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20.07.2001 - 

CW-Roundtable zum Neuen Markt

Hat die deutsche IT-Branche keine Substanz?

Gewinneinbrüche, Insolvenzen, Bilanzmauscheleien, Verdacht auf Kursmanipulationen und Insiderhandel - der einst als "deutsche Nasdaq" gefeierte Neue Markt steckt in einer existenziellen Krise. Die CW diskutierte mit Vorständen betroffener Firmen über die Zukunft des Hightech-Handelssegments.

CW: Zeigen die jüngsten Diskussionen über den Ausschluss so genannter Pennystocks und die Abwanderungspläne vermeintlicher Blue Chips wie Mobilcom und Singulus nicht, dass der Neue Markt abgewirtschaftet hat?

Praxmarer: Man sollte nichts dramatisieren. Ich denke zunächst, dass schon allein der Name und die Existenz des Neuen Marktes einen Fortschritt für den Standort Deutschland und die hiesige IT-Industrie darstellen. Was uns lange Zeit fehlte, war doch genau diese Möglichkeit einer Exit-Strategie für Investoren wie beispielsweise Venture Capitalists. Lerneffekte gab es und wird es auch noch geben. Das Ganze heißt ja nicht umsonst Neuer Markt.

CW: Sie gehen sehr schonend mit den Teilnehmern um. Schließlich wurden von Firmen reihenweise die ursprünglichen Prognosen nicht erfüllt, Staatsanwälte ermitteln in mehreren Fällen wegen Kursbetrugs und Insiderhandels, die früheren Vorstände eines Unternehmens saßen sogar zeitweise in Untersuchungshaft.

Praxmarer: In den von Ihnen angedeuteten Fällen gibt es auch nichts zu beschönigen. Ich warne nur davor, ein negatives Pauschalurteil zu fällen. Ob Prognosen unrealistisch waren, ob ein Unternehmen für den Börsengang schlecht vorbereitet war, muss man von Fall zu Fall genau untersuchen. Man kann es sich jedenfalls nicht so einfach machen und behaupten: Weil ein Unternehmen nicht das erreicht hat, was es versprochen hat, hat das Management unseriös oder gar kriminell gehandelt.

Andererseits lassen sich Defizite nicht leugnen. Wenn beispielsweise viele Firmen, wie bei der Recherche für unser Nemax-Ranking (siehe Kasten "Tiefer Fall", Anm. d. Red.) geschehen, einfach nicht mitteilen, in welchen Geschäftsbereichen sie tätig sind, ist das schon bedenklich. So etwas darf es nicht geben. Das gilt auch für das traurige Schauspiel, das wir im März aufgeführt bekamen, als viele Unternehmen am Neuen Markt nicht in der Lage oder nicht willens waren, ihre Jahresbilanzen fristgerecht zu veröffentlichen.

CW: Mittlerweile sind mehr als 340 Unternehmen am Neuen Markt gelistet. Als die Deutsche Börse mit dieser neuen Handelsplattform an den Start ging, hieß es, man wolle nur die besten aus jedem Marktsegment, jeweils maximal drei Firmen. Schon kurze Zeit später hat sich bekanntlich die Intention geändert. Aus dem Qualitätssegment sollte die im europäischen Vergleich stärkste Wachstumsbörse werden. Offensichtliches Motto dabei: Masse statt Klasse.

Becker: Man sollte die Dinge nicht schlechter darstellen, als sie sind. Wir haben den Börsengang am Neuen Markt bis heute nicht bereut. Natürlich ist dieses Handelssegment wie jedes Börsenparkett ein Wachstumsmarkt - jedenfalls von seinem Anspruch her. Ein börsennotiertes Unternehmen muss demzufolge in neue Märkte expandieren, und dabei gibt es Risiken. Und man muss die Spielregeln der Analysten kennen. Wer nicht mindestens eine Kapitalrendite von sieben Prozent erwirtschaftet, hat - unabhängig von sonstigen Markteinflüssen - Probleme mit seinem Aktienkurs.

CW: Sehen Sie das auch so, Herr Köhler? Ihr Unternehmen war ja eines der ersten, das aufgrund nicht erfüllter Prognosen abgestraft wurde.

Köhler: Ohne den Neuen Markt stünden wir nicht da, wo wir heute sind - trotz aller Schwierigkeiten, die es auch bei CPU gab. Gleichzeitig muss man aber auch über die negativen Faktoren sprechen, die zuletzt das Image des Neuen Marktes beschädigten. Es gab einige schwarze Schafe, die zu Recht im Fokus der Medien standen. Das Problem ist nur, dass diese Skandale wesentlich dazu beigetragen haben, das gesamte Segment in den Keller zu ziehen.

Schick: Wir sollten uns nicht zu sehr in die Ecke stellen lassen. Nicht nur der Neue Markt, sondern auch andere Indizes sind abgestürzt. Man darf auch nicht vergessen, dass dazu immer zwei gehören: Diejenigen, die Aktien verkaufen, und die, die sie zum Teil auch zu Phantasiepreisen kaufen. Die Deutsche Börse sollte aber darauf achten, dass sich alle an die Spielregeln halten. So erlebt man es immer wieder, dass Unternehmen zwar ihre Gewinn- und Verlustrechnung publizieren, aber keine aussagefähige Bilanz. Zu beklagen ist auch die Flut an Ad-hoc-Meldungen, deren Inhalte teilweise lächerlich sind. Mindestens ebenso problematisch finde ich die mangelnde Reflexion der Analysten und Medien. Wenn man als IT-Dienstleister in einem Umfeld tätig ist, in dem alle übrigen Wettbewerber derzeit rote Zahlen schreiben, wird man automatisch mit abgestraft.

CW: Erfahrungen mit der Macht der Analysten haben zuletzt auch Sie gemacht, Herr Vogel.

Vogel: Das ist richtig. Wir sind jetzt seit gut zwei Jahren an der Börse. Die ersten eineinhalb Jahre nach unserem IPO haben wir immer über Plan gelegen und sind dafür stets gelobt worden. Nach dem Zusammenschluss zu Itelligence haben wir jetzt eine ganz andere Firmengröße zu managen und sehen plötzlich, dass unsere Planungsgenauigkeit nicht mehr die frühere Qualität hat. Hinzu kommen die spezifischen Probleme im Software-Business. Häufig entscheidet die Frage, ob man in zwei, drei Projekten in einer gewissen Größenordnung ein Lizenzgeschäft tätigt, darüber, ob ein Quartal gut oder schlecht verläuft.

CW: Herr Stahl: Analysten und der Neue Markt, da können Sie mitreden, schließlich kommen Sie aus der Bankenszene.

Stahl: Wenn man sich überlegt, in welch kurzer Zeit der Neue Markt auf über 340 Unternehmen angewachsen ist, dann ist dies doch eine Entwicklung, die zu Beginn keiner geahnt hat. Ich denke, dass wir im Moment einen gesunden Reifungsprozess durchlaufen. Anfang der 90er Jahre waren zirka 4200 Unternehmen an der Nasdaq notiert; 23 Prozent davon sind heute noch dort gelistet. Über die Hälfte ist in Fusionen aufgegangen, und das restliche gute Viertel hat Konkurs angemeldet. Als das erste Insolvenzverfahren am Neuen Markt publik wurde, ging ein Aufschrei durch die Medien, als würde ein großes Unheil über dieses Land hereinstürzen.

Köhler: Einspruch! Wir sollten das, was am Neuen Markt passiert ist, nicht schönreden. In den zurückliegenden zwölf Monaten sind rund 160 Milliarden Euro an Marktkapital abgezogen oder vernichtet worden. Eine weitere wichtige Frage ist die schon angesprochene Prognosesicherheit - die allerdings von zwei Seiten betrachtet werden sollte. Es kann nicht angehen, dass bei Nichterfüllen der Geschäftsziele die Unternehmen pauschal an den Pranger gestellt werden. Ich erinnere hier nur an die berühmten Todeslisten.

CW: Was nichts daran ändert, dass die Unternehmen immer noch selbst für ihre Umsatz- und Gewinnplanung verantwortlich sind.

Köhler: Unbestritten. Aber man muss differenzieren. Herr Vogel hat Recht. Die Prognosesicherheit eines Unternehmens hängt von verschiedenen Faktoren ab. Das Thema nivelliert sich um so mehr, je größer ein Unternehmen ist. Wenn Sie sich den Neuen Markt anschauen und die Bluechips wie Mobilcom und T-Online einmal beiseite lassen, bleibt nicht mehr viel an Marktmacht übrig. Viele Firmen haben das Problem, dass sie nicht schnell genug wachsen können und damit von wenigen Großkunden abhängig sind. Ein kleines Unternehmen läuft deshalb oft Gefahr, dass es eine Prognose abgegeben hat, die durch eine überraschende Verschiebung eines Auftrages über Nacht Makulatur wird. Insofern schwingt also immer das zeitliche Korsett der Quartalsberichterstattung mit.

Vogel: Wir hatten zum Beispiel in den USA die Situation, dass einer unserer großen Kunden insolvent geworden ist und von einem anderen großen IT-Dienstleister übernommen wurde. Die Konsequenz war, dass wir keine Lizenzen mehr ausliefern konnten, weil der Kunde dadurch ein Direkt-Account der SAP geworden ist. Dies ist unter anderem auch der Grund dafür, dass wir das erste Mal ein Quartal mit einem operativen Verlust abgeschlossen haben - über das Echo an der Börse brauche ich mich an dieser Stelle nicht auszulassen.

CW: Fühlen Sie sich angesichts der zahlreichen Loser am Neuen Markt in Sippenhaft?

Schick: In Sippenhaft sind wir auf jeden Fall genommen worden. Aber wir fühlen uns trotzdem am Neuen Markt wohl, denn wir haben auch eine Menge Geld für das Unternehmen herausholen können, das uns die zukünftige Expansion ermöglicht. Womit ich einfach meine Schwierigkeiten habe, ist dieses Marktschreierische, mit dem angebliche Erfolgsmeldungen verkauft werden. Wenn man dann hinter die Kulissen blickt, sieht man 20 Millionen Miese. Das hat der Glaubwürdigkeit des gesamten Segments sehr geschadet.

Oberschmidt: Meiner Meinung nach reagiert man zu stark auf kurzfristige Vorgänge. Da gibt es vielleicht in einem Quartal ein paar Probleme, ein Warnsignal also, aber das Unternehmen hat die Chance, dies schon im darauf folgenden Quartal wieder auszubügeln. Die erste Reaktion der Märkte ist jedoch, den Aktienkurs um 30 Prozent in den Keller zu schicken. Gelingt drei Monate später der Turnaround, geht der Kurs aber nicht um 30 Prozent, sondern nur um zehn bis 15 Prozent nach oben.

Stahl: Was wir bei unserer Diskussion bisher etwas vernachlässigt haben, ist der Blick auf den gesamten IT-Markt. Wir sind am Neuen Markt auch in Sippenhaft für den Shakeout bei den US-Internet-Firmen genommen worden. Wenn zudem die Umsatzerwartungen für die global agierenden IT-Unternehmen reduziert werden und Gewinnwarnungen an der Tagesordnung sind, kann sich ein Neuer Markt nicht von diesem Trend abkoppeln. Oft benötigt eine Company anschließend mehr als vier gute Quartale, um Vertrauen zurückzugewinnen.

Becker: Genau das ist es, was ich nicht verstehe. Einmal die eigene Prognose nicht erreicht, und schon werden Sie abgestraft. Man muss doch fragen, ist ein Unternehmen vom Grundsatz her auf dem richtigen Weg, oder nicht?

Praxmarer: Nein, so funktioniert es leider nicht. Was Sie kritisieren, Herr Becker, ist die Meinungsbildung eines externen Personenkreises, zu dem die Privatinvestoren, institutionellen Anleger und Fonds-Manager nun einmal gehören. Diese Leute haben teilweise nur fünf oder zehn Minuten Zeit, sich mit den aktuellen Fundamentaldaten eines Unternehmens zu beschäftigen.

CW: Finden Sie das gut, angesichts der Milliardensummen, die da im Spiel sind?

Oberschmidt: Die Frage stellt sich so einfach nicht. Es wird Kapital verwaltet und muss möglichst gewinnbringend angelegt werden. Und wenn ein Unternehmen besser performt und der Aktienkurs bei dieser Firma kräftiger steigt, lenken die Investoren ihre Gelder entsprechend um.

Schick: Auch ich behaupte, dass bei den Analysten und Fonds-Managern nicht mit vernünftigen Maßstäben gearbeitet wird. Wenn Sie ein Wachstum von beispielsweise 655 Millionen auf 950 Millionen Mark erzielen und verfehlen dabei die Umsatzprognose um 50 Millionen Mark, dann muss ich einfach sagen: Wer glaubt, das besser zu können, soll erst einmal belegen, wie er eine solche Prognose mit absoluter Sicherheit treffen will. Noch zu Beginn des vergangenen Jahres hat keiner der so genannten Experten geglaubt, dass sich der IT-Markt so schlecht entwickeln wird, wie er das dann getan hat.

Stahl: Ich hätte noch einen weiteren Aspekt anzumerken. Ceyoniq hat jetzt das 13. Rekordquartal in Folge absolviert. Doch im vergangenen Jahr ist es unserem Wettbewerbsumfeld einfach nicht gut gegangen. Man kann sich also generellen Markteinflüssen nicht entziehen; Sie können nichts machen, wenn ein bestimmtes Segment - in unserem Fall Software - einfach unsexy geworden ist.

CW: Das Thema Analysten dürften wir damit erschöpfend abgehandelt haben. Wir halten fest: Auch die Financial Community hat Anlass, vor der eigenen Türe zu kehren. Jetzt sollten wir aber wieder auf die Defizite der Unternehmen zu sprechen kommen. Eines drängt sich vielleicht besonders auf: Die Internationalisierung, vor allem die Expansion in die USA, kam in vielen Fällen kaum in die Gänge. Mit der Weltläufigkeit deutscher IT-Firmen scheint es nicht sehr weit her zu sein, und angesichts leerer Kriegskassen dürfte sich das Ganze ohnehin erledigt haben.

Praxmarer: Nicht bei allen Unternehmen ist die Kriegskasse leer. Es gibt einige, die im Moment nach Kaufobjekten suchen, auch wenn sie es nicht an die große Glocke hängen. Viele Firmen haben beim Börsengang 100 Millionen Euro und mehr eingenommen. Dafür bekomme ich bei den heutigen Aktienkursen eine Menge - gerade auch in den USA. Zudem gibt es einige Gesellschaften, die in der glücklichen Lage sind, dass ihre Mutter zur Old Economy gehört und zusätzliche Mittel bereithält. Ich denke, es wird in der nächsten Zeit zu einer Flut entsprechender Ankündigungen und damit zur von vielen Beobachtern erwarteten Marktkonsolidierung kommen.

Die andere Frage ist zweifelsohne die, ob die deutsche IT-Industrie überhaupt die Substanz hat, sich weltweit durchzusetzen. Darüber diskutiert man bekanntlich seit Jahren. Ein Problem, nämlich eine fehlende Börse für Wachstumswerte, ist nun gelöst worden. Ob es uns jetzt aber gelingt, endlich das Geschehen im US-Markt und damit in der IT-Branche insgesamt zu beeinflussen, ist immer noch fraglich.

Schick: Muss man als kleines Unternehmen überhaupt in die USA gehen, wenn man vor der Haustüre Möglichkeiten ohne Ende hat?

Oberschmidt: Wenn Sie im Softwaremarkt halbwegs ernsthaft mitspielen wollen, benötigen Sie ab einer gewissen Größe ein Standbein im US-Markt.

Vogel: Sie repräsentieren Bechtle, einen reinen Dienstleister. Da sieht es möglicherweise anders aus. Wir müssen uns überall dort aufstellen, wo unsere Kunden sind. Wir sind auch ein Dienstleister und vor fünf Jahren in den US-Markt eingestiegen, lange vor unserem Börsengang also, und haben im Prinzip aus unserer Substanz heraus das Geschäft dort aufgebaut. 60 Prozent unserer derzeitigen US-Kunden sind rein amerikanische Firmen; der Rest sind Tochterunternehmen aus dem europäischen Umfeld, natürlich viele aus Deutschland. Wir verfügen also über eine starke internationale Präsenz, und wir benötigen sie auch.

Becker: Ich glaube, da sind jetzt zwei grundsätzliche Unterschiede während der Diskussion aufgetreten. Einmal ging es darum, dass Firmen in der Tat großspurig angekündigt haben, sie wollten den US-Markt erobern und ein Global Player werden. Von Herrn Vogel kam indes der Hinweis, dass er immer dort hingeht, wo seine multinationalen Kunden sind. Die muss er ja bedienen, sonst verliert er auf Dauer auch im heimischen Markt sein Fundament.

Stahl: Ich würde auch gerne darauf eingehen. Ceyoniq ist ja nun am Markt im Vorfeld einer US-Akquisition deutlich abgestraft worden.

CW: Weil der Sinn dieses Deals lange Zeit nicht nachvollzogen werden konnte.

Stahl: Wir sind in erster Linie dafür abgestraft worden, dass wir mit Treev ein seinerzeit defizitäres Unternehmen kaufen wollten. Außerdem wurde der Deal vollzogen, kurz nachdem Intershop sein katastrophales Quartal in den USA veröffentlicht hatte. Der Zeitpunkt konnte also nicht schlechter sein. Trotzdem mussten wir in den US-Markt gehen. Wir bieten bekanntlich Dokumenten-Management-Lösungen im SAP-, Oracle- und Siebel-Umfeld an. Die meisten Installationen der genannten Hersteller befinden sich in den USA. Allein vor diesem Hintergrund gab unser Schritt strategisch Sinn.

Erreichbar war dieses Ziel nur über den Kauf eines US-Unternehmens oder den Aufbau einer eigenen Gesellschaft. Wir haben uns ganz klar für Ersteres entschieden, weil für uns die Vorteile offensichtlich waren. Aber: Es gehört in diesem Zusammenhang einfach zu den vielen Märchen am Neuen Markt, dass ein deutsches oder europäisches Unternehmen in den US-Markt spazieren kann und dort den Rohdiamanten findet, der den IT-Scouts der Microsofts, der Investmentbanken, der Meta Groups und wem auch immer entgeht. Also müssen wir uns von der Vorstellung verabschieden, dass wir alles auf einmal einkaufen können: eine exzellente Infrastruktur, ein qualifiziertes Management, hohe Profitabilität, komplementäre Märkte sowie keine Überlappung im Produktbereich. Irgendwo bleiben immer Defizite, und dann muss ich mir überlegen, was ich mit meiner eigenen Management-Kapazität bewirken kann und was nicht.

Es diskutierten

Egbert BeckerVorstands-vorsitzender Personal & Informatik AG

Manfred KöhlerVorstands-vorsitzender CPU Softwarehouse AG

Bernhard OberschmidtVorstand und Chief Financial Officer USU AG

Luis PraxmarerVorstands-vorsitzender Meta Group AG

Gerhard SchickVorstandsvorsitzender Bechtle AG

Milan StahlVorstand Investor Relations, Merger & Acquisitions Ceyoniq AG

Herbert VogelVorstandsvorsitzender Itelligence AG

Gerhard HolzwartRedakteur COMPUTERWOCHE

Andrea GoderFreie Mitarbeiterin COMPUTERWOCHE

Eine vollständige Fassung des Roundtables lesen Sie im CW-Infonet.

Tiefer FallManche wussten es immer schon, andere zumindest seit längerem: An Frankfurts Wachstumsbörse herrschen Wildwest-Methoden; der Neue Markt verkommt zum Tummelplatz für Hochstapler und halbseidene Geschäftemacher. Die Meta Group formulierte es in ihrem Mitte April veröffentlichten "Nemax-Qualitäts-Ranking" noch zurückhaltender: "Die Weigerung mancher Unternehmen, Auskunft zu dem Marktsegment zu erteilen, in dem sie tätig sind, lässt eine absichtliche Verschleierung ihres wahren Geschäfts erkennen. Solche Unternehmen haben an der Börse nichts zu suchen, und wenn einige Börsengänge noch gerichtliche Nachspiele haben, würde uns dies nicht überraschen."

Tatsache ist, dass immer mehr der vermeintlichen Shootingstars in die so genannte Todeszone geraten. Kurse, Indizes und Handelsvolumina am Neuen Markt fallen von einen Rekordtief in das nächste. Neun Firmen haben bisher Insolvenz anmelden müssen, eine davon (Gigabell) verschwand inzwischen ganz vom Kurszettel. Und das dürfte nur der Anfang sein: Bestenfalls jedes fünfte Unternehmen am Neuen Markt wird langfristig überleben, heißt es unter Fachleuten. Einmal mehr drohen jetzt vermeintliche Nemax-Schwergewichte wie Mobilcom und Singulus mit einem Segmentwechsel; andere Blue Chips wie Aixtron oder Thiel könnten folgen. Die Deutsche Börse hat reagiert und angekündigt, ihr Regelwerk zu verschärfen. So sollen Unternehmen, die sich in Insolvenz befinden oder deren Aktien eine bestimmte Zeit unter dem Kurswert von einem Euro liegen, von der Notierung ausgeschlossen werden. Eine ähnliche Regelung gibt es auch an der US-Technologiebörse Nasdaq.