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11.03.1994

Global Sourcing: Ein Trend mit Zukunft Arbeitsmarkt der Dritten Welt lockt mit Manpower und Qualitaet

Neue Wege der Kostenreduktion gehen nicht nur grosse und kleine Softwarehaeuser, auch klassische Anbieter sowie Anwender mit weltweiter Kunden- und Einkaufsbasis nutzen Programmier- und Entwicklungs-Manpower der Dritten Welt. Frank Hillenberg* liefert einen Ueberblick ueber die globalen Ressourcen, die den heimischen Softwerkern noch zu schaffen machen duerften.

In den 80er Jahren, den Zeiten der scheinbar grenzenlos expandierenden deutschen Software- Industrie, dachten die wenigsten Softwareschmieden an eine Kooperation mit Softwarehaeusern aus Dritte-Welt- oder Schwellenlaendern, um gemeinsam Anwendungen fuer den deutschen beziehungsweise europaeischen Markt zu entwickeln. Man beklagte sich einerseits, dass nicht genug Programmierer auf dem Arbeitsmarkt verfuegbar seien, um die begonnenen Projekte reibungslos, ohne zeitliche Verzoegerung und kundenfreundlich realisieren zu koennen.

Softwerker suchen neue Wege zur Kostenreduktion

Andererseits war man oft nicht bereit, das eigene Know-how mit Unternehmen ausserhalb der westlichen Hemisphaere zu teilen. Desweiteren fehlte in den meisten deutschen SW-Haeusern die Infrastruktur, um Outsourcing-Entwicklungsprojekte mit Partnern in Uebersee realisieren zu koennen. Zudem wirkten die raeumliche Distanz, die extremen Zeitunterschiede und die bis dahin zum Teil mangelhaften Kommunikationsverbindungen hinderlich. Oft sah man sich ausserstande, kundenspezifische Software mit westlichem Qualitaetsniveau offshore, etwa von philippinischen Software- Unternehmen entwickeln zu lassen und dem deutschen Kunden dann die notwendigen Wartungs- und Serviceleistungen zu garantieren.

In den Jahren hat sich die Situation auf dem Software- Entwicklungsmarkt sowie auf Software-Anbieterseite in den aussereuropaeischen Laendern stark gewandelt. Angesichts des Kostendrucks bei gleichzeitig steigenden Anforderungen der Benutzer sind die deutschen Software- und Systemhaeuser sowie die IS-Abteilungen groesserer Anwender gezwungen, nach neuen Wegen der Kostenreduktion im Entwicklungsbereich zu suchen.

Auf der anderen Seite haben sich in den letzten Jahren die Anbieter von Offshore-Serviceleistungen aus Laendern wie Indien, Philippinen, Argentinien und Chile durch internationale Projektkooperationen auf dem Weltmarkt etabliert. Russischen Software-Unternehmen ist der Sprung in diese Outsourcing-Gruppe innerhalb kuerzester Zeit gelungen. Sie werden aber noch mindestens fuenf Jahre brauchen, um die unbestrittene Fuehrungsrolle der indischen Softwarehaeuser in diesem Marktsegment tangieren zu koennen. Deutsche Unternehmen haben die Moeglichkeit, auf die Standortvorteile - Software-Entwicklung auf westlichem Niveau mit kostenguenstiger Manpower - der jeweiligen Kooperationspartner zuzugreifen und somit weiterhin im deutschen und europaeischen Markt wettbewerbsfaehig zu bleiben. Des weiteren erhaelt der deutsche Anbieter die Chance, sein Absatzpotential durch eine Kooperation zu vergroessern, indem er beispielsweise mit einem indischen Unternehmen zusammenarbeitet und somit Zugang zum boomenden indischen und suedostasiatischen IT-Markt erhaelt. Die indische SW-Industrie verzeichnet einen jaehrlichen Zuwachs von etwa 30 Prozent und erwirtschaftete 1992 insgesamt 626,34 Millionen Mark. Dieser Wirtschaftssektor ist fuer fast 31 Prozent der Umsatzerloese der gesamten indischen IT-Industrie verantwortlich.

Davon wiederum stammen 62 Prozent aus dem Export. Die indische IT- Szene zeichnet sich durch ein schier unerschoepfliches Potential an hochqualifizierten Software-Ingenieuren aus, deren Leistungsfaehigkeit und Programmierqualitaet sich laut Untersuchungen eines fuehrenden deutschen Software- und Systemhauses nur noch unwesentlich von ihren deutschen Kollegen unterscheiden, und das zu einem Mannjahressatz, der 25 bis 30 Prozent des deutschen Durchschnitts betraegt. Das Offshore- Entwicklungsangebot dieser Spezialisten umfasst nicht nur die gaengigen Serviceleistungen wie Migration, Konversion und Re- Engineering. Die Spezialisten sind auch in der Lage, kundenspezifische Software auf allen gaengigen Software- und Hardware-Plattformen (zum Beispiel AS/400, Sun-Sparc-Stations oder DEC VAX) mit State-of-the-Art-Technologien zu entwickeln und sogar, als Turn-key-Projekte zu liefern. Dies haben diverse Projekte mit US-amerikanischen Firmen mehr als einmal unter Beweis gestellt. Einige indische Unternehmen investieren intensiv in zukunftsweisende Technologien wie CBT, Multimedia oder Telekommunikation und verfuegen zum Teil in diesen Bereichen im Vergleich zu ihren deutschen Kollegen schon ueber einen beachtlichen Know-how-Vorsprung. Mittlerweile haben einige indische Software-Unternehmen, zum Beispiel Tata Consultancy, Larsen & Toubro oder Infotec, Niederlassungen in Deutschland eroeffnet oder sind durch einen deutschen Kooperationspartner auf dem hiesigen IT-Markt vertreten. Daneben ist eine steigende Anzahl von Indienreisen deutscher Software-Entwickler zu verzeichnen, die dort einen Kooperationspartner suchen.

Um die Kooperationsanbahnung fuer deutsche und indische Unternehmen zu erleichtern, riefen die deutsche und indische Regierung das IGEP-Projekt ins Leben. IGEP eroeffnete im Januar dieses Jahres in Zusammenarbeit mit dem Beratungsunternehmen ITM-International Trade Marketing GmbH ein Software Promotion Centre (SPC) in Friedrichsdorf bei Frankfurt und besitzt eine Repraesentanz in New Delhi. Dieser Kooperationsanbahnungsservice ist dem SPC-Direktor Murli Murti zufolge kostenlos fuer deutsche und indische Unternehmen, da er durch staatliche Mittel finanziert wird.

SNI agiert bereits auf dem philippinischen Markt

Ein Beispiel dieses Service sind die Softwarekonferenzen, die kuerzlich in Frankfurt und Muenchen zusammen mit dem Department of Electronic der indischen Regierung und einer Reihe weiterer Sponsoren veranstaltet wurden. Deutschen Interessenten hatten dort die Moeglichkeit, mit 18 der fuehrenden indischen Unternehmen bilaterale Gespraeche zu fuehren.

Auch die philippinische Software-Industrie bietet auf dem Weltmarkt ihre Offshore-Serviceleistungen an. Die dortige SW- Industrie beschaeftigt momentan zirka 30000 Software-Professionals und umfasst neben rein philippinischen Unternehmen auch multinationale Konzerne wie Siemens-Nixdorf und Arthur Andersen, die mit eigenen Software-Entwicklungszentren im philippinischen Markt aktiv sind. Diese Unternehmen exportierten 1992 neben SW- Entwicklungen auf den gaengigen Plattformen (zum Beispiel AS/400) im Finanz- und Automationsbereich, Re-Engineering- und Konvertierungsleistungen auf westlichem Niveau im Gesamtwert von zirka 40 Millionen US-Dollar. Dabei ist zu beruecksichtigen, dass man davon ausgehen muss, dass ein philippinischer Programmierer zirka 75 Prozent weniger kostet als sein deutscher Kollege. Neben Kooperationen mit amerikanischen Unternehmen sind die philippinischen Softwarehaeuser in Singapur, Indonesien und Malaysia schwerpunktmaessig aktiv und verfuegen dort groesstenteils ueber Repraesentanzen. Erst in den letzten drei Jahren verstaerkten philippinische Firmen ihre Anstrengungen, auch Kunden und andere Geschaeftspartner im deutschen Markt zu finden, was sich unter anderem durch Delegationsreisen und mehrmalige Teilnahme an der CeBIT in Hannover gezeigt hat. Hilfreich zur Seite stehen ihnen das Bruesseler European Chamber of Commerce oder Projekte der Gesellschaft fuer Technische Zusammenarbeit in Eschborn, die darauf zielen, die philippinische Software-Serviceindustrie zu foerdern. Der fuer diese Organisationen taetige IT-Berater Heinrich Kuhlmann (Cosmos Consult) bestaetigt den Erfolg dieser Anstrengungen: "Fuehrende deutsche Softwarehaeuser interessieren sich sehr stark fuer die verlaengerte Werkbank auf den Philippinen und fuehren bereits intensive Kooperationsgespraeche."

Zu den Newcomern auf dem globalen Sourcing-Markt gehoeren die Softwarelabs aus Argentinien und Chile. Bis vor kurzem haben sich diese Anbieter vor allem auf die sued- und lateinamerikanischen Maerkte konzentriert. Chile exportierte zum Beispiel 1992 fuer zirka 25 Millionen Mark Softwareleistungen ins Ausland, davon allein 57 Prozent in die gerade genannten Maerkte und nur 31 Prozent in die USA oder Europa. Internationale Konzerne arbeiten schon seit laengerem mit chilenischen SW-Haeusern zusammen. So stattet IBM alle PCs, die in Sued- und Lateinamerika ausgeliefert werden, standardmaessig mit einem chilenischen Virenschutzprogramm aus.

Seit nunmehr drei Jahren versuchen die Softwarelieferanten aus Buenos Aires und Santiago verstaerkt Absatzmaerkte in Europa zu akquirieren, was ihnen aufgrund des Sprachvorteils vor allem in Spanien gelingt. Und sie haben erkannt, dass Kooperationen mit deutschen Softwarehaeusern zu einer Situation fuehren, von der alle beteiligten Parteien profitieren koennen. So bieten beispielsweise argentinische Unternehmen ihre kostenguenstigen Softwareservices in den Bereichen Telekommunikation, Datenbanken oder Schriftenerkennung (OCR) an. Gleichzeitig haben die deutschen Partner Zugang zu den sued- und lateinamerikanischen Maerkten und somit die Moeglichkeit, in einem der neben Suedostasien zukunftsreichsten Maerkte Fuss zu fassen. Einen effizienten Ueberblick ueber die Leistungsfaehigkeit dieser Entwicklungsstandorte kann man sich auf der CeBIT '94 verschaffen, wo einige dieser Unternehmen ausstellen werden.

Neben den bisher bekannten Outsourcing-Laendern etablieren sich seit dem Ende des Kalten Krieges immer mehr russische Software- Unternehmen auf dem europaeischen Markt. Zunaechst wenig beachtet, doch spaetestens seit der Systems '93, als die Russen ihren ersten grossen Gemeinschaftsstand mit grossem Erfolg praesentierten, erobern sie kontinuierlich Terrain. Bei den russischen Anbietern steht nicht so sehr der zweifellos vorhandene Preisvorteil im Vordergrund (wobei es sich bei dem in der deutschen IT-Szene kursierenden Geruecht von fuenf bis zehn US-Dollar Manntagessatz wohl eher um ein schlichtes Maerchen handelt), sondern die lange mathematische Tradition. Ihr Schwerpunkt liegt eher auf mathematisch-wissenschaftlichen und somit eher auf technischen als auf kommerziellen Anwendungen. So wurden zum Beispiel Programme entwickelt, die Daten um einen Faktor "groesser 600" komprimieren, oder Sicherheitssysteme, die mit einer digitalen Unterschrift arbeiten.

Einige russische Unternehmen haben auf Anhieb einen deutschen Partner gefunden. So vermarktet die Firma TPG Technology Promotion GmbH aus Wallduern erfolgreich russische Computerspiele wie "Sieben Kreise", das aehnlich wie der beruehmte Zauberwuerfel mehr als eine Million Kombinationsmoeglichkeiten enthaelt. Doch neben den fertigen Softwareprodukten offerieren die russischen SW-Schmieden vor allem ihr Know-how im mathematischen Bereich zur kundenspezfischen Software-Entwicklung an. Wobei als Hardwareplattform zu 70 Prozent nur IBM-kompatible PCs zur Verfuegung stehen. Allerdings nehmen Installationen auf Unix-Plattformen zu.

Der Global-Sourcing-Markt bietet den deutschen Ingenieuren ein sehr reichhaltiges und hochqualifiziertes Angebot, um Software fuer alle Anwendungsbereiche und Plattformen zu einem sehr attraktiven Preis herstellen zu lassen. Fruehere Hemmnisse existieren nicht mehr. Es macht keinerlei Probleme, per Telefon seinen indischen oder chilenischen Geschaeftspartner zu erreichen. Einige indische Unternehmen wie Satyam Computer Services, Square D oder Infosys verfuegen ueber modernste Satellitenverbindungen. Die Fuehrungsrolle der indischen Unternehmen wird durch die bereits vergebenen ISO- 9000- Zertifikate untermauert, was als Parameter fuer das Qualitaetsniveau der Software gilt. Die deutsche Software-Industrie hat die Chance, sich durch globale Kooperationen kostenguenstige Entwicklungsressourcen zu sichern und gleichzeitig einen Fuss in die Maerkte des naechsten Jahrtausends zu bekommen.

* Frank Hillenberg ist Projektleiter in der ITM-International Trade Marketing GmbH, Friedrichsdorf

Arbeitsmarkt der Dritten Welt . . .

Kontaktadressen

Indien

IGEP Indo German

Export Promotion Project

Dr. D. Kebschull

2, Nyaya Marg

Chanakyapuri

New Dehli 110 002

Tel: 00 91-11/3 01-43 53

Fax: 00 91-11/3 01-54 61

Indien/Philippinen/

Argentinien/Chile

ITM-International

Trade Marketing GmbH

Industriestr. 27

61381 Friedrichsdorf

Tel: 0 61 72/75 72-0

Fax: 0 61 72/75 72-99

Russland

TPG Technologie

Promotion GmbH

Am Feuerstein 6

74731 Wallduern

Tel: 0 62 85/3 12

Fax: 0 62 85/3 14