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08.05.1992 - 

Der Gastkommentar

Hauptsache, das Fähnchen weht im richtigen Wind!

Harald Wiechers Geschäftsführer Wiechers & Partner Datentechnik GmbH, Monheim

Die Schlacht ist geschlagen, der Verlierer steht fest: Die gesamte Mittlere Datentechnik (MDT), jahrelang Dreh- und Angelpunkt jeder Automationslösung für Organisation und Fertigung, verabschiedet sich vom Markt. Und damit stecken rund 40 000 mittelständische Unternehmen als Anwender MDT-basierter Systeme in einer technologischen Sackgasse.

Doch keine Bange - dem Schock herstellerspezifischer Abhängigkeit folgt ja jetzt die große Freiheit der "offenen Systeme". So tönt zumindest das allgemeine Credo aller innovativ eingestellten Zeitgeist-Experten. Und wer will das nicht sein, wo das Rezept doch offensichtlich so einfach ist: ein bißchen Unix und C hier, ein bißchen relationale Datenbank, Client-Server-Architektur und SQL dort, und schon wird aus dem ehemals völlig proprietären Automationssystem eine flexible, zukunftsorientierte Lösung mit Industriestandard-Stempel.

Selbstverständlich darf es dafür dann auch wieder ein richtig tiefer Griff ins Portemonnaie sein. Schließlich hat sich nach dem MDT-Desaster fast so etwas wie ein Investitionsstau aufgebaut, und den gilt es nun schleunigst wieder abzubauen - in die eigenen Taschen. Allein die mittelständischen Auttragsfertiger mit 30 bis 500 Mitarbeitern werden in den kommenden fünf Jahren mehr als zehn Milliarden Mark für die Modernisierung und Erweiterung ihrer Automationssysteme investieren.

Welch eine Beute für die große Anti-MDT-Koalition! Und zu dieser Koalition zählt sich jetzt da die Entscheidung gefallen ist: eigentlich jeder DV-Anbieter. Das funktioniert zwar manchmal nur auf Kosten der eigenen Selbständigkeit - siehe Nixdorf, Kienzle, Philips -, oder es erschöpft sich vor allem in der marktblockierenden Ankündigung einer künftigen "Offenheit" - siehe IBM und SAP. Aber die Hauptsache ist, das Fähnchen weht im richtigen Wind.

Bis auf wenige Ausnahmen produzieren diese selbsternannten Systemintegratoren zur Zeit nur heiße Luft. Aber das kümmert kaum jemanden. Man wird ja wohl noch das Verständnis des Anwenders dafür verlangen können, daß zunächst zwei bis drei Jahre für den Aufbau eines gewissen Know-how in Sachen Systemtechnologie und Organisation ins Land gehen müssen. Ganz zu schweigen von der Verfügbarkeit einer Beratungskompetenz, deren Charakter sich beim Übergang von abgeschlossenen Herstellermärkten zu einem offenen Industriestandard-Markt vielleicht doch - zumindest ein wenig - wandeln müßte.

Überflüssig erscheint hier der Anspruch "Alles aus einer Hand", dem höchstens durch ein zusammengeklaubtes Sammelsurium völlig unterschiedlicher Produktphilosophien

Rechnung getragen wird. Dagegen kann man aber immerhin schon dem Wunsch nach Zusatzleistungen nachkommen - sei es für die Durchführung einer Systemanalyse, sei es für die Erstellung spezieller Bibliotheken, sei es für die regelmäßige Hardwarewartung. Meistens müssen dazu allerdings Dritt- und Viertlieferanten hinzugezogen werden.

Schöne neue Welt der Systemintegration! Leider ist sie wohl doch - keine Sache "offener" Schlagworte, sondern erfordert eine wesentlich tiefer liegende Lösungskompetenz. Deshalb gehören heute technologische Weichenstellungen mit Stichworten wie Unix, C und SQL zwar immer noch ganz oben in das Pflichtenheft jedes potentiellen DV-Nutzers. Aber das kann lediglich eine Mindestvoraussetzung sein, so wie eine Familienlimousine selbstverständlich mit vier Türen ausgestattet wird. Das eigentliche Spiel beginnt in einer ganz anderen Klasse.

Ein wichtiges Stück der Trennlinie zur echten Systemintegration bildet insbesondere die Verfügbarkeit von Know-how in der Entwicklung und Vermarktung PC- oder Workstation-basierter C-Technologie. Nur wer sich mit seinen Industriestandard-Produkten bereits dem hohen Wettbewerbsdruck offener Märkte erfolgreich gestellt hat, weiß um die Konsequenzen, die beliebig austauschbare Systeme mit sich bringen: Nicht mehr das Angebot des Herstellers, sondern die Anforderung des Anwenders bestimmt die Lösung - so einfach und doch so wahr.

Eine ähnlich elementare Bedingung besteht in der Fähigkeit, eine durchgängige Integrationslinie zu realisieren. Von der Fertigungsseite her gesehen gehören dazu alle Bestandteile von CAD über PPS, BDE und DNC/NC bis hin zur kommerziellen DV. Dabei kommt es in der Praxis eben vor allem darauf an, daß der Anbieter direkt auf eigenes Know-how in jedem Anwendungsdetail zugreifen kann.

Konkrete Vorteile bringt die Unterstützung durch einen Systemintegrator erst dann, wenn sich der Anwender keine Gedanken mehr über die Abstimmung zwischen den Systemanalysen für CAD und PPS machen muß, wenn er die Stahlbau-Normteil-Bibliothek vom selben Lieferanten beziehen kann wie die Elektro-CAD-Lösung oder wenn das jüngste CAD-Gebäudetechnik-Update problemlos mit dem neuen Plotter-Treiber korrespondiert.

Andere Kriterien für eine Systemintegration, die den Namen verdient, hören sich fast schon wieder MDT-mäßig an (was im Prinzip auch nicht verkehrt ist, da wesentliche Erfolgsfaktoren der Mittleren Datentechnik ja auf ganz konkreten Anwenderbedürfnissen gründeten): Die Rede ist von der einheitlichen Verantwortung für Software, Rechnerhardware, Netzwerk und Peripherie im Verbund mit einem umfassenden Dienstleistungs-Angebot für Beratung, Schulung, Service etc. Nur auf diese Weise läßt sich das Systemintegrations-Gesetz Nummer eins erfüllen: Ganzheitlich planen - schrittweise realisieren.

Wenn vor diesem Hintergrund nur noch eine Handvoll - typischerweise mittelständische - Systemhäuser ernsthafte Systemintegrator-Qualitäten anzumelden haben, so zeigt das vor allem den totalen Mißerfolg der schon fast verzweifelten Konzentrationsaktivitäten auf seiten der alten DV-Imperien. Deren Strategie, die fundamentalen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Systemintegration, nämlich Innovation, Flexibilität, Reaktionsschnelligkeit und Zuverlässikeit, einfach auf die Schnelle zusammenzukaufen, muß trotz aller Marketing-Trommelei in der Praxis scheitern. Diese Schlacht ist noch lange nicht geschlagen.