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12.02.1993 - 

Parallelarchitekturen sollen die Leistung bringen

Gewandelte IBM von Kopf bis Fuss auf RISC-Systeme eingestellt

Am meisten betroffen von dem Wertewandel in Armonk sehen Marktbeobachter die Mainframes, bislang unumstritten IBMs Dukatenesel. In Zeiten bemerkenswerter Fortschritte auf dem Gebiet der Multiprozessor- und Massiv-parallel-Technologien stehen die bisherigen Grossrechner-Konzepte bei Big Blue offensichtlich zur Disposition.

Dies kuendigte sich bereits im vergangenen Jahr an, als der Mainframe-Anbieter auf der Supercomputing 92 in Minneapolis erste aus diesem Sinneswandel geborene Produkte praesentieren konnte. Diese Neuorientierung belegen auch Aussagen von IBM-Oberen wie Nick Donofrio, der fuer die Grosssysteme verantwortlich zeichnet (vgl. CW Nr. 5 vom 29. Januar 1993, Seite 23: "Big Blue will das...").

Er entwarf eine mehrteilige Strategie, in der zwar auch die konventionellen Grossrechner noch ihre Chance haben wuerden, "so lange Kunden an diesen noch Interesse zeigen". Vorrang hat aber die Ausrichtung auf Rechnersysteme, die auf moderat- oder massiv- parallelen Strukturen aufsetzen.

Neue IBM-Geschaeftseinheit fuer zukuenftige Rechner

Mit besonderem Interesse haben die IBM-Verantwortlichen dabei offensichtlich den Erfolg ihrer RISC-basierten RS/6000-Familie beobachtet. Anders scheint es nicht zu erklaeren, dass der IBM nahestehende Informanten mit der Aussage zitiert werden, "die Zukunft der IBM lautet ganz schlicht und einfach RISC - und das vom Kopf bis zu den Fuessen".

In Armonk reagierte man auf die schon seit Jahren zu beobachtenden Trends zu Multiprozessor-Systemen auf RISC-Basis unter Unix nun mit einer Neugruendung im eigenen Haus: Um die Kapazitaeten der mit Grossrechner-Systemen befassten Enterprise- Systems-Division und der fuer die Entwicklung von Workstations verantwortlichen Advanced Workstations and Systems Division (AWSD) zu verbinden, formierte Big Blue die Geschaeftseinheit Power Parallel Systems (PPS). Hierbei handelt es sich nach Aussagen der IBM um eine unabhaengige Geschaeftseinheit (Business Unit ; BU), die sich einer eigenstaendigen finanziellen Rechnungslegung unterzieht.

PPS soll im Rueckgriff auf die Erfahrung der Enterprise-Division sowie unter Nutzung des RISC-Know-hows der AWSD in Zukunft skalierbare Parallelprozessor-Systeme entwerfen und produzieren. PPS werde, so die IBM, auch fuer weitere auf /390-Technologie basierende Produkte verantwortlich sein.

Irvine Wladawsky-Berger, bislang Assistant General Manager bei der Enterprise Systems Division, wurde zum General Manager von PPS berufen und ueberwacht in dieser Funktion die allgemeinen Operationen von PPS. Ihm zur Seite steht Philip Hester, bislang Vice-President des System- und Technologiebereichs bei der AWSD.

Wie umfassend die Aufgabenstellung fuer Wladawsky-Berger, wie gross auch die Erwartung in IBMs Neugruendung ist, geht aus der weiteren Arbeitsplatz-Beschreibung von PPS hervor.

Die Pflichten decken beispielsweise die Entwicklung von Supercomputer-Strategien ab. Sie beruehren aber auch das Taetigkeitsfeld des Highly Parallel Supercomputing Systems Laboratory (HPSSL). Hier wurde das "9076 Scalable Power Parallel System" (SP1) entwickelt, das sich mit maximal 64 Prozessoren der RS/6000-Familie ausstatten laesst und das jetzt erstmals offiziell vorgestellt wurde. Auch den Support von SP1 hat das PPS uebernommen.

In IBMs internem Joint-venture sollen aber auch RISC-basierte Grossrechner aus der Taufe gehoben und weitere Technologie- Entwicklungen in Sachen Workstations vorangetrieben werden.

Technologiezentren in Europa entwickeln Software

Flankiert wird dieser Versuch, Big Blue zu neuen technologischen Ufern zu fuehren, auch durch ein veraendertes Pflichtenheft fuer vier europaeische Wissenschafts- und Technologiezentren der IBM, mit dem die Konzentration der Armonker auf die neuen Hoffnungstraeger RISC und Paralleltechnologien unterstrichen wird.

In Heidelberg werden sich blaue Entwickler um Industrieapplikationen und Optimierwerkzeuge kuemmern. Die ECSEC-Forschungsstaette in Rom (European Center for Scientific and Engineering) soll Anwendungen fuer diese Umfelder kreieren. Im norwegischen Europa-Zentrum fuer Petroleumapplikationen (EPAC) entstehen analoge Loesungen fuer Kunden, die in Zukunft auf IBMs RISC-Parallelplaene setzen.

Sehr wichtig, weil moeglicherweise fuer eine besonders breite Kundenbasis zustaendig, duerfte Winchester in England sein: Hier ist man mit der Aufgabe befasst, parallele Datenbanksysteme sowie kommerzielle Anwendungen zu entwickeln.

Auch auf oberstem Rechnerniveau wird nach der Einschaetzung von Branchenkennern bei der IBM in Zukunft RISC-Technologie Einzug halten. Die offizielle Vorstellung des SP1 zeigt auf, welchen Trends man in Zukunft bei Big Blue Vorrang gibt.

Gestuetzt werden diese Einschaetzungen durch Geruechte in der Branche (vgl. diese Ausgabe, Seite 28: "IBM plant fuer . . ."), auch Big Blues Bestseller - die AS/400-Midrange-Rechner - wuerden in Zukunft ganz auf die RISC-Technologie ausgerichtet. Nach diesen Informationen wuerden die demnaechst zur Vorstellung anstehenden F- Modelle letztmals mit herkoemmlicher Prozessortechnologie ausgestattet.

Der SP1-Rechner zielt allerdings momentan noch eindeutig auf Bereiche ausserhalb kommerzieller Anwendungen: Die Softwarehaeuser, welche sich mit Entwicklungen fuer den moderat-parallelen IBM- Rechner stark zu machen gedenken, bedienen zum einen den Chemie- und Energiesektor (Oelexploration und -produktion), zum anderen erstellen sie diverse Analysewerkzeuge etwa fuer Simulationsarbeiten im Ingenieur- und Elektronikbereich.

Allerdings weist die IBM darauf hin, dass die SP1-Maschine zukuenftig durchaus als Allzweckrechner genutzt werden koenne: SP1 arbeitet nicht nur mit dem AIX-Unix-Derivat, das auch bei den RS/6000-Workstations zum Einsatz kommt. Die bis zu 64 Prozessoren wuerden auch in unterschiedlicher Weise verschiedenen Aufgabenstellungen gerecht: So koenne der Rechner einen einzigen, parallelisierten Job auf mehreren Prozessorknoten abarbeiten; moeglich sei aber auch, voneinander differenzierte Aufgaben seriell auf jeweils andere CPUs zu dirigieren. Drittens liessen sich solche Aufgaben auch kombiniert simultan abarbeiten.

Erhebliche Probleme in IBMs schoener neuer Welt

Hierzu offeriert die Software-Abteilung der IBM die "AIX Parallel Environment Software". Diese gibt Hilfestellungen bei der Entwicklung von auf Parallelverarbeitung optimierten Applikationen. Sie bietet ferner ein Interface, das eine moeglichst gute Leistung bei der Aufgabenteilung eines Parallelsystems gewaehrleisten soll und ferner Werkzeuge fuer Debugging- sowie Programm-Visualisierungs-Vorhaben. Eine "Loadleveler"-Software ist zustaendig fuer die zeitliche und organisatorische Aufteilung diverser Jobs.

Zwar duerfte sich der SP1-Rechner fuer alle Problemstellungen geeignet zeigen, die hohe Anforderungen an numerische Rechenkapazitaeten stellen. Hierzu gehoeren neben komplexen Finanzanalysen, Wetter- und geophysikalischen Berechnungen auch rechnergestuetzte Designanalysen aus der Pharmazie sowie der Flugzeug- und Autoindustrie. Big Blue gab ferner an, dass ueber 6500 AIX-Programme auf dem RISC-Rechner ablauffaehig seien.

Auf IBMs schoene neue Welt duerften aber noch erhebliche Probleme zukommen: Marktbeobachter und Insider aeussern erhebliche Zweifel, inwieweit IBMs neue Erfolgslosung "Parallelverarbeitung mit RISC" ueberhaupt in die heutige Mainframe- und damit MVS-Welt integriert werden kann. Zum einen erwuechsen durch einen Technologiewechsel, wie ihn die IBM jetzt offenbar fest plant, erhebliche Softwarebarrieren ganz allgemeiner Art.

Zum anderen kaeme erschwerend hinzu, dass sich in der MVS-Umgebung agierende DV-Manager fragen muessten, wie dieses Grossrechner- Betriebssystem ueberhaupt auf Parallelarchitekturen portiert werden koenne. Fuer solche Hardwarestrukturen ist MVS naemlich gar nicht konzipiert. Unix-Betriebssysteme wiederum unterstuetzen keine MVS- Anwendungen. Noch stoerender duerfte fuer viele MIS-Manager sein, dass Unix-Derivate nicht die von MVS gewohnten komfortablen System- Management-Werkzeuge vorweisen koennen.

Meinte denn auch Michael Burwen, President des US- Beratungsunternehmens Palo Alto Managament Group Inc. ernuechtert: "Auf dem Papier macht Parallelverarbeitung sehr viel Sinn." Aber es gebe noch einige Barrieren zu uebersteigen, bevor solche Systeme genutzt werden koennten: "Und dabei steht noch ueberhaupt nicht fest, ob man diese Schwierigkeiten schon in dieser Dekade wird ueberwinden koennen."