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16.04.1999 - 

Gesellschaft/Ein neues Krankheitsbild wird erst allmählich ernst genommen

Harter Entzug von der Droge Internet

Von Ina Hönicke* Wer nicht mehr ohne Web-, E-Mail und Chat auskommt, könnte Internet-süchtig sein. Zu den Opfern gehören nicht nur Freizeit-Surfer, sondern zunehmend auch Profis: Manager, die einerseits die Informationsflut nicht mehr in den Griff bekommen, andererseits süchtig nach Fakten, Fakten, Fakten sind.

Die Tageszeitung, Radio, Fernsehen, Telefon, Fax, Handy und E-Mail - die Menge der aufgenommenen Nachrichten steigt drastisch an. Insbesondere Manager werden mit diesem Info-GAU nicht mehr fertig. Für Zündstoff sorgten die Ergebnisse der im vergangenen Jahr vom Londoner Marktforschungsinstitut Ronin Research Services im Auftrag der renommierten Nachrichtenagentur Reuters organisierten Studie zu diesem Thema.

Der Computer muß immer in Reichweite sein

Mark Griffiths, der an der Trent University in Nottingham als Psychologe tätig ist und als einer der ersten Wissenschaftler die Internet-Sucht erforscht, erklärt einige Symptome: tägliches mehrstündiges exzessives Surfen, Stimmungsänderungen, je nachdem, ob gewünschte Informationen gefunden werden, oder nicht sowie Reizbarkeit, wenn der PC nicht in Reichweite ist.

"Als unsere Universität online ging", schildert Griffiths seine Erfahrungen, "konnten wir immer mehr Studenten beobachten, die plötzlich auch die Nacht hindurch und am Wochenende vor dem Rechner hingen." Viele, versichert der Psychologe, hätte man nur mit Gewalt vom Rechner trennen können.

Die Reuters-Umfrage basiert auf 1000 Telefonaten, die das Marktforschungsinstitut Ronin Research mit Angestellten auf mittlerer und oberer Management-Ebene geführt hat. Befragt wurden 1000 Manager, darunter 200 deutsche, die über ihre Erfahrungen mit der täglichen Flut von Informationen berichten sollten.

Die Ergebnisse waren alarmierend: 54 Prozent der Befragten bekannten sich dazu, sie hätten schon einmal einen "Flash" bekommen, einen dramatischen Stimmungsaufschwung also, wenn sie eine gewünschte Information endlich gefunden hätten. Immerhin 47 Prozent kennen Kollegen oder Freunde, die sie als Informations-Junkies einstufen würden.

"Es gibt Anrufbeantworter, E-Mail, Fax und vor allem das Internet, und es gibt Leute, die davon abhängig sind", kommentiert trocken Kimberly Young, die als Leiterin des "Center for Online Addiction" an der Universität von Pittsburgh/Pennsylvania die Studie begleitete. Jeder zweite Computernutzer sehnt sich der US-Forscherin zufolge geradezu nach Informationen und ist damit potentiell abhängig. Resümee der Untersuchung: Denjenigen, die sich täglich mit Nachrichten oder Newsgroup-Beiträgen auseinandersetzen, droht die Gefahr der Internet-Abhängigkeit.

Die Psychologin Nicola Doering, die sich bereits seit längerem mit der Suchtproblematik im Zusammenhang mit dem Internet beschäftigt, ist ebenfalls überzeugt, daß exzessives Suchen zur Droge werden kann: "In der Hoffnung, irgendwann interessante Informationen zu finden, klicken einige Menschen immer weiter und weiter." Ein paar Stunden später würden sie selbst nicht mehr verstehen, wieso sie sich derart hätten im Internet verlieren können.

Die Psychologin, die derzeit an der Universität in Heidelberg forscht, nennt ein weiteres Suchtpotential: "Mitarbeiter, die erst einmal das Chatten entdeckt haben, können ebenfalls süchtig werden." Süchtige sind krank und müssen behandelt werden; das ist eine Tatsache, die auch die Krankenkassen akzeptieren - jedoch nicht mit Bezug auf Online-Junkies.

Doering fürchtet deshalb, daß wahre Internet-Süchtige wenig Aussicht auf psychologische Behandlung haben. Wenn heute jemand zu einer psychologischen Beratungsstelle gehe und sich als Internet-süchtig bezeichne, werde er schräg angeguckt, argwöhnt die Wissenschaftlerin.

Während Doering die Suchtgefahr eher bei den beruflichen Nutzern sieht, hält ihre US-Kollegin Young vor allem die im stillen Kämmerlein surfenden Internet-Freaks für gefährdet, am "Internet Addiction Syndrome" (IAD) zu erkranken. Allerdings ist IAD, wie der New Yorker Psychiater und Schöpfer des Begriffs, Ivan Goldberg, anmerkt, keine medizinisch anerkannte Suchtkrankheit. Vielmehr sei es eine Art außer Kontrolle geratene Verhaltensabweichung. Die könne allerdings, warnt Young, so massiv ausfallen, daß die Betroffenen außerstande seien, ein normales Leben zu führen.

Genau diese Leute sind es, die sich in Youngs "Center for Online Addiction" in Rochester behandeln lassen. Immer wieder macht die Suchtexpertin dabei die Erfahrung, daß Internet-Süchtige regelrechte Entzugserscheinungen bekommen, "wenn man sie von der elektronischen Nadel abhängt".

Neben den medizinischen Einrichtungen bieten in den USA auch Selbsthilfegruppen mittlerweile ihre Unterstützung an. Bitter ist nur: Um von den "Internet-Anonymus" oder den "Webaholics" - Online-Entsprechungen zu den "Anonymen Alkoholikern" - Hilfe zu bekommen, muß sich der Süchtige erst einmal ins Internet einloggen. Das ist im Suchtbekämpfungs-Sinn ungefähr so sinnvoll wie eine Sitzung der Anonymen Alkoholiker in einer gutbesuchten Vorstadtkneipe, wo am Nebentisch gerade die Kampftrinker-Gilde Köln-Porz trainiert.

Die grenzenlose Kommunikation, die große Gemeinschaft, die das Internet verspricht, halten Psychologen für eine Chimäre. Eine Studie über soziale und psychologische Auswirkungen der Internet-Nutzung an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh brachte Ergebnisse hervor, die die Forscher selbst überraschten.

"Je länger sich die Menschen im Internet aufhalten, desto einsamer und depressiver fühlen sie sich hinterher", erklärte der Sozialpsychologe Robert Kraut gegenüber der "New York Times". Offensichtlich könne das elektronische Gespräch im anonymen Netz die Unterhaltung mit einem wirklichen Freund doch nicht ersetzen.

Depressionen und das Gefühl der Einsamkeit stellen sich nach Angaben der amerikanischen Forscher schon bei durchschnittlich einer Online-Stunde pro Woche ein. Die 169 Versuchspersonen hätten zudem berichtet, daß sich in den zwei Jahren der Untersuchung ihre Beziehungen zu Familie und Freunden verschlechtert hätten. Viele hätten den Kontakt zu einigen Bekannten sogar ganz verloren.

Nicht gerade begeistert vom Ergebnis der Untersuchung dürften die Auftraggeber von "Homenet" gewesen sein. Firmen wie Intel, Apple, AT&T oder Hewlett-Packard hatten sich von ihrer 1,5-Millionen-Dollar-Studie sicher andere Resultate erhofft.

Internet-Therapie ist in den USA der Renner

Während in den USA bereits ein neuer spezialisierter Internet-Therapiemarkt boomt, ist das Thema Internet-Sucht hierzulande noch tabu. Es tauchen allenfalls Untersuchungen auf, die beweisen sollen, daß der intensive Online-Nutzer kein technikfixierter Sonderling, sondern im Gegenteil besonders gesellig sei.

So behauptet der Forscher Horst Opaschowski in einer Studie seines "BAT-Instituts für Freizeitforschung", daß die meisten Internet-Surfer doppelt soviel Sport wie der Durchschnitt der Gesamtbevölkerung trieben, öfter mit dem Fahrrad oder mit dem Auto unterwegs seien und gerne badeten oder ins Kino gingen.

Selbst die Gelobten bezweifeln indes die Seriosität solcher Ergebnisse: "Das ist ja so, als würde man Alkoholiker in der Kneipe nach ihren Alkoholproblemen befragen. Wer gibt denn schon zu, daß er wenig soziale Kontakte oder gar irgendwelche Suchttendenzen hat?" schüttelt Michael Senf, Münchner Software-Experte und selbst intensiver Internet-Nutzer, den Kopf über die Methodik solcher Jubelstudien. Was Schmidt noch aufgefallen ist: In den News- oder Chatgroups trifft man zu jeder Tages- und vor allem Nachtzeit immer die gleichen Leute.

Tatsächlich wird mittlerweile auch aus Deutschland zunehmend Bedenkliches gemeldet. So brachte eine Studie der Universität Paderborn zum Thema "Schach-Server und Suchtgefahren" teilweise erschreckende Ergebnisse zutage. Rainer Grobbel, wissenschaftlicher Universitätsmitarbeiter, und sein Co-Autor Rüdiger Wenski untersuchten, ob Web- Sites für Schachspieler die Benutzer süchtig machen können.

Täglich fünf Stunden Online-Schach

Die Ergebnisse sprechen Bände: Ein wissenschaftlicher Angestellter räumte ein, innerhalb der letzten sechs Monate täglich etwa fünfeinhalb Stunden im Netz verbracht zu haben. Ein Student wiederum gab an, zwei Jahre lang nichts für sein Studium getan zu haben, da ihm das Online-Schachspiel wichtiger gewesen sei.

Nicht wenige der befragten Studenten waren sich der Suchtgefahr durchaus bewußt. So vernichtete ein "potentiell Gefährdeter" immer wieder sein eigenes Paßwort. Wenig später indes besorgte er es sich wieder - und der Kreislauf begann von vorn. Die Paderborner Wissenschaftler raten den Betroffenen vor allem zu einer vernünftigen Freizeitgestaltung.

Eine Untersuchung der Universität Gießen bestätigt, daß es allen Grund zur Vorsicht im Umgang mit dem Suchtstoff Internet gibt: Zwölf Prozent der Befragten, so ein Ergebnis, waren nicht mehr in der Lage, ihre Online-Aktivitäten einzuschränken.

Bernad Batinic, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Psychologie der Universität Erlangen/Nürnberg: "Internet-Sucht existiert; es gibt Menschen, die sich den Konsum nicht einteilen beziehungsweise nicht damit aufhören können. Doch die Linie zwischen noch normal und bereits süchtig ist sehr schwer zu ziehen."

Für den Süchtigen, gibt Batinic zu bedenken, sei das Datennetz mit seinen vielfältigen Möglichkeiten Flucht vor dem Alltag. Der Psychologe ist allerdings davon überzeugt, daß es einen Automatismus, von einem Online-Medium süchtig zu werden, nicht gibt: "Um süchtig zu werden, bedarf es bestimmter psychischer Vorschäden. Schließlich werden auch nicht alle Menschen, die Alkohol trinken, automatisch zu Alkoholikern..

*Ina Hönicke ist freiberufliche Journalistin in München.