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07.07.2000 - 

IT-Arbeitsmarkt

Green Card: Erwartungen der ausländischen Profis

Nicht Geld, sondern die Aussicht, bei den neuesten technologischen Entwicklungen mitzumischen, lockt ausländische IT-Experten ins Hightech-Land Deutschland.Von Veronika Renkes*

Das Green-Card-Angebot der Bundesregierung weckt ganz offensichtlich das Interesse ausländischer Computerspezialisten an einem Job im Hightech-Land Deutschland. Die meisten Bewerber stammen aus Indien und Osteuropa. Bei der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) in Bonn gingen bisher zirka 6899 Bewerbungen aus rund 60 Ländern ein. Mit 1423 Bewerbungen steht Indien an der Spitze. Danach folgen Algerien (579), Pakistan (572), Bulgarien (396), Russland (373), Rumänien (230), Ungarn (195), Ecuador (186), die Türkei (133) und - was die Experten besonders erstaunt - die USA (98). Was motiviert die ausländischen IT-Experten, nach Deutschland zu kommen, wo doch in den USA sowohl das kulturelle Umfeld als auch der finanzielle Anreiz wesentlich größer sein sollen?

Die Erwartungen der neuen Gastarbeiter scheinen recht unterschiedlich zu sein: Eines der Motive beschreibt ein offener Brief indischer Unternehmer aus dem kalifornischen Softwareparadies Silicon Valley an Bundeskanzler Gerhard Schröder Mitte Mai dieses Jahres. Die Adressaten verweisen darauf, dass indische Ingenieure und Unternehmer den Aufstieg des Silicon Valley zu einem führenden Zentrum der New Economy entscheidend beeinflusst haben. Gastarbeiter aus Indien auf Zeit anzuwerben sei keine sehr intelligente Lösung, um die dringend benötigten kreativen Köpfe anzusprechen. Unternehmer und technische Experten aus Indien könnten neue Firmen aufbauen, Lehrstühle sponsern und die Universitätsforschung fördern. Das Ergebnis könnte ein weltweiter Brain Trust sein, dessen geografischen Grenze irrelevant seien und der sich von Bangalore über Berlin bis nach San Jose erstrecken könne, werben die selbstbewussten Inder für ihre Landsleute.

Wie der kontinentübergreifende Transfer in der Praxis aussehen könnte, zeigt das Beispiel der im Herbst 1999 gegründeten Mastek GmbH in Villingen-Schwenningen. Die Geschäftsidee des zum indischen Softwarekonzerns Mastek Ltd. mit Sitz in Mumbai gehörenden Unternehmens: dem deutschen Markt Entwicklerkapazitäten in Indien anzubieten. Seitdem pendeln junge Inder zwischen den Welten, um deutschen Firmen Softwarelösungen zu schneidern. Ganz offensichtlich ein lohnendes Geschäft: Immerhin ist das deutsche Tochterunternehmen nach Angaben seines Geschäftsführers Karl-Heinz Jauch auf dem besten Weg, bereits im ersten Geschäftsjahr einen Umsatz von 4,9 Millionen Mark zu erwirtschaften.

Das deutsche Team bildet die Schnittstelle zwischen den Kunden vor Ort und den Entwicklern in Indien. Für die hiesigen Kunden stehen 60 indische Experten bereit. Je nach Bedarf fliegen etwa zehn Entwickler nach Deutschland, arbeiten sich beim Kunden in die Problematik ein, produzieren in Indien die Software, die sie dann wieder in Deutschland beim Kunden implementieren und testen. Verbunden sind die Standorte durch das Internet sowie ein Netzwerk aus Standleitungen. Mit dem Kunden wird, falls notwendig, über ein Videokonferenzsystem kommuniziert.

Mangelndes Wissen über indische KulturFür das im Schwarzwald angesiedelte Unternehmen arbeitet der 25-jährige Systemanalytiker und -entwickler Milind Joshi. Alle drei Monate kommt er für etwa zwei bis acht Wochen in die Bundesrepublik. Seine Motivation: die neuesten und besten Technologien einzusetzen und bei interessanten Projekten mitzuarbeiten. Eines der größten Probleme sieht er allerdings in der Kommunikation mit den Kollegen vor Ort. Fehlende Englischkenntnisse und so gut wie kein Wissen über die indische Kultur führten oft zu Missverständnissen. So sei es zum Beispiel eine typisch indische Einstellung, höflich gegenüber dem Kunden zu sein und alle Wünsche zu akzeptieren, auch wenn sie kaum zu realisieren sind - was später große Probleme bei der Umsetzung hervorrufen kann.

An Deutschland gefällt dem Systemanalytiker, dass die Projekte gut geplant und systematisch umgesetzt werden. Zu seinem indischen Lohn erhält er für seine Aufenthalte in Deutschland weitere finanzielle Zulagen. Reise- und Unterbringungskosten bezahlt Mastek.

Etwas anders liegen die Motive des 52 Jahre alten IT-Managers Jayant Barve aus Mumbai. Den in Indien und den USA ausgebildeten Softwarespezialisten interessieren neue Technologien und eine hohe intellektuelle Herausforderung, die selbstverständlich auch finanziell interessant sein muss. Barve möchte für ein Unternehmen arbeiten, das "eine Vision hat und eine genaue Vorstellung davon, wie diese durchzusetzen ist". Zudem möchte er nach Deutschland kommen, um Geschäftskontakte für sein eingenes Unternehmen zu knüpfen, das er in Indien aufbauen will.

Den Know-how-Transfer ins eigene Land zu forcieren und dadurch seinen Arbeitgeber zu unterstützen oder gar den Sprung in die Selbständigkeit zu wagen - das ist auch nach den Erfahrungen von Professor A.N. Sadhu vom Indian Institute of Technology der Hauptgrund für die indischen IT-Experten, sich auf die Wanderschaft ins ferne Deutschland zu begeben: "Die indischen Profis locken die längerfristigen Perspektiven. Sie wollen durch eine - auch zeitlich befristete - Tätigkeit in Deutschland ihren Marktwert in Indien erhöhen."

Wissen für spätere Karriere im Heimatland aneignenIhnen sei bewusst, so der Insider, dass Europa und vor allem Deutschland der größte Nachfragemarkt für IT-Dienstleistungen und Produkte ist. Dabei seien die persönlichen beruflichen Ziele sehr stark mit der Strategie der indischen Regierung verknüpft, ihr Land an die IT-Weltspitze zu katapultieren. Das sei aber nur möglich, wenn es gelinge, in diesem Nachfragemarkt Fuß zu fassen. Jeder Inder, der mit einer Tätigkeit hierzulande Kompetenzen für den deutschen Markt erwirbt, wird damit für seinen künftigen indischen Arbeitgeber zum potenziellen Türöffner. Oder er erwirbt damit die Qualifikation, in Indien ein eigenes, auf die Nachfrage des deutschen Marktes ausgerichtetes Unternehmen zu etablieren.

Ähnliche Motive treibt chinesische IT-Experten dazu, sich nach Deutschland zu begeben - zumindest die vier Chinesen aus der Provinz Xi?an, die seit drei Monaten bei Colt Telecom in Frankfurt arbeiten, um sich hier das Wissen für eine spätere Karriere in ihrem Heimatland anzueignen. Nach Deutschland gekommen sind sie mit dem bisher üblichen Anwerbeverfahren über die Darmstädter Unternehmensberatung Corpo-rate Consult Neue Medien GmbH. Einziger Stolperstein in diesem Verfahren war die deutsche Botschaft in Peking, berichtet Rainer Neumetzler von Corporate Con-sult Neue Medien. Diese habe zunächst versucht, die Anträge für ein Ausreisevisum auf die lange Bank zu schieben. Nachdem jedoch der damalige deutsche Außenminister Hans Dietrich Genscher eingeschaltet worden sei, sei alles sehr schnell über die Bühne gegangen.

Die Darmstädter wollen die ausländischen Experten auch in Zukunft mit Hilfe der alten Regelung ins Land holen. "Die Green-Card-Regelung geht davon aus, dass sich ein Ausländer bei einer deutschen Firma bewirbt und nur da-rauf wartet, dass er kommen darf." Der Bedarf an ausländischen Experten sei zu hoch, um ihn allein mit der Green-Card-Regelung abzudecken.

Der 27 Jahre alte Softwareingenieur und Systemanalytiker Sun Hao arbeitet bei Colt Telekom und beschäftigt sich dort mit E-Commerce und der Systemadministration. Ihn interessiert, wie deutsche und europäische Unternehmen funktionieren, wie die Menschen denken und worin die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der europäischen und der chinesischen Kultur liegen. Mit seinen deutschen Kollegen möchte er gern kooperativ und offen zusammenarbeiten. Ausschlaggebend für die Wahl des Unternehmens waren für Sun Hao die interessante Aufgabe, die neuen Technologien, ein gutes Weiterbildungsangebot, ein angemessener Lohn und eine Tätigkeit, die seine berufliche Entwicklung fördert.

Ähnlich sieht das auch sein Kollege, der 24-jährige Softwareingenieur Xian You Ye, der in Schanghai studiert hat. Mit seiner Vorliebe für deutsche Philosophie und Literatur interessieren ihn besonders die Unterschiede zwischen Deutschen und Chinesen in der technikgestützten Kommunikation und Interaktion. Eine gute Bezahlung ist für ihn zwar wichtig, aber noch entscheidender ist es zu erfahren, wie sich in Deutschland und in Europa die Informationstechnologien entwickeln - auch um in China später vielleicht einmal selbst ein Unternehmen auf die Beine zu stellen.

Der Vorteil der Chinesen: sehr gute mathematische Kenntnisse aus der Schule und eine praxisorientierte Universitätsausbildung. Bereits während des Studiums arbeiten sie an großen Forschungsprojekten mit und stecken somit viele deutsche Absolventen locker in die Tasche, meint Neumetzler. Colt Telekom rekrutiert vor allem chinesische Internet-Spezialisten. Die Mitarbeiter werden zuvor auf die andere Kultur vorbereitet. Dazu gehören auch ganz praktische Dinge wie der Umgang mit Behörden und Vermietern, das Anmelden eines Telefonanschlusses oder die unterschiedlichen Essgewohnheiten oder Tischsitten. Deutschland sei bei den Chinesen sehr beliebt. Hierzu trügen auch die typisch deutschen Tugenden wie Ordnung, Sauberkeit, Zielstrebigkeit und Schnelligkeit bei.

Die ausländischen Fachkräfte werden überwiegend zum Programmieren und in der Projektarbeit eingesetzt. Die Chinesen wollen Organisationsstrukturen kennen lernen und sehen, wie das kapitalistische System in Deutschland funktioniert. Wenn sie nach China zurückkehren, können sie sich dort als begehrte Experten in der Regel einen Job aussuchen. Ein Argument, das oft genannt werde, sei: "Ich will etwas für mich und mein Land tun."

China sei heute, weiß Neumetzler zu berichten, sehr gut mit neuesten Informationstechnologien ausgerüstet. Was fehle, sei vor allem das Know-how, wie ein Unternehmen organisiert und aufgebaut sein muss und wie man Profit mit den neuen IT-Strukturen machen kann. Um sich dieses Wissen anzueignen, sollten die Chinesen zwei bis maximal fünf Jahre in Deutschland bleiben. Ein Nachzug der Familien oder Ehepartner ist nicht vorgesehen. Die Darmstädter empfehlen, die ausländischen Kollegen genauso zu bezahlen und zu behandeln wie die deutschen Mitarbeiter, sonst gebe es Unruhe im Unternehmen. Eine persönliche Betreuung, die über den Betrieb hinausreiche, sei notwendig.

Etwas andere Pläne als seine indischen und chinesischen Kollegen verfolgt der 30-jährige Moskauer Physiker Eugen Arseev, der über den Münchner Personaldienstleister Globojob im Rahmen der Green-Card-Regelung einen Arbeitgeber in Deutschland sucht. Zurzeit ist er als Entwickler und Programmierer für ein Telekommunikationsunternehmen in Dzerzhinsk tätig. Seine besonderen Fähigkeiten liegen in der Java- und Visual-Basic-Programmierung. Arseev will vor allem seine Qualifikationen verbessern und gutes Geld verdienen. Das Gehalt und die Qualität des Weiterbildungsangebotes sind deshalb wichtige Entscheidungskriterien für die Wahl seines künftigen Arbeitgebers. Zudem möchte er seine Frau und seinen einjährigen Sohn nach Deutschland mitbringen. Der Physiker könnte sich sogar vorstellen, sich für längere Zeit in Deutschland niederzulassen.

Neben den ausländischen IT-Experten und IT-Unternehmen hofft aber noch eine ganz andere Gruppe von der Green-Card-Initiative der Bundesregierung zu profitieren: Derzeit schießen kleine Startups wie Globojob, die den IT-Unternehmen interkulturelles Training oder Hilfestellung bei der Anwerbung und Betreuung ausländischer Experten anbieten, wie Pilze aus dem Boden.

Ein Service, bei dem sehr viel Fingerspitzengefühl gefragt ist. Denn wenn man nicht gelernt hat, durch die "Brille der Kandidaten zu schauen, scheitert das Anwerbeprojekt", so die Erfahrungen von Roman Hummelt, Geschäftsführer der Unternehmensberatung IMC International Management Consultants aus Berg am Starnberger See.

Seit über 15 Jahren berät Hummelt deutsche Unternehmen, die in Ost- und Mitteleuropa Fach- und Führungskräfte suchen oder dort Geschäfte entwickeln wollen. Zu häufig redeten die Gesprächspartner beim Recruiting aneinander vorbei, und die unterschiedlichen Erwartungshaltungen würden nicht klar formuliert.

So sei die Arbeitswelt der russischen Informatiker und Programmierer zum Beispiel in Instituten aus dem ehemals militärischen Bereich immer noch sehr hierarchisch geprägt. Auch in den New-Economy-Unternehmen seien Management-Mentalität und Personalführungskultur sehr viel anders als in Deutschland. Ohne ein halbjähriges interkulturelles Coaching durch erfahrene Psychologen würden viele Kandidaten nach den ersten sechs Monaten "das Handtuch werfen". Auch die Sprachprobleme stellen sich nach seiner Erfahrung als weitaus gravierender dar als landläufig angenommen. Nicht immer ist ein aktiver englischer Wortschatz vorhanden, Deutsch sprächen nur die wenigsten.

Hinzu komme, dass die Informatiker in ihren Heimatländern meist zu den etablierten Gesellschaftsschichten gehören. In Deutschand angekommen, sähen sie sich jedoch mit Vorbehalten, Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzungen konfrontiert. "Auf diesen Kulturschock müssen wir sie erst vorbereiten", meint Hummelt. Hierbei helfen unter anderem Rollenspiele und Hintergrundinformationen über das tatsächliche Leben in Deutschland. Dabei geht es auch darum, die Vorstellungen von der zunächst als attraktiv angesehenen Entlohnung zurechtzurücken. Wenn jemand in der Ukraine 1000 Dollar bekommt, ist er dort der König. Mit geringen Lebenshaltungskosten, Steuern und Sozialabgaben können die IT-Experten sich in ihren Heimatländern einen recht hohen Lebensstandard leisten und sind gesellschaftlich angesehen. In Deutschland lockt zwar in der Summe ein höheres Gehalt, jedoch sind die Miete und die Lebenshaltungskosten wesentlich höher, zudem müssen Steuern und Sozialabgaben gezahlt werden. Der Traumjob entpuppt sich dann als nur durchschnittlich. Die in ihrer Heimat Privilegierten haben plötzlich den gleichen Lebensstandard wie der deutsche Durchschnittsbürger - mit dem großen Nachteil, Ausländer zu sein. Die Konsequenzen daraus: Die guten Leute aus Ost- und Mitteleuropa wollen in der Regel ihr Heimatland gar nicht verlassen, beschreibt Hummelt die schwierige Aufgabe, geeignete Kandidaten für deutsche IT-Unternehmen zu finden.

Seine Empfehlung an die Firmen: Neben einer sehr guten Bezahlung den neuen Mitarbeitern das Gefühl geben, dass ihr neuer Arbeitgeber eine sichere Strukur und eine Art Familienersatz bietet. Die Politik sollte den gut ausgebildeten Mathematikern und Informatikern die uneingeschränkte Möglichkeit geben, sich in Deutschland langfristig eine eigene Existenz aufzubauen. Solange dafür politisch nicht die Weichen gestellt werden, empfiehlt der Green-Card-Skeptiker, lieber Kooperationsverträge mit Unternehmen aus Mittel- und Osteuropa abzuschließen und dadurch Programmierer projektgebunden nach Deutschland zu holen. Der Vorteil für die Experten: Sie müssen ihr gewohntes soziales Umfeld nicht aufgeben. Vorteil für die Firmen: Die Stundensätze für Programmierarbeiten liegen weit unter denen in Deutschland. Zudem sichern sich die Unternehmen langfristig gesehen Entwicklungskapazitäten für die Zukunft. Positiv für die Länder Ost- und Mitteleuropas: Sie müssen nicht befürchten, dass ihnen ihre auch dort dringend benötigten Nachwuchskräfte abgeworben werden. Ein guter Kompromiss für alle Beteiligten, meint Hummelt, der am 20. Juli 2000 in der IHK-Akademie München eine Fachkonferenz für IT-Experten aus Ost- und Westeuropa zum Thema "Green Card als Patentlösung? Kooperationen zwischen Ost und West" mit Unterstützung der CW organisiert.

*Veronika Renkes ist freie Journalistin in Bonn.