Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

19.08.1994

Haengebruecke EDM bedarf eines soliden Fundaments

Fertigungsunternehmen wird ein neuer Ansatz zur Integration von IT-Werkzeugen verkauft: Engineering Data Management (EDM). Ziel des Konzepts ist die Aufloesung bereichsorientierter DV-Inseln, die heute leider noch der Normalfall sind. So lassen sich Produktdaten der CAD/CAM-Prozesskette kaum fuer die Fertigung nutzen, ebenso selten ist ihre Uebernahme in ein PPS-System moeglich. Ein Allheilmittel bieten die recht jungen EDM-Standardprodukte derzeit allerdings auch nicht. Es hapert an prozessorientierten Management- Funktionen, normierte Datenmodelle werden nur zoegerlich unterstuetzt.

Als sich der Koelner Anlagen- und Maschinenbauer

KHD Humboldt Wedag AG vor einigen Jahren das Projektziel "Datensicherheit" auf die Fahnen schrieb, konnte noch niemand ahnen, welch tiefgreifende Auswirkungen dies auf die IT-Strukturen des Unternehmens haben wuerde. Ausgangssituation war eine CAD- Umgebung mit unzureichend gesicherten Daten, in der die Anwender ihre Zeichnungen in persoenlichen Archiven wie Festplatte oder Diskette gespeichert hatten. Erste Forderung war deshalb die Datensicherheit in einem digitalen Archiv.

Doch damit geriet die Lawine erst so richtig ins Rollen. Da einer Archivierung eher etwas Endgueltiges anhaftet, KHD aber gleichzeitig nach einem Steuerungsinstrument fuer CAD Ausschau hielt, wurde das Projekt erweitert. Ein ganzer Katalog an Vorgaben gesellte sich zur urspruenglich anvisierten Datensicherheit: Erhoehte Produktivitaet der CAD-Workstations, die Einfuehrung automatischer Freigabeprozesse und die projektbezogene Datenverwaltung, um nur einige zu nennen. Das neue Konzept, das derzeit dreistufig mit einem Aufwand von ueber einer Million Mark bei KHD umgesetzt wird, heisst Engineering Data Management.

EDM ist das Fundament fuer die Dokumentenwelt auf digitaler und analoger Basis, mit intelligenten Steuerungs- und Planungshilfen, mit Prozess- und Aenderungs-Management, erklaert Gerd Krueper, Projektleiter bei der KHD, die Vorzuege der Plattform. Der EDM- Verantwortliche befuerchtet: "Wenn dieses Fundament nicht auf sicheren Fuessen steht, stuerzt die CAD-Umwelt ein."

Abgesehen von den umfangreichen Vorarbeiten, etwa der Analyse und Sammlung von Grunddaten, bezeichnet Krueper allein das fuenfmonatige Auswahlverfahren fuer eine EDM-Standardloesung als Leidensweg.

Die Forderung, dass ein Produkt ausser der Archivierung auch Management-Funktionen wie Prozesssteuerung und Workflow unterstuetzen muss, reduzierte die Anzahl der elf in Erwaegung gezogenen Anbieter auf vier. Als "besonders negativ" stuft Krueper die Lizenzierungspraktiken einzelner Hersteller ein. Die Ver-

fahren "pro Arbeitsplatz eine Lizenz" oder "uneingeschraenkte Unternehmenslizenz" haetten bei 200 Workstations und 400 PCs Investitionen von zwei bis nahezu drei Millionen Mark bedeutet. Eine fuer den Investitionsplan akzeptable Loesung bot lediglich die Variante, bei der sich bis zu vier Clients eine Vollversion der Software teilen.

Wie schwierig heute der noch junge und heterogene Markt fuer EDM- Standardsysteme ist, bestaetigt auch der juengste Technologiereport der Ploenzke AG. Anders als in den USA und Grossbritannien wartet EDM hierzulande noch auf den grossen Durchbruch. Ein Wachstum stellt Ploenzke in den vergangenen zwei Jahren allerdings auch in Deutschland fest - trotz oder gerade wegen der wirtschaftlich schlechten Gesamtsituation. Als Zielmaerkte kommen dabei neben dem Maschinenbau und der Automobilindustrie zunehmend auch der Anlagenbau und die chemische Industrie in Betracht. Typische Anwender seien den Systemberatern aus Kiedrich zufolge grosse mittelstaendische Unternehmen, wobei heute kleine und mittlere Installationsgroessen mit selten mehr als 100 Arbeitsplaetzen ueberwiegen. Damit sind diese Firmen den proprietaeren Formaten der EDM-Hersteller ausgeliefert. In der Grossindustrie, etwa bei den Automobilherstellern, laufen dagegen meist noch EDM- Eigenentwicklungen auf Host-Basis, wobei ein Schwenk zu modularen Loesungen fuer Workstations anvisiert wird.

Bei den ueber 50 in der Ploenzke-Studie aufgefuehrten EDM-Paketen haben sich Gemeinsamkeiten zumindest im Bereich der Systemarchitekturen durchgesetzt. Es handelt sich meist um Client- Server-Loesungen fuer heterogene Netze mit Unix-Workstations. Neben TCP/IP werden auch Netzprotokolle wie Decnet und Novells IPX unterstuetzt, bei den Datenbanken sind es durchgaengig RDBMS. Geometrische Daten der mechanischen Konstruktion lassen sich einbinden.

Hinsichtlich ihrer Funktionalitaet lassen die untersuchten Programme jedoch einiges zu wuenschen uebrig. Michael Abramovici, EDM-Spezialist bei Ploenzke, listet die Schwachstellen heutiger EDM-Technologie auf: keine durchgaengige Prozessunterstuetzung, funktionale Defizite im Workflow-, Dokumenten- und Projekt- Management sowie bei der Archivierung und ein zu geringer Integrationsgrad von E-CAD, CASE- oder PPS-Systemen. Vor allem die Anpassung an kundenspezifische Belange erfordere in der Regel noch viel zuviel Aufwand.

Kritik uebt Abramovici auch an den unflexiblen Datenmodellen. Schnittstellen fuer Standards wie Step zum Austausch von Produktdaten oder zu SGML fuer die Dokumentation fehlen weitgehend. Gerade Step als normiertes Modell fuer eine Produktdatenbank wuerde EDM als Integrationskonzept weiterbringen, erklaert Bodo Machner vom Prostep-Projektzentrum in Darmstadt.

Der Experte beurteilt die kuenftige Step-Unterstuetzung optimistisch. Denn in der Prostep-Initiative engagieren sich mittlerweile zahlreiche Industrieunternehmen, darunter alle deutschen Automobilhersteller sowie Siemens und Bosch, fuer die gemeinsame Entwicklung und Normung von Anwendungsdatenmodellen. Als Beispiel fuer die komplexe Situation nennt Machner die BMW AG, die im Jahr 1992 in Zusammenarbeit mit 350 Zulieferern rund 66 000 Datenmodelle (ohne die Elektrik) zwischen 60 verschiedenen CAD/CAE-Systemen ausgetauscht hat.

Das Interesse der Anwender an einem gemeinsamen Datenmodell ist also gross, der Druck auf die Hersteller koennte es ebenfalls werden. Den Nutzen daraus zoegen beide, denn mit ausreichender Step-Unterstuetzung erhielten EDM-Anbieter auch eine Chance, einen Fuss in die Grossindustrie zu setzen.

In dieser Hinsicht gibt es laut Machner allerdings noch einigen Handlungsbedarf - besonders fuer CAD-nahe EDM-Systeme, wenn diese eine Rolle in den Firmen spielen sollen, die mehr als nur eine CAD-Plattform einsetzen.

Die derzeit mangelhafte Flexibilitaet von IT-Werkzeugen, wenn es um die Unterstuetzung von Standards oder um die benutzergerechte Konfiguration einzelner Softwarekomponenten geht, beklagte auch Hartmut Weule, Vorstandsmitglied der Daimler-Benz AG, auf einem Technologiekongress der IHK Karlsruhe. Selbst DV-erfahrene Unternehmen, die sich zu einem kompromisslosen Umstieg auf offene Systeme bereit erklaert haetten, wuerden unter diesen Umstaenden die Migration scheuen. Weule, zugleich Ehrenvorsitzender der AIT- Initiative, in der sich 30 europaeische Automobil- und Luftfahrtkonzerne ueber praxisgerechte IT-Werkzeuge fuer Design und Fertigung beraten, begruesst den EDM-Ansatz als Ausweg aus den bereichsorientierten DV-Strukturen.

Die Umsetzung von EDM scheitert aber haeufig nicht nur an den Schwaechen der Produkte. Zahlreiche Unternehmen investieren viel Zeit in die Planung einer etwa auf zehn Jahre angelegten Strategie zur ganzheitlichen EDM-Einfuehrung. Einfluesse des Markts und, daraus resultierend, veraenderte Geschaeftsablaeufe, so die Erfahrung bei Ploenzke, zwingen jedoch nicht selten zu einem Wechsel auf kurzfristigere Planungszeitraeume.

Dieser sogenannte pragmatische Ansatz schneidet laut Abramovici nach vielen Bewertungskriterien gegenueber dem strategischen guenstiger ab: geringere Kosten, begrenztes Risiko und hoehere Anwenderakzeptanz. Die sukzessive EDM-Einfuehrung in einzelnen Unternehmensbereichen birgt allerdings wieder die Gefahr von Inselloesungen.

Qual der Wahl

Die Datenverarbeitung zahlreicher Fertigungsunternehmen orientiert sich nach wie vor an funktionalen Bereichen wie Konstruktion, Produktion, Rechnungswesen und Ver-

trieb. Eine zunehmende Ueberschneidung der IT-Werkzeuge etwa fuer PPS, EDM und DM (Dokumenten-Management) wird jedoch erwartet. Was oft bleibt, ist ein verunsicherter Anwender: Benoetigt er Produkte fuer alle drei Plattformen, oder soll er warten, bis ein sogenanntes Standard-Tool die angrenzenden Gebiete ausreichend abdeckt? Bis die Vision eines integrierten Produktdaten- und Prozess-Managements Wirklichkeit wird, werden wohl noch so manche Grabenkaempfe auf seinem Ruecken ausgetragen.

EDM

Das Engineering Data Management stellt ein Konzept dar, bei dem Informationen zum Lebenszyklus von Produkten und Anlagen bereichsuebergreifend in die Ablaeufe der Geschaeftsprozesse integriert werden. EDM-Systeme sollen diese Daten auf einer Metaebene verwalten koennen. Voraussetzung ist, dass technische und kommerzielle Anwendungen wie CAD, CAQ, PPS- und Buerosysteme ueber eine gemeinsame Datenbasis verfuegen.

EDM besteht aus zwei Hauptkomponenten: Einerseits muessen anwendungsbezogene Funktionen fuer das Daten-Management vorhanden sein, so etwa zur Verwaltung von Zeichnungen einer CAD- Applikation. Andererseits soll EDM systemuebergreifende Funktionen fuer das Prozess-Management anbieten. Darunter fallen zum Beispiel Aufgaben des Workflows, der Dokumentation und des Aenderungs- Managements.