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14.11.1997 - 

Deutschland bleibt für die Franzosen der wichtigste Auslandsmarkt

Hardliner Mecklinger soll nun die Alcatel-Holding führen

Einer Lobeshymne auf Deutschland kam der Auftritt von Alcatel-Alsthom-Präsident Serge Tchuruk vor wenigen Wochen in Stuttgart gleich. Anläßlich der ersten Sitzung des Aufsichtsrates der Alcatel Deutschland GmbH, auf der erwartungsgemäß Ex-Daimler-Benz-Topmanager Helmut Werner das Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden übertragen wurde, erklärte er: "Deutschland ist für uns mit Abstand der wichtigste Standort außerhalb Frankreichs." Nun sei es das Ziel, innerhalb der Deutschland-Holding, unter deren Dach die Alcatel SEL AG, Stuttgart, die Alcatel Kabel Beteiligungs-AG, Hannover, sowie die Cegelec AEG, Frankfurt/Berlin, vereint sind, die Synergieeffekte zwischen den rechtlich selbständig bleibenden Gesellschaften zu fördern sowie die Koordination des Großkundengeschäfts zu verbessern. Gleichzeitig soll durch einen einheitlichen Auftritt aber endlich auch das Ansehen erreicht werden, das Alcatel als mit rund 30000 Mitarbeitern größtem ausländischen Arbeitgeber in Deutschland zustehe.

Die Holding auf den richtigen Weg bringen soll Mecklinger als Vorsitzender der Geschäftsführung. Dieses Amt, so glaubt er, wird ihn so in Anspruch nehmen, daß er deshalb zum 1. Januar 1998 den Vorstandsvorsitz bei der Alcatel SEL AG, den er Mitte vergangenen Jahres überraschend übernommen hatte, an den bisherigen Bosch-Manager Gottfried Dutiné abtreten wird. Ob Mecklinger allerdings der von den Franzosen so langersehnten Image-Förderung von Alcatel in Deutschland zweckdienlich ist, muß nach seinem harten Sparkurs bei Alcatel SEL angezweifelt werden.

Zwar hat es der Schwabe geschafft, das seit Jahren verlustträchtige Traditionsunternehmen in die Profitzone zurückzuführen (siehe Kasten "Ende der Talfahrt?"), doch der Preis war bekanntlich sehr hoch. Konsequent setzte Mecklinger die bereits bei seinem Amtsantritt bestehenden Pläne um, reduzierte das Unternehmen um weitere 3000 Mitarbeiter und verscherzte sich damit schnell die anfänglichen Sympathien der Belegschaft, die sich von ihm ein Ende der Stellenstreichungen erhofft hatte.

Mitte dieses Jahres setzte der 60jährige Manager auch noch den letzten Rest des nach zahlreichen Produktpannen arg ramponierten Ansehens des Traditionsunternehmens aufs Spiel. Denn seine Entscheidung, das Werk in Mannheim aus Kostengründen zu schließen, stieß nicht nur rund 400 Mitarbeiter vor den Kopf, sondern düpierte auch die baden-württembergische Landesregierung. Nachdem die Werkstillegung Mitte 1995 durch den Aufwand erheblicher öffentlicher Mittel zunächst abgewendet werden konnte, kündigte Mecklinger im Frühjahr definitiv an, die Mannheimer Produktion an die Standorte Stuttgart und Pforzheim zu verlagern. Krisengespräche zwischen Ministerpräsident Erwin Teufel, hochrangigen Landespolitikern und dem SEL-Vorstandschef blieben ohne Wirkung.

Seinem Nachfolger hinterläßt Mecklinger, wenn er in knapp sechs Wochen den Chefsessel räumt, nicht nur aus diesem Grund ein schweres Amt. Zwar ist die gefährliche finanzielle Schieflage der vergangenen Jahre nicht zuletzt auch dank etlicher Finanzspritzen der Konzernmutter in Paris erst einmal behoben, doch für Gottfried Dutiné heißt es nun, den Umbau vom schwerfälligen Hardware- zum schnellagierenden Software- und Dienstleistungs-Unternehmen zu vollziehen sowie den angeschlagenen Ruf bei der Kundschaft aufzubessern - vor allem aber, neue Kunden zu gewinnen.

Zukunftsweisende Konzepte und Strategien sind dabei genauso gefragt wie Innovativkraft, wollen die Schwaben das durch das diesjährige Auslaufen des Digitalisierungprogramms der Deutschen Telekom entstehende Milliardenloch in den Auftragsbüchern stopfen. Die weltweit bis dato installierten 150 Millionen Anschlußeinheiten des digitalen Vermittlungssystems "S12", der Umsatzbringer von Alcatel SEL schlechthin, geben immerhin Anlaß zur Hoffnung. Zudem ist man seit längerem auch mit den neuen Wettbewerbern der Telekom im Gespräch. Dies allein aber dürfte wohl kaum ausreichen, für das Unternehmen nach dem Turnaround die erhoffte Wachstumsphase einzuläuten.

Der Belegschaft wiederum wird wohl nur eine kurze Verschnaufpause im anhaltenden Kampf um den Erhalt ihrer Arbeitsplätze vergönnt sein. Ohne Stellenstreichungen wird es bei Alcatel SEL auch in Zukunft kaum gehen. Dabei dürfte Dutiné vor einer äußerst schwierigen Gratwanderung stehen. Schließlich wurde in den vergangenen zwölf Jahren so gut wie jeder zweite Alcatel-Arbeitsplatz in Deutschland gestrichen oder ausgelagert - entsprechende Stimmung bei den Mitarbeitern inklusive. Vor allem die Hardwarespezialisten sitzen nach den jüngsten Aussagen von Mecklinger und Tchuruk auf wackeligen Stühlen. Mecklingers entsprechende Andeutungen: "Personalanpassungen durch die Umstrukturierungen im Hardware-Bereich sind zwar nicht unser Ziel, aber möglich", sprechen Bände.

Somit dürfte der bisherige Bosch-Manager Dutiné nicht zuletzt auch aufgrund von Sanierungsfähigkeiten für seinen neuen Job auserkoren worden sein, die er zuletzt bei den angeschlagenen Blaupunkt-Werken unter Beweis gestellt hat. Doch wie ausgeprägt sein Ideenreichtum in puncto Strategien und Konzepte ist, und ob er tatsächlich freie Hand hat, bleibt nach Ansicht von Experten abzuwarten - steht er doch gleich unter doppelter Kontrolle seines Vorgängers: Neben seiner Funktion als Chef der Holding Alcatel Deutschland GmbH übernimmt Mecklinger zum 1. Januar 1998 auch noch das Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden der Alcatel SEL AG.

ENDE DER TALFAHRT?

Hat der deutsche Ableger des französischen Elektronikriesen Alcatel-Alsthom das Tal der Tränen bereits durchwandert oder nicht? Die Frage scheint (fast) beantwortet. Nach mehrjährigen kräftigen Fehlbeträgen in der Bilanz (allein 1996 wies Alcatel SEL einen Verlust von 663 Millionen Mark aus), Massenentlassungen sowie der Restrukturierung des Deutschlandgeschäfts mit einer übergreifenden Holding zeichnen sich jedenfalls erste Erfolge ab. Im ersten Halbjahr 1997 erwirtschafteten die Schwaben ein kleines Plus von 66,7 Millionen Mark, der Umsatz stieg im Vorjahresvergleich um 22 Prozent auf 2,3 Milliarden Mark.

Doch noch ist nicht alles Gold, was in Stuttgart glänzt. Wie kaum ein anderes Unternehmen hatte sich Alcatel in seiner Rolle als Mitglied im Club der Haus- und Hoflieferanten des ehemaligen Monopolisten Deutsche Telekom wohlgefühlt. Dabei wurden jedoch Qualitäten wie Markt- und Kundennähe völlig vernachlässigt; Trends beziehungsweise Technologien wie etwa der Mobilfunk regelrecht verschlafen. Imageverluste wie das durch offensichtliche Mängel der Alcatel-Software bedingte und für entsprechende Schlagzeilen sorgende Abrechnungsdebakel bei der Telekom am 1. Januar 1996 taten ihr übriges. Doch der TK-Markt hat sich gewandelt: Es gibt bekanntlich mehr Wettbewerb und damit auch einen höheren Kostendruck, den die Carrier an ihre Ausrüster weiterreichen werden. Der neue Alcatel-SEL-Chef wird sich daher an mehr Kunden, aber auch an deutlich niedrigere Margen gewöhnen müssen.

* Beate Kneuse ist freie Fachjournalistin in München.