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05.11.1993

Gespraech mit Alex Bojanowsky, Geschaeftsfuehrer des BVIT "Mittleren Softwarehaeusern wird einfach zuwenig zugetraut"

Bislang waren deutsche Softwarehaeuser, die etwas auf sich hielten, Mitglieder im Bundesverband Deutscher Unternehmensberater e.V. (BDU). Inzwischen fuehlen sich die Softwerker dort nicht mehr gut vertreten. Sie haben einen Schwesterverband gegruendet, den Bundesverband Informationstechnologien (BVIT) in Bonn. Mit dessen Geschaeftsfuehrer Alex Bojanowsky sprach CW-Redakteur Heinrich Vaske.

CW: Die Softwarehaeuser im BDU haben sich selbstaendig gemacht - warum?

Bojanowsky: Die beiden grossen Bereiche Unternehmensberatung und Informationstechnologie konzentrieren sich auf unterschiedliche Themen. Die Unternehmensberatung will unabhaengig und produktneutral beraten, waehrend die IT mehr den Industrie- und Wirtschaftsgedanken beziehungsweise die Produkte und Dienstleistungen in den Vordergrund stellt.

Dem BDU geht es um den Schutz der Berufsbezeichnung "Unternehmensberater". Das war mit der bisherigen Struktur nicht moeglich, der Gesetzgeber hat dem BDU mehr oder weniger gesagt: "Ihr koennt nicht alle Mitarbeiter, die in den Softwarehaeusern arbeiten, gleich mit dem Qualitaetssignet Unternehmensberater belegen, wenn Ihr eine produktneutrale Beratung gar nicht oder nur teilweise gewaehrleisten koennt."

CW: Warum nennen Sie sich Bundesverband Informationstechnologien? Vertreten Sie nur die Softwarehaeuser oder die gesamte Industrie?

Bojanowsky: Wir vertreten die gesamte Industrie, einschliesslich IT-Beratung, Software-Entwicklung und -Vertrieb. Ausserdem vertreten wir IT-Dienstleister und den Schulungsbereich. Wir grenzen uns klar von den Hardwareherstellern ab, sind aber offen fuer alle Formen der Kooperation.

CW: Laesst sich der BDU ohne weiteres in Beratungs- und Softwarehaeuser aufteilen?

Bojanowsky: Die Trennung beider Welten ist nicht ganz einfach. Die meisten Softwarehaeuser kommen aus der Unternehmensberatungsecke. Die Gruender waren in der Regel vor 20 oder 25 Jahren bei der IBM oder anderen Grossunternehmen und wollten dann ihre Erfahrungen nutzen, um Firmen darin zu beraten, wie sie ihre IT besser und effizienter einsetzen koennen.

CW: Wie viele BDU-Mitglieder gehoeren beiden Verbaenden gleichzeitig an?

Bojanowsky: Ungefaehr ein Drittel des alten Fachverbands Informationstechnik, also rund 40 Mitglieder, werden wohl eine Doppelmitgliedschaft anstreben.

CW: Die zahlen auch den doppelten Beitrag?

Bojanowsky: In der Uebergangszeit nicht, spaeter schon, obwohl es da auch Sonderregelungen geben wird. Das ist dann auch legitim, denn manche Firmen sind in beiden Bereichen aktiv und haben sie sogar schon firmenrechtlich getrennt. Die Situation ist kurios: In Deutschland trennen sich Softwarehaeuser von Beratungsunternehmen, in anderen Laendern, etwa Spanien, wachsen sie zusammen.

CW: Wie viele Softwarehaeuser wollen Sie mit Ihrer Organisation ansprechen?

Bojanowsky: Wir gehen davon aus, dass es in Deutschland rund 4500 Softwarehaeuser gibt. Fuer etwa 3000 Firmen koennte der BVIT interessant sein. Wir sind aber auch fuer Freiberufler offen. Firmen mit weniger als fuenf Mitarbeitern haben jedoch fuer gewoehnlich andere Probleme, die anders angesprochen werden muessten.

Wir hatten vor zwei Monaten ein Treffen mit den 25 groessten Softwarehaeusern. Unsere Idee, die deutsche Softwarebranche neu zu formieren, ist dort positiv aufgenommen worden. Auch Unternehmen wie Microsoft und Novell haben uns signalisiert, sie seien an einer Modellierung der Software- und Serviceindustrie in Deutschland interessiert. Wir sind davon ueberzeugt, dass es uns gelingen wird, die Top 50 der Branche als Mitglieder in unserem Verband gewinnen zu koennen.

CW: Welche Ziele verfolgt der BVIT?

Bojanowsky: Wir sehen unsere Aufgabe darin, ein einheitliches Bild der Software- und Serviceindustrie zu zeichnen und unsere Mitglieder bei der Vermarktung ihrer Produkte und Dienstleistungen zu unterstuetzen. In unserer Organisation sollen alle Facetten des Softwaremarktes, von Systemhaeusern ueber Branchenspezialisten bis hin zu Systemintegration und Facilities-Management gleichberechtigt vertreten sein. Das gibt es bis heute nicht.

CW: Welchen Vorteil hat ein Softwarehaus konkret von einer Mitgliedschaft in Ihrem Verband?

Bojanowsky: Potentielle Kunden aus der Wirtschaft sind sich oft gar nicht der Leistungsfaehigkeit der mittelstaendischen Software- Industrie bewusst. Die Haeuser werden mit Anbietern wie Siemens- Nixdorf oder Hewlett-Packard verglichen. Gerade mittleren Softwarehaeusern wird nicht so richtig zugetraut, Systeme und Loesungen aus einer Hand anzubieten.

In vielen Koepfen steckt immer noch das Ideal vom Universalanbieter Nixdorf, der im Mittelstandsmarkt bekanntlich stark praesent war. Man kann sich kaum vorstellen, dass kleinere Softwarehaeuser etwas Aehnliches leisten koennen. Hier ist - zum Vorteil unserer Mitglieder - Aufklaerungsarbeit notwendig. Der Verband verfuegt ausserdem ueber ein breites Dienstleistungsspektrum fuer seine Mitglieder.

CW: Das Problem besteht doch wohl eher darin, dass Anwender fuerchten, von mittelstaendischen Softwarehaeusern langfristig nicht ausreichend unterstuetzt zu werden. Unstrittig ist die Gefahr vorhanden, dass viele Haeuser vielleicht schon morgen nicht mehr existieren.

Bojanowsky: Es gibt ja Kriterien, nach denen man sich den Softwarepartner aussuchen kann. Die Mitgliedschaft in unserem Verband ist mit bestimmten Auflagen verbunden. Bei uns sind nur gesunde Unternehmen dabei. Im BVIT gibt es derzeit kein Unternehmen, das nicht mindestens drei Jahre oder laenger im Markt agiert.

CW: Eine Mitgliedschaft im BVIT soll demnach zur Imageverbesserung der Software-Anbieter beitragen?

Bojanowsky: Erst einmal wollen wir diese Industrie definieren. Zur Zeit hat die Branche Schwierigkeiten, Risikokapital aus den verschiedenen Geldquellen, seien es Banken oder Versicherungen, zu bekommen. Potentielle Investoren trauen der Branche wenig zu. Das sieht im europaeischen Ausland teilweise anders aus. Die Franzosen verfuegen ueber Konzepte, die es der Software- und Serviceindustrie erlauben, innovativer zu sein und groessere Risiken einzugehen. Auch die Englaender haben massive Unterstuetzungsprogramme, ob von der Industrie oder von halbstaatlichen Institutionen.

Deutsche Softwarehaeuser stellen im Vergleich zum Ausland einen hohen qualitativen Anspruch an ihre Produkte. Diese Botschaft wird leider zuwenig kommuniziert. Andererseits muessen wir hierzulande weg kommen von diesem High-Engineering-Denken, hin zu betriebswirtschaftlich rechenbaren Loesungen. Das kann man nur erreichen, wenn man sich mit anderen Branchen auseinandersetzt und herausfindet: Was wuenscht etwa eine Nahrungs- und Genussmittelbranche von einer Software- und Serviceindustrie in Deutschland.

CW: Angenommen, Sie wollen bei einem potentiellen Investor Geld fuer ein Softwarehaus lockermachen - wie gehen Sie da vor?

Bojanowsky: Wir versuchen, die Qualitaet der Leistungen unserer Mitglieder deutlich zu machen. Das ist unsere Hauptaufgabe.

CW: Haben Sie denn Qualitaetskriterien definiert, denen Ihre Mitglieder genuegen muessen?

Bojanowsky: Wir versuchen derzeit, einen Verhaltenskodex fuer die Branche zu entwickeln. Wir erwarten von unseren Mitgliedern, dass sie sich diesem Kodex unterwerfen.

CW: Geht es dabei um die Produktqualitaet?

Bojanowsky: Um die Qualitaet von Produkten und Dienstleistungen. Wir denken beispielsweise langfristig daran, qualitativ gute Software besonders in den Vordergrund zu ruecken, indem wir als Verband eine Plattform bieten. Vorbild waere hier etwa die Initiative "Software for Europe" von 1 & 1 Marketing, wo qualitativ gute Software ausgezeichnet wird. Eines unserer Mitglieder, die Firma Uti-Maco aus Oberursel, hat dort bereits den ersten Preis gewonnen. Warum machen wir so etwas nicht als Verband auf einer wesentlich breiteren Basis? Wir muessen dem Markt mitteilen: Wir sind in der Lage, gute kostenguenstige Loesungen anzubieten.

CW: Die Situation der deutschen Softwarebranche ist dadurch gekennzeichnet, dass eine Reihe von Anbietern bis zum Hals in Schwierigkeiten steckt. Marktforscher reden von einem Shake-out. Wie koennen Sie da so sicher sein, dass Ihre Mitglieder alle wirtschaftlich gesund sind?

Bojanowsky: Sie sind es. Die Branche ist im vergangenen Jahr durchschnittlich um 4,2 Prozent gewachsen - unsere Mitglieder dagegen um 5,8 Prozent. Ein Verband wie unserer ist im Prinzip nur fuer gesunde Firmen attraktiv, denn die Mitgliedschaft ist mit Kosten verbunden. Haeuser, die - salopp ausgedrueckt - herumkrebsen, werden sich nicht einem Verband anschliessen.

Der Mitgliedsbeitrag ist jedoch im Grunde unerheblich. Was Geld kostet, ist das Engagement, das wir von unseren Mitgliedern erwarten. Wir verlangen eine tatkraeftige Unterstuetzung durch Mitarbeit in den Arbeitsgremien. Wir versuchen, die qualitative Aussage des Verbandes ueber die Mitarbeit der Unternehmen zu erzeugen und nach aussen zu tragen. Wir wollen damit auch eine Plattform fuer die Selbstdarstellung unserer Mitglieder schaffen.

CW: Was wird in Ihren Arbeitsgremien gemacht?

Bojanowsky: Auf der Ebene der Geschaeftsfuehrungen wird im strategischen Bereich kooperiert, auf Arbeitskreisebene wird sachbezogen zusammengearbeitet - beispielsweise im Marketing, bei Rechts- und Personalfragen.

CW: Es ist schwer vorstellbar, dass sich Wettbewerber gegenseitig beim Marketing unterstuetzen.

Bojanowsky: Sie wuerden sich wundern: Trotz der Wettbewerbssituation helfen sich die Unternehmen. Natuerlich geht die Kooperation nur bis zu einem bestimmten Punkt - die Beteiligten werden sich nicht gegenseitig die Tuer beim Kunden oeffnen. Durch einen Schulterschluss bis zu einem bestimmten Stadium lassen sich jedoch Kosten sparen - das wissen unsere Mitglieder.

CW: Wie kann die Krise der mittelstaendisch gepraegten deutschen Software-Industrie ueberwunden werden?

Bojanowsky: Wenn ich eine konkrete Vorstellung haette, wuerde ich wahrscheinlich nicht hier sitzen, sondern im Aufsichtsrat einer solchen Firma. Es gibt kein Allheilmittel. Die Branche muss kostenguenstiger produzieren, flexibler auf gewisse Trends reagieren und versuchen, ihr Angebots-

spektrum sinnvoll zu erweitern.

Was dieser Markt in zunehmendem Masse verlangen wird, ist mehr Standardisierung. Firmen, die Standardprodukte verkaufen, haben einen wesentlich hoeheren Umsatz als diejenigen, die reine Applikationsprodukte vermarkten.

CW: Wie definieren Sie den Begriff "Standardprodukt"?

Bojanowsky: Pakete, die sich in grossen Stueckzahlen und moeglichst branchenuebergreifend verkaufen lassen. Als Standardprodukt wuerde ich etwa eine Finanzbuchhaltung auf der AS/400 definieren, die diesen Kriterien genuegt. Ausserdem ist Plattformunabhaengigkeit von Vorteil. Das ist allerdings gerade bei mittelstaendischen Anbietern Wunschdenken - wer kann schon Versionen vom PC bis zum Mainframe fuer alle Plattformen anbieten und handhaben?

Die Systemhersteller schaffen es nicht, sich auf Standards zu einigen, etwa im Systemsoftware- und Telekommunikationsbereich, weil sie immer noch meinen, mit der Unterschiedlichkeit Geld verdienen zu koennen. Das ist nach meiner Meinung ein Fehler. Die Autoindustrie hat uns vorgemacht, wie man sich auf Minimalstandards einigen kann, ohne seine Individualitaet aufzugeben. Heute ist jeder in der Lage, fast jedes x-beliebige Auto zu fahren, auch wenn er es vorher nie gesehen hat.

CW: Es kann doch nicht Ihre Heilsbotschaft sein, eine weitere Finanzbuchhaltung anzubieten?

Bojanowsky: Nein, das war nur ein Beispiel. Wir muessen zu einer Situation kommen, wo wir die Entwicklungskosten nur einmal aufwenden - naemlich, um ein Grobkonstrukt zu entwickeln. Die Wertschoepfung ist aus branchenspezifischer Beratung und Integration zu ziehen. Wichtig ist, dass nicht alles mehrfach entwickelt werden muss. Redundanz sollte vermieden werden.

CW: Sollten sich mittlere Softwarehaeuser an grosse Standardproduktlinien anhaengen und branchenspezifische Anpassungen vornehmen?

Bojanowsky: Das waere ein gangbarer Weg, insbesondere fuer kleinere Softwarehaeuser. Wir haben einige Standardloesungen, wo aber potentielle Kunden sagen: "40 Prozent der Leistungsmerkmale dieser Software sagen uns eigentlich nicht zu, macht mal eine Modifikation fuer uns und bringt das in unserer Umgebung zum Laufen." Ideal waere es, wenn unser Verband als Trendsetter bestimmte Schnittstellen normieren koennte, um es der Industrie mit ihrer Produktvielfalt zu ermoeglichen, besser zu kommunizieren.

CW: Ihr Szenario lautet also: Der BVIT zertifiziert bestimmte Standardsoftwareprodukte und Mitglieder des Verbandes verdienen an branchenspezifischen Erweiterungen. Wuerde das in der gegenwaertigen Krisensituation nicht bedeuten, dass sich mittelstaendische Softwarehaeuser als Satelliten an Grossunternehmen anhaengen?

Bojanowsky: Nochmals, das waere fuer viele ein gangbarer Weg. Daran ist nichts Schlechtes. Peter Page hat neulich ganz richtig gesagt: "Der Branche fehlt es an Leitbildern." Jahrelang hiess der Trendsetter Big Blue, ob das gut war oder nicht, ist eine andere Frage. Jetzt heisst er Microsoft oder SAP. Kritiker fragen allerdings inzwischen, wer eigentlich noch die Betriebswirtschaft in den Unternehmen bestimmt: Das Management oder die Software?

CW: Wo liegen die Fehler der deutschen Software-Industrie?

Bojanowsky: Nach meinem Dafuerhalten im falschen Selbst- verstaendnis. Ein Beispiel: Auf der Systems stellte auch eine russische Delegation aus. Anwesend war unter anderem der Entwickler des dreidimensionalen Tetris, des Spiels Block-out. Der zeigte dort rund 100 MB an neuen Spielen.

Ich frage mich: Warum kommen wir nicht auf solche Ideen? Warum gibt es keine deutsche Sega oder keine deutsche Nintendo? Warum geht nicht jemand hin mit der entsprechenden unternehmerischen Courage, kauft ihm die Spiele ab und vermarktet sie?

CW: Fehlt es der Software-Industrie an Fantasie?

Bojanowsky: Man trifft immer auf die typische Ingenieurdenke. Auf bestimmte Themen laesst sich ein deutscher Ingenieur nicht ein.

CW: Warum ist die Software-Industrie - mal abgesehen von der Software AG - im Bereich Systemsoftware und Datenbanken so wenig aktiv?

Bojanowsky: Der Zug ist abgefahren. Solange es in diesem Bereich keine wirklich neuen Entwicklungen gibt, werden wir immer dem Zug hinterherrennen. Es gibt aber auch positive Beispiele, etwa die Objektorientierung. Da gibt es ein paar findige deutsche Softwarehaeuser, die sich des Themas annehmen. Objektorientierung ist schon seit zwoelf bis 15 Jahren ein Thema, ueber das in Forscherkreisen geredet wird.

Erst jetzt sind Firmen dabei, entsprechende Produkte zu vermarkten. Auch hier muss man fragen: Warum nicht frueher? Warum mussten uns die Amerikaner und Franzosen das vormachen?u