Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

03.03.2000 - 

Viele Ideen, aber Probleme mit der Umsetzung

Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz: Der ergonomische Bürostuhl reicht nicht

Stress kann krank machen. Das sagen nicht nur Wissenschaftler, sondern erkennen mittlerweile auch viele Personalverantwortliche. Dennoch tun sich Firmen schwer, Gesundheitsförderungsprogramme am Arbeitsplatz umzusetzen, wie das Beispiel von SAP zeigt.Von Angelika Fritsche*

Die Wissenschaft kann es schwarz auf weiß belegen: Negatives Feedback, schlechtes Arbeitsklima, eine miserable Führungs- und Unternehmenskultur machen krank, verursachen volks- und betriebswirtschaftliche Schäden in Milliardenhöhe. "Es reicht nicht aus, wenn die Ergonomie stimmt oder die Luft- und Schadstoffwerte den gesetzlich vorgeschriebenen Normen entsprechen. Die Unternehmen müssen stärker Präventivmaßnahmen gegen psychosomatisch bedingte Krankheiten ergreifen, müssen gegen Mobbing, Stress und mangelhafte Organisations- und Kommunikationsstrukturen zu Felde ziehen", sagt Bernhard Badura, Professor an der Bielefelder Fakultät für Gesundheitswissenschaften.

Während zahlreiche Firmen inzwischen sehr viel Geld für ergonomisch optimale Büromöbel ausgeben, fehle ihnen die Sensibilität für gesundheitsfördernde Strukturen am Arbeitsplatz. Auch Gregor Mertens vom Kölner Institut für betriebliche Gesundheitsförderung, einer Tochter der AOK-Rheinland, führt hohe Krankenstände darauf zurück, dass sich Mitarbeiter am Arbeitsplatz unwohl fühlen. Befragungen in den Betrieben haben gezeigt, dass negativer Stress im Büro etwa der Auslöser für viele Rückenerkrankungen ist und nicht die von Natur aus verkrümmte Wirbelsäule.

Für die Gesundheitsexperten Badura und Mertens hilft da nur eines: Unternehmen müssen ein ganzheitliches Gesundheits-Management installieren, in das alle Mitarbeiter inklusive Führungskräften einbezogen werden. "Viele Manager halten sich für unverwundbar, Kranksein und Gesundheitsvorsorge passen nicht in ihr Selbstbild. Sie sind häufig ein denkbar schlechtes Vorbild", nennt Professor Badura eines der Kernprobleme.

Vor allem in der erfolgsverwöhnten IT-Branche wird die Gesundheit oft vernachlässigt, da die Mitarbeiter permanentem Stress ausgesetzt sind. "Die Unternehmen wachsen zum Teil so schnell, dass sie sich über Gesundheitsfragen keine Gedanken machen konnten", so Christoph Breuer, Spezialist für innovative Konzepte der Gesundheitsförderung am Institut für Sportsoziologie der Deutschen Sporthochschule Köln. Die Folgen: Die nicht leitenden Mitarbeiter aus den Bereichen Entwicklung oder Vertrieb leiden unter den gleichen Krankheitssymptomen wie hochrangige Manager. Im ersten Stadium sind das typische StressSymptome wie Hörstürze, später folgen Rückenbeschwerden und Herzkreislaufprobleme.

Die weitaus größere Gefahr besteht jedoch laut Breuer auf der psychosozialen Ebene: "Wer hauptsächlich am PC arbeitet und dann auch noch jede Menge Überstunden macht, der steht plötzlich sehr isoliert da. Die Analysen zeigen aber, dass Softwareentwickler nur dann optimale Leistungen erbringen, wenn sie ihren Kreativitätsakku regelmäßig aufladen."

Deshalb fordert der Gesundheitsexperte: Die IT-Firmen müssen spezielle Gesundheitskonzepte entwickeln, damit ihre Mitarbeiter abschalten und entspannen können. Das ist leichter gesagt als getan, wie das Beispiel des Softwarekonzerns SAP zeigt. Unter dem Motto "Break-out - Ausbrechen aus dem normalen Berufsalltag" wollte das Management der Abteilung R/3 Services, Management-Support, vor zwei Jahren ein innovatives Gesundheitskonzept auf die Beine stellen, das auf den Lebensstil der Softwareentwickler zugeschnitten sein sollte. Als Partner hatten sich die Walldorfer die Deutsche Sporthochschule in Köln ausgesucht. Wissenschaftler und Diplomanden des Kölner Institutes arbeiteten ein eigenes Gesundheitsprogramm aus. Dazu Breuer: "Wir haben das Freizeitverhalten analysiert und festgestellt: Softwareleute sind erlebnis- und spassorientiert." Nicht für alle Mitarbeiter sei das gleiche Gesundheitsangebot richtig: "Nur wenn die individuellen Ansprüche ernst genommen werden und der Spass nicht zu kurz kommt, nehmen die Mitarbeiter das Angebot an."

Im Mittelpunkt des Projektes standen fünf sogenannte Erlebnis- und Rekreationszonen. Dorthin sollten sich Mitarbeiter aus der Supportabteilung während der Arbeitszeit zurückziehen können, fernab von Handy oder E-Mail. Entspannung und Ruhe sollten die SAP-Mitarbeiter künftig in einer "Japanzone" finden, die mit japanischem Mobilar und Elementen ostasiatischer Gartenkunst ausgestattet sein würde. Technikfrei sollte auch eine lichtdurchflutete "Wellnesszone" sein, in der Pflanzen und Segeltücher dominieren. Im Kontrast dazu steht die "Aktivityzone", mit vielfältigen Sportmöglichkeiten.

Die Initiatoren wollten mit ihrem Rekreationsprogramm bewährte Käfte bei der Stange halten und auch neue Spitzenleute locken. Angesichts der anhaltenden Nachwuchskrise ein kluger Schachzug, meint Gesundheitsexperte Breuer. "Beispiele aus den USA zeigen: Attraktive Gesundheitskonzepte können die Rekrutierung neuer Mitarbeiter erleichtern."

Soweit die Theorie. In der Praxis sorgte das Entspannungsprojekt für Aufregung und wurde schließlich gar nicht umgesetzt. SAP-Sprecher Markus Berner hat dafür eine einfache Erklärung: "Das Projekt war völlig falsch angepackt worden. Es war eine Gemengelage aus guter Idee und schlechter praktischer Ausführung." Glaubt man den Aussagen von Berner, basierte das Projekt lediglich auf den Ideen eines Diplomanden, der es versäumte, "die richtigen Leute bei der SAP zu sich ins Boot zu holen". Die hohen Kosten seien "kein Entscheidungskriterium" gewesen, beteuert Berner, zumal man ja auch bei den "hochwertig ausgestatteten Kaffee-Ecken" keine Ausgaben gescheut habe.

Firmenverträge mit Fitness-StudiosDie Umsetzung ist auch in anderen IT-Firmen das Problem, wenn es um Gesundheitsförderung geht. "Wir denken darüber nach", lautet die am häufigsten geäußerte Antwort, die die Branchenvertreter bei einer stichprobenartigen CW-Umfrage von sich gaben. Das Thema liegt auf der "Wiedervorlage".

Thorsten Langenberger, Personalreferent beim Bürokommunikationshersteller Nashuatec in Hannover, nennt einen der wichtigsten Gründe, warum die Gesundheitsförderung auf die lange Bank geschoben wird: "Für die Unternehmen stehen derzeit andere Probleme an. Sie haben weder Zeit noch Ressourcen, sich damit auseinanderzusetzen." "Wenn wir bald in ein neues Gebäude umziehen, wird die Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz ein wichtiges Thema werden", verspricht Claudia Schulz von Condat. Ansonsten bemüht sich die Berliner IT-Beratung, zumindest auf Abruf Hilfe anzubieten: Wenn ein Mitarbeiter Rückenprobleme hat, dann wird ein Stehpult oder ein spezieller Bürostuhl angeschafft.

Der große Wurf fehlt. Doch immerhin versuchen die Personalabteilungen punktuell, Akzente in Sachen Gesundheitsbewusstsein zu setzen. So werden Betriebssportgruppen gegründet oder Grippeimpfungen angeboten. Eine besonders beliebte Variante sind Firmenverträge mit FitnessStudios, die Mitarbeitern eine kostenlose oder zumindest verbilligte Mitgliedschaft bieten. Ein weiterer Vorteil: Meist werden solche Studios ausgewählt, die in unmittelbarer Nähe des Unternehmens angesiedelt sind, wie etwa beim Bonner Systemhaus Commasoft, wo sich die Mitarbeiter im gleichen Gebäude vom Arbeitsstress erholen können.

* Angelika Fritsche ist freie Journalistin in Bonn.

GesundheitszirkelExperten in eigener Sache

Es muss nicht immer gleich die Einrichtung kompletter Fitnessanlagen sein, um die Gesundheit am Arbeitsplatz zu verbessern. Ein erster Schritt, um den Prozess in Gang zu setzen, kann die Etablierung von "Gesundheitszirkeln" sein. Das sind betriebliche Kleingruppen, die sich aus Beschäftigten der operativen Ebene wie Meistern, Sicherheitsfachkräften, Ergonomen, Betriebsärzten sowie Vertretern der Firmenleitung zusammensetzen. Sie treffen sich für eine begrenzte Zeit in regelmäßigen Abständen, um Arbeitsanforderungen, die von den Beschäftigten als gesundheitlich belastend erlebt werden, unter die Lupe zu nehmen und bei akutem Bedarf Lösungen anzubieten, die in die betriebliche Gesundheitspolitik integriert werden.

"Wir empfehlen Gesundheitszirkel, weil Probleme am besten dort gelöst werden, wo sie entstehen, und Beschäftigte sehr genau über die Feinstrukturen ihrer Alltagsarbeit Bescheid wissen", meint Arno Georg von der Sozialforschungsstelle Dortmund, die umfangreiche Studien zu arbeitsbedingten Erkrankungen erstellt hat. Das Konzept, das von der Weltgesundheitsorganisation und den Betriebskrankenkassen gefördert wurde, biete den Mitarbeitern die Chance, dass sie als Experten in eigener Sache gehört werden. Ein weiterer Vorteil: Sie zielen auf den Ausgleich von Konflikten ab, sichern die Loyalität und die Arbeitsmotivation der Beschäftigten - und das ohne großen organisatorischen und finanziellen Aufwand. Ihre Akkus können die Mitarbeiter dann gern dort aufladen, wo sie fernab sind von Kollegen und Vorgesetzten.