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23.04.1999 - 

MP3, Liquid Audio und andere Musik-Kompressionsverfahren

Götterfunken aus dem Netz

Von Detlef Borchers* Das Internet besteht nicht allein aus Texten und Bildern: Wer hinhört, wird bemerken, daß es auch mit Musik vollgestopft ist. 300 000 bis 500 000 Titel finden sich im Netz, überwiegend aus dem Popbereich - doch die Klassik holt mächtig auf. Wie stark sich das Repertoire vergrößert, kann man täglich mit Lycos (www.lycos.de) verfolgen: Diese Suchmaschine verzeichnet als erste sogenannte MP3-Dateien im Internet.

MP3 ist die Kurzform für MPEG-3 oder Motion Pictures Expert Group Standard 1, Layer 3. Dieses Gremium ist für die Komprimierung und Speicherung digitaler Musik zuständig. MP3 ist mittlerweile ein Standard geworden, der sowohl von Windows 98 wie von Linux von Haus aus unterstützt wird. Über zehnmillionenmal haben sich die Besitzer von Windows-95- und Mac-Rechnern die nötige kostenlose Zusatzsoftware zum Abspielen von MP3 auf ihren PC geladen (www.mp3.com).

Dieser entstehende Musikmarkt findet nun das Interesse der Elektronikindustrie. In schneller Folge kommen Abspielgeräte auf den Markt, die wie Walkmans aussehen, bei denen aber der Kassettenschacht fehlt. Sie können MP3-Dateien speichern und abspielen.

Vorreiter dieses Trends sind die taiwanische Firma Diamond Technologies mit dem knapp 400 Mark teuren "Rio PMP300" (www. diamondmm.de) und die "Yepp"-Baureihe der koreanischen Firma Samsung (www. yepp.co.kr). Dabei ist der Einsatz dieser Geräte als Walkman nicht alles: Die englische Firma Phonoptix bietet bereits ein Autoradio an, bei dem das Kassettendeck durch eine Festplatte ersetzt wurde und das Abspielgerät ein MP3-Player ist. Der Trend zu MP3 wird durch neue Hardware-Entwicklungen begünstigt: Fast alle Geräte speichern die Musikdateien auf scheckkartengroßen PC-Cards (PCMCIA-Karten). Zulieferer wie Calluna Technologies haben Karten entwickelt, die 1 GB speichern können - das entspricht 15 Stunden Musik im MP3-Format. Etwas kürzer ist die Aufnahmezeit: Samsungs Spitzenmodell Yepp D bringt es auf zehn, der Rio auf knappe drei Stunden. Von Haus aus ist Diamonds Rio nicht für Aufnahmen eingerichtet, doch haben britische Freaks ein Programm geschrieben, das die Betriebssystem-Software entsprechend erweitert.

Auch wenn im Basis-PC der Kartenschacht fehlt, ist die Übertragung einfach und schnell: Die Branche setzt auf USB, den Universal Serial Bus, der seit ungefähr anderthalb Jahren zum Ausstattungsstandard neuer PCs gehört. Ein Stück wie der "Intergalactic Prisoner of Technology" der Beastie Boys, das im MP3-Format 4,4 MB groß ist, wird über USB-Kabel in 40 Sekunden überspielt.

Das neue Trendspielzeug hat freilich einen großen Haken: Noch ist das Internet nicht schnell genug, um diese Sorte Multimedia zum Hörer zu transportieren. Selbst beim Einsatz einer schnellen ISDN-Verbindung braucht der erwähnte Titel der Beastie Boys mindestens zehn Minuten Übertragungszeit. Der komplette "Ring der Nibelungen" (den Phonoptix im MP3-Format anbietet) würde die Telefon- und Provider-Rechnung in den dreistelligen Markbereich katapultieren und den PC mehrere Tage lang lahmlegen.

Aus diesem Grund basteln große Vertriebsketten wie Blockbuster Entertainment an MP3-Ladestationen, an denen sich der Kunde bedienen kann. Auch Internet-Anbieter beteiligen sich am Wettrennen um den Kunden. Vor wenigen Tagen startete die Firma Goodnoise (www.goodnoise.com) ihr Angebot, das mit 200 Titeln pro Tag rasant wächst.

Goodnoise verfügt über Verträge mit Plattenfirmen wie Rykodisk (die zum Beispiel die Rechte am Werk von Frank Zappa besitzt) und verkauft die Songs einzeln zum Stückpreis von 99 Cent. Sieben Cent pro Song werden dabei an die Verwertungsagentur Fox abgeführt, vom Rest geht die Hälfte an das Platten-Label. Die Musikindustrie ist freilich spät dran damit, sich auf MP3 einzustellen. Viel zu lange hatte sie das offene Format boykottiert, weil es das problemlose Kopieren von Musikstücken ermöglicht. Man richtete das Augenmerk besonders auf dezidierte Piratenseiten im Internet, die ökonomisch kaum eine Rolle spielen.

Unbeirrt versuchte dennoch die RIAA ( Recording Industrie Association of America ), das amerikanische Gegenstück zur GEMA (Gesellschaft für Musikalische Aufführungsrechte ), vor Gericht in einem Musterprozeß die Produktion des Rio-Players von Diamond zu verbieten. Die Sache scheiterte, weil herkömmliche Musik-CDs genau wie MP3 ohne Kopierschutz arbeiten, befand der Richter. Freilich gestand er der RIAA zu, die MP3-Player wie die Minidisc- und DAT-Spieler nach dem Home Recording Act von 1992 mit einer dreiprozentigen Steuer auf den Verkaufspreis belegen zu lassen, die der Verwertungsgesellschaft der Musiker zugute kommt.

Die Beastie Boys sind ein unrühmliches Beispiel für die Art, wie der herkömmliche Markt auf MP3 reagiert. Die Gruppe, die MP3 frühzeitig unterstützte, konnte einen riesigen Zulauf im Netz verzeichnen, der den Käufen nicht schadete: Fans kauften sich die CDs und luden die legal verfügbaren MP3-Dateien aus dem Netz.

Nach diesen positiven Erfahrungen entschloß sich Platinum Entertainment als größtes amerikanisches Independent-Label, alle Songs im MP3-Format anzubieten. Doch der Druck der Lobby durch die RIAA führte zur Revision der netzfreundlichen Politik. Die Beastie Boys in MP3 sind mittlerweile wieder verschwunden.

Gegen MP3 führte die Musikindustrie einen eigenen Standard namens Liquid Audio im Internet ein. Im Unterschied zu MP3 gestattet das kompatible Liquid Audio nur eine Kopie und zeichnet zudem auf, wo und von wem der Song aus dem Netz geladen wurde.

In Konkurrenz zum "offiziellen" Liquid Audio entwickelten Techniker bei AT&T das A2B-Format, bei dem die Musiker einstellen können, wer eine Datei wie oft abspielen kann, ehe sie sich selbsttätig löscht. Beide Formate - die eine bessere Tonqualität als MP3 bieten - scheitern bisher aber am mangelnden Markt: Rund 50000 Titel sind in Liquid Audio verfügbar, in A2B gar nur einige hundert.

Noch besser als Liquid Audio funktioniert freilich Goodnoise. Dort verzichtet man auf alle Aufzeichnungen über Download und Eigentümer genauso wie auf Strafandrohungen bei unerlaubten Kopien: Hörer können anklicken, ob sie eine legale Kopie eines Songs auf der Platte haben. Ist das nicht der Fall, bietet Goodnoise die Lizenz zum nachträglichen Kauf. Dabei unterstützt die Technik auch das Kopieren ohne Verkauf: Viele Anwender stellen sich erst ihre virtuellen CDs mit 20 oder 30 Songs zusammen und bezahlen dann in einem Rutsch.

Die Hersteller von MP3-Playern versuchen unterdessen, die Musikindustrie mit besonderen Angeboten zu ködern. Diamond unterstützt nicht nur MP3, sondern auch Liquid Audio und eine Mischform, die die Firma Audible (www. audible.com/mp3) anbietet. Samsungs Yepp verweist daher auf die Secure Digital Music Initiative (SDMI), die das Copyright der Musikstücke mit "Wasserzeichen" absichern soll.

Die Technik soll vom Fraunhofer-Institut für intergrierte Schaltungen (www.iis.fhg.de/amm/ techinf/ipmp/water.html) geliefert werden. Dieses Institut hat das MP3-Format entwickelt und ist auch bei der Weiterentwicklung des Standards dabei.

Der Name MP3 legt natürlich nahe, von der kommenden Generation des Standards als MP4 zu sprechen. Doch unter diesem Namen hat nämlich die New Yorker Firma Global Music Outlet ihren betriebseigenen Standard namensrechtlich schützen lassen. Sie verkauft jetzt ihre MP4-Technologie an Musikgruppen, die MP3-Songs im Internet feilbieten.

Abgesehen vom absichtlich irreführenden Namen hat MP4 einen gravierenden Unterschied aufzuweisen: Lizenzgebühren aus der MP4-Technik kommen den Künstlern zugute, nicht den Plattenfirmen. Als erste hat die HipHop-Band Public Enemy ihren Song Swindlers Lust im MP4-Format veröffentlicht, nachdem sie von ihrem Label Polygram kurz zuvor gezwungen worden war, ihre MP3-Songs im Internet zu löschen.

Swindlers Lust beginnt mit den Worten "Vultures of culture, dollar a rhyme, but we barely get a dime" ("Kulturgeier, ein Dollar pro Reim, aber wir kriegen nur einen Dime" - eine 10-Cent-Münze). "Yepp", wird sich mancher sagen, der das Stück auf seinen Yepp-Player kopiert oder vom Rio abspielen läßt.

Zum Download:

Liquid Audio im Web

http://www.ktel.comhttp://www.amplified.comhttp://www.nordicentertainment.comhttp://www.musicmaker.comhttp://www.ubl.comhttp://www.platinum.comhttp://www.qradio.nethttp://www.musicblvd.com

*Detlef Borchers betreibt in Westerkappeln-Metteen bei Osnabrück das Redaktionsbüro Topspin.