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08.08.1997 - 

Thema der Woche/Standardsoftware erscheint Anwendern als bester Lösungsweg

Großunternehmen zeigen sich beim Jahr-2000-Problem gelassen

Über eine äußerst heterogene DV-Umgebung, die in 35 Jahren gewachsen ist, verfügt die Zahnradfabrik Friedrichshafen. Laut Peter Craus, Leiter der Informatik, sind neben Mainframes von Comparex und IBM Betriebssysteme wie MVS, VM, VSE sowie eine ausgedehnte Client-Server-Welt im Einsatz. Bei den Programmiersprachen zeige sich eine ähnliche Vielfalt: PL/1, Fortran, Cobol und C sind nur einige davon.

Die Datumsumstellung und die Einführung des Euro sind für Craus zwei Paar Schuh. Was den Datumswechsel betrifft, sehen er und seine rund 400 DV-Mitarbeiter bereits seit Jahren bei Neuentwicklungen vierstellige Jahreszahlen vor. Umfangreiche Analysen und die Suche nach Tools setzten dann im vergangenen Jahr ein. Aufgrund längerfristiger Planungsvorläufe ist die Zahnradfabrik nicht erst seit gestern mit dem Jahr-2000-Problem konfrontiert. Schon vor einiger Zeit wurden erste Anpassungen vorgenommen. Aber erst zum Herbst dieses Jahres gibt es eine Geschäftsplanung, in der die bisherigen Erfahrungen für weitere Projekte genutzt werden sollen. Zusätzlicher Personalbedarf entstehe dabei nicht.

Probleme bei der Hardware erledigen sich durch den beschleunigten Wechsel von der Host- in eine Client-Server-Umgebung von selbst. Im Bereich der Betriebssysteme hofft man auf neue Releases und bei der Anwendungssoftware auf R/3 von SAP.

Die Neuorganisation ganzer Geschäftsbereiche hat laut Craus nicht unmittelbar mit der Euro- und der Jahr-2000-Problematik zu tun. Zwar wachse durch diese Themen der Veränderungsdruck, aber "auf einer neuen organisatorischen Schiene sind wir unabhängig vom Jahr 2000". Ziel muß es jetzt sein, diese Neuorganisation "soweit wie möglich in den nächsten drei Jahren voranzutreiben". Wo die Zeit fehle, müsse dann eine Eins-zu-eins-Umstellung erfolgen.

Eine Umgestaltung der internen Betriebssstrukturen und eine umfangreiche Softwarebereinigung mit gleichzeitiger Standardisierung will der Frankfurter Anlagenbauer Agiv vornehmen. In der Unternehmensgruppe mit etwa 4000 Angestellten finde sich in der DV-Umgebung bei der Soft- und Hardware laut Werner Simon, zuständig für die Konzernentwicklung, "so ziemlich alles, was man sich vorstellen kann". Ziel sei es nun, auf dem Weg von den Eigenlösungen hin zu R/3 schnell und sicher voranzuschreiten. Das erste, vor einem halben Jahr begonnene Projekt wurde - anders als bei den anderen befragten Unternehmen - "im Zuge der Euro-Diskussion gestartet", wobei auch das Jahr-2000-Thema mit auf den Tisch kam. Zwar habe die Agiv mittlerweile die Inventarisierung abgeschlossen und die Aufgaben an die einzelnen Abteilungen verteilt, aber die Zeit werde dennoch knapp. Ein Problem, "auf das stärker hingewiesen werden sollte", sieht Simon in diesem Zusammenhang in einem Mangel an Analyse- Tools. Seine Mitarbeiter entwickelten zum Teil selbst, suchten zugleich aber immer noch die richtigen Tools für die Datumsumstellung auf dem Markt, ohne bisher fündig geworden zu sein.

Um mehr Kapazitäten freizusetzen, beginnt die Agiv in diesem Sommer ein weiteres Projekt, in dessen Rahmen die bisherigen sechs Rechenzentren zusammengelegt und die eigene Dienstleistungstochter in die DV-Abteilungen integriert werden soll. Auch Outsourcing-Maßnahmen gehören dazu. Das Verhältnis von externer und interner Hilfe liege bei fünfzig zu fünfzig. Mehrarbeit falle auch deshalb an, weil gleichzeitig mit den Umstellungen Data-Warehouse-Projekte anliefen.

Eine vergleichbare Strategie zur Lösung des Datumsproblems verfolgt der Baustofflieferant Hebel AG. Reinhard Pöhlmann, DV-Leiter der Werke Emmering und Stulln, berichtet, daß sich die Leitung der Holding entschieden habe, in allen elf Werken R/3 einzusetzen, um damit "mit einem Schlag die Probleme mit dem Jahr 2000 los zu sein". Bisher hatte man auf zwei AS/400-Maschinen viele Eigenentwicklungen sowie spezielle betriebswirtschaftliche Lösungen verschiedener kleinerer Softwarehäuser zu verwalten gehabt. Diese Applikationen sollen nun komplett ausgetauscht werden, da sie beispielsweise über keine grafische Benutzeroberfläche verfügen, zu viele Schnittstellen besitzen und ihre Integration schwierig ist. Insgesamt stehen etwa 25 Mitarbeiter für die anfallenden Arbeiten zur Verfügung. Diese hatten sich zum Jahresbeginn in Teams aus verschiedenen Abteilungen und Werken zusammengestellt und die Aufgaben in Bereiche wie Personalwirtschaft, Vertrieb oder Finanzbuchhaltung modularisiert. Insgesamt soll sich die Zahl der Projekte bis 1998/99 auf sechs belaufen, die Kosten allein für die Implementierung werden auf mindestens 15 Millionen Mark geschätzt.

Optimistisch gibt sich die DV-Mannschaft der Münchner Hilti-Gruppe, zu der fünf Unternehmen mit Branchenschwerpunkt Befestigungs- und Abbautechnik gehören. Auch hier werden die Vorgehensweisen bei der Euro-Einführung und Jahrtausendumstellung klar voneinander getrennt. Die DV-Landschaft ist heterogen und besteht aus CMOS-Mainframes von IBM und einer Client-Server-Umgebung. Der Bereichsleiter der Informatik, Michael Sohns, arbeitet mit seiner Projektgruppe seit November 1996 gemeinsam mit einer Beraterfirma an der Umstellung von in der Entwicklungsumgebung Natural sowie in Cobol und Assembler geschriebenen Anwendungen. Nachdem Regeln und Prioritäten definiert wurden, ermittelten die Analyse-Tools, daß etwa 80 bis 90 Prozent des Cobol-Codes und 40 Prozent des Natural-Codes betroffen sind. Dennoch stellt sich das Problem 2000 für die nächste Zeit als "ein rein technisches DV-Projekt" dar, das zu bewältigen ist und auch dazu dienen kann, "alte Zöpfe abzuschneiden". Was die Arbeiten kosten werden, konnte Sohns noch nicht genau abschätzen, "aber das sind sicherlich einige Mannjahre".

Die Umstellung auf den Euro hingegen basiert laut Sohns auf strategischen Entscheidungen der Politik und damit der zuständigen Fachbereiche im Unternehmen. "Da werden wir fremdgesteuert. Wir wollen deshalb beide Problematiken nicht miteinander verknüpfen." Eine genaue Planung und Vorgehensweise hänge zudem mit dem "Leidensdruck" durch Kundenanfragen und der Ausrichtung des Betriebes zusammen. "Wir sind unter dem Zwang, schnell zu reagieren, da wir nicht genau wissen, wann und wie der Euro kommt." Dennoch glaubt er, daß Großunternehmen und seine Branche "wohl keine Probleme mit der rechtzeitigen Währungsumstellung haben werden".

Beim Anlagenbauer Dillinger Stahlbau GmbH (DSD) in Saarlouis, einem Unternehmen mit weltweit etwa 6000 Mitarbeitern, sind die insgesamt 32 DV-Mitarbeiter seit 1993 damit beschäftigt, die DV-Landschaft umzukrempeln. Das dafür aufgesetzte Projekt, das von der Gründung einer 13köpfigen Abteilung begleitet wurde, will zum einen ein umfangreiches Re-Engineering im betriebswirtschaftlichen Bereich vornehmen. Andererseits soll eine Migration von SAP R/2 4.3 auf einem BS/2000-Mainframe zu einer Unix-basierten Client-Server-Umgebung mit Sun-Maschinen und R/3 erfolgen.

Laut Jürgen Hoffmann, Leiter der Abteilung Software und Kommunikation, ist die DSD im Herbst letzten Jahres aktiv geworden und hat zunächst die Unternehmenszentrale auf R/3 umgestellt. Die Entscheidung für den Wechsel auf das Client-Server-Produkt der SAP ergab sich, da künftig für R/2 keine ausreichende Unterstützung mehr zu erwarten sei. Das Problem 2000 sei damit gelöst, da das Produkt laut SAP kein Problem mit Datumsangaben hat. Da die Arbeiten zu einem Zeitpunkt begannen, als SAP noch keine Migrations-Tools bereitstellte, schrieb die DSD-Crew diese selbst. Gegenwärtig steht die Implementierung der Standardsoftware in den sieben Tochterunternehmen, 40 Arbeitsgemeinschaften und etlichen Betriebsstätten an. Das Projekt ist laut Hoffmann zwar vom Jahr 2000 beeinflußt worden, "aber die Umstellung der kaufmännischen Lösung war sowieso angesetzt. Das trifft auch auf viele andere Unternehmen zu, die auf diesen Weg den Jahrtausendwechsel quasi nebenher bewältigen."

Zur allgemeinen Stimmung in der Branche befragt, sagt Hoffmann: "Vor dem Jahr 2000 fürchtet sich eigentlich niemand. Jeder bereitet sich darauf vor. Was mir mehr Sorgen macht, ist der Euro. Da können Sie fragen, wen Sie wollen: Niemand weiß, wie das gemacht werden soll, und wir haben noch maximal eineinhalb Jahre Zeit. Auch öffentliche Verlautbarungen helfen da wenig."

Ebenfalls mit R/3 will sich die Veba Öl in Gelsenkirchen ihrer Jahr-2000- und Euro-Probleme entledigen, die sich insbesondere aus Altapplikationen auf Großrechnern mit einem MVS-Betriebssystem und IMS-Datenbanken ergeben. Da auf den eigenen Mainframes viele R/2-Module vorhanden waren, dachte die Firmenleitung zunächst über einen Umstieg von R/2 4.3 zu 5.0 nach. Die Wahl fiel jedoch auf einen direkten Wechsel in die R/3-Welt. "SAP hatte bereits 1994 angekündigt, die 4.3-Wartung einzustellen. Außerdem ist das 4.3-System weder Euro- noch Jahr-2000-fähig. Wir hatten keine Wahl", erklärt Thomas Vögel, Leiter des Bereichs Informationssysteme-Anwendungen.

Vögel geht davon aus, daß nach dem Wechsel auf R/3 nur noch wenige datumskritische großrechnerbasierte Altapplikationen übrigbleiben. Diese sollen 1998 ebenfalls umgestellt werden, wobei zunächst die Codeanalyse ansteht. Im Hinblick auf das Jahr 2000 stellte Veba auch die IMS-Datenbankapplikationen auf DB/2 um.

Statt große Berater ins Unternehmen zu holen, soll die Konzeptentwicklung in den Händen des DV-Teams bleiben. Das Jahr-2000-Problem hält Vögel teilweise für aufgebauscht: "Ich bekomme fast täglich Angebote zum Jahr 2000 von Seminarveranstaltern und Systemhäusern auf den Tisch. Manchmal habe ich den Eindruck, daß die Populariät des Jahr-2000-Themas als Türöffner für zusätzliches Geschäft genutzt wird.