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15.11.1985

Gütezeichen für Software gerät ins Kreuzfeuer der Kritik

Über die Notwendigkeit eines Gütesiegels, mit dem die Qualität der Software langfristig angehoben werden soll, ist sich das Gros der DV-Branche einig. Allerdings zweifeln noch viele an der Durchführbarkeit einer einheitlichen Prüfung, so auch Benno Hilmer, Geschäftsführer bei Holland Automation: "Es ist in der Praxis sehr schwierig, Softwareprogramme so zu testen, daß der Endanwender einen effektiven Nutzen davon hat." Vor allem dürfe ein Gütezeichen nicht zu einem reinen Marketinginstrument verkommen, fordert Norbert Küster, Geschäftsführer beim BDU. Bis ans Ohr der direkt Betroffenen scheinen die kontroversen Diskussionen bisher jedoch noch nicht gedrungen zu sein: Die Mehrzahl der potentiellen "Nutznießer" hat offensichtlich vom Gütezeichen noch nichts gehört.

Helmut Bender

Leiter Bertelsmann Datenverarbeitung, Gütersloh

Die Bertelsmann Datenverarbeitung hat schon frühzeitig die herausragende Bedeutung qualitativ hochwertiger Software für die zukunftsorientierte strategische Positionierung eines Unternehmens erkannt.

Ein mittlerweile mehr als fünfjähriger Praxis-Einsatz, der unter "Bertelsmann-Modell Software-Engineering" bekanntgewordenen Methoden hat die Vorzüge dieses Verfahrens bestätigt und auch seine wirtschaftlichen Vorteile klar meßbar und bewertbar gemacht. So liegt heute bei Bertelsmann Datenverarbeitung der Aufwand für Software-Pflege beispielsweise bei etwa 35 Prozent der Entwicklungskapazität. Bei einer derzeitigen halbjährigen Kapazitäts-Vorausbelegung kann man auch nicht von einem "Anwendungsstau" sprechen.

Es ist aus dem Vorhergesagten nicht verwunderlich, daß wir dem Gedanken einer Anhebung der Qualität von im Markt angebotener Software schon immer sehr positiv gegenüberstanden und die Bestrebungen zur Schaffung eines "Gütezeichens Software" als sichtbaren Ausdruck qualitativ guter Software aktiv unterstützten. So zählte - beinahe zwangsläufig -die Bertelsmann Datenverarbeitung zu den Gründungsmitgliedern der Gütegemeinschaft Software e. V.

Es erfüllt uns mit Genugtuung, daß durch beharrliches Festhalten am einmal für richtig erkannten Weg die vielfältigen Bestrebungen unterschiedlicher Kreise mit Gründung der Gütegemeinschaft Software e. V. Ietztlich doch in ein einheitliches Gesamtkonzept eingebracht werden konnten. Dabei mußte natürlich auf teilweise recht divergierende Interessenslagen und Zielsetzungen eingegangen werden.

Aufgrund der im eigenen Hause mit der ingenieurmäßigen Software-Erstellung gesammelten Erfahrungen lag es nahe, daß wir unser Know-how in diesem Sinne auch für die Güteprüfung von Software nutzen und extern verfügbar machen wollen. Wir haben daher die Zulassung als Prüfstelle beantragt, die mittlerweile ja auch erteilt wurde.

Die Bertelsmann Datenverarbeitung sieht den mit Erteilung des Gütezeichens Software durch RAL und der Einrichtung von Prüfstellen erreichten Zustand als einen ersten, wichtigen Meilenstein an, um den Qualitätsstandard der im Markt angebotenen Software deutlich anzuheben. Damit soll der Käufer von Software viel stärker in Richtung Software-Qualität sensibilisiert werden und die Möglichkeit erhalten, seine Software-Beschaffung verstärkt nach Qualitätskriterien auszurichten.

Aufgrund recht unterschiedlicher Interessenslagen der drei Hauptgruppierungen - Anwender, Hersteller und Softwarehäuser - konnte in der ersten Stufe nur ein Basisumfang von Qualitätsanforderungen in die Prüfbestimmungen einbezogen werden. Ihr heutiger Umfang kann daher nur ein erster Schritt sein, dem noch weitere folgen müssen; nehmen die Prüfbestimmungen doch beispielsweise noch keinen Bezug auf die "innere Qualität" der Software. Andererseits wird jedoch auch der Prozeß der Marktdurchsetzung des Gütezeichens Software einen gewissen Zeitraum erfordern.

Aufgrund der heute gemachten Erfahrungen mit den ersten Marktaktivitäten ist abzusehen, daß der nicht unbeträchtliche (finanzielle) Aufwand für die Prüfung nur für solche Software gerechtfertigt erscheint, die einen hohen Multiplikator-Effekt hat; also beispielsweise Software für Mikrocomputer beziehungsweise Standard-Pakete mit hohem Verbreitungsgrad. Erste Bewertungen haben darüber hinaus gezeigt, daß die heute im Markt angebotene Software vielfach nur sehr bedingt den derzeitigen - noch eingeschränkten - Qualitätsanforderungen standhält (als Nutzer von Standard-Software können wir hier auch auf eigene leidvolle Erfahrungen zurückblicken). Wir stellen immer wieder fest, daß heute Aktivitäten zur Qualitätsprüfung noch wegen eines befürchteten "Negativ-Testats" zurückgestellt werden.

Fritz-Jochen Weber

Präsident, Vereinigung deutscher Software-Hersteller e. V. (VDS), Mannheim

Die Richtigkeit von Algorithmen bei der Software-Entwicklung ist schlechterdings nicht prüfbar. Ein Beweis ist somit nicht zu führen. Vielmehr stellt sich die Qualität von Software in ihrer Ablaufsicherheit dar. Diese Sicherheit kann aber dem Grunde nach nur auf der Ebene des Benutzers festgestellt werden.

Eine Prüfung der Qualität von Software setzt also auf einer anderen Ebene an als auf derjenigen, die die TÜVs mit ihren Gütesiegeln verfolgen.

Der VDS prüft in diesem Zusammenhang schon länger Möglichkeiten, die mehr in die Tiefe gehen, so zum Beispiel die Strukturiertheit von Software, die Entwicklungskonzepte und Datenflußpläne. Eine Lösung bei jedem dieser Probleme ist jedoch äußerst schwierig, da erst darüber Klarheit geschaffen werden muß, was eigentlich Software ist. Es muß unterschieden werden zwischen Software für Großrechner und Mikro-Software von der Stange. Des weiteren stellt sich die Frage, ob die Prüfung auf den Anwender bezogen sein sollte oder rein softwaretechnisch abgewickelt wird.

Diese Fragen sind bei der Initiative "Gütezeichen Software" nach unserem Kenntnisstand noch nicht berücksichtigt worden. Wenn man mit einer so großen Vokabel wie "Gütesiegel für Software" umgeht, sollte es aber Voraussetzung sein.

In Anbetracht der Kosten die momentan für diese unvollständige Prüfung verlangt werden, liegt für uns der Verdacht auf der Hand, daß mit der Software-Prüfung auch handfeste kommerzielle Interessen verknüpft werden.

Wenn die Prüfung von Software am Ende den Preis des Produktes wesentlich erhöht (und davon ist bei den uns vorliegenden Zahlen auszugehen), dann - so meinen wir - hat die Prüfung ihr Ziel verfehlt.

Norbert Küster

Geschäftsführer, Bundesverband Deutscher Unternehmensberater, Bonn

Aus Sicht des BDU ist ein Gütezeichen für Software prinzipiell zu begrüßen, weil dadurch langfristig die Qualität der im Markt befindlichen Software auf breiter Basis gehoben werden kann. Über Maßnahmen, dies zu erreichen, wird bei uns schon seit Jahren nachgedacht. Wir haben daher die Ausarbeitung der Richtlinien für die Softwareprüfung und die Errichtung der heutigen Gütegemeinschaft, die früher differierende Strömungen vereinigte, von Anfang an mitgetragen und gefördert.

Wir und unsere Mitglieder - im wesentlichen reine Softwarehersteller - sahen und sehen in einem "Gütezeichen Software" nicht nur ein Marketinginstrument, wie dies etwa bei IBM schon sehr früh und heute auch bei Siemens der Fall ist. Für ein Softwarehaus ist ein Gütezeichen viel eher ein echtes Qualitätsproblem.

Es ist zwar aus unserer Sicht nichts dagegen einzuwenden, wenn plötzlich einige Softwarehersteller feststellen, daß ihre Produkte den geringsten Anforderungen nicht entsprechen. Aber alle Kundenprobleme aus Sicht des Marketings lassen sich mit einem Gütesiegel nicht lösen. Auch ein Wollsiegel besagt nur, daß der Anzug aus Wolle ist, nicht jedoch, ob er mir paßt.

Da Anwendergerechtheit nicht das Thema sein kann, sondern nur die Qualität der Software als solche, müßten die wirklichen Hersteller von Anwendungssoftware die maßgebliche Gruppe der Gütegemeinschaft sein.

Im Augenblick beurteilen wir die Entwicklung deshalb sehr skeptisch, weil sich in der Softwarebranche angesichts der Gremienbesetzung und der konkreten Tagesarbeit der Gütegemeinschaft immer mehr der Eindruck festsetzt, es handele sich um eine Gemeinschaft der Abnehmer und vor allem der Prüfhäuser; um eine Organisation, die dazu benutzt werden soll, die Entstehung eines Marktes für Softwareprüfungen zu erzwingen. Dies muß ins Auge gehen. Größere, auf Unabhängigkeit zielende Softwarehäuser werden sich nicht zwingen lassen.

Meiner Ansicht nach sollten die Prüfstellen jetzt mehr diplomatisches Geschick an den Tag legen, um potentielle Auftraggeber nicht noch mehr zu vergrämen. Verschiedene Dinge, die in letzter Zeit abgelaufen sind, haben erheblich zur gegenwärtigen Verstimmung beigetragen. Beispielsweise wurde die Liste der externen Prüfhäuser von Anfang an in kartellrechtswidriger Weise beschränkt, und Unternehmen, die zum Teil seit vielen Jahren Software prüfen, sollen als Prüfinstitute ausgeschlossen, das heißt, vom Markt verdrängt werden.

Überhaupt läßt die Informationspolitik von Vorstand und Geschäftsführung der Gütegemeinschaft sehr zu wünschen übrig, und mancher Mißmut ist sicher auch darauf zurückzuführen. So fehlt ein Protokoll der Mitgliederversammlung vom März '85 bis heute - ebenso eine Mitgliederliste.

Die ungenügende Berücksichtigung der Interessen der Softwarehersteller ist sicher auch darauf zurückzuführen daß sich die Branche in jüngster Zeit kaum für dieses Gütesymbol engagiert hat - und jetzt darauf wartet, daß geprüfte Produkte erscheinen.

An die Softwarehersteller, die bisher noch nicht Mitglied der Gütegemeinschaft geworden sind, möchte ich den dringenden Appell richten, sich dort künftig stärker als bisher zu engagieren, wenn sie ihre Interessen als Branche gewahrt wissen wollen.

Benno Hilmer

Geschäftsleiter, Holland Automation GmbH, Mönchengladbach

Vom Ursprung her ist es sicherlich eine gute Idee, an die Software und insbesondere an ihre Dokumentation, an Bedienungshandbücher und andere Dinge bestimmte Mindestanforderungen zu stellen. Damit könnte vermieden werden, daß der zumeist wenig vorbelastete Anwender in Probleme hineinstolpert, die von vorneherein vermeidbar gewesen wären. Denn bei der großen Anzahl von teilweise sehr kleinen Softwarehäusern, die ja auch Spezialanwendungen entwickeln, ist besonders das Thema Dokumentation sehr häufig eine Schwachstelle.

Nur zweifle ich aus zwei Gründen an der Durchführbarkeit einer einheitlichen Prüfung: Zum einen ist es sehr schwierig, Software im Hinblick auf die Belange des jeweiligen Endanwenders zu prüfen. Bestimmte Faktoren werden in die sogenannte Güteprüfung der Software nicht miteinbezogen. Darunter fallen beispielsweise die "Grundsätze ordnungsgemäßer Buchführung" (GOB), wobei ich einsehe, daß es in der Praxis kaum durchführbar ist, Softwarepakete - insbesondere Branchenpakete - anwenderorientiert zu testen. Man kann nicht erwarten, daß in den Prüfinstituten Spezialisten für die einzelnen Branchen sitzen. Nur wenn all diese Faktoren berücksichtigt würden, erhielte der Endanweder einen effektiven Nutzen von einer geprüften Software.

Zweiter Grund ist: Wenn Softwareprogramme mit Gütezeichen im Markt favorisiert werden, sind damit mehr oder weniger alle Softwarehäuser gezwungen, ihre Pakete ebenfalls prüfen zu lassen. Was das in der Praxis bedeutet, kann ich am Beispiel unseres Unternehmens deutlich machen.

Unsere Programmpalette umfaßt zirka 20 bis 25 verschiedene Programme, und wir kooperieren mit etwa 50 Hardwareherstellern. Jedes einzelne Softwareprogramm wird auf jeweils einem bestimmten Hardwaresystem geprüft, und die Ergebnisse werden anschließend testiert. Ich müßte eigentlich alle Programme auf allen verschiedenen Hardwaresystemen prüfen lassen, um dem Anwender eine Sicherheit zu geben. Dies würde jedoch irrsinnig hohe Kosten verursachen, die kein Hersteller bezahlen kann.

So könnten sich diese Kosten auf den Kaufpreis der Software niederschlagen. Ich bezweifle jedoch, daß sich dies bei den allgemein sinkenden Softwarepreisen im Markt durchsetzen läßt. Darüber hinaus muß jeder Release-Wechsel, jede Änderung im Programm erneut nachgeprüft werden. Das ist ein Schwanz ohne Ende, und die Lösungen sind bis heute noch ein bißchen unausgegoren.