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13.06.2006

Google vs. Microsoft: Ring frei!

Der Schlagabtausch zwischen den Branchenriesen markiert einen Generationswechsel bei der Softwarevermarktung.

Bislang mussten sich Hersteller von kommerzieller Software bei ihrer Arbeit vor allem an Microsofts Produkt-Pipeline orientieren. Egal wie hochwertig und innovativ ein Produkt war, galt: Kam es dem Kerngeschäft des Redmonder Riesen mittelfristig in die Quere, waren die Erfolgschancen deutlich eingeschränkt.

Office-Ersatz

Hersteller mit Web-2.0-Ambitionen bieten inzwischen zahl- reiche Online-Alternativen zu Büroanwendungen von Microsoft. Hier einige Beispiele:

Statt Word: Ajaxwrite von Ajax 13; gOffice von Silver- office Inc.; Zoho Writer von Adventnet Inc.; iNetword von iNetOffice; Writely von Writely Inc. (Google).

Statt Excel: Wikicalc von Dan Bricklin; EditGrid von Teams and Concepts Ltd.; iRows von irows.com; AjaxXLS von Ajax 13; Dabble DB von Smallthought Systems Inc.; Spreadsheet von Google.

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www.computerwoche.de

577124: Google startet Web-basierende Tabellenkalkulation;

576753: Dell installiert Google-Software auf PCs vor;

575943: Microsoft kopiert Google-Dienste;

575851: Ballmer konkretisiert Investitionspläne bei MSN.

Hier lesen Sie …

• wie gefährlich Googles Spreadsheets für Microsoft ist;

• wie die Gates-Company kontert;

• welche weiteren Office-Alternativen es gibt.

Mit Google scheint Microsoft nun erstmals einen gleichwertigen Gegner gefunden zu haben: Der kalifornische Suchmaschinenprimus kommt der Gates-Company nahezu wöchentlich mit einer neuen Anwendung ins Gehege und scheut - wie der Kampf um kompetente Entwickler zeigt - auch sonst keine direkte Konfrontation. Das vor kurzem vorgestellte Produkt "Spreadsheets", eine Art Web-basierendes Excel, ist dabei nur eine weitere Episode, wenn auch von hoher Brisanz. Sollte Google entgegen eigenen Dementis daraus, aus dem kürzlich erworbenen Textverarbeitungsprogramm "Wri- tely" und anderen Web-Anwendungen wie seinem Online-Kalender und der E-Mail-Software "Gmail" ein Office-Paket schnüren, zielte das Angebot direkt auf den von Microsoft dominierten Markt für Büroanwendungen. In diesem Bereich erwirtschaftete die Windows-Company im vergangenen Geschäftsquartal ein Drittel ihrer Umsätze (und einen Gutteil des Profits).

Das Produkt Spreadsheets an sich als eine offene Kampfansage Googles an Microsoft zu bezeichnen wäre indes stark übertrieben. Schließlich führt mit Openoffice.org bereits seit geraumer Zeit eine kostenlose Alternative zu Microsofts Büroanwendungen ein Schattendasein. Daneben existieren auch einige (bislang weitgehend unbekannte) Web-basierende Gegenstücke zu Word, Excel etc., die einem direkten Vergleich mit ihren Desktop-Pendants durchaus standhalten können, auch wenn sie nicht von so prominenten Anbietern wie Google stammen. Die meisten Produkte sind dabei nicht nur kostenlos, sondern warten auch mit bislang von Microsoft sträflich vernachlässigten Collaboration-Features auf.

Spreadsheets sei alles andere als komplett und werde vermutlich noch ausgebaut, räumt der bei Google zuständige Produkt-Manager Jonathan Rochelle ein. Aktuell könnte es jedoch Nutzer von Desktop-Kalkulationsanwendungen wie Excel unterstützen, die ihre Tabellen ins Web und anderen zur Verfügung stellen wollen. "Ich weiß, dass viele Nutzer beides verwenden werden", so Rochelle.

Mangelnde Funktionalität

Das Programm kommt vor allem Anwendern gelegen, die hohe Sicherheitsansprüche zugunsten eines besseren Workflows zurückstellen. Mit Spreadsheets können bis zu zehn Nutzer eine Tabelle simultan bearbeiten und sich gleichzeitig über ein integriertes Chat-Fenster austauschen. Der Dienst stellt damit eine deutliche Erleichterung für verteilte Arbeitsgruppen dar, deren Mitglieder ihre Excel-Files derzeit mühsam per Mail hin- und herschicken müssen - die veränderten Stellen rot markiert.

Nach Darstellung einer Microsoft-Sprecherin imitiere Spreadsheets gerade einmal eine Funktionalität, die viele andere Hersteller schon bereitstellen. Gemessen an der Innovation, die Excel in puncto Nutzerfreundlichkeit, Fortschritten bei der visuellen Schnittstelle und Unterstützung von Collaboration und Business Intelligence biete, hinke Google Spreadsheets dagegen um zehn Jahre hinterher. Dieser Eindruck wird von neutralen Beobachtern bestätigt. Die CW-Schwesterzeitschrift "PC World" etwa vergleicht Spreadsheets und Writely in ihrem Blog wenig schmeichelhaft mit Excel 1.0 und Word 1.0. Dabei sei aber die Tatsache, dass Googles Tabellensoftware weniger aufgebläht ist als Excel, möglicherweise bereits ein Killer-Feature. Nur etwas erweitert müsste der Service noch werden. Positiv hoben die Kollegen aus den USA die Möglichkeit der Collaboration und den Austausch über ein integriertes Chat-Fenster hervor. "Wäre es nicht Google, würde man sich fragen, wie der Anbieter damit Geld verdienen will", schreibt Chefredakteur Harry McCracken. Für das klassische Werbekonzept scheint Spreadsheets ungeeignet, es sei schwer, Zahlenreihen passende Anzeigen zuzuordnen.

Andere Experten glauben dagegen, dass gerade in der Vermarktungsmöglichkeit die Antwort auf die Schicksalsfrage liege, inwieweit Googles Spreadsheets Microsoft gefährlich werden kann. Sollte Google erstmals mit einer Productivity-Software Geld verdienen, würde Microsofts komplettes Geschäftsmodell in Frage gestellt: Je mehr Geld Google mit einem werbefinanzierten Spreadsheets einspielt und das Produkt entsprechend ausbaut, desto schwerer falle es Microsoft, Excel-Lizenzen zu verkaufen. Wer nämlich sei dann noch bereit, etliche Dollar für eine Anwendung auf den Tisch zu legen, nur um damit lokal Tabellen zu erstellen, die er später via Google verteilt? Das gilt umso mehr, falls Google früher oder später eine Rich-Client-Version von Spreadsheets herausbringt, die auch offline gespeichert und benutzt werden kann.

Google ist dabei nur die Vorhut einer Schar von Anbietern, die den Einsatz von Web-basierenden Anwendungen propagiert, die Betriebssystem-unabhängig sind und inzwischen unter dem Stichwort Software-as-a-Service (SaaS) beziehungsweise On-Demand-Software reüssieren. Der wohl bekannteste Protagonist der Bewegung, Salesforce-CEO Marc Benioff, lässt keine Gelegenheit aus, Anbieter konventioneller Applikationen wie Microsoft als Dinosaurier zu bezeichnen, deren Zeit nun abgelaufen sei.

Den Redmonder Riesen lässt die Entwicklung keineswegs kalt. "Microsofts größte Herausforderung ist die Einbeziehung von Software-as-a-Service-Geschäftsmodellen, wie sie der Rivale Google verkörpert", erklärte Firmenchef Steve Ballmer unlängst gegenüber Investoren. Mit dem Schwenk zu SaaS und werbeunterstützten Geschäftsmodellen stehe das Unternehmen vor einer ähnlichen Herausforderung wie zu Beginn der Open-Source-Bewegung. "Wir müssen den Übergang mitgestalten, den die Softwareindustrie aktuell macht, nämlich von Software als Produkt zu Software als Service", warb Ballmer für den Plan, die Ausgaben für Forschung und Entwicklung im laufenden Geschäftsjahr um zwei auf 6,2 Milliarden Dollar anzuheben. Der Großteil der Mehrausgaben fließt in das MSN-Portalgeschäft.

Ballmer: Die Bombe tickt

"Wer eine führende Software-Company sein will, muss gleichzeitig eine führende SaaS-Company sein", so Ballmer. Der Firmenchef räumte ein, dass Microsoft einen wichtigen Markt - in Software integrierte Werbung - verschlafen hatte. Größter Konkurrent sei indes nicht Google, sondern die von dem Suchmaschinenprimus repräsentierte neue Art von Softwaregeschäftsmodell: "Die Frage ist, wie wir an die Spitze gelangen und von dort aus den Wandel des Geschäftsmodells lenken", so Ballmer. "Open Source war ein neues Geschäftsmodell. Es hat uns einige Jahre gekostet, wirklich zu begreifen, wie man konkurrenzfähig bleibt."

In einigen Punkten hat Microsoft bereits begonnen, dem Beispiel Googles zu folgen, etwa mit den Portalen "Windows Live" und "Office Live". Dahinter verstecken sich aber keineswegs gehostete Versionen der bisherigen Kernprodukte, sondern Sammlungen von mehr oder weniger gut zum Betriebssystem und der Bürosuite passenden Web-Services. Features der Office-Anwendungen wurden offensichtlich herausgenommen, um Kannibalisierungseffekte zu vermeiden. "Sie wollen MSN- und Office-Live-Nutzern etwas bieten, aber sicherstellen, dass sie ihre Stärke behalten", interpretiert IDC-Analystin Melissa Webster die zugrunde liegende Strategie der Redmonder. Daher packen sie alles in ihre Desktop-Produkte. "In der nächsten Zeit hat der Office-Verkauf noch nichts zu befürchten", so Dustin Rector von Tier1 Research. "Aber wenn sich Microsoft entscheidet, das Problem auszusitzen, werden sie langfristig verlieren."

Bei der Diskussion um Unternehmensstrategien darf die des Widersachers Google nicht vergessen werden: Obwohl das Unternehmen scheinbar unaufhaltsam wächst und inzwischen in puncto Marktkapitalisierung bereits BMW und Daimler-Chrysler überholt hat, ist es nach wie vor ein "One-Trick-Pony". Im vergangenen Jahr erwirtschaftete Google 99 Prozent der 6,1 Milliarden Dollar Umsatz mit Werbung auf seinen Sucherergebnisseiten.

Beim Versuch, sich breiter aufzustellen, hat die Company einige Startups mit innovativen Produkten eingekauft, die in das Gesamtbild passten. Zahlreiche weitere Produkte und Dienste wurden in den 20 Prozent der Arbeitszeit entwickelt, die jeder Mitarbeiter zur Verwirklichung eigener Ideen frei nutzen darf. Die von den Google-Gründern Sergey Brin und Larry Page entwickelte Suchtechnik ausgeklammert, weist das Internet-Unternehmen jedoch kaum ein Produkt mit Alleinstellungsmerkmal auf.

Der Grund für die wenig zielgerichteten Innovationen, so behaupten böse Zungen, liege an den Massen von frisch eingestellten Mitarbeitern im Hauptquartier Googleplex, die nun ihre Kreativität unter Beweis stellen müssten. Dabei gelinge ihnen im besten Fall eine "schrittweise Weiterentwicklung" wie das E-Mail-System "Gmail". Andere erfänden lediglich das Rad neu, bestes Beispiel dafür sei der unglückliche Yahoo-Abklatsch "Google Finance". Die Adaption rangiert aktuell in den USA in der Kategorie Business & Finance Information mit 0,29 Prozent Marktanteil auf Platz 39, während das Original des Portalriesen mit 35,6 Prozent Anteil unangefochten Nummer eins ist.

Immerhin: Seine Position im Kerngeschäft Suchmaschinen kann Google trotz intensiver Bemühungen der Konkurrenten Yahoo und Microsoft weiter ausbauen. Den jüngsten Untersuchungen der Marktforschungsgesellschaft Hitwise zufolge bearbeitete der Branchenprimus im Mai 59,3 Prozent aller Suchanfragen in den USA. Yahoo hielt sich mit 22 Prozent Marktanteil gegenüber dem Vormonat März nur etwa stabil, während der Anteil von Microsofts MSN trotz hoher Investitionen in das Thema sogar um ein Prozent auf 12,1 Prozentpunkte zurück ging.

Die Anti-Google-Website Google Watch weist jedoch darauf hin, dass Google kein Geheimrezept hat. Wenn sich Microsoft einige Jahre auf die Hinterbeine stelle, eine tiefe Suche und eine saubere Benutzeroberfläche liefere, könne es Google antun, was es vor Jahren bereits Netscape angetan hat.

Dies hat man auch bei Google erkannt und bemüht sich, die internen Ressourcen angesichts der vielen Nebenkriegsschauplätze wieder in die richtigen Bahnen zu lenken. Erst vor kurzem räumte Firmenchef Eric Schmidt ein, dass das Verhältnis zwischen Pflicht und Kür im Unternehmen etwas aus dem Gleichgewicht geraten sei. So hätten Google-Manager festgestellt, dass die Mitarbeiter im Schnitt nicht einmal 70 Prozent ihrer Arbeitszeit Kernthemen, also Suche und Werbung, widmen.