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07.10.2005

Gute Open-Source-Lösung für Mittelständler

Trotz Entwicklungssprung stößt das ERP-Paket Compiere an seine Grenzen.

An Interessenten mangelt es Compiere nicht. Die Zugriffszahlen und Downloads im Internet sind überwältigend. Allerdings: Zugriff bedeutet nicht Einsatz im Echtbetrieb. Das Open-Source-Produkt kann man unverbindlich testen. Compiere ist eine im Internet kostenlos verfügbare "ERP- und CRM-Software für kleine und mittlere Unternehmen in Handel und Dienstleistung". So jedenfalls steht es auf der Website (www.compiere.org). Weiter heißt es: "Für den globalen Markt entworfen, ist Compiere einfach zu installieren und zu implementieren." Einfach? Ja, aber nur für Softwarespezialisten. Ein normaler mittelständischer Unternehmer wird sich schwer tun, das System einzurichten, an die bestehende IT anzuschließen und zu warten.

Geschichte

Initiator des Projekts Compiere ist der in New York lebende Deutsche Jörg Janke. Nach über 20 Jahren zum Teil frustrierender ERP-Beratung, mit zähen Produkten, wagte er die Eigenentwicklung. Das Produkt sollte endlich all die Features besitzen, die er und seine Kunden sich immer wünschten. Nach drei Jahren intensiver Arbeit wurde Compiere, gesponsert von Goodyear Deutschland, im Mai 2000 in einer Pilotinstallation gestartet. Im folgenden Jahr erschien eine erste Beta-Ver- sion. Der Produktname leitet sich vom italienischen Wort "compiere" ab, was "etwas vollbringen" bedeutet. Mittlerweile wurde die Software bereits 900000-mal aus dem Web heruntergeladen. Compiere gilt bei Sourceforge .net als eines der zehn aktivsten Open-Source-Projekte.

Pro und Kontra

-- Keine Lizenzkosten;

- anpassbar durch Skripting-Umgebung;

- skalierbar unter Application Server Jboss;

- Erweiterung des Datenmodells oder der Business-Logik möglich;

- lauffähig unter Windows und Linux, demnächst auch Mac OS;

- Java-API;

- vollständig Web-fähige Bedienung möglich;

- Betrieb auch im ASP/ Hosting möglich.

- Nicht geeignet für große Handelsunternehmen (keine Materialbedarfsplanung), Verwaltung (kein Haushaltsmodul), Prozessindustrie (keine Konstruk- tionsstückliste);

- nur rudimentärer Workflow.

Compiere bei Wilken

Die Wilken GmbH hat auf Basis von Compiere eine für den Handel zugeschnittene Branchenlösung entwickelt. "Openshop-WWS" erweitert den lizenzfreien Compiere-Kern um die Komponenten Internationales Rechnungswesen und E-Business. Damit bietet das Softwarehaus kleineren und mittelständischen Unternehmen eine kostengünstige Alternative. Wilken setzt dabei auf Beratung, Einführung und Pflege der freien Software - auch in Form von Application-Service-Providing beziehungsweise Hosting im Rechenzentrum der Ulmer.

Hier lesen Sie …

• welche Funktionen Compiere bietet;

• was das Produkt nicht kann;

• wo demzufolge die Verwendung ausgeschlossen ist;

• in welche Richtungen die Open-Source-Software weiterentwickelt wird.

Mehr zum Thema

www.computerwoche.de/go/

*73079: Pro und Kontra Open-Source-ERP;

*73770: Open Source im Business-Einsatz;

*73132: Wice: Open-Source-CRM.

Wenn Compiere einmal läuft, ist es aber eine beeindruckende betriebswirtschaftliche Lösung für kleine und mittelständische Unternehmen. Das Paket umfasst Funktionen für Auftragseingang, Bestellwesen, Lagerhaltung, Buchhaltung sowie Projekt-, Kunden- und Lieferketten-Management. Es gibt Basisfunktionalitäten für Buchhaltung (Kreditoren, Debitoren), Anlagenverwaltung, Artikel-, Preislisten- und Stücklistenverwaltung, Geschäftspartnerverwaltung, Einkauf, Vertrieb, Bestandsführung sowie ein simples Modul für Customer-Relationship-Management (CRM) und einen primitiven, aber funktionierenden Webshop. Eine einfache Projekt- und Ressourcenverwaltung inklusive Zeiterfassung sowie ein Informationssystem zur Performance-Analyse machen die Software rund.

Kurzum: Compiere bildet die zentralen Geschäftsprozesse ab, die im Mittelstand gebraucht werden. Das System eignet sich für Firmen mit bis zu 200000 Euro Umsatz im Jahr, also für kleine und mittelständische Unternehmen, Distributions- und Handelsunternehmen, Systemhäuser und Dienstleister.

Wer sich in der IT auskennt und auch die betriebswirtschaftlichen Zusammenhänge versteht, kann Compiere schnell in Betrieb nehmen. Die ansprechende und durchgängig bedienbare Benutzeroberfläche macht es leicht, mit den einzelnen Funktionen umzugehen. Alle Einzelfunktionen lassen sich individuell einstellen.

Wenn etwa im CRM-Modul neue Datenfelder angelegt werden sollen, sei es auf der Oberfläche oder auf der Datenbank, so ist die Programmierung über den Artikelstamm möglich, ohne das System zu stoppen. Das geht nicht nur mit einzelnen Datenfeldern, sondern man kann diese Felder auch im laufenden Betrieb um Tabellen erweitern.

Die Anpassbarkeit von Compiere macht das Produkt ständig verfügbar. Deshalb ist es beispielsweise für eine Installation im Rechenzentrum gut geeignet. Es gibt weitere Vorteile wie etwa die einfache, aber ausreichende Benutzerverwaltung mit einem Berechtigungssystem über Rollen oder die Mehrmandantenfähigkeit des Systems. Compiere steht in zahlreichen Sprachen zur Verfügung und bildet auch diverse Währungen und Rechenlegungssysteme (HGB, US-GAAP) ab.

Compiere ist - zumindest derzeit - nicht geeignet für Handelskonzerne, die Materialbedarf (Material Requirement Planning, MRP) planen müssen. Einfaches Beispiel: Himbeeren sind teuer; deshalb müssen sie exakt disponiert werden. Eine solche Absatzplanung (forecast) ist mit Compiere nicht möglich. Aber gerade in Richtung Handel wird derzeit recht viel an dem ERP-System entwickelt. So ist hier in absehbarer Zeit auch eine bessere Stücklistenverwaltung (Bill of Material, BOM) zu erwarten. Bislang gibt es diese lediglich im Betastatus.

Defizite im Workflow

Ähnlich verhält es sich mit Compiere in der Prozessindustrie. Im produzierenden Gewerbe sind Konstruktionsstücklisten unabdingbar. Diese kann man mit Compiere nicht verwalten - in diesem Gewerbe ein klares K.o.-Kriterium. Allerdings gibt es in diesem Bereich Bewegung. Neue Projekte wurden begonnen - so zum Beispiel Compiere Manufacturing, mit dessen Hilfe in der Fertigung schon wichtige Funktionen abgedeckt werden.

Völlig ungeeignet ist Compiere für öffentliche Verwaltungen. Es fehlen Fähigkeiten zur Haushaltsplanung und -überwachung. Bei den allgemeinen Funktionen zeigen sich die Defizite vor allem im Workflow. Hier ist Compiere äußerst rudimentär aufgestellt. Indes gäbe es diesbezüglich die Möglichkeit, Compiere mit einem anderen Open-Source-Produkt zu ergänzen, beispielsweise mit "Con:cern".

Diese Erweiterungsmöglichkeit schlägt die Brücke zu einem zentralen Nutzen, der sich vom Open-Source-Gedanken ableiten lässt: Open Source bedeutet Investitionssicherheit. Viele Unternehmen mussten in den letzten Jahren erfahren, dass ihr Softwareanbieter vom Markt verschwand oder aufgekauft wurde und die neuen Eigentümer Produktlinien einstellten, weil sie angeblich nicht mehr in ihr Portfolio passten. Ein ERP-System aber ist, wenn schon nicht für die Ewigkeit, so doch zumindest für eine Dekade installiert.

Diese Probleme kennen die Nutzer quelloffener Software nicht. Am Produkt arbeitet eine weltweite Entwicklergemeinde, die sich gegenseitig unterstützt. Fehler werden dokumentiert, Ergebnisse und Neuerungen den anderen Nutzern zur Verfügung gestellt. Da fällt es nicht ins Gewicht, wenn der eine oder andere abspringt. Dieses Entwicklernetz ist immer stabiler als ein einzelner Strang, der gekappt werden kann. Natürlich nur, solange sich genügend beteiligen. An Compiere arbeiten derzeit 55 Entwickler und drei Projekt-Manager.

Aktuell findet eine Segmentierung statt. Compiere steht vor der Aufteilung in branchenspezifische Lösungen. Besonders für die Bereiche Handel und Dienstleistungen sind Innovationen zu erwarten. Für den produktiven Einsatz laufen zwar Unterprojekte, allerdings bislang ohne großen Schub. Immer wichtiger wird die angestrebte Plattformunabhängigkeit. Bislang war Compiere datenbankseitig von Oracle abhängig. Das wird sich ändern; Microsofts SQL Server kommt als nächstes hinzu.

Wie geht es weiter?

Außerdem soll IBM Websphere als Applikations-Server unterstützt werden. Technisch stehen Verbesserungen der Java- und HTML-Oberflächen auf dem Programm. Funktionale Erweiterungen mit Toppriorität sind die Anbindung von Kassensystemen, Cockpitfunktionen zur Überwachung unternehmenskritischer Kennzahlen im Rahmen einer Balanced Scorecard und ein Itil-kompatibler technischer Helpdesk.

Generell gilt: Compiere ist einfach und doch schwierig zugleich. Die Java-Technik erfordert, dass sich jemand damit auskennt - und das dürfte in den wenigsten mittelständischen Betrieben der Fall sein. ERP-Systeme sind generell komplex, auch Compiere. Also ist Beratung, Einführung durch den Fachmann und regelmäßige professionelle Wartung nötig. Vor dem Hintergrund, dass das Produkt kostenlos ist, sollte hier nicht auf den Euro geschaut werden. Denn in die Kernbereiche von Compiere sollten nur echte Kenner des ERP-Systems eingreifen. Motto: Besser in ein gutes Customizing investieren als wieder von vorne anfangen müssen. (ls)