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15.04.1988 - 

Von der improvisierten Exportschau zum zweigeteilten Industriespektakel, Teil 3 und Schluß:

Hannover zwischen Hermes-Hochmut und der Angst vor dem großen Messekrach

Zur CeBIT-Premiere 1986 versammelten sich auf rund 200000 Quadratmetern an die 2000 Aussteller. Damit hatte die Messe AG immerhin die Wartelisten abbauen können, die sich in den Jahren zuvor vor allem für den CeBIT-Bereich angestaut hatte. Doch die DV-Industrie erlebte während der acht CeBIT-Tage längst nicht nur uneingeschränkte Freude. Der Besucherrückgang war offensichtlich. Vor allem in Halle 4, in der im Obergeschoß die Software-Anbieter angesiedelt waren, herrschte zum Teil gähnende Leere. Sichtlich entnervt wartete dort das Standpersonal sehnsüchtig auf einen Interessenten.

Aber auch in der Halle 1 konnte man gemütlich durch die Gänge schlendern. "Kein Stoßen, kein Drücken und kein Schieben", freute sich so mancher DV-Profi nach einem ersten Rundgang. Selbst auf den Ständen von IBM, Nixdorf und Siemens konnte man sich durchaus unbeengt bewegen. Tatsächlich zählte die CeBIT am Ende der acht Tage nur 341000 Besucher, 14000 weniger als bei der noch ungeteilten Veranstaltung 1985. Dort nämlich hätten von 872000 Messebesuchern noch 375000 das CeBIT frequentiert. Somit war die "Quantitätstheorie" der Messe AG schon einmal nicht aufgegangen.

Noch mehr ins Gewicht fiel jedoch, daß in der Tat die Zahl der Manager und Geschäftsführer zurückgegangen war. Zwar konnten die Unternehmen durchweg eine Steigerung der Sach- und Fachkompetenz der Besucher verzeichnen, doch vermißte man schmerzlich die Entscheidungsbefugten aus den Management-Etagen. Bei den wenigen, die zur CeBIT gekommen waren und wohl eher aus Neugier denn aus Investitionslust den Weg zur CeBIT gefunden hatten, hielt sich die Begeisterung über dieses DV-Spektakel eher in Grenzen. Sie beklagten sich vor allem über die vielen neuen Aussteller, die das ganze Angebot noch unübersichtlicher als 1985 gestalteten. Auch hatten sie sich eine bessere Beratungsqualität von den Ausstellern erhofft. Doch obwohl ausreichend Zeit zur Verfügung gestanden habe, so bemängelten sie, sei man wieder gegangen, ohne mehr zu wissen als zuvor. Ob jetzt aber die Solo-CeBIT positiv oder negativ zu bewerten sei, vermochte vorerst niemand von den DV-Verantwortlichen konkret zu sagen.

Ratloses Schulterzucken herrschte nach der Veranstaltung auch bei etlichen CeBIT-Ausstellern. Man müsse die zurückliegenden Tage jetzt erst einmal genau analysieren, so der allgemeine Tenor. Einige wollten auch erst die vier Wochen später stattfindende Industriemesse abwarten - denn es war doch zu einigen Doppelbesetzungen gekommen. Die Messe AG nämlich, bemüht die Attraktivität der Industriemesse zu steigern, hatte einigen DV-Herstellern angeboten, zur Messe im April in Halle 18 Integrationslösungen zu präsentieren. Diese Gelegenheit ließen sich Unternehmen wie IBM, Siemens, Nixdorf, DEC und NCR natürlich nicht entgehen, obwohl man sich im Ausstellerbeirat ursprünglich auf eine Nichtteilnahme geeinigt hatte. Für IBM und DEC zahlte sich das Engagement auf der Industriemesse nach eigenem Bekunden aus. Man

habe nicht nur mehr ausländische Besucher als auf der CeBIT gezählt, sondern auch neue CIM-Interessenten gewonnen, die nicht zur CeBIT gekommen seien.

Alles in allem war der einzige Gewinner der im Jahr l986 erstmals durchgeführten Zweiteilung die Messe AG, die - wie es manche Aussteller und Besucher unfein ausdrückten - zweimal abkassierte. Die Hannover-Messe selbst aber hatte eindeutig an Attraktivität und Qualität verloren. Darüber hinaus stellte ein Diplom-Volkswirt in einer Befragung von 118 CeBIT-, 198 Industriemesse-Ausstellern und 385 CeBIT-Besuchern unter anderem fest, daß 62 Prozent der CeBIT-Aussteller und 52 Prozent der Industriemesse-Aussteller die Teilung negativ beurteilten. Der Messe AG riet er, den Teilungsschritt wieder rückgängig zu machen, wolle sie die besondere Bedeutung der Hannover-Messe erhalten.

Die Messeleitung hielt jedoch an der Zellteilung fest. Immerhin begann man, daß Ausstellungsprogramm der CeBIT zu ordnen und neu zu strukturieren. So wurde den Herstellern von CAD/CAM- und CIM-Systemen auf deren Wunsch hin gestattet, ihr Angebot sowohl zur CeBIT als auch zur Industriemesse in Halle 18 zeigen zu können. Die zur CeBIT aufgebauten Stände sollten stehenbleiben und vier Wochen später zur Industriemesse im Rahmen der "Intermatic" noch einmal genutzt werden können für die Zeit zwischen den Messen keinerlei Miet- oder Lagerkosten entstehen. Dieses Mal nutzten auch andere DV-Größen die Gunst der Stunde. Neben IBM und Nixdorf gingen Bull, PKI, Mannesmann-Kienzle und ICL schnell auf das Angebot der Messeleitung ein. Andere Unternehmen indes landeten auf der Warteliste; so beispielsweise Data General, die sich zu spät gemeldet hatten.

Eine neue Heimat erhielten zur CeBIT 1987 auch die Softwarehäuser und Beratungsunternehmen. Friedlich vereint teilten sie die gesamte Halle 3 unter sich auf und hätten damit einen wesentlich günstigeren Standort als 1986. Besonders großzügig wurden die Telecom-Anbieter bedient. Sie dürften sich in den Hallen 13, 16 und 17 ausbreiten, belegten insgesamt 22000 Quadratmeter. Der wachsenden Bedeutung dieser Branche hatte die Messeleitung zudem Rechnung getragen, indem man aus dem einstigen Welt-Centrum der Büro-, Informations- und Kommunikations-Technik zur CeBIT 1987 das "Welt-Centrum Büro - Information - Telekommunikation" gemacht hatte.

Trotz aller Versuche der Messe AG, vor allem die renommierten Aussteller bei der CeBIT-Stange zu halten, mußte man doch gerade von ihnen im Vorfeld der Veranstaltung 1987 Absagen hinnehmen. So strich die Prime-Geschäftsleitung, von Beginn an Teilungs-Gegner, die CeBIT zugunsten der Industriemesse. Begründung: Der spezielle Kundenkreis von Prime würde sich seine Informationen nicht auf der CeBIT holen. Deshalb beabsichtige man, im April sein Integrationskonzept in der Intermatic-Halle 18 auszustellen. Gleiches beschloß Control Data: Mit ihrem Fertigungskonzept zur Industriemesse, aber CeBIT - nein danke. Ganz aus Hannover verabschiedete sich indes Concurrent Computer mit der Begründung, daß sich der Aufwand für die CeBIT-Teilnahme letztlich nicht rentiere, weil die Entscheider aus der Industrie, die Geschäftsführer und die Leiter der Fachabteilungen fehlten.

Dabeisein ist alles

Dennoch legte die Zahl der Aussteller 1987 leicht zu. 2190 präsentierten sich auf der CeBIT und beanspruchten dabei 204000 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Vor allem kleine, unbekannte Unternehmen füllten immer mehr die Hallen auf. Nach dem Motto: "Dabei sein ist alles" verbrachte das Standpersonal dieser Unternehmen ruhige acht Messetage. Die CeBIT-Gesamtbesucherzahl stieg 1987 indes gegenüber dem Vorjahr mächtig an. 396000 Messegänger konnte die Messe AG am Ende stolz vermeiden. Doch daß Quantität in der Regel nur wenig über Qualität aussagt, bestätigte sich auch in diesem Fall. Entgegen den Verlautbarungen der Messemacher die alle DV-Profis auf der CeBIT gesehen haben wollten, ermittelten Forschungsinstitute, daß mehr DV-Insider als branchenfremde Anwender zur CeBIT gekommen waren.

Der Grund lag auf der Hand: Die DV-Verantwortlichen störten sich immer mehr an der Abgrenzungspolitik. Die Halle 18 auf der CeBIT konnte nicht das Bedürfnis nach Integrationslösungen der DV-Manager erfüllen. Ließ ein Westfale seinem Ärger freien Lauf: "Alles redet von Integration - und ausgerechnet Hannover zieht den sauberen Schnitt." Viele DV-Strategen schlossen sich dieser Meinung an und sprachen sich nunmehr eindeutig für eine Rücknahme der Teilung aus. Darüber hinaus bekundeten sie, das letzte Mal auf der CeBIT gewesen zu sein.

CeBIT - nein danke

Diese Drohung machten in diesem Jahr nicht nur die DV-Manager wahr. Wieder haben renommierte Hannover-Aussteller die CeBIT-Bremse gezogen. Vor allem Software- und Beratungsunternehmen fehlten heuer auf der CeBIT, darunter die Software AG, Cincom, Cap Gemini, ADR, SCS. Aber auch Data General und Rhône-Poulenc sagten der CeBIT ade. Sie alle begründeten ihr Fehlen in erster Linie damit, daß die Besucher, die sie ansprechen wollen, nämlich die Entscheidungsträger, kaum noch zur CeBIT kommen. Diese schicken viel mehr ihre Spezialisten mit bestimmten Aufgabenstellungen nach Hannover, weil die High-Tech-Show zwar einen Überblick gibt, was technisch alles machbar ist, die Integrationslösungen in dem Spektakel aber untergehen. Außerdem paßt auch den DV-Strategen das Publikum der Informatiker und Jugendlichen nicht.

Manch einer der DV-Manager älteren Schlages fährt noch aus Tradition nach Hannover. Immer in der Hoffnung, noch etwas von der Atmosphäre und der Faszination früherer Hannover-Messen wiederzufinden.

Doch die Ernüchterung kommt schnell, und daß man gerade dieses weltweit einzigartige Industriespektakel Hannover derart verstümmelte, tut so manch "altem" Messegänger in der Seele weh.

Daß man aber die Datenverarbeitung von der Industrie zu einer Zeit abspaltete, da die DV stärker denn je Einzug in alle Sparten der Betriebe hielt, ruft bei vielen DV-Verantwortlichen immer wieder verständnisloses Kopfschütteln hervor. Für Sentimentalität ist jedoch genauso wenig Platz wie für Argumente für eine "Wiedervereinigung". Vielleicht aber findet auch diese Zweiteilung irgendwann wieder ihr Ende. Vor knapp 40 Jahren war es ja auch nur eine Übergangslösung