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22.03.1985

Großanwender beim Tool-Einsatz - von reaktionär bis radikal

22.03.1985

Moderne Software-Technologie gehört bei bundesdeutschen Großanwendern noch längst nicht zum täglichen DV-Brot. Die Mehrheit gibt sich damit zufrieden, daß die Datenverarbeitung in ihrem Unternehmen "funktioniert". Die Einstellungen zu den Methoden und Werkzeugen des SW-Engineering spiegeln das gesamte Spektrum deutscher Unternehmensmentalität wider - sie reichen von reaktionär bis radikal.

MÜNCHEN (mer) - Der Stand der Software-Entwicklung bei den großen Anwendern in der Bundesrepublik läßt sich heute schwer verallgemeinern. Er befindet sich im Umbruch. Am einen Ende des Spektrums gibt es einige Anwender, die ihre Systeme durch Heerscharen von Codierern in der Assemblersprache zwar mit großer Sorgfalt, dennoch ohne jegliche Werkzeugunterstützung programmieren lassen. Am anderen Ende des Spektrums versuchen einige wenige Anwender mit einer allumfassenden, vollintegrierten Software-Produktionsumgebung ihre Systeme formal zu spezifizieren, maschinell zu generieren und automatisch zu testen.

Die Ersteren können als die extrem Konservativen beziehungsweise die Reaktionäre der Datenverarbeitung bezeichnet werden. Die Letzteren sind die extrem Progressiven beziehungsweise die Avantgarde der DV-Technologie. Die Masse der bundesdeutschen Anwender liegt irgendwo zwischen diesen beiden Extremen. Sie arbeiten mit höheren Programmiersprachen und setzen einzelne Werkzeuge für bestimmte Zwecke ein.

Den typischen Anwender gibt es jedoch nicht, es sei denn, man nehme den statistischen Durchschnitt des breiten Spektrums. Die Streuung der Entwicklungszustände ist denn auch relativ breit. Es lassen sich höchstenfalls Kategorien bilden: Zwischen den beiden Extremen könnten die Anwender in Konservative, Progressive und Gemäßigte gegliedert werden. Diese fünf Kategorien lassen sich - bezogen auf den momentanen Stand der Software-Technologie - einigermaßen genau beschreiben. Jedoch vollziehen sich Veränderungen in der Praxis weitaus langsamer als in der Forschung, so daß die Kluft zwischen dem Stand der Forschung und dem Stand der Anwendung ständig breiter wird.

Eine exakte Aussage über die Verteilung der Anwender in den Kategorien ist nach Meinung von Marktbeobachtern nicht möglich; hier biete sich vielmehr eine interessante und wichtige Aufgabe für die Hochschulen an.

Es stellt sich die Frage, ob es gut beziehungsweise wirtschaftlich ist, zu den Progressiven in der Datenverarbeitung zu gehören. Häufig ist das Gegenteil der Fall: Die extrem fortschrittlichen Anwender bezahlen einen hohen Preis, um die neuen Software-Technologien auszutesten. Die Konservativen sparen Geld und Zeit, indem sie warten, bis die neuen Technologien voll ausgereift sind. Aus der Sicht des Anwenders ist es also wahrscheinlich wirtschaftlicher, zu den Konservativen zu gehören.

Aber auch hier fehlt jeglicher Maßstab. Trotz einiger zuverlässiger Ansätze gibt es immer noch keine zuverlässige Meßlatte für Software-Produktivität und Software-Wirtschaftlichkeit. Sowohl Lines of Code als auch Function Points sind künstliche Maßstäbe, die ganz unterschiedlich ausgelegt werden können. Die Frage der Software-Produktivität und ihre Messung ist nach Expertenaussagen eine der wichtigsten offenen Fragen der Informatik. Mit der Quantität allein sei es nicht getan. Auch die Qualität der Software will gemessen werden.

Magere Forschungsresultate bei SW-Qualitätsmessung

Es gibt wohl kaum einen größeren Bedarf an Beiträgen der Wissenschaft als auf dem Gebiet der Produktivitäts- und Qualitätsmessung von Software. Die Forschungsergebnisse in der DV sind aber auch kaum so mager wie gerade in diesem Bereich. Statt immer neue Entwurfsmethoden und -sprachen zu entwickeln, so der Vorwurf von Kritikern, seien die Wissenschaftler aufgefordert, hier aktiver zu werden, damit die Wirtschaftlichkeit der Software-Entwicklung endlich festen Boden gewinne. Konstatiert Harry Sneed, Geschäftsführer der SES Software Engineering Service GmbH, Neubiberg: "Schließlich dürfen wir DV-Professionellen nicht vergessen, daß die Datenverarbeitung zwar immer mehr an Bedeutung gewinnt, daß sie aber in den Augen der Anwender immer noch von zweitrangiger Bedeutung ist. "

Aus der Sicht einer großen Bank oder Versicherung beziehungsweise einem Automobil- oder Chemiekonzern komme es nur darauf an, daß die Datenverarbeitung "funktioniere". Man lege keinen großen Wert darauf, zu den Pionieren der Software-Technologie zu gehören.

Auch vom Budget her gesehen habe die Datenverarbeitung immer noch nicht den Anteil, den mancher DV-Manager sich gern wünschte. Demzufolge dürfe man einen Anwender noch lange nicht aufgrund seiner Software-Entwicklungstechnik beurteilen. Dafür sei es historisch gesehen zu früh.

Auf der Fachtagung "Anforderungsgerechte Software-Entwicklung" der Gesellschaft für Informatik, Bonn, ging Sneed auf die fünf Anwenderkategorien näher ein: Die Reaktionäre unter den DV-Anwendern sind diejenigen, die neue Software-Techniken grundsätzlich ablehnen. Sie pflegen zwischen Organisatoren, Analytikern und Programmierern zu unterscheiden.

Der Organisator arbeitet ohne eine bestimmte Methodik und ohne Rechnerunterstützung. Die Pflichtenhefte sind in freier Prosaform mit einigen Begleitbildern verfaßt. Der Organisator kennt sich nur im Sachgebiet aus und hat kaum DV-Kenntnisse.

Der Analytiker fungiert als Vermittler zwischen dem sachgebietsorientierten Organisator und dem computerorientierten Programmierer. Er setzt das Pflichtenheft in Programmvorgaben um. Dies wird rein manuell gemacht, ebenfalls ohne Methodik und ohne Rechnerunterstützung.

Die Programmvorgaben sind normalerweise freiformatierte Ablaufpläne und Datenflußpläne, die mit großer Akribie gezeichnet werden. Der Analytiker weiß zwar einiges über die Datenverarbeitung, lehnt es aber ab, selbst zu programmieren.

Der Programmierer ist ein reiner Codierer. Er übersetzt die Programmvorgaben in die Assemblersprache der Zielmaschine. Der Schwerpunkt liegt hier auf der möglichst effizienten Ausnutzung der Maschinen-Ressourcen. Es wird auf jedes Byte geachtet. Mit dem Argument der Effizienz wird strukturierte Programmierung und sonstige Programmiertechnik abgelehnt.

Die Methode der reaktionären Betriebe liegt in der Kunst der Analytiker, möglichst viele verschiedenartige Diagramme zu zeichnen sowie in der Kunst des Programmierers, möglichst unverständlichen und trickreichen Code zu schreiben, der ihn natürlich für den Betrieb unentbehrlich macht. Die Produktion läuft fast ausschließlich noch im Batchbetrieb.

Akademiker sind bei reaktionären DV-Anwendern selten anzutreffen. Sie stören nur das sonst ruhige Betriebsklima. Fremde Ausbildung wird abgelehnt. Reaktionäre Betriebe neigen dazu, ihre Mitarbeiter selbst auszubilden. Im Mittelpunkt der Ausbildung steht die Assembler-Programmierung. Falls überhaupt irgendwelche Software-Werkzeuge eingesetzt sind, dann nur solche, die im Hause entwickelt wurden.

Solche Anwender leben in einer Welt für sich. Sie haben eigene Methoden, eigene Hilfsmittel und ein eigenes Vorgehensmodell, unbeeinflußt vom Software-Engineering. Erstaunlich ist, daß man trotz massiver Werbung und Beeinflussung durch die Hersteller und die Fachwelt immer noch so viele reaktionäre Anwender findet.

Wer die Aufgabe hat, die Software-Entwicklung in einem solchen Betrieb zu ändern, muß sehr behutsam vorgehen. Als erstes wäre eine höhere Programmiersprache im Zusammenhang mit der strukturierten Programmierung einzuführen. Dieser Schritt wird mindestens ein Jahr in Anspruch nehmen. Erst danach könnte eine Entwurfsmethode versucht werden.

Mit der Einführung neuer Werkzeuge muß man hier vorsichtig sein. Das effektivste Werkzeug wäre ein statischer Analysator zur Kontrolle der Programmqualität und zur Dokumentation der Programme.

Spezifikationssprachen sowie anspruchsvolle Entwurfswerkzeuge oder systematische Testwerkzeuge werden die Entwickler nur überfordern. Sie sind daher zu vermeiden. Reaktionäre Betriebe bieten eben keinen fruchtbaren Boden für Software-Produktionsumgebungen.

Die konservativen DV-Anwender lehnen neue Software-Technologien nicht grundsätzlich ab, stehen ihnen aber äußerst skeptisch gegenüber. Sie haben Angst vor den Konsequenzen. Deshalb ziehen sie es vor, sich zwar mit den Technologien zu beschäftigen, ihren Einsatz aber ständig zu verschieben. Es fehlt ihnen an Mut, sich auf eine bestimmte Methodik oder ein bestimmtes Werkzeug festzulegen.

Konservative Anwenderbetriebe unterscheiden meistens nur zwischen Organisatoren und Programmierern. Die Organisatoren kommen aus der Fachabteilung und kennen sich in der Software-Entwicklung nur oberflächlich aus.

Die Mehrzahl hat niemals eine systematische Ausbildung genossen. Ihre Pflichtenhefte sind deshalb auch nur freie Texte mit einigen Diagrammen, im Normalfall HIPO-Diagramme und Tabellen. Die Verfeinerung beziehungsweise Ausarbeitung des Fachkonzepts sowie auch sämtliche DV-technischen Entscheidungen werden den Programmierern überlassen (Abb. 1).

Ein DV-technisches Konzept beziehungsweise ein Systementwurf wird nur selten erarbeitet. Das Konzept steckt in den Programmen selbst.

Der Programmierer muß so viel von dem Sachgebiet verstehen, daß er in der Lage ist, die meistens informal und unsystematisch beschriebenen Anforderungen zu interpretieren und umzusetzen. Ein konservativer Betrieb ist also daran zu erkennen, daß die Fachkonzepte uneinheitlich, die Systementwürfe lückenhaft und die Programme unstrukturiert sind.

Ein großer Teil der Programme ist noch in der Assemblersprache codiert. Inzwischen sind aber auch die konservativen Betriebe dabei, auf eine höhere Programmiersprache wie zum Beispiel Cobol oder PL/1 umzustellen. Das Verhältnis beträgt zur Zeit etwa 20:80.

Die konservativen Betriebe sind außerdem dabei, einen großen Teil ihrer Anwendungen vom Batch- auf Online-Betrieb umzustellen. Datenbanksysteme wie IMS, UDS oder Adabas werden langsam eingeführt.

Die Methodik der Konservativen ist ein manuelles HIPO- oder ein ähnlich diagramm-orientiertes Verfahren. Baum- und Flußdiagramme werden manchmal gezeichnet; in einigen Fällen Entscheidungstabellen verwendet.

Die Programme sind weder strukturiert noch modular. Demzufolge haben konservative Firmen ein fast unlösbares Wartungsproblem. Viele konservative Anwender benutzen aber die normierte Programmierung als Rahmen für ihre Batchprogramme.

Getestet wird mit echten Produktionsdaten, die die Fachabteilung liefert. Dies erfolgt aber nur stichprobenweise, und so ist die Fehlerrate der Programme entsprechend hoch.

Von Werkzeugen wird nur spärlich Gebrauch gemacht. Im Einsatz befinden sich außer dem Compiler höchstens ein Bibliotheksverwaltungssystem und ein Texteditor. Es wird zwar Online programmiert, alle anderen Aktivitäten erfolgen jedoch manuell,

Junge Hochschulabsolventen werden zwar von konservativen Betrieben angestellt, aber nur so lange geduldet, als sie sich dem eingefahrenen Entwicklungsprozedere und den

nicht akademischen Mittelmanagern unterordnen. Experimente mit neuen Methoden und Werkzeugen sind verpönt. Das Management fürchtet sich vor einer Fehlentscheidung. Insofern haben junge ehrgeizige Informatiker in solchen Unternehmen einen schweren Stand.

Die Hauptprobleme der Konservativen sind zur Zeit die Einführung höherer Programmiersprachen, die Umstellung von Batch- auf Online-Anwendungen und die Wahl der geeigneten Entwurfsmethoden.

Wer Software-Engineering in einem konservativen Betrieb einzuführen hat, muß das Management dazu bringen, sich für ein bestimmtes Vorgehensmodell beziehungsweise Phasenkonzept festzulegen. Erst danach wird der Weg frei zur Einführung diverser phasenorientierter Werkzeuge. Von einer formalen Entwurfsmethodik kann hier noch lange nicht die Rede sein. Die Entwickler wären damit überfordert.

Als gemäßigter DV-Anwender gelten jene, die in der Mitte zwischen der totalen Ablehnung sämtlicher Software-Methoden und Werkzeuge und der totalen Hingabe zu einer bestimmten Software-Produktionsumgebung stehen.

Der gemäßigte Anwender befindet sich heute in einer Phase des vorsichtigen Experimentierens. Er verfolgt die Entwicklungen in der Software-Technologie mit Abstand und Skepsis. Er hat es lieber, wenn andere Anwender die angebotenen Methoden und Werkzeuge erst ausprobieren.

Auch hier ist die Unsicherheit der Führungskräfte groß, einen falschen Weg einzuschlagen. Jedoch fühlen sich die Verantwortlichen unter dem Druck der neuen Hardware-technologischen Möglichkeiten der Hersteller, der Versprechungen der Fachwelt, der zunehmenden Anforderung der eigenen Benutzer sowie der ständig steigenden Entwicklungs- und vor allem Wartungskosten gezwungen, etwas mehr auf dem Sektor der Software-Entwicklung zu tun.

Gemäßigte Anwender haben in der Regel keine genaue Trennung mehr zwischen Organisatoren und Programmierern. Sie haben nur noch Organisationsprogrammierer.

Die Fachkonzepte, die sie erstellen, sind schon halbwegs DV-gerecht. Sie verwenden HIPO-Diagramme, Funktionsbäume und Entscheidungstabellen als Darstellungstechniken. Einige befassen sich mit der Jackson-Methode, andere mit Structured Analysis oder mit SADT (Structured Analysis and Design Technique).

Das Fachkonzept wird von ihnen aber selten konsequent zu Ende gebracht. Stattdessen gleitet es einfach in den Programmentwurf über.

Da das DV-Konzept von den gleichen Leuten verfaßt wird, die das Fachkonzept erstellen, unterscheidet es sich kaum von jenem. Es stellt nur eine Verfeinerung der gleichen Entwurfstechniken dar.

Für die Programmierer steht oft ein Entwurfs-Werkzeug wie Pet/ Maestro von Softlab, Delta von der GMO oder Opus von der IBM zur Verfügung. Damit werden die Programmentwürfe erfaßt und dokumentiert.

Den Datenentwurf erstellt eine getrennte Datenbankgruppe. Dafür wird teilweise ein Data Dictionary System verwendet (Abb. 2)

Die Programme der "Gemäßigten" werden in einer höheren Programmiersprache geschrieben - normalerweise in Cobol oder PL/ 1. Der Programmrahmen dafür wird teilweise generiert.

Gemäßigte Anwender versuchen normiert und strukturiert zu programmieren, selten aber modular, weil die meisten von ihnen nicht wissen, nach welchen Regeln sie die Module bilden sollen. Die Programme sind auch nicht ganz strukturiert, weil sie nur selten kontrolliert werden. Es fehlt hier die nötige Qualitätssicherung.

Über die Qualitätssicherung wird viel gesprochen, aber es wird kaum etwas getan. Die Fertigstellung der Programme, egal in welcher Form hat immer Vorrang.

Der Test wird dem Programmierer überlassen. Meistens holt er sich Testdaten von der Fachabteilung. Nur in seltensten Fällen wird systematisch getestet. Der Endanwender ist mehr oder weniger verantwortlich für die Abnahme der Programme und damit auch für ihre Korrektheit.

Die Entwickler wissen sehr wohl daß ein hoher Wartungsaufwand folgen wird, hoffen aber, daß ihn andere tragen werden. Die Software-Manager sind generell überfordert und haben sich mit der Rolle eines Krisenmanagers abgefunden.

Gemäßigte EDV-Anwender neigen dazu, Akademiker anzustellen wissen aber nicht, was sie mit ihnen anfangen sollen. Hier offenbart sich ein Konflikt zwischen der Generation der "alten Hasen" und der Generation der jungen Hochschul- beziehungsweise Fachschulabgänger.

Bei den Gemäßigten herrscht noch die alte Garde - das ist schließlich das, was sie von den Fortschrittlichen unterscheidet - aber im Gegensatz zu den Konservativen haben "die Jungen" durchaus Chancen, sich mit ihren Ideen durchzusetzen. Immerhin geben sich die Gemäßigten nach außen offen und befassen sich durch Lehrgänge und Literatur mit den neuesten Software-Technologien.

Wer für die Einführung von Software-Engineering in einem gemäßigten Betrieb zuständig ist, sollte vor allem darauf achten, daß zwischen Fachkonzept und Systementwurf streng getrennt wird, daß beim Entwurf die Programme in Module aufgeteilt werden und daß jedes Modul für sich systematisch getestet wird.

Vorhandenen Werkzeuge sollten soweit ergänzt werden, daß es zumindest für jede Phase eine Werkzeugunterstützung gibt. Gemäßigte Anwender sind mit einem Werkzeugkasten bedient. Für eine integrierte Produktionsumgebung sind ihre Entwickler noch nicht reif.

Fortschrittliche DV-Anwender setzen sich von den Gemäßigten dadurch ab, daß ihre Software Entwicklung in größerem Maße automatisiert ist. Sie haben ein Data Dictionary System zur Koordinierung ihrer Anwendungen, eine maschinell unterstützte Entwurfsmethodik zum Entwurf ihrer Programme, ein Testsystem zum interaktiven Debugging der Programme und ein Projektmamagementsystem für die Software-Projektplanung und -überwachung. Fast alle Entwickler sind mit Bildschirmgeräten ausgerüstet und die gesamte Entwicklung einschließlich der Dokumentation findet im Dialogbetrieb statt.

Die fortschrittlichen Anwender haben aufgrund der größeren Entscheidungsfreudigkeit ihrer Führungskräfte mehr Erfahrungen mit verschiedenen Werkzeugen und Methoden gesammelt. Dafür haben sie oft einen hohen Preis bezahlen müssen. Denn nicht alles, was von der Fachwelt angepriesen wird, eignet sich für die kommerzielle Datenverarbeitungspraxis.

Das Mißtrauen gegenüber der akademischen Welt ist schon von daher nicht unbegründet. Ein zu großes Vertrauen in neue Theorien hat mancher fortschrittlichen Führungskraft die Position gekostet. Aber gerade die Auseinandersetzung mit methodischen und technischen Ansätzen, hat die fortschrittlichen Firmen weitergebracht. Negative Erfahrungen sind scheinbar unvermeidlich.

Bei den fortschrittlichen Anwendern wird schon ein Teil der Software-Entwicklung an die Fachabteilung delegiert. Dort arbeitet man mit relationalen Datenbanken und Abfrage- beziehungsweise Berichtssprachen. Es werden außerdem die ersten PC-Anwendungen realisiert, obwohl auch die fortschrittlichen Firmen Angst vor einer zu drastischen Dezentralisierung haben.

Kritik gilt vielfach noch als persönlicher Angriff

In der zentralen Datenverarbeitung wird nach dem Phasenkonzept mit unterschiedlichen Methoden für jede Phase sowie mit einzelnen Werkzeugen für verschiedene Zwecke gearbeitet. Das Fachkonzept wird gemeinsam von Organisatoren und Programmierern in einer zwar einheitlichen, aber nicht formalen Form verfaßt. Der Systementwurf enthält semi-formale Elemente wie HIPO und Jackson-Diagramme neben Pseudocode oder Struktogrammen.

Die Organisations-Programmierer realisieren die Programme in einer höheren Sprache - meistens Cobol oder PL/ 1 - und testen sie zuerst mit Hilfe von Drivers und Stubs. Anschließend werden die Programme zusammen mit Organisatoren gegen die Produktionsdaten getestet. Ein echter systematischer Test ist aber auch hier selten zu finden. Der Datenbankentwurf wird normalerweise von einer speziellen DB/DC Gruppe wahrgenommen.

Eine rudimentäre Projektplanung sowie eine zaghafte Projektüberwachung befindet sich im Ansatz. Mit der Qualitätssicherung ist man hier noch zurückhaltend. Keiner wagt es so richtig, einen anderen zu kritisieren. Kritik wird immer noch als ein persönlicher Angriff angesehen, auch bei den fortschrittlichen Anwendern.

Immerhin haben die fortschrittlichen Anwender ein offenes Ohr für neue Ideen aus der Forschung. Sie stellen hauptsächlich junge Akademiker ein und legen großen Wert auf die betriebliche Weiterbildung. Die Angst vor Experimenten auf dem Software-Sektor ist weit weniger vorhanden als bei den Konservativen und den Gemäßigten, weil die Manager sich selbst mehr zutrauen.

Fortschrittliche Anwender haben fast immer technisch versierte Akademiker in ihren Führungsgremien, im Gegensatz zu den Konservativen, die den Technikern mißtrauen. Die Fähigkeit und Offenheit der Führungskräfte, mit neuen Technologien umzugehen, ist das entscheidende Merkmal der Fortschrittlichen.

Da Software-Engineering bei den fortschrittlichen Anwendern zumindest teilweise praktiziert wird, stellt sich die Aufgabe der Methoden- und Werkzeugeinführung etwas anders dar als bei den Betrieben ohne Software-Engineering. Hier kommt es vor allem darauf an, die vorhandenen Methoden und Werkzeuge zu einer allumfassenden Software-Produktionsumgebung zusammenzuschmieden.

Dies hat sich bei einigen Betrieben aufgrund der Unverträglichkeit der eingesetzten Werkzeuge als eine fast unlösbare Aufgabe erwiesen. Es bleibt einem Betrieb, der sie lösen möchte, oft nichts anderes übrig, als die altgedienten Hilfsmittel durch neue integrierbare Werkzeuge zu ersetzen.

Radikale User liebäugeln mit SW-Produktionsumgebung

Weil dies eine schwerwiegende Entscheidung ist, bleiben viele fortschrittliche Firmen in ihrem "Werkzeugkasten" stecken und werden von gemäßigten Betrieben überholt, die gleich ein integriertes Werkzeugsystem einsetzen.

Radikale DV-Anwender sind Betriebe, die bereit sind, jede neue Bewegung in der Datenverarbeitung auszuprobieren. Zur Zeit sind sie dabei, ihre zentrale Systementwicklung abzubauen und die Entwicklung an die Fachabteilungen zu delegieren.

Sie experimentieren mit Endanwendersprachen, mit relationalen Datenbanken und mit Mikrocomputern als Entwicklungsarbeitsplätze. Die traditionelle Teilung in Organisatoren und Programmierern existiert bei ihnen kaum noch. Bei ihnen gibt es nur noch Entwickler.

Jene Entwickler arbeiten entweder mit einer sehr hohen Sprache der vierten Generation, wie zum Beispiel SQL und Natural, oder mit einer formalen Spezifikationssprache für eine automatische Programmgenerierung.

Neben den eigentlichen Entwicklern gibt es eine Vielzahl von Stabsstellen wie das Informationszentrum und die Software-Engineering-Gruppe. Die erste ist für die Betreuung der dezentralen, die letzte für die Betreuung der zentralen Entwicklung zuständig.

Radikale Anwender liebäugeln mit einer allumfassenden Software-Produktionsumgebung. Da die SPUs auf dem kommerziellen DV-Markt noch auf sich warten lassen, versuchen diese Anwender sich eine eigene aus diversen einzelnen Werkzeugen zu basteln. Dieser Versuch verleitet den "Radikalen" dazu, viel Geld für Entwicklungen auszugeben, die zu seinen eigentlichen Aufgaben nicht umittelbar beitragen.

Getragen werden sie von ehrgeizigen, jungen Informatikern, die versuchen wollen, ihren akademischen Ehrgeiz auf Kosten des Betriebes zu befriedigen.

Meistens sind solche Versuche angesichts der Komplexität der Aufgabe zum Scheitern verurteilt, weshalb die Führungskräfte bei radikalen Anwendern sehr häufig ausgewechselt werden. Die jungen Informatiker verlassen die Firmen und suchen ein neues Experimentierfeld.

Radikale Anwender zeichnen sich durch einen sehr hohen Akademikeranteil, durch relativ junge Manager und durch ihre Verbindung zu den Hochschulen aus. Einige haben ein strenges Phasenkonzept, andere versuchen es mit "Rapid Prototyping". (Bei solchen Anwendern wird probeweise versucht, systematisch zu testen.).

Für sie ist es wichtig, an der Spitze der DV-Technologie zu stehen, egal an welcher. Dabei ist es höchst fraglich, ob dies für einen Anwender überhaupt erstrebenswert ist. Anwender haben andere Ziele außerhalb der Datenverarbeitung.

Die Fortschrittsgläubigkeit der radikalen Anwender wird oft von Herstellern und Software-Häusern ausgenutzt, um ihre neuen, unausgereiften Software-Technologien auszuprobieren. Dadurch helfen diese DV-User, den Weg für die anderen zu ebnen.

Ihr Beitrag zur Förderung der Software-Technologie ist jedenfalls unbestreitbar. Ohne sie gäbe es keine Möglichkeit, Methoden und Werkzeuge in der Praxis zu erproben. Somit sind solche Anwender für die Wissenschaftler unentbehrlich.

Das Hauptproblem der radikalen Anwender ist es, ihre Fortschritte zu konsolidieren und stetig auszubauen. Wer für sie arbeitet, muß darauf achten, daß er ihre Experimentierbereitschaft nicht überstrapaziert.

Für manchen jungen Informatiker stellt sich die Frage, wozu eine solche Kategorisierung der Anwender gut sein soll. Jeder möchte natürlich an der Spitze seines Faches arbeiten und zwar nur für Betriebe, die auf ihrem Fachgebiet führend sind.

Nur das sind in der deutschen Industrie kaum 10 Prozent der Anwendungsbetriebe. Das heißt, die überwiegende Mehrzahl der Informatiker wird in Unternehmen landen, die von ihrer DV-technischen Entwicklung, von dem Stand der Kunst, so wie sie an der Hochschule mit Recht gelehrt wird, noch weit entfernt sind.

Jeden Erfolgsschritt sorgfältig konsolidieren

Sie werden sich auch mit diesem Entwicklungsstand arrangieren müssen, wenn sie nicht völlig frustriert werden wollen. Denn jeder Versuch, Entwicklungsstufen zu überspringen, ist mit großen Risiken behaftet und kann für die weitere, Karriere des jungen Informatikers schädlich sein.

Wer noch keine Werkzeuge einsetzt, muß mit einzelnen Werkzeugen beginnen. Wer aber schon mehrere Werkzeuge hat, muß diese erst integrieren. Und wer schon eine integrierte Produktionsumgebung hat, muß diese noch ausbauen. Wichtig ist der Ausgangspunkt für die Einführung weiterer produktivitätssteigernder Maßnahmen.

Jeder Erfolg muß sorgfältig konsolidiert werden. Die Einführung neuer Technologien ist ein mühseliges Geschäft. Dafür braucht der Informatiker nicht nur technisches Know - how sondern auch Geduld, Augenmaß und ein politisches Gespür für das Machbare. Wer dies nicht hat, ist gut beraten, in der Forschung zu bleiben.

Das allgemeine Problem der Übertragung von Forschungsergebnissen in die Industrie als auch das spezifische Problem der Einführung neuer Software-Technologien ist nicht neu. Hochschulen und Forschungsinstitute haben die Aufgabe, neue Techniken, Methoden, Sprachen und Werkzeuge zu entwickeln und zu erproben. Industrielle Anwender sind nur bereit, solche Techniken, Methoden, Sprachen und Werkzeuge einzusetzen, die schon weitgehend erprobt sind. Dazwischen gibt es eine nicht unerhebliche Kluft, um deren Überbrückung sich die Softwarehäuser bemühen. In den letzten Jahren ist zu beobachten, daß diese Lücke immer breiter wird.

Wissenschaft und Praxis sollten näher zusammenrücken

Die Wissenschaft entwickelt neue Technologien schneller, als die Anwender diese verdauen können. Fazit: Die Aufgabe der Software-Häuser wird immer schwieriger.

Diese Situation führt zu ständig wachsenden Kommunikationsproblemen zwischen der Forschung und der industriellen Praxis sowie zu einer immer breiter werdenden Streuung der Entwicklungsstände der Anwender.

Diesem Auseinandergehen Einhalt zu gebieten, fordert von beiden Seiten einen Kompromiß. Auf selten der Wissenschaft muß die Forschung stärker praxisorientiert sein. Informatiker müssen sich mehr mit der Soziologie der Betriebe auseinandersetzen und versuchen, die Situation und Mentalität der Anwender bei der Entwicklung neuer Software-Technologien zu berücksichtigen.

Auf Seiten der Anwender muß die Bereitschaft wachsen, Forschungsergebnisse aufzunehmen. Sie sollten aufgeschlossener und vor allem risikofreudiger werden und keine perfekten Lösungen erwarten.

Schließlich sind die Software-Häuser und Computer-Hersteller aufgefordert, mehr in der Ausarbeitung und Erprobung neuer Software-Technologien zu investieren. Sie sind es, die die Forschungsergebnisse für die Anwender "vorkauen" müssen. Dies erfordert natürlich Kosten, die sich nur langfristig amortisieren. Aber es ist inzwischen offensichtlich, daß ingenieurmäßige Software-Produktion ein kapitalintensives Unterfangen ist, das finanzielle Opfer verlangt.

Der Beitrag basiert auf Marktuntersuchungen der SES Software Engineering Service GmbH, Neubiberg.