß die Produktivität immer noch schneller steigt, dann werde ich auch das durch Ankurbeln vergößerte Volumen mit der gleichen oder geringeren Arbeitsmenge bewältigen können. Und wenn das so ist, hat die Beschäftigungsförderung zwar die wohltuende Folge, daß diejenigen, die Arbeit haben, mehr verdienen, aber nicht, daß diejenigen, die "draußen" sind, arbeiten können.

Hier ist ein ganz entscheidendes neues Problem, für das alte Erfahrungen nur noch in begrenztem Umfang gelten. Zugespitzt kann ich unsere heutige Situation, die für die nächsten fünf bis sieben Jahre gültig ist, auf den Nenner bringen: abnehmende Arbeitsmenge und zunehmende Zahl derer, die arbeiten wollen.

Das Problem ist lösbar. Das Volkseinkommen insgesamt steigt. Der Zweck der Arbeit besteht darin, Einkommen zu erzielen und nicht l'art pour l'art nur in irgendeiner Fabrik oder irgendeinem Büro zu arbeiten. Denn Arbeit außerhalb von Fabrik und Büro haben die Menschen genug. Sie beschäftigen sich in großem Umfang außerhalb der organisierten Arbeit, wie wir wissen, teilweise auch in der Schattenwirtschaft gegen Entgelt, aber in ganz großem und wachsendem Umfang unentgeltlich selbst mit anderen in der Familie, in

Vereinen, in Organisationen, in einer Fülle von Aktivitäten. Wenn also die Arbeit, von der hier die Rede ist, nämlich die auf Einkommenserzielung gerichtete Arbeit, abnimmt, aber das insgesamt für die Arbeitnehmerbevölkerung zur Verfügung stehende Volkseinkommen zunimmt - und es nimmt nach wie vor zu, nicht nur wegen der abnehmenden Bevölkerung, sondern auch wegen des, wenn auch geringeren realen Wirtschaftswachstums-, dann ist das Problem nicht die abnehmende Arbeitsmenge, sondern die Art und Weise, wie wir die mit Einkommen verbundene Arbeit verteilen.

Ob der Arbeitsmarkt, wohlgemerkt der Markt, noch so funktioniert, daß jeder, der in den Markt eintreten will, am Markt auch eine Chance hat, oder ob sich in diesem Markt nicht möglicherweise Kartelle gebildet haben, die wir noch gar nicht als solche identifizieren, die denen, die im Markt sind, die Einkommenszuwächse zuweisen, und jene, die herein wollen - die Arbeitslosen -, draußen halten, ist das Problem. Und damit sehen Sie, welche friedlichen, aber durchaus revolutionären Folgen diese Veränderung hat. Unversehens werden die großen gesellschaftlichen Organisationen, die dem Schutz der Arbeitnehmer dienen, zu Organisationen, die dem Schutz nur der beschäftigten Arbeitnehmer dienen. Wenn diese Veränderung eintritt, tritt eine tiefgreifende Wesensveränderung dieser Organisationen ein.

Die ersten Anzeichen für diese Wesensveränderungen können wir in den Einlassungen der Experten dieser Organisationen zum Beschäftigungsförderungsgesetz nachlesen. Ihr wichtigstes Argument war, daß das Beschäftigungsförderungsgesetz Dauerarbeitsplätze und die Schutzgesetze gefährde. Niemand beschäftigte sich mit der Frage, ob der Schutz noch das richtige Schutzobjekt hat, nämlich den funktionsfähigen Arbeitsmarkt. Niemand fragte, ob nicht heute etwas anderes geschützt wird, nicht mehr der Arbeitnehmer vor der Willkür des Arbeitgebers, sondern der Arbeitsbesitzende vor der Konkurrenz des Arbeitslosen.

Bei solchen tiefgreifenden Entwicklungen müssen wir in allen Bereichen, die davon berührt sind, mit grundlegenden Veränderungen in den nächsten Jahren rechnen.

Die Mikroelektronik wird den Besitz an Informationen über den bislang wenig Große und Mächtige verfügen - man denke an den Satz "Wissen, das heißt Besitz von Informationen, ist Macht" - vielen zur Verfügung stellen. Entscheidend wird dann der kreative Umgang mit dem Wissen sein.