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Siemens realisiert für die Deutsche Bundesbahn erste Testinstallation in Murnau:


03.01.1986 - 

Großer Bahnhof für elektronisches Stellwerk

MURNAU (sch) - Mit der Inbetriebnahme des ersten elektronischen Stellwerks am Murnauer Bahnhof demonstrierte die Bundesbahn ihre zukünftige Weichenstellung in Sachen Signaltechnik. Der neuen Siemens-Anlage, bestehend aus zwei redundanten Mikrocomputersystemen, sollen Testinstallationen an sieben weiteren Bahnhöfen beziehungsweise Strecken folgen.

Die am Murnauer Bahnhof aufgestellte Simis-Konfiguration (Simis: Sichere Mikrocomputertechnik) ist das Ergebnis zweijähriger Entwicklungsarbeit und löst dort nicht die Relais-Technik, sondern inzwischen völlig veraltete mechanische Anlagen ab. Auf der obersten Ebene gehören zu Simis Eingabe-Kontroll- und Interpretationsrechner sowie Anzeige- und Schnittstellencomputer. An diese Anlagen sind unter anderem die Bedienungseinrichtungen im Fahrdienstleiterraum wie Tastatur, Monitore und Drucker angeschlossen.

In den nachgeschalteten Bereichsrechnern sind die allgemeinen Betriebsbedingungen für ein Stellwerk in Form der Stellwerkslogik abgespeichert. Mittels der dort implementierten Programme und unter gleichzeitigem Zugriff auf bahnhofspezifische Daten bearbeiten die Bereichsrechner die Prüf-, Einstell-, Überwachungs- und Auslösevorgänge.

Die dritte Systemebene besteht aus den sogenannten Stellrechnern, die als Schnittstelle zwischen Stellwerk und Außenanlage dienen. Ihre Software enthält die Stell- und Überwachungslogik für sämtliche Stellelemente. Die verschiedenen Hardwaremodule korrespondieren miteinander über ein verdoppeltes Bussystem, wobei als Leitungen zu den Außenanlagen Lichtwellenleiter eingesetzt werden. Als Datenübertragungsverfahren wurde die Zeitmultiplexcodierung ausgewählt. Dabei teilt ein Zeitmultiplextelegramm vom Stellrechner dem entsprechenden Signal mit, welche Lichtpunkte anzuschalten sind. Ein zweiter Lichtwellenleiter meldet den Zustand des Signals an den Stellrechner zurück wo dann der Ist- mit dem Soll-Wert verglichen wird. Insgesamt wurden im Gleisbereich des Mürnauer Bahnhofs 76 Kilometer Glasfaser verlegt.

Um für größtmögliche Sicherheit der Anlage zu sorgen, liegen alle Bausteine in doppelter Ausführung vor. Der Fahrdienstleiter im Mikrocomputerstellwerk benötigt keine Gleisbildtafeln mehr, sondern gibt seine Befehle direkt über eine alphanumerische Tastatur ein. Zu Kontrollzwecken werden dann alle Daten vor der Weitergabe an die Rechner noch einmal auf einem Monitor angezeigt. Darüber hinaus steht dem Fahrdienstleiter ein weiteres Datensichtgerät zur Verfügung, auf dem das Gleisbild des Bahnhofs mit allen wichtigen Meldungen und Betriebszuständen in mehreren Farben dargestellt wird.

Gegenüber den bisher üblichen Relais-Stellwerken beanspruchen entsprechende Mikrocomputersysteme rund 30 Prozent weniger Platz, haben eine wesentlich weitere Reichweite, sind weniger wartungsintensiv, leichter umzubauen und werden auch von Zügen mit so hohen Geschwindigkeiten wie 250 Stundenkilometern nicht aus der Bahn geworfen. Während des Testbetriebs wird in Murnau zunächst "zweigleisig" verfahren, indem das alte und das neue Stellwerk parallel arbeiten. Und ein zusätzlich installierter Rechner soll Betriebsabläufe simulieren, um beispielsweise Konfliktsituationen häufiger und gezielter herbeizuführen und um Aufschlüsse über die Leistungsfähigkeit zu erhalten.

Bei dieser Methode lassen sich alle im Bahnhofsbereich vorkommenden Fahrstraßen unter Angabe der einzelnen Fahrwege-Elemente im Rechner speichern. Innerhalb eines Vier-Minuten-Zyklus werden mehrere Zugfahrten mit Geschwindigkeiten zwischen 30 und 250 Stundenkilometern simuliert. Wenn während des auf ein Jahr angesetzten Probelaufs ein mindestens dreimonatiger störungsfreier Betrieb erreicht und die erforderlichen Sicherheitsnachweise für die Hardware sowie die Funktionsnachweise für die Software erbracht wurden, wird das Elektronische Stellwerk - kurz ESTW - endgültig vom Bundesbahnzentralamt (BZA) abgenommen. Die Serienreife kann dem Siemens-Produkt allerdings erst zuerkannt werden, wenn sich die Anlage über einen Zeitraum von zwei Jahren als zuverlässig erweist.

Da im Bahnhof Murnau nicht alle Funktionen, die in einem Bahnhof anzutreffen sind, realisiert werden mußten, hat das BZA München ein Entwicklungssystem angeschafft, auf dem anhand eines fiktiven Bahnhofs weitere Funktionen nachvollzogen werden können. Außerdem startet die Bundesbahn ab Ende 1986 bis Anfang 1987 Tests mit weiteren fünf Stellwerken (Bahnhöfe Detmold, Springe, Essen-Kupferdreh, Overath und auf der Neubaustrecke Mannheim-Stuttgart im Raum Hockenheim). Neben Siemens kommt aber durch die Konkurrenz zum Zuge. So liefert SEL ein Stellwerk für den Bahnhof Neufahrn in Niederbayern und AEG für den Dieburger Bahnhof.