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09.12.1988 - 

AT&T und Lizenznehmer wissen System-V-Anwender hinter sich:

Gründung der Unix Inc. bringt OSF in Zugzwang

NEW YORK/MÜNCHEN (qua) - Die Zweiteilung der Unix-Welt ist "amtlich": Ein halbes Jahr nach dem OSF-Überraschupgscoup schlossen sich die Unix-Mutter AT&T und 28 ihrer Lizenznehmer - darunter die Gründungsmitglieder der "Archer-Group" - zur Unix International Inc. zusammen. Erklärtes Ziel der "Unix Inc." ist der Schutz von User-Investitionen in Unix System V.

Halten IBM, DEC und Co. an AIX-3 als Basis ihrer künftigen Aktivitäten fest, so hat sich die Unix International Inc. die Entwicklung künftiger System-V-Generationen auf die Fahnen geschrieben. Sollte sich der Telecom-Riese künftig von seinen "Anwendern" in die Karten schauen lassen, so muß das durch die OSF propagierte Feindbild vom Unix-Monopolisten sicherlich revidiert werden.

Kommentiert denn auch Henning Oldenburg, Europa-Präsident der OSF, die Gründung der Konkurrenzorganisation: "Offensichtlich gibt es bei den Lizenznehmern einen Bedarf, auf die künftige Produktentwicklung bei AT&T Einfluß zu nehmen." Das sei "eigentlich positiv" zu werten, denn "wenn mehr Firmen an den Spezifikationen mitarbeiten, entsteht sicher ein besseres Produkt".

Welche Absichten die bislang 29 Unix-International-Mitglieder mit ihrer Unternehmensgründung verfolgen, ist derzeit nur über die New Yorker Public-Relations-Agentur Daniel J. Edelman zu erfahren. Dort wird der designierte President der frischgebackenen "Inc.", Donald Herman, folgendermaßen zitiert: "Geschäftsziel von Unix International ist es, allen Anwendern von Unix System V zu gewährleisten, daß ihre bisherigen Software-Investitionen geschützt bleiben."

Das am 30. November gegründete Unternehmen ist eine Art Dreiklassengesellschaft: Die "Principal Members" - neben AT&T sind das Amdahl, Fujitsu, ICL, NCR, NEC, Olivetti, Toshiba, Sun und Unisys - zahlen im Jahr 500 000 Dollar in die Unternehmenskasse; dafür erhalten sie das Privileg, in allen Komitees mit je einer Stimme vertreten zu sein.

Die "General Members" beteiligen sich mit 100 000 Dollar jährlich an den Betriebskosten. An den Unternehmensentscheidungen partizipieren die "Mitglieder zweiter Klasse" lediglich indirekt - über eine bestimmte Anzahl von Mittelsleuten. Die "Associate Members" sind schon mit 10 000 Dollar dabei, haben allerdings kein Stimmrecht.

Donald Herman kommt aus dem Führungsstab der NCR Corp.; Erfahrungen auf dem Gebiet der offenen Systeme sammelte er als Gründungsvorsitzender der Corporation for Open Systems (COS). Eigenen Aussagen zufolge will der Mann der ersten Stunde bei der Unix International Inc. lediglich Starthilfe leisten; im April oder Mai des kommenden Jahres werde er seinen Sessel zur Verfügung stellen.

Bereits getan hat das der bisherige Interims-Präsident der OSF, Henry Crouse. Erläutert Europa-Vorsitzender Oldenburg: "Es war nie daran gedacht, daß Crouse permanent bei der OSF bleibt. Wir hatten entschieden, daß keiner der Top-Executives von einer Sponsor-Company kommen sollte."

David Tory, der offiziell bereits seit Anfang Dezember die Geschäfte der "Foundation" führt, wurde zuvor auf der Gehaltsliste des Software-Giganten Computer Associates (CA) geführt. Weder OSF-Mitglied noch AT&T-Sympathisant, hatte CA bislang wenig mit Unix, dafür um so mehr mit den IBM-Großrechnersystemen zu tun.

Quasi als Abschiedsgeschenk zog der scheidende OSF-Präsident noch einen Schlußstrich unter die Gespräche mit der Gegenseite: Ende Dezember erhielten die OSF-Mitglieder einen von Crouse unterzeichneten Brief, in dem davon die Rede ist, daß "die Verhandlungen mit AT&T ausgesetzt worden" seien.

Wie die COMPUTERWORLD berichtet, hat die OSF dennoch nicht die Hoffnung begraben, den Unix-Lizenzgeber doch noch in ihr Boot zu hieven: Waren in dem ursprünglichen Briefentwurf die Verhandlungen beendet ("terminated"), so OSF-Vice-President Donal O'Shea, sind sie laut freigegebener Fassung nur mehr auf Eis gelegt ("suspended").

AT&T zeigt sich überrascht von dieser OSF-Aktion. Lawrence Dooling, President der Gruppe Datensysteme, gegenüber der amerikanischen CW-Schwesterpublikation: "Beim letzten Treffen mit der OSF haben wir die Tür offen gelassen, daß die OSF sie jetzt zuschlägt, tut uns leid. "

O'Shea hingegen äußerte die Ansicht, daß die AT&T-Gruppe den Abbruch der Verhandlungen provoziert habe: "Die Unix International ist ein klares Indiz dafür, daß die anderen keinerlei Absicht hegen, mit uns ins reine zu kommen."

Henning Oldenburg zieht ein Fazit aus dem momentanen Stand der Dinge: "Es wird zunächst einmal zwei Unix-Varianten geben, die sich in der Zukunft wahrscheinlich in verschiedene Richtungen entwickeln." Allerdings sehe er auf beiden Seiten die Notwendigkeit, "eine Anwendungsportabilität" zwischen Unix System V und dem OSF-System aufrechtzuerhalten.

So hat die OSF bereits angekündigt, daß OSF/1, die erste Version ihres eigenen Betriebssystems, diese Anforderung erfüllt. Sowohl Posix als auch die X/Open-Schnittstellendefinitionen sollen implementiert werden; Kompatibilität zu Berkeley 4.3 BSD sei ebenfalls geplant. Außerdem wollen die OSF-Entwickler sogar die AT&T-Technik der System-V-Streams übernehmen.