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09.07.2004 - 

Junge Unternehmer brauchen Mentoren und gute Kontakte

Gründerseminare schulen am Bedarf vorbei

In Deutschland boomt die Ausbildungsbranche für Unternehmensgründer. Bei den Gründungsquoten aber liegt die Bundesrepublik weltweit im unteren Drittel. Zu ängstlich und weniger risikobereit als ihre europäischen Nachbarn seien die Deutschen, sagen Experten und fordern, dass der Unternehmergeist künftig bereits an Schulen und Hochschulen geweckt wird. Denn allein mit der Vermittlung betriebswirtschaftlicher Grundlagen ist es nicht getan.Von Magdalena Schupelius*

Erich Sixt fing mit nur einem Leihwagen an, Bill Gates in einer Garage. Dass sie für ihre Erfolge jemals ein Gründerseminar in Anspruch genommen hätten, ist nicht überliefert. Vielleicht gab es schlichtweg keines in ihrer Nähe. Wer heute in Deutschland ein Unternehmen gründet, hat dieses Problem nicht, egal, wo er sich aufhält. Die Bildungsbranche für potenzielle Gründer hierzulande boomt wie nie zuvor. Rund 100 Hochschulinitiativen zur Förderung von Existenzgründungen, mehr als 300 öffentliche Programme und schier unzählige private Seminaranbieter, Volkshochschulprogramme und Unternehmensinitiativen konkurrieren miteinander. Während es noch 1998 bundesweit keinen einzigen Gründerlehrstuhl an einer Universität gab, werden heute schon 51 gezählt.

Dennoch ist Deutschland weit entfernt davon, ein Gründerparadies zu sein: Ein kompliziertes Steuersystem, hohe Lohnnebenkosten, unzählige Rechtsvorschriften und Auflagen machen es den Unternehmern schwer und nehmen vielen schon vorab den Mut, die eine Firma gründen und selber Arbeitsplätze schaffen wollen. Die Abneigung der Deutschen vor dem Unternehmertum, ihre eigene Firma aufzumachen, hat unterdessen bereits die EU-Kommission auf den Plan gerufen. Mehr als zehn Prozent aller US-Bürger, rechnet die Kommission vor, haben in den letzten drei Jahren ein Unternehmen gegründet oder befinden sich in der Gründungsphase. In Europa sind es lediglich vier Prozent.

Gründen kann man lernen

Deutschland liegt dem aktuellen "Global Entrepreneurship Monitor" zufolge bei den Gründungsquoten im Mittelfeld der europäischen Staaten, weltweit gar im unteren Drittel. Mit der "Agenda für unternehmerisches Handeln" will die Kommission nun gegensteuern und nicht zuletzt die Gründungslehrer in Deutschland und anderen zurückfallenden Mitgliedsländern ermuntern, den Unternehmergeist zu wecken.

Wo aber liegt das Problem? "Gründen kann man lernen", ist jedenfalls Matthias Hänsch, Organisator des "Business-Planwettbewerbes Berlin-Brandenburg" (BPW) bei der Investitions-Bank Brandenburg, überzeugt. Mit Seminaren und Veranstaltungen zu allen gründungsrelevanten Themen begleitet der Business-Planwettbewerb Existenzgründer aus Berlin und Brandenburg. Das Konzept ist einfach, der Ansatz pragmatisch: In drei Stufen erarbeitet der künftige Unternehmer seinen eigenen Business-Plan. Nach jeder Stufe wird aus der Gruppe der Lernenden ein Sieger gekürt. Wer nicht siegt, geht dennoch nicht leer aus. Alle Teilnehmer bekommen nach jeder Stufe ein gründliches Feedback von den Partnern des BPW, von Unternehmern, Hochschullehrern und Managern. "Die Resonanz ist sehr gut und wird von Jahr zu Jahr besser", so Hänsch. Pro Jahr steige die Teilnehmerzahl der Kurse um runde zehn Prozent. In sechs Jahren, zwischen 1996 bis 2002, wurden im BPW 1679 Business-Pläne entwickelt, aus denen nicht weniger als 445 Unternehmensgründungen hervorgingen. Die "Überlebensquote" kann sich sehen lassen: Genau 377 der ursprünglichen 445 Firmen sind noch erfolgreich am Markt, 1721 Arbeitsplätze scheinen dauerhaft gesichert. So ziemlich alle Branchen sind vertreten, der Anteil der technisch orientierten Firmen ist allerdings hoch: Rund 25 Prozent sind in der Hightech-Sparte angesiedelt, etwa zehn Prozent gehören zum Bereich Kommunikation und Internet. Vielleicht liegt hier schon ein Teil des Erfolgsgeheimnisses.

"Wer komplexe Produkte anbieten will, kommt meistens schon gut vorbereitet in die entsprechenden Seminare", erläutert Professor Matthias Eickhoff, Gründer und Leiter des Instituts für unternehmerisches Handeln an der Fachhochschule Mainz. Betriebswirtschaftliches und rechtliches Know-how bringen viele Teilnehmer bereits mit. Ihnen wird der größte Teil der Bildungsangebote nicht gerecht. "Die meisten Gründerseminare wollen eine derart breite Zielgruppe ansprechen, dass sie am Wissensbedarf des Einzelnen vorbeigehen", kritisiert darum etwa IT-Unternehmer Marc-Christian Rossig. Der Hamburger besuchte mehrere Gründerseminare, musste aber feststellen, "dass viele Berater weniger wussten als wir". Zu unterschiedlich seien auch die Erwartungen der Seminarteilnehmer. So operiere eben, erklärt Rossig, "ein Friseursalon in einem anderen Markt als ein IT-Unternehmen". Entsprechend ließen sich die Probleme solcher Unternehmen nicht im gleichen Seminar abhandeln.

Risikoscheue Generation

Rossig fand die für ihn geeignete Schulung im Innovationszentrum Itzehoe. Dort wurde nach Zielgruppen streng differenziert, die Seminarinhalte wurden genau auf den Ausbildungsstand und die Zielbranche der Teilnehmer ausgerichtet. Heute stehen Rossig und Mitgründerin Lone Wolf ihrem eigenen Unternehmen vor, dem weltweit operierenden Online-Fachübersetzungsdienst "24translate". Zu zweit begonnen, beschäftigt 24translate nun, drei Jahre später, 25 Mitarbeiter und verzeichnet Jahresumsätze von mehreren Millionen Euro. Rückblickend meint Rossig: "Was Jungunternehmer eigentlich brauchen, sind Mentoren." Im Idealfall würde in einem Mentorensystem jedem Gründer ein erfahrener Unternehmer zugeordnet, der dem Neuling seine Branchenkenntnisse zur Verfügung stellt und den Aufbau von Netzwerken unterstützt. Rossig: "Die persönlichen Kontakte sind vielleicht wichtiger als eine ausreichende finanzielle Basis."

Dieses Problem haben auch die meisten Gründungslehrer inzwischen erkannt. Hänsch: "Der BPW betreibt eine Vielzahl von Foren, auf denen die Möglichkeit besteht, branchenspezifische Kontakte zu knüpfen." Und nicht nur wirtschaftsnahe Programme wie Business-Planwettbewerbe, auch die Universitäten bieten mittlerweile Unternehmens-Stammtische, Manager-Talk und Dozenten, die aus der Praxis kommen. Dennoch sieht beispielweise Eickhoff die Aufgabe der Universitäten vor allem an anderer Stelle: "Wir müssen versuchen, echten Unternehmergeist zu schaffen, für Gründer und für bestehende Unternehmen." Die niedrige Gründerquote hierzulande liege schließlich nicht an fehlenden betriebswirtschaftlichen Kenntnissen. Eickhoff: "Wir haben es mit einer risikoscheuen Generation zu tun." Schon bei Erstsemestern will der Professor deshalb die Grundsteine legen für Unternehmergeist und Risikobereitschaft. Um die nämlich ist es nicht gut bestellt: In einer Studie im Auftrag der Europäischen Kommission zu Risikobereitschaft und Unternehmergeist belegte Deutschland den vorletzten Platz. Bestätigt wird dieses Ergebnis auch durch den Global Entrepreneurship Monitor: Die Deutschen sind pessimistischer bezüglich der Gründungschancen und ängstlicher bezüglich des möglichen Scheiterns als die Einwohner der vergleichbaren europäischen Länder.

Schwieriger Neustart für Gescheiterte

Erschwerend komme, sagt Eickhoff, der Faktor Image hinzu. Wer in den USA als Existenzgründer scheitere, von dem heiße es anerkennend, er habe es probiert. In Deutschland dagegen habe derjenige, der gescheitert sei, einen schwarzen Fleck in der Vita, der die Karriere keinesfalls fördere. Dessen ist sich auch Marko Schröter, Betriebswirt aus Brandenburg, bewußt. Schröter will es trotzdem wagen. Seine Gründung ist in der letzten Phase, noch in diesem Jahr will er mit einem Kommilitonen die eigene Internet-Firma an den Markt bringen. "Websimplex" wird Content-Management-Systeme für Mittelständler anbieten.

Formal ist Schröter ein "Necessity-Gründer", ein Gründer aus der Not. Für Informatiker wie ihn sind die Aussichten in Brandenburg, in Lohn und Brot zu kommen, denkbar schlecht. Necessity-Gründungen gibt es in Deutschland überdurchschnittlich viele. Was der Brandenburger den meisten dieser Kollegen allerdings voraus hat, ist seine Referenzliste, die manch gestandenem Unternehmer alle Ehre machen würde. Unterstützung fand er an der Universität, nicht zuletzt darin, sich durch den schier undurchschaubaren Förderdschungel zu kämpfen. Und schon damit bewies er das Durchhaltevermögen, das, davon ist zumindest Unternehmer Rossig überzeugt, "entscheidend ist für den Erfolg".

Eignungstest für Gründer

Dass die Persönlichkeit des Gründers für das Überleben seines Unternehmens von entscheidender Bedeutung ist, ist inzwischen wissenschaftlich belegt. Fred Müller, Arbeitspsychologe an der Universität Landau, hat für mehrere empirische Studien Freiberufler und Unternehmer befragt. Das Ergebnis: Persönlichkeitsmerkmale wie Leistungsorientierung, emotionale Stabilität, Durchsetzungskraft und Kreativität entscheiden im hohen Maße darüber, ob jemand als Unternehmer scheitert. Gründen lernen kann nach Einschätzung von Müller ein Erwachsener darum nur noch eingeschränkt. "Diese Eigenschaften werden schon als Kind entwickelt", sagt Müller, "ein Erwachsener kann sie nur noch graduell verändern." Und auch das nur, wenn er um seine Schwächen weiß. Müller hat darum einen Eignungstest für Gründungswillige entwickelt. Wer den nicht besteht, ist zwar nicht verloren, wird es aber wahrscheinlich nicht einfach haben.

Das deutsche Bildungssystem fördert nach Einschätzung aller Experten den Gründergeist zu spät oder gar nicht. Woanders ist man da weiter: In Schottland etwa gab es schon in den 90er Jahren Ansätze, bereits Kindergartenkinder in Gründungsprogramme zu integrieren. In der Agenda für unternehmerisches Handeln fordert die EU-Kommission jetzt, dass "unternehmerische Ausbildung" in die Lehrpläne aller Schulen der Mitgliedsländer aufgenommen wird. (hk)

*Magdalena Schupelius ist freie Journalistin in Hamburg.

Hier lesen Sie ...

- wie sich die Gründerlandschaft in Deutschland in den letzten Jahren verändert hat;

- welche Möglichkeiten Gründungswillige haben, sich aus- beziehungsweise weiterzubilden;

- warum gerade Gründer im IT-Markt branchenspezifische Bildungsangebote benötigen;

- wie die Persönlichkeit über den Erfolg als Unternehmer entscheidet

Viele Ausbilder, wenig Gründer

- Der erste Gründungslehrstuhl entstand 1999, inzwischen gibt es in Deutschland 51 Gründungslehrstühle.

- Hinzu kommen etwa 95 Initiativen an Hochschulen zur Existenzgründerförderung, von denen knapp die Hälfte als Netzwerke mit anderen Unis und Unternehmen organisiert sind.

- Es gibt außerdem über 200 öffentlich geförderte, aber hochschulunabhängige Gründerprogramme wie Business-Planwettbewerbe , auch hier ist die Tendenz steigend

- Dem aktuellen Global Entrepreneurship Monitor zufolge liegt Deutschland bei den Gründungsquoten im Mittelfeld der europäischen Staaten und weltweit im unteren Drittel.

- In einer Studie im Auftrag der Europäischen Kommission zu Risikobereitschaft und Unternehmergeist belegt Deutschalnd den vorletzten Platz vor Portugal. Bestätigt wird dieses Ergebnis auch durch den Global Entrepreneurship Monitor: Die Deutschen sind, was die Gründungschancen betrifft, ängstlicher als die Einwohner der vergleichbaren europäischen Länder.

- Nach einer Befragung an der TU Ilmenau streben über 70 Prozent der Technikstudenten eine feste Anstellung an.

- Rund ein Viertel aller Gründungen sind sogenannte Necessity-Gründungen, also Gründungen aus der Arbeitslosigkeit.