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NC als Alternative zum PC


25.10.1996 - 

Hat das Wettrüsten auf dem Schreibtisch ein Ende?

In der Tat kommt die technologische Entwicklung bei den PCs und bei deren Subkomponenten einer Mobilmachung auf den Tischen von Computerbenutzern gleich. Heutzutage trägt man mit einem einzigen Notebook ungefähr die Ausstattung einer mittleren Datenverarbeitungsanlage der 80er Jahre spazieren das Fassungsvermögen gängiger Festplatten in Laptops entsprach vor zehn Jahren noch dem kompletten Datenbestand eines mittelständischen Unternehmens aktuelle Prozessoren katapultieren die Leistungsfähigkeit von PCs auf ein Niveau, das höher ist als das der Mainframes von 1980.

Doch mit dem technologischen Muskelspiel kam auch die Unübersichtlichkeit. Die Argumente sind sattsam bekannt, die Marktforschungsinstitute haben sich in vielzitierten - und nicht immer ganz nachvollziehbaren - Studien über die Betriebs- und Wartungskosten der Rechenkünstler an den Arbeitsplätzen ausgelassen. Bis zu 12 000 Dollar pro PC muß eine Firma nach Berechnungen etwa der Gartner Group jährlich investieren, damit ein computerisierter Firmenangehöriger auch morgen noch kräftig in die Tasten hauen kann. In Zeiten allgemeinen Sparzwangs ein bedenkenswertes Argument für die Finanzverantwortlichen in Unternehmen.

Mit den Internet-Technologien und Suns Programmiersprache Java will die Industrie dem Problem Komplexität nun von der Softwareseite beikommen. You only take what you need, könnte man diesen Ansatz nennen. Man nimmt sich nur mehr die Softwarekomponenten, die man zur Arbeit wirklich benötigt, und belastet PCs nicht mehr mit Riesenanwendungen wie den Betriebssystemen und Office-Produkten etwa von Microsoft, die allein rund 50 MB Kapazität belegen - mehr, als Festplatten vor zehn Jahren an Platz zur Verfügung stellen konnten. Spätestens seit der Comdex 1995 kursiert in der Branche zudem ein neues Hardwareparadigma. Der Network Computer (NC), der kleine, aber feine Tischrechner, wird seitdem von IBMs CEO Louis Gerstner genauso propagiert wie von Oracle-Chef Larry Ellison oder Suns eloquentem Topmann Scott McNealy sowie Apples Chef Gilbert Amelio.

Mittlerweile hängen sich neben diesen NC-Protagonisten, die auch gleich die Definition darüber, was ein NC zu sein hat, in der "NC Reference Profile 1" festgeschrieben haben, eine ganze Reihe von Unternehmen an dieses Thema: X-Terminal-Hersteller wie HDS oder NCD funktionieren ihre Produkte flugs zum State-of-the-Art-NC um. IBMs NC "Network Station" entspricht im wesentlichen dem X-Terminal "Explora", das von NCD - um einige Eigenschaften erweitert - entwickelt und gefertigt wird.

Firmen wie Samsung, Sanyo, Sharp und Mitsubishi versuchen ihr Glück mit TV-PC-Kombigeräten, über die der Zugang zum Internet möglich sein wird unter anderem die britische Firma MSU Corp. zeigt den Prototypen einer sogenannten Set-top-Box, die, ausgestattet mit einem Modem, ebenfalls den Zugang zum Netz der Netze ermöglichen wird.

Das kalifornische Startup-Unternehmen Web TV kooperiert mit Microsoft, um einen TV-basierten Web-Browser für seine Set-top-Box zu entwickeln. Lizenznehmer für diese Technologie sind Sony und Philips. Auch der Spielehersteller Sega hat Blut geleckt und rüstet sein Spielesystem "Saturn" mit einem 28,8- Kbit/s-Modem aus, um Benutzer auch in der weiten Netzwelt surfen zu lassen.

Während aber Firmen wie Oracle oder die asiatischen Braune-Ware-Großkonzerne den NC als PC-Ersatz in die Heime bringen wollen, zielen IBM und Sun vor allem auf den kommerziellen Anwender, also Unternehmen mit einer etablierten DV-Struktur. Die wollen sie glauben machen, ein NC als Tischrechner decke alle Bedürfnisse der Anwender ab, die Rechenleistung könne ja der Host erledigen. Ein verständliches Argument für einen Server-Anbieter, meint Tom Bittman von der Gartner Group etwas maliziös.

Zwar betont die IBM, der NC sei kein Ersatz für PCs, sondern vielmehr für die rund 35 Millionen dummen Terminals. Die Frage bleibt aber, welche Zukunft dem PC in dem heutigen DV-Szenario beschieden ist.

Wegen der vergleichsweise hohen Anschaffungskosten bleiben dem PC bislang Käuferschichten verschlossen, die über geringere Jahreseinkommen verfügen. In erster Linie Kunden mit einem Jahressalär von 40 000 Dollar und mehr gehören bislang in den USA zu den privaten PC-Benutzern. Sie besitzen in aller Regel auch eine bessere Ausbildung, kommen also mit einem komplexen Gerät wie einem PC aller Wahrscheinlichkeit nach besser zurecht. 57 Prozent der Angehörigen dieser Gruppe nennen allerdings schon einen PC ihr eigen, die Nachfrage aus dem sogenannten Heimbereich läßt bereits nach.

Von ähnlichen Erfahrungen kann Marco Landi, Executive Vice-President und Chief Operating Officer (COO) bei Apple, in Europa berichten. Als Beispiel zitiert er die privaten Haushalte der Niederlande, die bereits zu 37 Prozent mit PCs ausgestattet sind. Nur in den USA ist der Durchdringungsgrad gleich hoch. Doch das PC-Geschäft bei Deutschlands Nachbarn stagniert. Eine Apple-Analyse, so Landi, habe ergeben, daß sein Unternehmen dort "bereits alle Leute erreicht hat, die für einen PC 2000 Dollar zahlen können".

Noch in sehr unguter Erinnerung dürfte allen PC-Herstellern dabei das normalerweise sehr lukrative Weihnachtsquartal des vergangenen Jahres sein: Machten sie bislang zwischen Oktober und Dezember immer das große Geschäft, blieben die Kurvenverläufe der PC-Verkäufe Ende 1995 praktisch flach. Compaq-Manager Kurt Dobitsch sprach von einer katastrophalen Situation am PC-Markt.

Landi nannte auf der Konferenz European Technology Roundtable Exhibition (ETRE) in Berlin zwei Voraussetzungen, damit PCs sich als echte Massenartikel durchsetzen können: Zum einen müßten deren hohe Kosten gesenkt werden, "außerdem müssen wir es endlich schaffen, die Komplexität der PCs zu beseitigen, sie bedienerfreundlicher zu gestalten". Landi glaubt, daß NCs sehr wohl auch für private Haushalte sinnvoll sind - allerdings will er ja auch Apples NC "Pippin" an den Mann bringen.

Landi und andere stützen sich beim Thema Komplexität auf eine Zahl, die immer wieder in die Diskussion geworfen wird: Danach hat die Hälfte der Weltbevölkerung noch nie ein Telefon benutzt. Wenn nicht einmal eine solch einfache Technologie wirklich weltweit genutzt werde, was berechtige dann dazu, fragt der Apple-Mann, dem PC eine flächendeckende Marktakzeptanz zu prophezeien?

Acer-CEO Stan Shih bläst ins gleiche Horn: Er vertritt die Meinung, daß sich die bedienerfreundlichen NCs auf breiter Front durchsetzen werden, und rechnet damit, daß innerhalb von sechs Jahren 200 Millionen der billigen Internet-Geräte verkauft sein werden. Hans Wildenberg, Direktor der Computer Technology Group von Motorola, glaubt sogar, daß im Consumer-Markt der Durchdringungsgrad von PCs "sehr bald zurückgehen wird". In diesem Segment brauche man keine Rechner mit 400 Dollar teuren Prozessoren.

Bei Compaq sieht man vor allem vier Anwendungsfelder für NCs: Compaqs für den europäischen, mittelasiatischen und afrikanischen Bereich zuständige PC-Top-Manager Bruno Didier sagte, zum einen ziele sein Unternehmen bei künftigen Produkten auf Anwender, die auf ihren PCs nur eine einzige Anwendung benutzen. Für die sei ein Rechner mit Windows 95 bei weitem überdimensioniert. Auch seien solche PC-Benutzer potentielle NC-Käufer, die die Leistungsfähigkeit ihrer Applikationen wie Datenbanken oder etwa Tabellenkalkulationen etc. nur zu einem sehr geringen Teil ausschöpfen.

Von Interesse für NCs und ihre Anwendungen sei drittens das Marktsegment mobiler "Com- panions, Handhelds". Diese, so Didier, könnten zwar kein Ersatz für PCs sein, sie böten aber Zugriff auf das Internet.

Insbesondere die privaten Haushalte als vierter Absatzbereich für NCs haben es Compaq angetan. Schon seit Monaten verbreitet Compaq-CEO Eckhard Pfeiffer seine Vision vom trauten Heim, in dem ein Server verschiedene Geräte - "jedem Haushaltsmitglied seinen Rechner" - mit Rechenleistung, Anschluß ans Internet etc. versorgt. Damit propagiert Pfeiffer die gute, alte Host-Terminal-Anbindung, diesmal ins Häusliche übertragen.

David Winn, IBMs PC-Verantwortlicher für Europa, sieht den NCs zwar mit einem lachenden und einem weinenden Auge entgegen - "Als PC-Verantwortlicher bin ich nicht sehr enthusiastisch darüber, daß jetzt ein neues Gerät auf den Markt kommt, dessen Margen noch kleiner sein werden, als sie es beim PC schon sind". Er hält es aber für ausgemachte Sache, daß sich Thin Clients durchsetzen: Es sei nicht die Frage, ob NCs erfolgreich werden könnten, sondern nur, "wer sie macht, wann und wie".