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17.10.1986 - 

Unternehmensbedarf und Arbeitsmarktangebot werden nur selten zur Deckung gebracht:

Gezielte Ausbildung zum Technical Writer ist rar

Bericht von CW-Mitarbeiterin Karin Quack

An den Schnittstellen zwischen Text und Technik melden die DV-Hersteller nach wie vor einen Bedarf an interdisziplinär qualifizierten Mitarbeitern*. Dem steht ein Überangebot an arbeitslosen Akademikern gegenüber. Hier gibt es Umschulungsmöglichkeiten, die nur sporadisch genutzt werden.

Kaum ein DV-Hersteller kommt ohne schreibendes Personal aus. Die meisten haben eine eigene Pressestelle, viele hausinterne Zeitschriften, einige geben Dokumentationen heraus. Besonders die Erstellung von Manuals erfordert eine doppelte Qualifikation: Einerseits sollten die Verfasser über detailliertes technisches Sachwissen verfügen; andererseits müssen sie aber auch fähig sein, komplizierte Zusammenhänge endanwendergerecht aufzubereiten. Hier sind sprachliche Fähigkeiten und didaktisches Geschick gefragt. Zur Ausbildung eines Informatikers oder Elektronikers gehört deren Vermittlung jedoch nicht.

Viele Qualifikationen gleichzeitig

Dennoch suchen die Unternehmen für ihre Dokumentationsabteilungen explizit Informatiker und Ingenieure. Deren berufliche Interessen lassen sich mit einer schreibenden oder redigierenden Tätigkeit aber in den seltensten Fällen zur Deckung bringen. Alldieweil der Arbeitsmarkt auch für Programmierer und Elektronik-Ingenieure nicht allzu schlecht aussieht, sind auf diese Weise kaum technische Redakteure zu finden.

Nach einer offiziellen Stellungnahme der Nixdorf AG ist die Deckung des Personalbedarfs in den firmeninternen Dokumentationsgruppen aufgrund "hoher Anforderungen" schwierig. Vorausgesetzt werden fachbezogene Schreiberfahrungen, didaktisches Wissen, EDV-Kenntnisse sowie Beherrschung der englischen Sprache. Überdies sollten Kenntnisse auf dem jeweiligen Anwendungsgebiet der zu dokumentierenden Software vorhanden sein. Im Klartext: Wer bei Nixdorf ein Manual zu einem Fakturierungsprogramm schreibt, muß zumindest Grundkenntnisse der Betriebswirtschaft mitbringen.

Diese Idealvorstellungen werden allerdings nur selten erreicht. Realiter müssen die Ansprüche reduziert werden. Das bedeutet Investitionen in die innerbetriebliche Ausbildung der Mitarbeiter. Die wird entweder durch das Nixdorf-eigene Aus- und Weiterbildungszentrum (AWZ) in Wiesbaden oder von externen Instituten und Dozenten geleistet. Grundkenntnisse der Datenverarbeitung sollten allerdings unbedingt mitgebracht werden.

Die werden bei IBM Deutschland selbstverständlich auch gern gesehen, sind jedoch keineswegs unerläßlich. Dort gibt es weniger Probleme, qualifiziertes Dokumentationspersonal zu finden, denn die Ansprüche sind vergleichsweise leicht zu erfüllen. Verlangt werden vor allem gute Englischkenntnisse, weil die Arbeit sich nahezu ausschließlich auf die Übersetzung englischsprachiger Original-Literatur beschränkt. Die betriebsinterne Ausbildung geschieht folglich vor allem in den USA oder durch englischsprachige Dozenten.

Die vier Münchner Dokumentationsabteilungen bei Siemens sind nahezu ständig an einer Ausweitung ihrer ohnehin 200 Personen starken Belegschaft interessiert. Claus Noack, Leiter des Dokumentationsbereichs für das Betriebssystem Sinix und -Programmiersysteme teilte mit, daß er zwar lieber Techniker einstelle, den Arbeitsmarkt jedoch durchaus realistisch sehe. In seiner Abteilung, mit etwa 100 Personen die stärkste, sind deshalb viele ehemalige Geisteswissenschaftler und Pädagogen beschäftigt, mindestens ein Drittel davon weiblichen Geschlechts.

Von den "artfremden" Bewerbern wird zumindest theoretisch eine Ausbildung als Organisationsprogrammierer an einer Siemens-eigenen Schule oder einem der einschlägigen Institute erwartet. Die Absolventen der Siemens-Schulen seien dabei mehr oder weniger naturgemäß die am besten qualifizierten. Besonders gern würden Mathematiklehrer gesehen, die diesen Weg gegangen sind. Sie bringen das für die Manual-Erstellung unerläßliche didaktische Know-how mit. Gute Englischkenntnisse sind jedoch ebenfalls erwünscht.

Wer sich um einen Arbeitsplatz bei Siemens bewirbt, muß sich in jedem Fall und in der Regel vor dem persönlichen Gespräch einem mehrstündigen Test unterziehen. Dabei soll die Eignung für die Datenverarbeitung allgemein, sprich. die Fähigkeit zu konzentriertem und folgerichtigem Denken, überprüft werden. Gutes Abschneiden hier ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für die Einstellung. Entscheidend ist, so Noack, der persönliche Eindruck vom Bewerber. Wenn der "stimmt", können partielle Abstriche vom Qualifikationsprofil in Kauf genommen werden. Die werden nach der Einstellung in entsprechenden Kursen korrigiert.

Während in den Presseabteilungen Journalisten gang und gäbe sind, sind sie in den Dokumentationsabteilungen weniger gefragt. Die notgedrungen mehr an der Oberfläche bleibende Arbeit der Journalisten widerspricht der quasi-wissenschaftlichen Arbeitsweise dort. Ein Hochschulstudium, gleich welcher Art, sollte den Studenten zumindest die Fähigkeit zu systematischem Denken und entsprechender Vorgehensweise mitgegeben haben. Ein großer Teil der Voraussetzungen für die Dokumentations-Arbeit ist bei Hochschulabsolventen demnach per se erfüllt.

Pilotprojekte laufen bereits

Um sie an den Tätigkeitsbereich des technischen Autors heranzuführen, scheint nichts näher zu liegen, als eine komplette Ausbildung zum technischen Autor oder Redakteur durch ein und dasselbe Institut anzubieten. In der Tat wird dazu ab Oktober in München ein Versuch anlaufen. Zielgruppe sind arbeitslose Lehrer, besonders aus dem naturwissenschaftlichen Bereich, und Geisteswissenschaftler mit technischem Interesse. Der Kurs wird vom Arbeitsamt finanziert, und die Teilnehmer werden nach dem Arbeitsförderungsgesetz (AFG) unterstützt.

Veranstalter ist das private Institut für angewandte Dokumentationstechniken, selber Arbeitgeber in diesem Bereich. Die Dozenten stammen aus den Reihen der Mitarbeiter; eine Kooperation mit Herstellern für Textverarbeitungsgeräte ist geplant. Teil der Ausbildung wird ein Praktikum bei interessierten Betrieben sein.

Obwohl den Unternehmen hieraus keinerlei Kosten entstehen sollen, ist die Resonanz von dieser Seite nicht so stark, wie der Bedarf vermuten ließe. Claus Noack begründete seine Skepsis gegenüber den Teilnehmern solcher Kurse mit den finanziellen Interessen der Anbieter von durch das Arbeitsamt geförderten Ausbildungen. Ihr Bemühen darum, daß die Kurse möglichst stark besucht seien, hindere sie daran, die Eignung der Teilnehmer genügend zu überprüfen. Das Institut für angewandte Dokumentationstechniken versicherte allerdings, daß es die Teilnehmer einem Eignungstest unterziehen werde.

Daß Initiativen von seiten der Arbeitsämter Erfolg versprechen, beweist ein Pilotprojekt des Fachvermittlungsdienstes Düsseldorf. Dort wurden seit dem August des vergangenen Jahres rund 20 Geisteswissenschaftler zu DV-Fachjournalisten ausgebildet. Mittlerweile sind sie nahezu ausnahmslos in die Redaktionen der Fachpresse, in speziell auf die DV-Branche ausgerichtete PR-Agenturen, in Industrie-Pressestellen und Dokumentationsabteilungen vermittelt. Auch wenn sie dort teilweise zunächst ein - mehr oder weniger gut honoriertes - Praktikum ableisten, besteht doch überwiegend die Option auf eine spätere Übernahme in ein festes Arbeitsverhältnis.

Die Arbeitsämter in München, Düsseldorf und Stuttgart sind - möglicherweise standortbedingt - anscheinend die einzigen in der Bundesrepublik, die die "Marktlücke" im Arbeitsangebot registriert haben. In Stuttgart wird allerdings wenig Sinn darin gesehen, darauf mit Ausbildungsangeboten zu reagieren. Zwei Versuche, Geisteswissenschaftler über DV-Kurse in technische Redaktionen zu vermitteln, seien aufgrund mangelnder Begabung gescheitert. Außerdem hätten die potentiellen Arbeitgeber die Unterlagen geisteswissenschaftlich gebildeter Bewerber "postwendend" zurückgeschickt.

Die Fachvermittlungsdienste in Berlin, Hamburg und Frankfurt haben den Bedarf der Unternehmen noch gar nicht wahrgenommen und demnach auch keine Konsequenzen daraus ziehen können. Auch die zentrale Arbeitsvermittlung in Frankfurt konnte nicht von Ausbildungsinitiativen auf diesem Gebiet berichten.

Verbindliche Ausbildungsregeln für technische Autoren und Redakteure - wie für Journalisten generell - existieren nicht; maßgeblich sind firmeninterne Standards. Mehr noch: Es gibt nicht einmal ein einheitliches Berufsbild. Um dessen Schaffung bemüht sich die tekom, eine bundesweite in Stuttgart ansässige Vereinigung technischer Autoren. Deren Mitglieder sind zum Teil auch als Industriedozenten tätig, das heißt, sie unterrichten im Auftrag bestimmter Unternehmen deren Mitarbeiter in Rhetorik, verständlichem Schreiben, Grafik-Text-Kombination etc. Siemens beispielsweise greift gern auf solche Privatdozenten zurück.

Zielgruppe nicht flexibel genug

Mittlerweile erwägen auch verschiedene Universitäten, den Grenzbereich zwischen Technik und Text in ihr Lehrangebot zu integrieren. An der TU Berlin hat man bereits in Zusammenarbeit mit Siemens und Nixdorf verschiedene Manuals auf Verständlichkeit getestet, vorerst noch im Rahmen der Germanistik. Geplant ist ein Studiengang "Diplom-Medienberater", an dessen Ende eine Art technischer Autor mit akademischem Abschluß stehen soll.

Es gibt allerdings einen Faktor, den weder die Betriebe noch die Vermittlungsstellen nachhaltig beeinflussen können: Die Rede ist von der anvisierten Zielgruppe für solche Aktivitäten, das heißt: von den arbeitslosen Akademikern. Nicht alle sind bereit, eine einmal gewählte geisteswissenschaftliche Orientierung zugunsten besserer Arbeitsmarktchancen aufzugeben. Ein anderes Problem ist die mangelnde räumliche Mobilität.

In Düsseldorf war die Nachfrage rege, weil viele sich aber diese Ausbildung einen Quereinstieg in den Journalismus erhofften. In München mußte jedoch ein explizit auf das Berufsbild des "technischen Redakteurs" ausgerichteter Ausbildungsgang auf das nächste Jahr verschoben werden, weil es nach Aussage des veranstaltenden Weiterbildungsinstituts für Datenverarbeitung und Organisation (WBI) zuwenig Interessenten gab. Die Ausgangssituation war allerdings nicht eben günstig, weil der Kurs zeitlich parallel zu dem weiter oben erwähnten laufen sollte. Ein zweiter Versuch wird, so teilte das WBI mit, voraussichtlich im nächsten April gestartet.

*Vergleiche hierzu die COMPUTERWOCHE vom 27.7.'84, Seite36.