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24.05.1996 - 

Interview/

"Großsysteme werden kaum noch beherrscht"

CW: Was halten Sie von Untersuchungsergebnissen, denen zufolge man Ihre Aris-Tools für die Einführung von R/3 nicht benötigt? Demnach reichen die Mal-Tools von Visio oder Micrografx vollkommen aus.

Scheer: Da gibt es einen gewaltigen Unterschied: Wir bieten eine Methodik und ein Werkzeug, das komplette Reorganisationsmaßnahmen von der Schwachstellenanalyse bis zur Einführung der R/3-Software unterstützt. Dazu sind die Geschäftsabläufe des gesamten R/3-Systems mit dem Aris-Toolset modelliert und bieten eine Ausgangslösung für ein besseres Customizing sowie eine kontinuierliche Prozeßverbesserung.

CW: Machen Sie Ihr zukünftiges Unternehmenswachstum allein vom Aris-Toolset abhängig?

Scheer: Nein, wir arbeiten an einer prozeßorientierten Standardsoftware. Mit Hilfe der Aris-Tools erstellen wir anwenderspezifische Modelle, aus denen wir direkt den jeweiligen Workflow konfigurieren können. Es wird künftig darauf ankommen, aus den Modulbibliotheken unterschiedlichster Art funktionierende Lösungen zu montieren. Dazu braucht man Montagepläne, zum Beispiel Geschäftsprozeß- und Datenmodelle.

CW: Heißt das, Sie rechnen ähnlich wie die Forrester Group damit, daß sich der monolithische Software-Ansatz ê la R/3 nicht behaupten kann?

Scheer: So weit würde ich nicht gehen, Standardsoftware-Investitionen sind bekanntlich äußerst langlebig. Aber es gibt zweifellos den Trend, daß Software in kleinere Module, Objekte oder via Internet in Applets zerlegt wird. Das ist mehr als nur eine Modewelle. Die Großsysteme werden von Herstellern und Anwendern kaum noch beherrscht. Das weiß in der Softwarebranche im Grunde jeder. Die SAP reagiert ja auch, inden sie beispielsweise Business Objects definiert.

CW: Wie wollen Sie als relativ kleines Unternehmen im hart umkämpften Softwaremarkt bestehen?

Scheer: Wir werden in die Branchen hineingehen, die offen sind für neue Konzepte. Das sind vor allem die Dienstleistungsbereiche.

CW: Warum glauben Sie, hier eine Chance zu haben?

Scheer: Für das Management von Geschäftsabläufen ist das Wissen über die Struktur der Prozesse entscheidend. Deshalb kommen wir über Referenzmodelle und die Modellierung in den Markt hinein und bieten Unternehmen die Chance, ihre Abläufe besser zu kontrollieren. Aus den Geschäftsmodellen heraus können wir auf der Workflow-Ebene die Prozesse gene- rieren und anstoßen. Projektsteuerungssoftware und Prozeßkostenrechnung sorgen für die Wirtschaftlichkeit. Und schließlich bieten wir auch Softwarelösungen für die Ausführungsebene.

CW: Das klingt, als verfolgten Sie ein neues Standardsoftware-Paradigma.

Scheer: Die Standardsoftware hat sich zu sehr in die algorithmenintensiven Bearbeitungsprozesse eingegraben. Unser Ansatz ist es dagegen, das Wissen über die Abläufe zu sammeln, zu modellieren und zu bewerten. Sind wir zufrieden, werden die Ergebnisse an unsere oder eine andere Workflow-Engine weitergegeben, die die weitere Ausführung übernimmt. Die Realisierung erfolgt in Form diverser Softwarekomponenten.

CW: Ihre Zielmärkte haben mit Ihrem Traditionsgeschäft, der Fertigung, nichts zu tun.

Scheer: Das ist uns bewußt. Wir beobachten aber eine Art Industrialisierung der Dienstleistung. Die Industrie hat von jeher Erfahrungen darin, wie man Abläufe beherrscht. Wir wollen unser Wissen aus der Fertigungssteuerung auf Versicherungen etc. übertragen.

CW: Geht es Ihnen nicht eher darum, mit Ihrem vorhandenen Produktspektrum einen neuen Absatzmarkt zu öffnen?

Scheer: Nein. Die Frage ist doch, warum die Materialtransformations-Prozesse in den Fabriken beherrscht werden und die Informationstransformations-Prozesse in den Büros mehr oder weniger locker nebenher laufen. Traditionell ist das begründbar, weil die Auslastung der Maschinen aus Kostengründen absolut vorrangig war. Jetzt hat man die Probleme aber in den Bürobereichen. Es ist legitim und vernünftig, zu überlegen, ob man die erfolgreichen Methoden aus der Fertigung nicht in diese Bereiche übertragen kann.

Mit August-Wilhelm Scheer, Professor am Institut für Wirtschaftsinformatik der Universität Saarbrücken und Gesellschafter der IDS Prof. Scheer GmbH, Saarbrücken, sprach CW-Redakteur Heinrich Vaske.