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08.04.1988 - 

Von der improvisierten Exportschau zum zweigeteilten Industriespektakel, Teil 2:

Hannover zwischen Hermes-Hochmut und der Angst vor dem großen Messekrach

Die diesjährige CeBIT ist gelaufen. Nun häufen sich die Jubelmeldungen der Messe AG: 480 000 Besucher, davon 97 000 aus dem Ausland, haben die Hallen gestürmt. Dort tummelten sich 2730 Aussteller, von denen sich bereits 90 Prozent für die CeBIT 1989 angemeldet haben. Interessant aber sind vor allem die Aussagen zur Besucherstruktur. So wollen die Leinestädter Messemacher 300 000 Besucher aus dem Top-Management beziehungsweise Selbständige ausgemacht haben. Genauer aufgeschlüsselt wurde der Bereich "Top-Management" indes nicht. Auch kann die Euphorie der Messe AG noch immer nicht darüber hinwegtäuschen, daß die seit 1986 jährlich zwei durchgeführten Hannover-Messen speziell für die DV-Branche, aber auch für viele Besucher eine enorme Belastung darstellen. Wie vor beinahe vierzig Jahren in Hannover alles anfing und was zur Teilung von lnformationstechnik und Industrie führte, schildert CW-Redakteurin Beate Kneuse in einer Serie.

Im Sommer 1966 schließlich beschloß die Messegesellschaft, dem Drängen der Aussteller nachzukommen. So sollten sich auf der Hannover-Messe 1967 zum einen einige "Herstellerfirmen von automatischen Datenverarbeitungsanlagen" - wie es erstmals in einer Presseinformation der Messe AG hieß - vor der Halle 17 Pavillons aufbauen dürfen. Forderung der Messeleitung an die DV-Hersteller war, daß deren "Erzeugnisse eine Speicherkapazität von mindestens 8 K haben und für die unterschiedlichsten Zwecke auf verschiedenen Gebieten eingesetzt werden können" (Presseinformation der Deutschen Messe- und Ausstellungs-AG Hannover vom 16. August 1966). Der dadurch in Halle 17 freiwerdende Platz sollte neuen Ausstellern zugute kommen beziehungsweise der Standflächenerweiterung dienen.

Darüber hinaus planten die Messemacher noch eine zusätzliche Halle 17 A, in der sich unter anderem Hersteller von Bürobedarf und Büromöbeln niederlassen durften. Diese Ergänzungshalle, auf 5600 Quadratmeter Grundfläche gebaut, sollte bis zur Messe 1970 als Interimslösung dienen. Dann nämlich wollte man der Büroindustrie eine ganz neue Halle am Eingang Nord zur Verfügung stellen. Diese Entscheidung wurde allerdings nicht nur wegen des Platzmangels getroffen. Vielmehr hoffte die Messe AG, die Bürowirtschaft mit der neuen Halle weiterhin für die Hannover-Messe halten zu können. Seit Mitte der sechziger Jahre nämlich war von dieser Branche immer die Absicht bekundet worden, sich von dem gigantischen Industrietreff lösen und sich mit einer eigenen Fachmesse selbständig machen zu wollen.

Büroindustrie bleibt In Hannover

Mit diesem Plan stand die Bürowirtschaft keineswegs allein. In Reihen der verschiedenen Industriesparten war mittlerweile nämlich nicht nur eine gewisse Messemüdigkeit aufgekommen. Vielmehr ging die permanent herrschende Raumnot in Hannover allen Ausstellern auf die Nerven. Doch der Vorschlag eines Industriesprechers, die Hannover-Messe solle künftig nur noch alle zwei Jahre stattfinden, stieß nur bei wenigen Branchen auf Gegenliebe. So beschloß die Messeleitung, einige Industriezweige abwechselnd ausstellen zu lassen. Damit kam man nicht nur den Branchen entgegen, die für ein Zweijahres-Konzept gestimmt hatten, sondern auch das Platzproblem trat vorerst wieder etwas in den Hintergrund.

Durch die von der Messe AG versprochene neue Halle besänftigt, beschloß die Bürobranche 1968 schließlich, weiterhin im Rahmen der Hannover-Messe auszustellen. Erinnert sich Jürg Tschirren, Aufsichtsratsvorsitzender der Kölner Bull AG, der 1968 Mitglied im "Messe-Ausschuß der Wirtschaft für den Bereich der Büro- und Computertechnik" wurde: "Ganz maßgeblich habe ich damals darauf hingewirkt, daß die Büro- und Informationstechnik in Hannover blieb. Dies vor dem Hintergrund, daß sich neue und andere Messeplätze in der Bundesrepublik Deutschland mit großen Computer-Ausstellungen schmücken wollten und die Büro- und Informationstechnik weggelockt werden sollte."

CeBIT: Symbol der wachsenden DV-Branche

Die Hannoveraner Messeleitung hielt Wort. 1970 hatte das Industriespektakel einen neuen Blickfang. CeBIT, das Centrum für die Büro- und Informationstechnik, war geboren. Am Eingang Nord präsentierte sich eine mächtige Halle mit drei unterschiedlichen Nutzungsebenen: im Tiefgeschoß eine Parkgarage für rund 2000 Aussteller, darüber die neue Halle 1 mit einer Bruttoausstellungsfläche von 70 100 Quadratmetern und einer Nettoausstellungsfläche von 51 800 Quadratmetern, die 1970 insgesamt 625 Aussteller der Büroindustrie, davon 130 aus dem Ausland, beherbergte. Genutzt wurde zudem die Dachebene, auf die man 750 kleine Fertighäuser, auch Trelemente genannt, gebaut hatte. Stolze 70 Millionen Mark hatte der Neubau verschlungen. Die alte Halle 1, die 1947 die ersten Besucher empfangen hatte, wurde abgerissen und ebenfalls durch eine neue, die Halle 12, ersetzt.

Gigantische Halle 1 nicht unumstritten

Die Messe AG war sehr stolz auf den CeBIT- Neubau. "Doch noch stolzer", so Gerhard Karck, "waren die Aussteller und die DV-Fachbesucher. Als ich das erste Mal diese Halle sah, war ich begeistert und fasziniert. Denn sie dokumentierte eindeutig den Vormarsch, auf dem sich unsere Branche befand." Dennoch sei er bei seinem ersten Gang durch die Halle auch etwas erschrocken gewesen über diesen Gigantismus. "Man war solche Riesenhallen damals noch gar nacht gewöhnt, und die Orientierung fiel außerordentlich schwer." So habe sich denn auch die Fachpresse gleich kritisch mit der CeBIT-Halle auseinandergesetzt. "Die ganze Zeit diskutierte man darüber, ob es nicht besser gewesen wäre, die Bürowirtschaft in zwei oder drei kleineren Hallen mit sachlicher Unterteilung unterzubringen", erinnert sich der Kieler DV-Experte. "Doch als Gegenfrage kam immer wieder, nach welchen Kriterien man diese Unterteilung hätte vornehmen sollen. Eine Diskussion, die wir heute ja nur zu gut kennen."

Auch die Messeleitung entdeckte schon bei der Inbetriebnahme der CeBIT-Halle 1 erste Schattenseiten. Jörg Schomburg von der Messe AG: "Kaum daß die Halle fertig war und die Aussteller einen Stand erhalten sollten, zeigte sich, daß das neue Prunkstück bereits wieder zu klein war." Zwar lebten alle Sparten noch ein bis zwei Jahre einträchtig in der Halle 1 unter einem Dach, doch als sich vor allem die Büromöbel immer mehr ausbreiten wollten, kam es zum Krach. Die ruhigen Oasen der Möbelhersteller sollten in einer anderen Halle untergebracht werden, doch damit waren die Möbelmacher gar nicht einverstanden. Selbst das Angebot der Messeleitung, eigens für sie eine neue Halle zu bauen, lehnten sie ab. Sie wollten in der Nähe der Maschinen bleiben. Nachdem sich nach zahlreichen Auseinandersetzungen keine Lösung abzeichnete, verabschiedeten sich die Möbelhersteller schließlich von Hannover und zogen nach Köln. Die Orgatechnik wurde aus der Taufe gehoben.

Büromöbel ziehen nach Köln

Nach dem Auszug der Möbelleute teilten die Computerhersteller die gesamte Halle unter sich auf. Die ruhigen Oasen der Büromöbelfirmen fielen an andere Rechneranbieter und laut Karck herrschte in der ganzen Halle "ein ziemlicher Lärm, den die Computer in jener Zeit noch produzierten". Aber auch die Stände hatten sich gewandelt. Mit der neuen Halle war das Bewußtsein der DV-Hersteller gestiegen, sich mit ihrem Stand herausputzen zu wollen. Dazu Gerhard Karck: "Auch bei den Computerherstellern begann nun die Zeit der darstellenden Messekunst, und die Standdesigner hatten Hochkonjunktur. Der Glanz, den die Stände auszustrahlen begannen, vermittelte dem Besucher das Gefühl, vom Mittelalter in die Neuzeit gekommen zu sein." Auch sann man auf Attraktionen, die in Bezug zu der Computertechnik standen. So präsentierte beispielsweise die IBM Anfang der siebziger Jahre einen Experimentierrennwagen von Daimler Benz, den C-111, der erstmals mit CAD entwickelt worden war.

Den neuen Glanz, den die Büro- und Informationstechnik in jenen frühen siebziger Jahren ausstrahlte, konnte die niedersächsischen Messemacher jedoch nur wenig darüber hinwegtrösten, daß immer mehr Branchen der Hannover-Messe den Rücken kehrten. Abgebröckelt war im Laufe der Zeit vor allem der Konsumgüterbereich. Immer mehr Ausstellergruppen dieser Branche zog es in andere Städte. Auch eine von der Messe AG kreierte, eigenständige Konsumgütermesse blieb ohne Erfolg, und so verabschiedete sich dieser Industriezweig schließlich 1978 endgültig von Hannover.

Immer mehr Branchen suchen sich eigene Messen

Auch die Baumaschinenhersteller wählten sich Anfang der siebziger Jahre einen anderen Ausstellungsrhythmus und schlossen sich der "Bauma" in München an. Dadurch konnten 1973 weite Teile des Freigeländes nicht mehr belegt werden. Nur kurze Zeit später sagten die Holzbearbeitungsmaschinen der Hannover-Messe ade. Diese Branche aber konnte immerhin, wie Jahre zuvor die Werkzeugmaschinen, mit einer eigenen Ausstellung weiterhin an die niedersächsische Landeshauptstadt gebunden werden. Daneben gewann die Messe AG aber auch neue Branchen für das jährliche Industrie-Ereignis hinzu. Im Rahmen der Elektronik hatte der Mikro-Chip inzwischen von sich reden gemacht, und so nahm die Hannover-Messe die Gruppe Mikroelektronik in ihr Ausstellungsprogramm auf.

In arge Mitleidenschaft gezogen wurden die Hannoveraner Messestrategen jedoch auch durch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten in der Bundesrepublik Deutschland Mitte der siebziger Jahre. Bittere Hannover-Messen mit sinkenden Ausstellerzahlen und unbelegten Hallen galt es zu überstehen. Selbst die Besucher blieben aus. Alle Branchen hatten mit der Investitionsunlust der Unternehmen zu kämpfen, mager waren die erzielten Messeabschlüsse. Selbst die so florierende Computerindustrie hatte in jenen Jahren kaum Anlaß zur Freude. Zur Hannover-Messe 1978 mußte die Messe AG gar feststellen, daß das Ausstellungsspektrum nur noch dem Stand von 1962 entsprach.

Dies hatte jedoch auch wieder eine gute Seite. Denn die Messeleitung machte sich daran, das Ausstellungssortiment nach Anwendungsgebieten und Zielgruppen neu zu ordnen. Zudem wurde dem Geist der Zeit Rechnung getragen, in dem man die Innovationsschau "Forschung und Entwicklung" ins Leben rief. Sie sollte die Besucher verstärkt an den technischen Fortschritt heranführen und Akzeptanzschwierigkeiten abbauen.

Verkaufsgespräche in zweiter Ebene

Im CeBIT tobte ab 1979 wieder das Leben. Die Wirtschaft hatte sich stabilisiert, neue Entwicklungen, unter anderem der Mikroprozessor, sorgten dafür, daß die Computer nicht nur leiser, sondern auch kleiner wurden. Auch waren die Computer nicht mehr nur mystische Geräte, die der Laie ehrfurchtsvoll betrachten mußte. Gläserne Computer hatten dafür gesorgt, daß man einen Blick in das komplizierte Innenleben werfen konnte. Nun wollten auch Nicht-Fachleute wissen, wie man mit einem solchen Gerät arbeiten kann: Der Endbenutzer hatte die Hannover-Messe entdeckt. Dadurch wiederum rückte die Hardware zunehmend in den Hintergrund; interessant wurde jetzt die Software. Immer mehr Softwareproduzenten gingen unter die Aussteller, wenn auch erst selten mit einem eigenen Stand. Sie traten in der Regel auf den Ständen der Hardware-Aussteller als Partner auf.

Wieder stiegen die Ausstellerzahlen im CeBIT. Viele Unternehmen hatten auch begonnen, ihren Ständen noch eine zweite Ebene aufzusetzen. Dorthin zog sich das Standpersonal mit Besuchern und Kunden zurück, um in ruhigen Kabinen bei "Speis und Trank" intensive Fach- und Verkaufsgespräche führen zu können. Auf der Ausstellungsfläche der zunehmend überfüllteren Stände war dies kaum noch möglich. Doch trotz der schnell wachsenden Zahl von doppelstöckigen Ständen waren die Platzkapazitäten der Halle 1 bald erschöpft. Vor allem den Ausstellungswünschen neuer Unternehmen konnten die Hannoveraner Messestrategen kaum mehr nachkommen. Eine neue Halle mußte dem Zentrum für Büro- und Informationstechnik angegliedert werden. Dies geschah Ende der siebziger Jahre mit einer neuen Halle 3.

Überhaupt war das Jahr 1979 für die Hannover-Messe das Jahr der Wende. Die Messedauer wurde um einen weiteren Tag, auf fortan acht Tage, reduziert. Zu ändern begann die Messeleitung auch erneut das Konzept. Ziel war es, die 29 Angebotsschwerpunkte der siebziger Jahre so zu bündeln, daß die Hannover-Messe künftig "zehn Fachmessen zur gleichen Zeit am gleichen Ort" in sich vereinte. Unter diesen Fachmessen nahm das CeBIT zur Messe 1980 gemessen an der Ausstellerzahl nach der Elektrotechnik den zweiten Platz ein. Dabei verbuchte die Messeleitung für Informationstechnik aber auch den größten Nachfragestau, die längste Warteliste.

Mikrocomputer stürmen die Hallen

Die frühen achtziger Jahre schließlich brachten der Hannover-Messe einen Besucher- und Ausstellerrekord nach dem anderen. Wesentlichen Anteil daran hatte erneut die Informationstechnik: Nach Großrechnern und Minicomputern befanden sich nunmehr die Mikrocomputer auf einem beispiellosen Siegeszug, der auch vor der Hannover-Messe nicht halt machte. Wie Pilze schossen neue Unternehmen aus dem Boden, und alle hungerten nach Ausstellungsfläche in den CeBIT-Hallen, zu denen mittlerweile auch die Hallen 2, 4 und 18 gehörten. Das CeBIT war inzwischen auch zum "Welt-Centrum für Büro-, Informations- und Kommunikationstechnik" avanciert. Mit den Mikrocomputer-Herstellern aber kamen auch die jugendlichen Freaks, die "ihre" Halle förmlich stürmten und auf Ständen wie Apple oder Commodore die "Mikros zum Anfassen" belagerten. Und die Jugend - nicht scheu - wagte sich auch auf die Stände der "vornehmen DV-Unternehmen", stellte Frage um Frage zu den verschiedenartigsten Anwendungen und brachte so manchen Vertriebsbeauftragten zur Verzweiflung.

Hannover 1984: Messe der Superlative

1985 schließlich erlebte die Hannoveraner Messeleitung einen Höhepunkt besonderer Art. Denn die Messe 1984 war in das Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen worden. Auf Seite 209 in der Rubrik "Welt der Wirtschaft" war in der Ausgabe des Jahrgangs 1985 unter dem Bild des Hannoveraner Messegeländes zu lesen: "Zur Messe der Superlative wurde die Hannover-Messe 1984 (4. bis 11. April 1984). Die weltweit größte Investitionsgütermesse vereinte auf einer Ausstellungsfläche von 741 000 Quadratmetern insgesamt 6610 Direktaussteller, davon 2342 aus 47 anderen Ländern. Bei der "Superschau der Technik" wurden 740 000 Besucher aus 119 Ländern gezählt. Damit wurden die Daten aller früheren Rekorde gebrochen. Das Messegelände Hannover ist mit 969 500 Quadratmetern das größte bekannte, der Messebahnhof mit zehn Gleisen der größte bekannte Personenbahnhof, der private Messeparkplatz bietet mit 1 123 100 Quadratmetern bis zu 50 000 Fahrzeugen Platz, und die Halle 1 (CeBIT) ist die weltgrößte ebenerdige Messehalle. Mit 71 600 Quadratmetern ist sie so groß wie 14 Fußballfelder."

Doch Superlative scheinen nicht nur Anlaß zum Feiern, sondern auch zum Nachdenken. Hannover war an der Grenze des Machbaren angekommen. Das Messegelände platzte aus allen Nähten, und selbst wenn man neue Hallen hätte bauen können - ein noch größeres Ausstellungsgelände war den Besuchern nicht mehr zuzumuten. Nicht zu unrecht hatte das Publikum der Hannover-Messe mittlerweile den Namen "Messe der langen Wege" verpaßt. Ein weiterer Ausbau kam demzufolge für die Messestrategen nicht in Frage.

Schwer tat man sich in Hannover aber inzwischen auch mit Hotelzimmern, Privatquartieren und der Verkehrsregelung. Ein Siemens-Mitarbeiter: "Die Besucherströme von 700 000, 1985 waren es gar mehr als 800 000 Menschen, ließen sich einfach nicht mehr steuern. Die Leute kamen zum Teil gar nicht zum Messegelände hin, sondern wurden von der Polizei solange um die Messe herumgeleitet, bis sie entnervt wieder nach Hause fuhren." Kaum mehr zu ertragen waren auch die Menschenmassen, die sich an jedem Messetag durch die CeBIT-Hallen drängten und quetschten, und oftmals ein Fortkommen nur mit rüdem Ellbogeneinsatz möglich machten.

Im November 1984 schließlich verkündete die Messeleitung, daß ab 1986 künftig zwei Hannover-Messen stattfinden würden: die Hannover-Messe CeBIT als DV-Fachveranstaltung im März und die Hannover-Messe Industrie im April eines jeden Jahres. Damit wurde die Messe nicht nur das zweite Mal in ihrer Geschichte geteilt, sie verlor dadurch auch ihren Alleinstellungsanspruch, das Industrie-Weltereignis des Jahres zu sein.

In der DV-Branche wurde die Teilung heftig diskutiert und kritisiert. Obwohl das Messe-Splitting auch von Fachverbänden und Ausstellerbeiräten befürwortet worden war, stieß es bei etlichen Ausstellern auf wenig Gegenliebe. Sie konnten nicht glauben, was ihnen die Hannoveraner Messemacher verrechneten: Die CeBIT gewinne durch die Abspaltung an Attraktivität, und die Quantität und Qualität der Besucher werde sich nicht ändern. Vor allem aber die Unternehmen, die sich im Schnittstellenbereich der beiden Messen angesiedelt sahen - so unter anderem die Anbieter von C-Techniken und -Konzepten (CAD/CAM/ CIM) und die Hersteller von Telekommunikations-Equipment - waren in der Zwickmühle. Auf welcher Messe sollte man ausstellen? Denn zweimal nach Hannover zu kommen, schien vielen undurchführbar.

Messe AG beschließt Zweiteilung

Auf der Hannover-Messe 1985, der letzten einheitlichen Veranstaltung, war denn auch die Entscheidung der Messe AG Gesprächsthema Nummer 1. Überall erörterte man die Frage, ob sich die Teilung nicht hätte vermeiden lassen. An Vorschlägen mangelte es nicht. So wäre es zum Beispiel möglich gewesen, die CeBIT-Halle 1 baulich nach oben hin aufzustocken und dadurch neue Ausstellungsfläche zu gewinnen. Andererseits hätte man die Standflächen begrenzen können; eine Lösung, bei der sich die Messe AG aber unwiederruflich den Zorn der "Großen" der Branche zugezogen hätte, die schon seit Jahren auf Flächenerweiterung drängten. Die jedoch wollte man unter keinen Umständen verprellen.

Darüber hinaus wären die Besucherströme in den CeBIT-Hallen sicherlich zu kanalisieren gewesen, indem man an manchen Tagen nur das Fachpublikum zugelassen hätte. Durch die Teilung jedoch, so die Auffassung ihrer Gegner, würden wohl die Messebesucher wegfallen, die nicht unmittelbar mit der Datenverarbeitung zu tun hätten, deren Fachgebiet aber auch eine Schnittstelle zur DV erfordere; so zum Beispiel die der Maschinenautomatisierung, der Elektrotechnik oder der Nachrichtentechnik. Man konnte nicht daran glauben, daß diese Besucher zweimal nach Hannover kämen.

Doch die Entscheidung, sprich: die Teilung, stand unumstößlich fest, auch wenn die Kritiker keineswegs verstummten. Darüber hinaus kam es schon im Vorfeld der ersten CeBIT zu manchen Reibereien zwischen Verbänden und Messeleitung. Der ZVEI zum Beispiel forderte, daß die Hersteller von Bauelementen, Bauteilen und Baugruppen der Nachrichtentechnik ihre Erzeugnisse ausschließlich auf der CeBIT demonstrieren sollten. Die Messe AG allerdings hatte geplant, diese Ausstellungsgruppe in die Industrieschau einzubinden. Gleichzeitig ließen die im ZVEI-Fachverband Informations- und Kommunikationstechnik zusammengeschlossenen Unternehmen die Hannoveraner Messemacher wissen, daß sie nur auf der CeBIT auftreten wollten. Der Widerstand der Aussteller zeigte deutlich, daß die DV-Branche im Gegensatz zur Messe AG das Problem der Abgrenzung - welcher Teil der Informations- und Kommunikationstechnik ist CeBIT-tauglich, welcher ist es nicht - keinesfalls unter den Teppich gekehrt sehen wollte. Die niedersächsischen Messemacher indes glaubten wohl, diese Schwierigkeiten würden sich irgendwie schon lösen lassen.

Texas Instruments boykottiert CeBIT

Trotz aller Vorbehalte traten die Aussteller zur ersten CeBIT 1986 noch geschlossen an, was unter anderem sicherlich an den 1982 für vier Jahre geschlossenen Mietverträgen lag. Darüber hinaus wollte man aber auch ausprobieren, was eine solche, zum reinen DV-Spektakel degradierte Hannover-Messe nun tatsächlich zu bieten hatte. Nur einer der Großen streikte. Der Geschäftsbereich Datensysteme von Texas Instruments gab den Hannoveraner Messemachern bereits Ende 1985 einen Korb. Es war die erste CeBIT-Absage eines etablierten Ausstellers - und es sollte nicht die letzte bleiben. Denn schon 1986 zeichnete sich ab, daß sich die Messe AG nur der Teilnahme der marktbeherrschenden DV-Anbieter sicher sein konnte; und dies keineswegs nur aus Prestigegründen. Die Großen nämlich lockte vor allem die Möglichkeit, nun endlich ihre Stände ihren Vorstellungen entsprechend vergößern zu können.

wird fortgesetzt