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10.12.2004

Green Card am Ende

Von Ina
Ende des Jahres läuft die Green-Card-Initiative aus. Die Bilanz fällt durchwachsen aus.

Die Green-Card-Ära geht am 31. Dezember 2004 nach fünf Jahren zu Ende. Abgelöst wird die Initiative der Bundesregierung ab 1. Januar 2005 durch das Zuwanderungsgesetz. In der "Ausführungsverordnung über die Zuwanderung von neu einreisenden Ausländern zur Ausübung einer Beschäftigung", werden ähnliche Möglichkeiten für die Beschäftigung von hoch qualifizierten IT-Fachkräften geschaffen wie mit der Green Card. Stephan Pfisterer, Bereichsleiter Bildung und Personal beim Branchenverband Bitkom: "Das Zuwanderungsgesetz hat den großen Vorteil, dass zusätzlich die Niederlassungserlaubnis, also eine unbefristete Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung, erteilt werden kann." Der Bitkom-Mann: "Mit dieser langfristigen Perspektive können die ausländischen IT-Profis jetzt auch ihre Familien nachkommen lassen. Das wird für viele ein Anreiz."

Begonnen hatte alles vor fünf Jahren im August. Damals stand Harianto Wijaya für kurze Zeit im Rampenlicht. Schließlich überreichte ihm der damalige Bundesarbeitsministers Walter Riester (SPD) die erste Green Card der Bundesrepublik Deutschland. Der inzwischen 29-jährige Informatiker aus Indonesien galt als der erste Vertreter einer neuen Immigrationspolitik - und er erfüllte alle Anforderungen. Voraussetzung waren ein Hochschul- oder Fachhochschulabschluss mit dem Schwerpunkt Informations- oder Kommunikationstechnik und ein Jahresgehalt von mindestens 59600 Euro. Für fünf Jahre war Wijayas Aufenthalt in Deutschland gesichert. Damals wurde der Bedarf in der boomenden Computerbranche auf 70000 neue Arbeitsplätze geschätzt. Die Begeisterung bei Verbänden und in der Politik über diese Initiative war dementsprechend groß.

Arbeitgeber hielten sich zurück

Als Spielverderber erwiesen sich indes die Unternehmen. Sie hielten sich von Anfang an mit der Einstellung von Green-Card-Bewerbern zurück. So wurden seit der Einführung der neuen Regelung im August 2000 bis zum Dezember desselben Jahres nicht mehr als 2500 Arbeitserlaubnisse erteilt - vorgesehen waren bis zu 20000. Bei der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) in Frankfurt am Main standen 12000 Gesuche von ausländischen Computerexperten gerade einmal 800 Stellenangeboten gegenüber. Hörte man sich bei den Unternehmen um, so hieß es, die Green-Card-Aktion laufe an der Wirklichkeit vorbei. Die Bezahlung sei zu hoch, die Sprachbarrieren zu groß, die Einarbeitung und die Integration zu mühsam. Obwohl die Nachfrage nach den ausländischen Computerfachleuten enttäuschte, verlängerte die Bundesregierung im Jahr 2003 die Green-Card-Regelung bis zum Ende 2004.

So wie die Green Card zu Beginn polarisierte, gehen auch heute die Meinungen über Sinn und Zweck der Initiative auseinander. Zu den Befürwortern gehört Werner Dostal vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Dass die Green Card trotz aller Kritik bei den Unternehmen gut angekommen ist, belegen seiner Meinung nach die neuesten Zahlen. Bis heute wurde sie in 12875 Fällen für die erstmalige, in 4020 für die erneute Beschäftigung (Arbeitgeberwechsel) und in 1719 Fällen für die Fortsetzung der Beschäftigung erteilt.

Schwierige Integration

Bis Ende November wurden 17775 Green Cards bewilligt. Der Arbeitsmarktexperte: "Damit ist die Schallmauer von 20000 Visa doch fast erreicht." Dostal räumt allerdings ein, dass die Integration der ausländischen IT-Profis mehr Probleme aufgeworfen habe als erwartet. So seien viele Unternehmen gezwungen gewesen, für die Betreuung der Green-Card-Kollegen zusätzlich Mitarbeiter abzustellen. Interessant findet Dostal, dass vor allem indische Greencardler, die die Lizenz in besonders großer Zahl erworben hätten, Deutschland oft bald wieder verlassen hätten. "Auch wenn es möglicherweise nicht von Anfang an geplant war, verdichtet sich der Eindruck, dass einige Inder als Pfadfinder oder gar Akquisiteure für indische Outsourcer gewirkt haben."

Bitkom-Referent Pfisterer sieht die vergangenen fünf Jahre für Unternehmen und ausländische IT-Experten gleichermaßen als gute Erfahrung. Die hochqualifizierten IT-Profis hätten die Wettbewerbssituation der Branche verbessert: "Selbst in einem regressiven Arbeitsmarkt benötigen wir in einer international aufgestellten Industrie wie der IT Green-Card-Inhaber. Sie bringen das Technologie-Know-how aus dem Ausland mit, kennen sich mit internationalen Projekten und unterschiedlichen Kulturen aus und sind zumeist zweisprachig." Diese Kompetenzen seien gerade für Outsourcing- und Offshoring-Projekte überaus wichtig. Pfisterer ist - im Gegensatz zu manchen Medienberichten - überzeugt, dass Green-Card-Inhaber nicht überdurchschnittlich häufig arbeitslos geworden sind: "Natürlich konnten Unternehmen sie nicht mehr weiter beschäftigen, wenn die Aufträge verloren gingen. Das gilt aber für deutsche IT-Profis genauso."

Jens Borchers, technischer Leiter bei der Case Consult CC GmbH in Wiesbaden, wiederum hat die ganze Green-Card-Initiative von jeher kritisch gesehen und fühlt sich heute bestätigt. Seiner Meinung nach haben die Voraussetzungen von Anfang an nicht gestimmt. Weder sei - anders als von einigen Lobbyisten dargestellt - die Personalknappheit auf dem deutschen Markt wirklich so groß gewesen, noch hätten die ausländischen IT-Kollegen so ohne weiteres eingesetzt werden können. Borchers: "Warum holt man indische oder chinesische Hightech-Spezialisten nach Deutschland, anstatt sie in ihrer eigenen Heimat arbeiten zu lassen?" Seiner Meinung nach sind die Sprach- und Integrationsprobleme völlig unterschätzt und die Leistungen der Greencardler oftmals überschätzt worden. Wer gehofft hatte, fachliche Unterstützung beispielsweise bei der Geschäftsprozessoptimierung zu erhalten, sei schlichtweg blauäugig gewesen. Die meisten ausländischen Computerfachleute hätten nur als reine Programmierer eingesetzt werden können. Deshalb sei die Euphorie in vielen Unternehmen rasch der Ernüchterung gewichen.

Bei Case Consult dagegen geht, so Borchers, die Zusammenarbeit mit indischen Greencardlern reibungslos über die Bühne: "Wir sehen ihren Einsatz nicht ideologisch, sondern pragmatisch. Für unsere Dependance in Indien sind Kollegen, die hierzulande tätig waren, wichtig." Dass ausländische IT-Profis hier möglicherweise Offshore-Aufträge zugunsten von Anbietern in ihren Heimatländern vorbereiteten, kann sich der Berater nicht vorstellen: "Das funktioniert aufgrund der historischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen höchstens in den USA oder vielleicht noch in Großbritannien. Deutsche Kunden - und das gilt für ganz Kontinentaleuropa - wollen nach wie vor in ihrer Sprache und nicht in Englisch bedient werden."

Zu den indischen Computerfachleuten, die bei Case Consult arbeiten, gehört Timu Thomas. Der 29-Jährige ist seit September 2000 als Projektleiter und Softwareentwickler für das Unternehmen tätig. Bevor er mit einer Green Card nach Deutschland kam, war Thomas bei der indischen Tochterfirma beschäftigt. Dorthin wird er wohl auch zurückkehren, wenn seine Arbeitserlaubnis im August nächsten Jahres ausläuft. "Und zwar mit jeder Menge Erfahrung im Gepäck", bilanziert Thomas. Schließlich habe er in den vergangenen Jahren nicht nur die Forderungen der Kunden, sondern auch die deutsche Kultur und die Mentalitätsunterschiede kennen gelernt. Thomas: "In der Muttergesellschaft zu arbeiten bringt einschließlich des besseren Gehalts nur Vorteile mit sich." Er betrachtet die Jahre in Deutschland als wichtigen Meilenstein für seine weitere berufliche Zukunft.

Wie aber sieht die Situation der Green-Card-Inhaber insgesamt aus? Laut einer Untersuchung des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarktforschung waren bei der Arbeitsagentur München zwischen August 2001 und November 2002 knapp sieben Prozent der dortigen 1500 IT-Experten mit Green Card zumindest einmal arbeitslos gemeldet. Die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) hat festgestellt, dass im vergangenen Jahr eine große Zahl arbeitsloser ausländischer IT-Profis aus der Statistik verschwunden ist - wahrscheinlich, weil sie Deutschland verlassen haben.

Fest steht nur, dass eine ganze Reihe der Spezialisten, die mit der ersten Green-Card-Welle ins Land geholt wurden, in den vergangenen Jahren entlassen wurden. Nicht selten gehörten sie zu den ersten, die bei Firmenpleiten ihre Kündigung erhielten. Beim Arbeitsamt indes haben sich nur wenige gemeldet. Heinrich Dauer, Vermittler in der Münchner Arbeitsagentur: "Dass viele Green-Card-Besitzer Arbeitslosengeld beziehen, ist eine Erfindung mancher Zeitungen." Fest steht: Von den Ängsten der in die Bundesrepublik importierten und jetzt gekündigten Greencardler dringt wegen kultureller Besonderheiten nur wenig in die Öffentlichkeit. Das gilt vor allem für die indischen Computercracks. Sie fürchten, ihr Gesicht zu verlieren, wenn sie sich beklagen, und fahren lieber nach Hause, anstatt Arbeitslosengeld zu beziehen.

Zu dieser Gruppe gehören auch Harish Shenoy aus Bihar Patna und Rama Motati aus Hyderabad. Shenoy liebte München und seinen Job als C++-Entwickler bei dem Halbleiterhersteller Gemetec. Alles lief bestens - sein Chef war in den Medien voll des Lobes über ihn. Die berufliche Laufbahn hatte der indische Softwarecrack klar vor Augen. Fünf Jahre wollte er in Deutschland, danach ein oder zwei Jahre in England arbeiten und später mit neuem Know-how und Sprachkenntnissen nach Indien zurückkehren. Doch die Wirtschaftsflaute ließ seine Träume platzen. Vor ein paar Monaten wurde der indische Entwickler entlassen und fand in Deutschland keinen neuen Job. Ähnliches kann der Java-Experte Rama Motati berichten. Bis Dezember 2002 war er bei einem kleinen Consulting-Unternehmen in Mannheim tätig. Auch sein Vertrag wurde wegen schlechter Auftragslage nicht verlängert. Um seine Deutschkenntnisse weiter zu verbessern und sich über die Open-Source-Szene kundig zu machen, arbeitete er noch ein halbes Jahr für ein Münchner Softwareunternehmen als Praktikant. Beide haben Deutschland mittlerweile verlassen - beide hatten sich die Sache anders vorgestellt. (iw)