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25.09.1998 - 

Arbeitnehmervertreter gestalten Telearbeit inhaltlich

Gewerkschaften: Auf dem steinigen Weg zum neuen Tarifvertrag

CW: Gewerkschaften als Protagonisten der Telearbeit - da werden sich viele wundern. Welches Selbstverständnis hat das Online-Forum Telearbeit?

Schamann: Wir wollen Arbeitnehmer und Selbständige informieren. Arbeitgeber erhalten bereits mehrere Hilfen, zum Beispiel von den jeweiligen Landesregierungen, der Bundesregierung, der EG oder von Beratungsunternehmen. Arbeitnehmer sind in Fragen der Telearbeit allein überfordert. In großen Unternehmen können sie sich an den Betriebsrat wenden, aber auch die Arbeitnehmervertreter sind nicht in allen Fragen auf dem neuesten Stand.

CW: Viele Unternehmen und Betriebsräte überlegen, wie sie Telearbeit einführen sollen. Um ganz sicher zu gehen, werden Betriebsvereinbarungen geschlossen. Welche Punkte sind aus Gewerkschaftssicht besonders heikel?

Schamann: Ein ganzes Bündel. Dazu zählen der Status als Arbeitnehmer, die Freiwilligkeit der Telearbeit, aber auch die Frage der Rückkehr auf den alten Arbeitsplatz. Noch immer ungeklärt sind die Beschaffung der Arbeitsmittel, die Arbeitszeitgestaltung, das Zutrittsrecht zur Privatwohnung, Datenschutz und Datensicherheit, Gesundheitsschutz, Haftungsfragen sowie der Ausschluß von Leistungs- und Verhaltenskontrollen.

CW: Wie zu erfahren ist, stehen Sie in Verhandlungen über einen neuen Tarifvertrag, der weit über das hinausgeht, was zwischen Postgewerkschaft und der Telekom bezüglich der alternierenden Telearbeit schon beschlossen wurde.

Schamann: Wir machen einen gewaltigen Sprung nach vorn, was die inhaltliche Ausgestaltung anbelangt. Von der Rufbereitschaft über die mobile Telearbeit bis zum Satellitenbüro - alles Denkbare wird sich darin wiederfinden. Vielleicht könnte dieser Tarifvertrag wegweisend sein, zumal sein Vorläufer eher eine erste Orientierungshilfe darstellte. Den neuen Tarifvertrag will auch die Telekom.

CW: Ein wichtiger Aspekt der Betriebsvereinbarungen ist der Arbeitszeitnachweis. Nicht nur Unternehmen, sondern zunehmend auch Telearbeiter möchten davon Abstand nehmen, weil die penible Einhaltung von Vorschriften demotivierend wirkt.

Schamann: Uns geht es in erster Linie darum, darauf zu achten, daß nichts ungeregelt passiert. Über den Vorbehalt, daß man vielleicht besser keine Aufzeichnungen über die geleistete Arbeitszeit machen sollte, denken wir im Gewerkschaftskreis nach. Das ist auch für uns ein neues Feld. Wir wollen auf jeden Fall verhindern, daß sich Arbeitnehmer selbst ausbeuten oder vom Arbeitgeber überfordert werden.

CW: Wo liegen also die Schwierigkeiten?

Schamann: Was wir derzeit erleben, zeigt uns, daß wir unser Projekt zum richtigen Zeitpunkt gestartet haben, denn Telearbeit wird überall finanziell gefördert. Meine Gesprächspartner auf der politischen und behördlichen Ebene signalisieren, daß Geld zur Verfügung steht. Ideal ist es, wenn wir mit Stellen zusammenarbeiten, die gerade dabei sind, Telearbeit einzuführen, also noch am Anfang stehen. In diesen Fällen brauchen wir nicht die Machtkämpfe auszutragen. Noch bestehen überall Unsicherheiten. Aber Telearbeit ist gewollt und sie wird kommen. Auch die Vorbehalte im mittleren Management werden sich legen. Entweder man erkennt, daß man sich ändern muß oder die Zeit wird an einem vorübergehen.

CW: Gibt es Unternehmen, die sehr fortschrittlich sind und solche Themen auf die Tagesordnung bringen, und andere, die am Status quo festhalten?

Schamann: IBM, daran gibt es nichts zu deuteln, war Wegbereiter und ist es nach wie vor. Wenn der Tarifvertrag steht, wird die Telekom zum nächsten Wegbereiter. Die Telekom hat allerdings auch ein Problem im mittleren Management.

CW: Welche Änderungen sind bei der Telekom vorgesehen?

Schamann: Die Telekom will im gesamten Außendienst dazu übergehen, ihre Mitarbeiter von zu Hause aus mit dem Laptop arbeiten zu lassen. Das ist sinnvoll: Sie fahren später los. Heute beginnen sie um sieben Uhr, und zu dieser Uhrzeit kann man zu keinem Kunden fahren. In Zukunft erstellt jeder seinen Plan selbst und stimmt ihn auf die Bedürfnisse der Kunden ab. Dafür kann der Mitarbeiter Wegezeiten reduzieren, die sonst von einem Disponenten bestimmt werden. Nachmittags kommt er nach Hause und spielt mit den Kindern. Sobald sie im Bett sind, macht er seine Nacharbeit. Dies haben wir in mehreren Studien ermittelt.

CW: Wie steht es um die Qualifizierung von Telearbeitern? Nicht jeder eignet sich doch dafür!

Schamann: In unserem neuen Tarifvertrag ist der Punkt Qualifizierung klar geregelt. Wer Telearbeiter wird, soll sich nicht nur in technischen und Ergonomiefragen auskennen, er soll vor allem wissen, was im Tarifvertrag steht. Wenn die Augen dreimal täglich anfangen zu tränen, dann habe ich etwas falsch gemacht. Dieses Wissen muß erst einmal in die Köpfe hinein.

CW: Welchen Einfluß hat Telearbeit auf die Schaffung neuer Arbeitsplätze?

Schamann: Wir sehen, daß kleine und mittlere Unternehmen durch Telearbeit zusätzliche Arbeitsplätze schaffen. Dies wird sich bei den Großunternehmen erst dann durchsetzen, wenn sich die Frage der Gebäudeerweiterung stellt und sich diese durch Telearbeit vermeiden läßt.

CW: Welche Fördermittel werden bereitgestellt?

Schamann: Gegenwärtig bieten nahezu alle Landesregierungen finanzielle Starthilfen und Anreize zur Einführung von Telearbeit an. Der Staat will in strukturschwachen Regionen neue Arbeitsplätze etwa durch die Bildung von Call-Centern schaffen.

Winfried Gertz ist freier Journalist in München.