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17.11.1989

Handgeschnitzte Thesen zur "business strategy" der Telekom

Unser Problem ist nicht die Technologie. Unser Problem ist die Umsetzung am Markt.

Ich habe weder die Zeit noch die Kompetenz, eine "business strategy" für die Deutsche Bundespost entwerfen. Deswegen erlauben Sie mir daß ich zur Anregung der Adrenalin-Produktion auf unserem Symposium* schlicht ein paar handgeschnitzte und nur vorläufig geordnete Thesen in den Raum stelle.

1. Die Zuwachsrate beim Telefonverkehr kann in der Zukunft noch erheblich gesteigert werden. Mit über 42 Millionen Sprechstellen hat die Bundesrepublik Deutschland einen Versorgungsgrad von knapp 70 Sprechstellen je 100 Einwohner. Von jedem Einwohner werden im Durchschnitt 500 Gespräche im Jahr geführt. Nun hören Sie sich bitte die Vergleichszahl ans den Vereinigten Staaten an: Dort telefoniert jeder Einwohner durchschnittlich 1880mal im Jahr. Wir werden die amerikanischen Frequenzen aufgrund ganz anderer Bedingungen in einem ganz anderen Land niemals erreichen, und vielleicht werden manche auch sagen: Es ist gar nicht wünschenswert, daß wir sie erreichen. Trotzdem bin ich davon überzeugt, daß die Zuwachsrate von derzeit 5 Prozent noch erheblich gesteigert werden kann.

2. Dazu wird es allerdings notwendig sein, die neuen Möglichkeiten den Anwendern plastisch darzustellen. Ich rede nicht nur von der Aufgabe, den PC als Endgerät langsam "hoffähig" zu machen - für die Industrie. Ich rede von ganz banalen Dingen, auch für den Privatmann. Nur 60 Prozent aller Versuche, einen bestimmten Gesprächspartner telefonisch zu erreichen, haben Erfolg. In 18 Fällen spricht der angewählte Teilnehmer bereits, 2 Prozent der Wählversuche scheitern an Kapazitätsengpässen in der Leitung, und in 20 Prozent ist der angewählte Gesprächspartner nicht erreichbar. 47 Prozent der Menschen finden es noch unangenehm, auf einen Anrufbeantworter zu sprechen. Wie wäre es denn, wenn neue Möglichkeiten der Digitalisierung und des ISDN bewußt gemacht würden? Ich bin ziemlich sicher, daß viele Menschen sofort aufhorchen werden, wenn man ihnen Begriffe wie Anklopfen, Rufumleitung, ISDN-Fernwirken, Identifizieren, Einzelgebührennachweis oder Centrex nicht einfach an den Kopf wirft, sondern auch noch erklärt. Zum Beispiel: Beim Telefonieren neuer Art wird es möglich sein, wenn ein weiterer Anruf während eines laufenden Gesprächs ankommt, die Nummer des Anklopfenden im Display zu sehen. Wie wäre es, wenn in der Bundesrepublik - in der gerade der erste Telefon-Kongreß unserer Geschichte stattfindet darüber eine breite (übrigens auch kritische) Diskussion entfacht werden würde?

3. Die Deutsche Bundespost Telekom darf sich nicht auf den auf Dauer an Bedeutung verlierenden Monopolen ausruhen. Noch sind die Einnahmen zu 90 Prozent durch die Monopole geprägt. Die Zukunft liegt jedoch eher in den Wettbewerbsdiensten und in neuen Märkten, die erheblich höhere Zuwachsraten als der Telefondienst aufweisen.

Zum Beispiel: An die Telekommunikationsnetze sind heute rund 500 000 Datenstationen angeschlossen; hier beträgt die Steigerungsrate fast 20 Prozent - und bei modernen Bürokommunikationsdiensten zuweilen sogar mehr als 50 Prozent. Der explosivste Dienst ist dabei Telefax; mit einer Zuwachsrate von 140 Prozent.

4. Die Bundespost Telekom bestimmt mit ihrem Verhalten nicht nur ihr eigenes Geschäft, sondern beeinflußt auch die Geschäfte von Wettbewerbern. Das trifft, beispielsweise auf die Tarifpolitik im Telefondienst und bei Mietleitungen zu. Hier sind die ersten Schritte zu einer Kostenorientierung - ohne Vernachlässigung des Infrastrukturauftrags - ja schon gemacht. Für die Zukunft wird es vor allem darauf ankommen, daß der Netzbetreiber festgeschaltete Verbindungen bedarfsgerecht und restriktionsfrei bereitstellt. Bedarfsgerecht heißt, wie das neue Vorstandsmitglied der Telekom, Dr. Gerd Tenzer, gesagt hat: "Es darf keine Behinderung des chancengleichen Dienste-Wettbewerbs durch Rationierung, übermäßig lange Bereitstellungszeiten, ungerechtfertigte Nutzungseinschränkungen oder prohibitive Mietleitungstarife stattfinden.

5. Wie es beim Zusammenwachsen zweier großer Bereiche, der Telekommunikation und der Datenverarbeitung, nicht anders zu erwarten war, fällt das Know-how noch auseinander. Das Netz-Know-how liegt vor allem beim Netzbetreiber, also bei der Deutschen Bundespost Telekom. Das Datenverarbeitungs-Know-how liegt vor allem bei der entsprechenden Industrie, also bei den Datenverarbeitungsanbietern. Die Deutsche Bundespost Telekom wird sich Know-how in der Informationsverarbeitung systematisch beschaffen müssen. Wo das nicht anders möglich ist - zum Beispiel bei der Bereitstellung von Software - kann dies auch durch Joint-ventures oder durch private Töchter erfolgen.

6. Es ist ein beliebtes Verwechselspiel, daß alle Innovationen dem ISDN zugeschrieben werden. In Wirklichkeit sind eine ganze Reihe neuer Dienste schon durch die Digitalisierung möglich. Für diese Innovationen ist die Netzintegration gar nicht notwendig. Wer sich dies klar macht, muß zwei Konsequenzen ziehen: Er muß erstens die Digitalisierung beschleunigen. Hier hat die Bundespost bisher, ein allzu gemäßigtes Tempo eingeschlagen. Frankreich wird schon Anfang der neunziger Jahre voll digitalisiert sein. Zweitens sollte das neue Unternehmen die bisherige Postpolitik, bestimmte mit der Digitalisierung mögliche Dienste gar nicht anzubieten um den Druck auf das ISDN zu erhöhen, fallenlassen. Wer besonders trickreich seit will, läuft Gefahr sich selbst auszutricksen.

7. Die Märkte mit den größten Zuwachsraten sind, wie bereits schon gesagt, die Non-voice-Dienste und die Mehrwertdienste. Man muß aber wissen: Diese Märkte der Geschäftskommunikation sind internationale

Märkte. Es wird deshalb notwendig sein, daß die Bundespost Telekom demnächst auch im Ausland tätig wird. Entsprechende Vorbereitungen scheinen bereits in Gang zu sein.

8. Die neuen "Anwenderforderungen" werden sich allerdings nur entwickeln, wenn für die Anbieter von Diensten ebenso wie von Endgeräten eine gewisse Plan-Lingssicherheit gegeben ist. Aus diesem Grund sollte der Netzbetreiber politisch flexibel handeln und jede überfallartige Telekommunikationspolitik vermeiden. Um es an zwei plastischen Beispielen deutlich zu machen: Es hat wenig Sinn, Leistungsmerkmale wie das "Identifizieren" oder den Einzelgebührennachweis einfach einzuführen und Einwände - die dagegen beispielsweise mit dein Motiv des Datenschutzes erhoben werden - als abwegige Krittelei abzutun. Die Politik sollte alles vermeiden, was dazu führen könnte, daß in der Telekommunikationspolitik etwas ähnliches passiert wie in der Energiepolitik; nämlich eine Diskussion nach dem Muster der Debatte um die Kernkraftwerke. Ich rate dringend zur Vorsicht. Wo der Anschlußinhaber durch den Enizelgebührennachweis Aufschluß über die Kommunikationsvorgänge der Mitbenutzer erhalten könnte, wird der Datenschutz verletzt.

Auch für den angerufenen B-Teilnehmer könnte der Nachweis bestimmter Kommunikationsbeziehungen unerwünscht sein; die Barschel-Affäre und die Art ihrer Aufklärung ist vielen Menschen noch in guter Erinnerung.

Es ist besser, rechtzeitig darüber eine Diskussion zu führen und anzuerkennen, daß es ganz offensichtlich unterschiedliche Bewußtseinsstrukturen bei der Mehrheit und bei Minderheiten in unserer Gesellschaft gibt.

Wer rechtzeitig Risiken erkennt und nicht darauf wartet bis diese Risiken vor Gericht eingeklagt werden, kann zum Beispiel manches im Endgerät regeln. Manchmal geeinigt ein Paßwort oder eine Chipkarte. Es wäre auch denkbar, die Rufnummern beim Einzelgebührennachweis nur verkürzt wiederzugeben - ähnlich wie bei der Scheckendnummer - so daß nur für den tatsächlichen Benutzer der Einzelgebührennachweis sinnvoll ist. Auch das wäre leicht ins Endgerät - zum Beispiel auf Wunsch - zu haben. Wer den Kunden als König betrachtet, sollte auch die Wünsche von Kundenminderheiten registrieren und, wo möglich, berücksichtigen.

Die Deutsche Bundespost Telekom wird viel Spielraum brauchen, wenn sie erfolgreich sein soll. Man kann nur hoffen, daß dem Unternehmen dieser Spielraum gegeben wird.