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14.08.1986 - 

Kooperation zwischen Universitäten und Industrie zahlt sich aus:

Großbritannien wird europaweit Kl-Vorreiter

MÜNCHEN (kul) - Eine europaweite Spitzenposition hat sich Großbritannien im Bereich der künstlichen Intelligenz erkämpft. Die Schlüsselfunktion nimmt das von der Regierung geförderte Alvey-Programm ein. Bis zum Jahresende soll "AIice", ein Rechner der fünften Generation, als Prototyp fertiggestellt sein.

Im europäischen Vergleich können die britischen KI-Forscher nach Ansicht von Experten mit einem Know-how-Vorsprung von etwa achtzehn Monaten aufwarten. Die negativen Folgen des Whitehall-Reports zu Beginn der 70er Jahre scheinen somit überstanden. In der Studie wurde die Künstliche Intelligenz als totgeborenes Kind klassifiziert und es kam aufgrund dieser Beurteilung zu einer Streichung der öffentlichen Fördergelder.

Hervé Gallaire, technischer Direktor der in München angesiedelten European Computer-Industry Research Centre GmbH (ECRC), bescheinigt dem englischen Markt eine wesentlich größere Offenheit für neue Technologien, als sie in den meisten kontinentaleuropäischen Ländern anzutreffen sei. Nächster Schritt auf der Erfolgsleiter soll jetzt der technologische Anschluß an die immer noch führenden USA sein.

Kennzeichnend für die KI-Szene jenseits des Ärmelkanals ist, so Gregor von Drabich-Waechter, Geschäftsführer der Wiesbadener Brainware GmbH, die starke Präsenz innovativer Softwarehäuser und einsatzfähiger Applikationen. Besonders forciert werde die Entwicklung von Expert System Shells und von wissensbasierten Systemen, die nicht nur von einer statischen Situation ausgehen, sondern auch das Wissen verschiedener und teilweise sogar widersprüchlicher Informationsquellen integrieren.

Genau wie die Japaner messen auch die KI-Experten in Großbritannien der Parallelverarbeitung große Bedeutung bei. Im Gegensatz zum Forschungsansatz des Computerprojekts der fünften Generation in Tokio haben die Entwickler zwischen London und Edinburgh jedoch schon sehr früh auf Softwarekonzepte gesetzt, die auf die speziellen Belange der Künstlichen Intelligenz abgestimmt sind.

Als sehr förderlich für den Fortschritt der KI-Entwicklung hat sich die traditionell gute Kooperation zwischen britischen Universitäten und Industriebetrieben erwiesen: Die kommerziellen Unternehmen, so die generelle Meinung in Insiderkreisen, können durch eine solche Zusammenarbeit Personalkosten einsparen, da sie nur in sehr geringem Maße einen eigenen Forschungsstab beschäftigen müssen. Für die Hochschulen wiederum besteht die Chance, ihre Ergebnisse besser zu vermarkten und stärker auf sich aufmerksam zu machen. Resultat ist also letztlich eine Aufgabenverteilung zwischen Forschung und Marketing.

Diese Anbindung der britischen KI-Arbeitsgruppen an die Privatwirtschaft hat allerdings auch noch einen wesentlich banaleren Grund: Die Universitäten, erklärt Herve Gallaire, bekommen nach wie vor meist nur geringfügige staatliche Fördergelder. Hier springen traditionell die Industriebetriebe ein, indem sie als Geldgeber fungieren. Kritische Äußerungen, die Forschung begebe sich hierdurch in ein Abhängigkeitsverhältnis, werden von beiden Seiten heftig dementiert.

Eine zentrale Rolle in der britischen KI-Szene spielt das von der Regierung geförderte Alvey-Programm; die einzelnen Schwerpunkte des Projekts arbeiten relativ unabhängig voneinander. Auf universitärer Seite beteiligen sich neben dem Imperial College in London unter anderem auch die Hochschulen in Glasgow, Edinburgh und Cambridge. Vertreter der Industrie sind beispielsweise ICL, British Telecom, das Admiralty Research Establishment und diverse kleine High-Tech-Unternehmen.

Eine Flaggschiff-Funktion innerhalb von Alvey bescheinigt Hervé Gallaire "Alice", einem Computerprojekt der fünften Generation, das am Imperial College entwickelt wird. Der Supercomputer soll einem Bericht der Financal Times zufolge bis zum Jahresende als Prototyp fertiggestellt sein.

Im Umfeld des Projekts, so Joachim Stender, ebenfalls Geschäftsführer bei Brainware, ist auch ein starkes Entwicklungsengagement im Softwarebereich festzustellen. Besonders verweist er in diesem Zusammenhang auf die Sprache "Parlog", eine Prologversion für die Parallelverarbeitung. Der Financial Times zufolge ist geplant, die erste "Alice" Maschine auch weiterhin am Imperial College einzusetzen; eine weitere werde der Hersteller, ICL, selbst behalten.

An der Entwicklung des neuen Rechners ist auch ein mit der Universität offiliiertes Forschungsinstitut in Edinburgh beteiligt: Das Artificial Intelligence Applications Institute (AIAI) möchte "seine Alice" im eigenen Laboratorium für Parallelarchitekturen einsetzen. Ziel ist es, Vertreter aus Industrie, Bankwesen und akademischer Forschung mit dem Supercomputer so weit vertraut zu machen, daß sie neue Software testen können, berichtet die Financial Times weiter.

Als weiteres Zugpferd des Alvey-Programms nennt Joachim Stender die Forschungsvorhaben unter der Regie von Donald Mitchie am Turing Institute in Glasgow. Hier liegt der Schwerpunkt auf den induktiven und lernenden Systemen.

Innerhalb seiner Aktivitäten vertritt Mitchie einen Standpunkt, der beim Problemfeld der Softwarekrise ansetzt: Beim Design von SW-Produkten, Sprachen und Computerarchitekturen seien zu lange die Limitationen des menschlichen Gehirns vernachlässigt worden. Folglich habe die Software inzwischen einen Komplexitätsgrad erreicht, der es dem Menschen kaum noch ermöglicht, sie in den Griff zu bekommen. Ziel der nächsten SW-Generation müsse es folglich sein, eine Art "Human Window" zu schaffen.