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24.02.1989 - 

Hohe Anforderungen an Arbeitsmittel und Betriebsumfeld:

Hard- und Software-Ergenomie aus dem Prüfstand

*Dipl.-lng. Hans-Dieter Schommer ist Referent beim Minister für Arbeit, Gesundheit und

Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen.

Seit der Einführung von Bildschirmarbeitsplätzen ist deren Gestaltung mehr oder

weniger umstritten. Welche Bedingungen müssen Hard- und Software erfüllen? Wie muß

das Umfeld des Bildschirmarbeitsplatzes gestaltet sein? Die Ergonomie, also die

Erforschung der Leistungsmöglichkeiten und optimalen Arbeitsbedingungen, stellt

zahlreiche - meist theoretische, teils umstrittene Erkenntnisse zur Verfügung. An der

praktischen Umsetzung fehlt es häufig.

Die Ergonomie als interdisziplinäres und integratives Aufgabengebiet setzt

Maßstäbe für optimale, beschwernisfreie Arbeitsbedingungen unter zentraler Orientierung

auf persönlichkeitsspezifische Kriterien. Ergonomische Fragen der

Bildschirmarbeitsplatzgestaltung, die sich auf die Arbeitsmittel- und Raumgestaltung

konzentrieren, lassen sich mit den klassischen Erkenntnissen der Ergonomie beantworten.

Die folgerichtige und praxisorientierte Anwendung setzen Ergonomieverständnis, Fähigkeit

zu analytischem Vorgehen und Konsequenzen voraus.

Bei der menschengerechten Gestaltung der Bildschirmarbeitszeit standen zunächst

Fragen der Schnittstelle Benutzer-Arbeitsmittel (Hardware-Ergonomie) im Vordergrund. Der

Dialog Benutzer-Bildschirm, der von einfachen Unterstützungstätigkeiten bis zu qualifizierten Aufgabenerledigungen reicht, wird jedoch weitgehend von der eingesetzten Software bestimmt. Als Schlußfolgerung hieraus wurde die Software-Ergonomie entwickelt. Sie beschäftigt sich vor allem mit Konsequenzen, die sich aus den grundlegenden

Eigenschaften der menschlichen Informationsaufnahme- und Verarbeitungskapazität und

den damit zusammenhängenden, vorwiegend psychomentalen Belastungen ergeben. Eine

benutzerorientierte Dialoggestaltung als Kernstück der Software ist ein folgenden Kriterien

zu messen:

- Die Struktur der Bildschirmbilder muß wahrnehmungspsychologischen Gesetzmäßigkeiten

entsprechen.

- Das Dialogsystem muß steuerbar, erwartungskonform, fehlertolerant und transparent sein.

- Die Dialogstruktur muß der Problemlösungsstrategie der Benutzer entsprechen.

- Help-Funktionen müssen im Hinblick auf Selbstqualifizierung gestaltet sein.

- Bedienungsfehler müssen leicht erkennbar und korrigierbar sein.

- Unbeabsichtigtes und unbefugtes Löschen von Arbeitsergebnissen muß ausgeschlossen

sein.

Mit der Einführung der Bildschirmarbeit in bestehende Arbeitssysteme werden in

der Regel auch arbeitsorganisatorische Gegebenheiten verändert. Die Formen und

Methoden der Organisationsänderungen im Hinblick auf ein optimales Zusammenwirken von Arbeitsteilung und Kooperation werden nicht durch den Bildschirm als Arbeitsmittel, sondern durch die Umstrukturierung der Arbeit infolge des Rechnereinsatzes beeinflußt.

Die Folgen sind sehr umstritten

Der dialogorientierte Computereinsatz bietet Möglichkeiten sowohl der weiteren

Differenzierung als auch der Integration von Funktionsbereichen und Tätigkeiten. Die

Gestaltungsansätze für eine humane Arbeitsorganisation müssen in Übereinstimmung mit

den arbeitswissenschaftlichen Beurteilungshierarchien für traditionelle Arbeitstätigkeiten

stehen und ausführbar, schädigungsfrei, zumutbar und persönlichkeitsfördernd sein.

Kriterien hierfür sind:

- Qalifikatorische Voraussetzungen für eine zuverlässige, forderungsgerechte

Aufgabenerledigung,

- frühzeitige, angemessene Einarbeitungszeiten,

- notwendige, handlungsbezogene Informationen,

- keine quantitative Überforderung durch Leistungsverdichtung,

- variable Leistungsanforderungen für ältere, leistungsgeminderte oder chronisch kranke,

aber arbeitsfähige Mitarbeiter,

- keine fachliche Dequalifikation,

- Weiterentwicklung vorhandener Qualifikationen, Kenntnisse und Erfahrungen,

- ausgeprägte Dispositionsspielräume.

Es gibt bislang keine wissenschaftlichen Untersuchungen, in denen

Gesundheitsschäden als Folge von Einwirkungen einer fortschrittlichen Bildschirmarbeit

diagnostiziert wurden. Demzufolge wird die arbeitsmedizinische Vorsorge vielfach auf

ophthalmologische Aspekte - wegen der besonderen visuellen Anforderungen - reduziert.

Dies ist am Phänomen "Augenbeschwerden" leicht nachvollziehbar.

Unbewußte körperliche Fehlhaltungen am Bildschirm können Kopf oder

Rückenschmerzen auslösen und unzureichende Streß-Bewältigungsformen oder -strategien

des Bildschirmbenutzers - um nur zwei Problemfelder zu nennen - weisen auf

orthopädische beziehungsweise psychomentale Gesichtspunkte hin, die eine umfassendere

arbeitsmedizinische Betreuung in Abhängigkeit von potentiellen Belastungsfaktoren

erfordern. Die Notwendigkeit der Umsetzung arbeitsmedizinischer Erkenntnisse bestätigt

auch folgende Aussage eines Bildschirmbenutzers: "Früher kam ich müde nach Hause schlief eine Stunde und war wieder fit. Heute komme ich kaputt heim und kann nicht einschlafen".

Beim Betrieb eines Bildschirmgerätes entstehen elektromagnetische und

elektrostatische Felder sowie Röntgenstrahlung. Hinsichtlich der Meßergenisse an

Bildschirmen, die wesentlich unter den Grenzwerten liegen, die zum Schutz gegen Bioeffekte

festgelegt wurden, bestehen keine kontroversen Auffassungen. Erst die Bewertung dieser

Meßergebnisse führt zu widersprechenden Schlußfolgerungen.

Nach den bisherigen sehr umfangreichen weltweiten Untersuchungen gibt es keine

Hinweise auf genetische oder sonstige Gefahren für den Organismus beziehungsweise für

das werdende Leben bei schwangeren Frauen. Sie können derzeit aber auch nicht mit

absoluter Sicherheit ausgeschlossen werden, da in bezug auf Mehrfachbelastungen und

Kombinationsbelastungen durch Medikamenten-, Alkohol- und Drogeneinwirkungen

beziehungsweise individuelle Dispositionen noch zahlreiche offene Fragen bestehen.

Mängel in der Gestaltung der Arbeitsumgebung, Ergonomie und Arbeitsorganisation

sowie ein schlechtes psychosoziales Arbeitsklima können zu komplexen

Belastungsstrukturen führen. Die Sorgen über die Folgen möglicher Mehrfachbelastungen,

über deren wahre Bedeutung niemand genaues weiß, deren potentielles Gesundheitsrisiko

auch nicht annähernd verläßlich bestimmt werden kann, gibt Raum für Mutmaßungen, die

zwischen Bedeutungslosigkeit und besorgniserregenden Spätfolgen schwanken. In Kürze

sind hier auch keine gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse zu erwarten. Die Grenzen

sind nicht das Machbare, sondern das menschliche Erkenntnisvermögen. Hier stellt sich die

gesellschaftspolitische Frage, ob um der Vorteile des Bildschirmeinsatzes willen, potentielle

Risiken als sozialadäquate Lasten hingenommen werden müssen.

Die Vielschichtigkeit der Humanisierungsaspekte ist selbst für Experten beinah

unentwirrbar; die menschliche Vernunft, die ihren eigenen Kräften allein überlassen bleibt,

besitzt nicht die Mittel, die eine vollständig befriedigende Lösung liefern könnten. Bislang

liegen Gestaltungsaussagen nur für die Arbeitsumgebung, für die ergonomische Gestaltung

der Hardware-Komponenten und in Ansätzen für die Software vor. Benötigt werden aber

pragmatische Gestaltungshilfen auch für die übrigen Humanisierungsfelder.

Chancen und Risiken erst genau ausloten

Während die Regelungsbedürftigkeit unumstritten ist, ist die Regelungsfähigkeit im

Sinne konkreter Regeln oder Prinzipien, insbesondere für die Bereiche Software-Ergonomie

und Arbeitsorganisation umstritten. Hier muß nach neuen Wegen gesucht werden, um das

umfangreiche wissenschaftliche Material für den Praktiker anwendungsgerecht

aufzuarbeiten.

In der Arbeitswelt wächst zunehmend das Bewußtsein, daß der Computereinsatz nicht automatisch und risikofrei gesellschaftlichen Fortschritt verbürgt. Die hochgeschraubten Erwartungen der Anwender an den Nutzen der Einführung von Computern werden sich auch nicht immer erfüllen. Hierfür maßgebend sind unter anderem ungelöste Anwender-Probleme und unerfüllte Versprechungen der Systemhersteller und nicht die am Computer arbeitenden Mitarbeiter. Die Sozialpolitik und die für eine humane Arbeit in den Betrieben und Verwaltungen Verantwortlichen müssen vorausschauend und systematisch Chancen und Risiken des Computereinsatzes identifizieren, bewerten und bewältigen unter dem zentralen Gesichtspunkt einer humanen Gestaltung der Arbeit.