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04.11.1977 - 

Wende auf dem europäischen Datenverarbeitungsmarkt:

Großrechnermöglichkeiten von Anfang an überschätzt

Europäische Hersteller zielten in den vergangenen 15 Jahren überwiegend darauf ab, Daten möglichst dort zu verarbeiten, wo sie anfallen. Ihr Konzept war die dezentrale Datenverarbeitung auf der Basis der verteilten Intelligenz. Im Gegensatz hierzu propagierten US-Hersteller die zentrale Organisationsform der Datenverarbeitung. Die zu verarbeitenden Daten sollten an einer Zentralstelle (Rechenzentrum) gesammelt, erfaßt und verarbeitet werden. Die Verarbeitung erfolgt durch Hochleistungsrechner.

Als Folge der zunehmenden Verbreitung von Großrechnern im europäischen Raum kam es Mitte der 60er Jahre zu harten Konfrontationen zwischen diesen beiden Ansätzen, die mit dem Sieg der zentralen DV-Konzeption endete. Die MDT-Hersteller begaben sich in die Defensive, die Ära des Großcomputers begann nun auch für den europäischen Kontinent.

Zwei Gründe waren für den großen Durchbruch des universellen Großrechners maßgebend:

- Die weltweit führenden DV-Hersteller haben sich das Konzept der auf Großrechnern basierenden zentralen Datenverarbeitung zu eigen gemacht und ihre Produktion weitgehend darauf abgestellt.

- Die Manager in Wirtschaft und Verwaltung versprachen sich von der zentralen Datenverarbeitung einen größeren Informationsvorsprung und bessere Voraussetzungen für eine straffe Führung ihrer Betriebe.

Der Computer als Statussymbol

Der Anwender war seinerzeit kaum in der Lage, das Ausmaß sowie die organisatorischen, wirtschaftlichen und sozialpolitischen Konsequenzen der einsetzenden Entwicklung abzuschätzen. Der Computer wurde vielfach zum Statussymbol erhoben, und einige europäische Hersteller, darunter überzeugte Vertreter der dezentralen Datenverarbeitung, sahen sich gezwungen, den aus Amerika kommenden Trend nachzuvollziehen.

Auch die europäischen Regierungen zogen mit. Die Ende der 60er Jahre und Anfang der 70er Jahre verabschiedeten Programme zur Förderung der DV-Industrie wiesen eine erhebliche Investitionskonzentration im Bereich der großen und mittelgroßen Anlagen auf. Damit sollten die stark verzerrten Wettbewerbsverhältnisse in diesem Bereich gemildert werden.

Die Realisierung der zentralistischen DV-Konzeption stieß von Anfang an auf organisatorische Schwierigkeiten, zunehmend auch auf innerbetrieblichen und gesellschaftlichen Widerstand. Diese Dominanz der zentralen Datenverarbeitung brachte folgende Erkenntnisse:

Die zentrale Datenverarbeitung zieht eine zunehmende Zentralisierung in den Betrieben und Verwaltungen nach sich. Abteilungen und Außenstellen, deren Abhängigkeit von der Zentrale dadurch verstärkt wird, setzen sich zur Wehr und erschweren die erforderliche Umorganisation bzw. verhindern sie. Damit fehlt als erste Voraussetzung für den Erfolg des Zentralisierungskonzepts die Akzeptanz im Betrieb. Folglich können die Rechenzentren nicht in die Aufbau- und Ablauforganisation integriert werden. Sie führen ein Eigenleben, und nach heutigen Schätzungen werden nur sieben bis zehn Prozent des in den Rechenzentren produzierten Computer-Outputs ausgewertet.

Die zentrale Datenspeicherung und Datenverarbeitung wirft große Probleme bezüglich Datenschutz und Industriespionage auf, deren Dimensionen heute noch kaum überschaubar sind.

Die Möglichkeiten des Rechnereinsatzes zur Bearbeitung komplexer Sachverhalte sind erheblich überschätzt worden, vor allem Management-Informationssysteme Entscheidungsfindung im politischen Bereich, Sprachübersetzung, Mustererkennung, künstliche Intelligenz.

Es hat sich herausgestellt, daß der Großrechner einen beachtlichen Teil seiner Kapazität (CPU und Speicher) zur Selbstverwaltung braucht, soll er für ein breites Spektrum heterogener Aufgaben eingesetzt werden.

Die im Rahmen der zentralistischen DV-Konzeption ins Leben gerufenen Service-Rechenzentren für die Bedürfnisse kleinerer Unternehmen (Datenverarbeitung außer Haus) stellt sich als Übergangslösung heraus. Die Mehrheit solcher Unternehmen zieht den Erwerb eines Kleinrechners vor.

Die Leistungssteigerung im Bereich des zentralen DV-Systems auf der einen Seite und der technisch-organisatorische Stillstand im Rechnervorfeld andererseits führen zu einem Mißverhältnis zwischen Datenverarbeitung und Datenerfassung. Die den Begriff Datenerfassung begleitenden Attribute "Engpaß", "Flaschenhals", "Stiefkind" weisen eindrucksvoll auf dieses Mißverhältnis hin.

Dies alles, verbunden mit einer gewissen Marktsättigung, führte dazu, daß der Vormarsch der Großrechner ins Stocken geriet - und damit auch das Konzept der zentralen Datenverarbeitung.

Keine endgültige Abkehr vom Großrechner-Konzept

Diese Wende sollte allerdings nicht als endgültige Abkehr von der Großrechner-Konzeption, sondern als Beginn einer realistischeren Einschätzung der Möglichkeiten und Grenzen des Computers und des Marktbedarfs gewertet werden.

In den letzten Jahren konnten Hersteller von Klein-EDV-Geräten und -Systemen beachtliche Absatzsteigerungen erzielen. So erhöhten die sechs deutschen Kleinrechner-Hersteller von 1973 bis 1976 ihren Umsatz auf das Zweieinhalbfache. Das ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, daß man vom starren MDT-Konzept abging und die Produktionspalette erheblich erweiterte. So wurden in den letzten 5 Jahren folgende Geräteklassen auf den Markt gebracht:

- Datenerfassungsgeräte und -systeme mit umfangreichen Vorarbeitungsmöglichkeiten und Ausgabe auf Magnetband Magnetbandkassette oder Floppy-Disc.

- Intelligente Terminals: Leistungsfähige, universelle oder spezialisierte, programmierbare Kleinrechner mit der Möglichkeit der Datenfernübertragung bzw. der Unterstützung durch den Großrechner.

Möglich wurde diese Erweiterung durch die großen Fortschritte auf dem Gebiet der Bauelemente (z. B. Mikroprozessoren). Dadurch konnte auch das Preis-/ Leistungsverhältnis bei Kleinrechnern erheblich verbessert werden. Das breit gefächerte Angebot findet bei den Anwendern entsprechend differenzierte Nachfrage. Anders als bei den Großrechnern konnten die europäischen Hersteller mit ihren kleinen DV-Systemen eine führende Marktstellung erringen. So stieg der Anteil der europäischen Produzenten ICL, Nixdorf und Philips an den in der Bundesrepublik installierten Datensammelsystemen in drei Jahren (1974 bis 1977) von 28 auf 60 Prozent. Der Anteil der US-Firmen CMC, Inforex und MDS sank im gleichen Zeitraum von 70 auf 37 Prozent. Bezeichnend ist ferner, daß die Produktpalette der amerikanischen DV-Giganten in den letzten fünf Jahren erheblich nach unten ausgeweitet wurde (z. B. die im letzten Jahr erfolgte Freigabe des IBM-Systems/32). Diese Systeme gehören nach Aufbau und Funktionsweise in die Kategorie der Kleinrechner, die bereits von europäischen Firmen entwickelt und vertrieben werden (Philips 410 und 450, Nixdorf 8870 etc). Für die europäische DV-Industrie bedeutet das eine erhebliche Verschärfung des Wettbewerbs, auch wenn der Markt selbst größer wird.

Sicherlich haben die europäischen Hersteller durch ihre langjährigen Erfahrungen vor allem im Software-Bereich und durch ihren großen Kundenkreis in Europa eine gute Ausgangsposition. Ihre finanziellen Grundlagen sind jedoch (von Ausnahmen wie Philips und Siemens abgesehen) im Vergleich zur Konkurrenz nicht sehr stark. Dazu kommen Schnittstellen- und Kompatibilitätsprobleme.

Die Sorge, daß die Wettbewerbsverhältnisse im Groß-EDV-Bereich auf den Klein-EDV-Markt übergreifen, wächst sowohl bei den Herstellern als auch bei den staatlichen Stellen. In der Anlage zum Ausschuß-Protokoll der Europäischen Gemeinschaft vom 5. 1. 1977 heißt es: "Wir sind jetzt Zeuge, wie IBM und auch das Riesenunternehmen ITT einen ziemlich dramatischen und rapiden Vorstoß in diese neuen Märkte der dezentralen Datenverarbeitung machen. Wir haben den Kampf noch nicht verloren, aber wir können ihn verlieren."

Die Bundesregierung bemerkt im Dritten DV-Programm 1976 bis 1979: Tendenzentsprechend werden im Datenverarbeitungs-Programm die Kleinrechner und Endgeräteentwicklung sowie die Entwicklung von universellen und aufgabenspezifischen Kleinrechnern wesentlich stärker betont als bisher. Nach 1979 müssen die deutschen DV-Hersteller ohne staatliche Hilfe auskommen, denn ein Viertes DV-Programm der Bundesregierung ist bisher nicht vorgesehen.

EG-Fachleute bezweifeln im übrigen die Wirksamkeit der nationalen DV-Programme. In dem erwähnten EG-Dokument heißt es: "In der Mehrzahl unserer Mitgliedstaaten ist man sich der Tatsache bewußt, daß selbst auf diesem neuen Sektor der dezentralen Datenverarbeitung die nationalen Programme allein Europa keine Überlebenschance geben und auf längere Sicht keine leistungs- und wettbewerbsfähigere Industrie heranbilden, die auf ihren eigenen Füßen stehen kann."

*Dr. Michael Agi ist Mitarbeiter der GMD in Bonn.