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12.02.1999 - 

Open-Source-Software

Halloween: Microsoft fürchtet ums Monopol

Microsoft sorgt sich um das Vordringen von Open Source in kommerzielle Märkte. Die sogenannten Halloween-Dokumente aus Redmond aner-kennen die Stärke der preiswerten Konkurrenz. Bill Gates'' Adjutanten ziehen als Antwort vier Strategien in Betracht: Einschüchterung, Abwerben, Entstandardisierung der Protokolle und Patentklagen.

Von Eva-Katharina Kunst

Anfang November 1998 fanden zwei zunächst nicht authentifizierte Microsoft-interne Strategiepapiere betreffend Open Source und Linux über DV-Kreise hinaus ein großes Echo. Die beiden Texte waren von einer ungenannten Quelle an Eric Raymond, eine Schlüsselfigur der Open-Source-Szene, weitergegeben worden.

Raymond versah sie mit Kommentaren, benannte sie nach dem Zeitpunkt ihrer Erstveröffentlichung, dem Halloween day, als "Halloween I" beziehungsweise "Halloween II" und stellte sie ins Internet. Das Original findet sich unter http://www.opensource. org/halloween.html, die deutsche Übersetzung unter http://id-pro. de/idpOSS.

Raymonds Empfehlung, die Datei möglichst bald herunterzuladen, da Microsoft dagegen vorgehen werde, erwies sich indes als unbegründet. Im Gegenteil: Ed Muth, Marketing-Manager von Microsoft, lüftete die Identität des Autors und Microsoft- Ingenieurs Vinod Valloppillil und bestätigte die Echtheit der Dokumente.

Die überraschende Offenheit führte sogleich zu Vermutungen, Microsoft habe die Dokumente selbst lanciert, um im Antitrust- Verfahren Konkurrenten vorweisen zu können. Mag diese These schlüssig sein oder nicht, fest steht, daß die Dokumente Microsoft nicht weitergeholfen haben. Denn im Kartellverfahren steht allein der Desktop-Bereich zur Debatte. Die Halloween-Dokumente beziehen sich jedoch auf den Server-Markt.

In jedem Fall stellen die beiden Papiere mehr dar als nur technische Studien ohne maßgebli- che Relevanz für die Firmenpolitik, wie Microsoft sie im nachhinein herunterzuspielen versuchte. Vielmehr lassen sie tiefe Einblicke in die Geschäftsstrategien der Redmonder Softwareschmiede zu - und verhalfen zugleich der Open-Source-Bewegung zu einer beträchtlichen Öffentlichkeit. Das erste Halloween-Dokument behandelt ausführlich das Phänomen Open-Source-Software, definiert ihre Charakteristika im Entwicklungsprozeß und beschreibt ihre Lizenzierung. Es analysiert Stärken und Schwächen des Prozesses sowie die vorhandenen Geschäftsmodelle und stellt einige besonders erfolgreiche Projekte wie Linux, Netscape und Apache vor. Dem folgt der eigentliche Kern der Studie: die Entwicklung möglicher Strategien und Vorgehensweisen seitens Microsoft, die den Erfolg von Open Source wirksam unterbinden könnten.

Microsoft erwachse durch Open Source eine ernste Gefahr, resümiert Vinod Valloppillil gleich zu Beginn: "In den letzten Jahren, korrespondierend mit dem Wachstum des Internet, erwarben Open- Source-Softwareprojekte eine Reife und Komplexität, die traditionell nur kommerziellen Produkten wie Betriebssystemen und anwendungskritischen Servern zugeschrieben werden.

"Entwicklerkreativität ist eine Bedrohung"

Open-Source-Software stellt damit eine unmittelbare, kurzfristige Gewinn- und Plattformbedrohung für Microsoft dar, insbesondere im Server-Bereich. Zusätzlich bieten die immanente Parallelität der Entwicklung und der freie Ideenaustausch bei Open-Source-Software große Vorteile, die sich mit unserem derzeitigen Lizenzierungsmodell nicht kopieren lassen - daher besteht durch die Entwicklerkreativität eine langfristige Bedrohung."

Als gegnerische Vorteile im Wettbewerb um die Gunst der Anwender nennt Valloppillil die rasante Entwicklungsgeschwindigkeit von Open-Source-Produkten bei gleichzeitiger Stabilität und Sicherheit der Programme. Die modulare Aufteilung ermögliche es, "einzelne Teile sofort zu veröffentlichen, sobald der Entwickler seinen Code fertig hat".

Begünstigt werde die schnelle Entwicklung durch den permanenten Austausch der Ideen über das Internet und das parallele Entwickeln mehrerer Lösungswege. Unzählige Beta-Tester ließen Open-Source- Software "mindestens so stabil, wenn nicht stabiler als kommerzielle Alternativen" laufen.

Insbesondere der enorme Erfolg des Linux-Betriebssystems bereitet Microsoft Sorgen. "Halloween II" setzt sich denn auch ausschließlich mit dem Phänomen Linux auseinander. Obgleich Valloppillil glaubt, "die Hackerorientierung von Linux" werde "niemals den Erfordernissen des normalen Desktop-Benutzers gerecht werden", sieht er in Linux den stärksten Konkurrenten von Windows NT: "Die Kunden lieben es!" Denn Linux habe den Vorteil, "in praxisrelevanten Umgebungen eingesetzt und sehr verläßlich zu sein" und übertreffe überdies "viele andere Unixe bei den meisten wichtigen Leistungskriterien".

Zudem sei Linux das "einzige Unix-Betriebssystem, das seinen Marktanteil ausbaut". Diese Marktbedrohung wird durch die jüngsten Zahlen einer Studie der International Data Corporation (IDC) belegt, nach der Linux im Server-Markt massiv um sich greift (siehe Seite 53).

Auch das Open-Source-Produkt Apache, "die absolute Nummer 1 unter den Web-Servern im Internet", dominiert deutlich vor Microsofts Konkurrenzprodukt, dem Internet Information Server (IIS). Zugleich macht die wachsende Zahl von Erweiterungen für Apache dessen Einsatz noch attraktiver.

"Die Gefahr ist keine Firma, sondern ein Prozeß"

Und die Liste der Open-Source-Anwärter, die Microsofts Vorherrschaft angreifen, wird länger: Mit "Samba" kann man unter Unix einen lizenzfreien Windows-NT-Server betreiben, mit dem Netscape-Browser im Internet surfen, mit "KDE" oder "Gnome" Desktop-Funktionalität ê la Windows bereitstellen, und Wine bringt sogar Windows-Applikationen selbst auf den Open-Source-Desktop.

Um überzeugende Antworten auf das Vordringen von Open Source zu finden, analysieren die beiden Microsoft-Studien mögliche Schwächen von Open-Source-Projekten. Valloppillil zählt dazu "mangelnde strategische Ausrichtung" und die "fehlende organisatorische Glaubwürdigkeit". Auch greift er ein paar weitverbreitete Argumente gegen Open Source auf: mangelnde Benutzerfreundlichkeit, keine Instrumente der Kundenbetreuung, Support meist nur über das Internet.

Fest steht, daß Microsoft es hier nicht mit gewöhnlichen Konkurrenten zu tun hat und sich dessen wohl bewußt ist: "Um zu verstehen, wie gegen Open-Source-Software vorzugehen ist, müssen wir uns nicht auf eine Firma, sondern auf einen Prozeß konzentrieren", urteilt Valloppillil.

In der Tat liegt hierin eines von Microsofts Hauptproblemen: Daß Open-Source-Projekte nicht aus der Produktion einer Firma stammen, bei der man versuchen könnte, sie aufzukaufen, sondern aus rund um den Globus verstreuten hochqualifizierten Entwicklern, die sich der Herausforderung einer freien, verteilten Entwicklung stellen. "Die Fähigkeit von Open-Source-Software-Prozessen, den kollektiven IQ tausender Individuen rund um das Internet zu bündeln und sich nutzbar zu machen, ist schlicht erstaunlich."

Dieser Prozeß sei "einzigartig" auch "in bezug auf die Motivationen seiner Teilnehmer und die einsetzbaren Ressourcen zur Bewältigung eines Problems". Es sind nicht wirtschaftliche Aspekte, die den typischen Open-Source-Entwickler antreiben, sondern der Kitzel, schwierige Aufgaben zu lösen und damit Reputation und Ehre im Internet zu erlangen.

So erscheint denn auch der Vorschlag Valloppillils wenig vielversprechend, die Foren der Open-Source-Szene zu beobachten und die klügsten Köpfe für Microsoft abzuwerben, zumal die meisten von ihnen Idealisten und erklärte Microsoft-Gegner sind. Der Versuch des Softwareriesen im Herbst vergangenen Jahres, den bekannten Linux-Entwickler Alan Cox für sich zu gewinnen, scheiterte denn auch kläglich.

Die von IBM übernommene und bewährte Marketing-Strategie FUD, was für Fear, Uncertainty, Doubt (Angst, Unsicherheit, Zweifel) steht, erscheint Microsoft ebenfalls nicht dazu geeignet, das Vordringen von Open Source einzudämmen. Denn dazu fehlt es an Ansatzpunkten: "Open-Source-Software ist glaubwürdig auf lange Sicht", mahnt Valloppillil, und gerade deswegen könnten "FUD-Taktiken nicht verwendet werden, um sie zu bekämpfen".

Statt dessen will Microsoft von einer anderen Seite kommen. Da Open-Source-Projekte für eine freie und ungestörte Kommunikation auf einfache und offene Protokolle setzen, planen die Redmonder, diese auszuhöhlen und zu "entstandardisieren", das heißt, proprietär zu erweitern: "Baue zusätzliche Funktionen in bestehende und verbreitete Protokolle und Services ein und schaffe neue Protokolle", so das Motto der Microsoft-Studien.

Dies ist nach Eric Raymonds Ansicht "nichts geringeres als der Versuch, die gesamte allgemeingültige Netzwerk- und Server- Infrastruktur in Protokolle zu verwandeln, die zwar den gleichen Namen tragen, aber in Kunden- und Markt-Kontrollprotokolle gewandelt wurden".

Auch eine weitere Strategie erscheint Microsoft verheißungsvoll: Open-Source-Produkte unterliegen der sogenannten GNU General Public License (GPL), bei der es jedem freisteht, den bestehenden Code zu nutzen oder gar zu verändern. Allerdings unter einer Bedingung: Jegliche Modifikation muß ebenfalls zur freien Verfügung gestellt werden. Eine Idee, die der Lizenzierungs- beziehungsweise Patentpolitik von Microsoft diametral entgegengesetzt ist.

Inzwischen ist es weitverbreitete Praxis großer Firmen, möglichst viel patentieren zu lassen (ohne daß substantiell etwas dahinterstehen muß), um anschließend Lizenzgebühren zu kassieren oder Patentklagen anzustrengen. Diese reale Bedrohung für Open Source umschreibt Valloppillil im zweiten Halloween-Dokument mit den Worten: "Es bleibt zu untersuchen, welchen Effekt Patente und Urheberrechte bei der Bekämpfung von Linux haben."

Derzeit belegt Microsoft mit geschätzten 310 Softwarepatenten für das Jahr 1998 Rang fünf der Top ten. Insgesamt erwartet allein das US-Softwarepatentsystem für dieses und das vergangene Jahr 40000 Softwarepatente, zehnmal mehr als in den Jahren 1992 und 1993.

"Die Firmen verfechten meistens die Strategie Quantität vor Qualität, so daß sie die Lizenzspiele mitspielen können", beklagt Greg Aharonian vom Internet Patent News Service. Dies gilt insbesondere für die patentstarken Bereiche Netzwerke, Kommunikation und Betriebssysteme.

"Offensichtlich brauchen wir eine Verteidigung", reagierte Bruce Perens von der Open-Source-Initiative, die sich schon vor Erscheinen der Halloween-Dokumente mit dem Thema Patentklagen beschäftigte: "Ich glaube nicht, daß wir in der Lage sind, Softwarepatente demnächst abschaffen zu können - zumindest nicht in den USA -, also müssen wir innerhalb des Systems dagegen ankämpfen. Neue Softwarepatente müssen für den freien Einsatz in Open-Source-Software lizenziert werden, oder wir werden keine technisch führende Rolle mehr aufrechterhalten können."

Eine mögliche Achillesferse der Open-Source-Szene also. Allerdings: Je mehr sich staatliche Stellen bewußt werden, welcher volkswirtschaftliche Nachteil sich für sie ergibt, wenn Nachbarländer die eigenen Patente nicht anerkennen und die Technologie nutzen (die über das Internet leicht Verbreitung finden wird), desto eher werden sie bereit sein, Sonderregelungen wie die von Perens geforderte zuzulassen.

Es wird sich zeigen, welche Wege Microsoft in Zukunft einschlagen wird, um Open Source zu bekämpfen. Eines ist offensichtlich: Open Source bedeutet für das Unternehmen eine der größten Herausforderungen der Zukunft. "Im Moment mag zwar die Firma aus Redmond, Washington, hauptsächlich dankbar für die wachsende Bedeutung von Linux sein, da es dies als einfachen Weg betrachtet zu beweisen, daß Windows kein Monopol darstellt", beschrieb es der "Economist", "auf lange Sicht könnten Linux und andere Open- Source-Programme Mr. Gates aber noch viel Leid zufügen."

Raymond stellt diese Gefahr in einen noch globaleren Zusammenhang: "Die wirkliche Schlacht wird nicht zwischen NT und Linux oder Microsoft und Redhat/Caldera/Suse ausgetragen - es geht um verschlossene Codeentwicklung gegen Open Source. Die Kathedrale gegen den Basar."

Eva-Katharina Kunst ist freie Journalistin in München.