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12.04.1979

Heilige Kühe irren vor sich hin

12.04.1979

Um den Grad der Anpassungsfähigkeit der Programme zu erhöhen, gibt es heute in jeder EDV-Abteilung viele Tools, die mehr oder weniger begeistert bei der Software-Entwicklung eingesetzt werden. Weil jedes geschriebene Programmstatement das Fünffache an Pflegekosten verursacht, ist die Änderbarkeit eines EDV-Vorhabens primär beeinflußt, nicht aber die Minimierung der Anzahl der geschriebenen Statements. Der Übersichtlichkeit und Anpassungsfähigkeit wegen programmiert man deshalb beute modular, normiert, nach Jackson, und strukturiert.

Bei der Suche nach den Ursachen der sogenannten Softwarekrise werden das Programm und damit die Programmierer ins Scheinwerferlicht der Kritik gestellt und der nicht-ingenieurmäßige, dilettantische Aufbau der "Herstellungsprozedur" immer wieder neu entdeckt. Mit fanatischem Glaubensbekenntnis zu einer oder mehreren der obengenannten Entwicklungshilfsmethoden wird dann versucht, durch den Einsatz noch besserer Techniken diesen Zustand zu ändern. Dieses Vorgehen kann aber das Dilemma nicht beheben, wenn man das mit der Herstellungsprozedur verarbeitete Material - die Daten - wie heilige Kühe wahllos in den Dateien oder Datenbanken vor sich hin irren läßt.

Ohne ein funktionierendes Datenmanagement mit maschinell gepflegter Datenstruktur-Dokumentation (Data Dictionary) ähnelt manchmal ein Datenstrukturentwurf einer Sysiphusarbeit.

Man kann sicher sein, daß mit zunehmender Anzahl der Zwecke, für die die Daten in einer DB verwaltet werden sollen, nach bestimmter Zeit niemand so recht weiß, wer was wo gespeichert hat.

Ein Werkzeug muß um so differenzierter konstruiert sein, je heterogener das zu verarbeitende Material ist. Voraussetzung für die Konstruktion eines Mehrzweckwerkzeuges, mit dem unterschiedliche Materialien verarbeitet werden sollen, ist die Unabhängigkeit des Materials vom Werkzeug. Das Material muß umstrukturiert und ohne die Bestimmung eines konkreten Zwecks formatiert werden können. In der Industrie und im Handwerk werden zur Erzeugnisherstellung vorformatierte Materialien (Eisenstangen, Blech, Schrauben, Glasscheiben etc.) für einen zunächst abstrakten Zweck fabriziert, auf Lager gehalten, und erst bei einer definierten Aufgabe werden die Anforderungen an die Zusammenstellung der Materialien konkretisiert.

Der Umstellungsaufwand einer Modelländerung eines Pkws hängt nicht nur davon ab, wie schnell die Herstellungsprozedur (das Fließband) an die Wünsche des Käufers angepaßt werden kann, sondern auch davon, ob die in den Wunsch nicht mit einbezogenen Teile des Autos auch noch modifiziert werden müssen. Je unabhängiger das Material von der Herstellungsprozedur ist, um so weniger muß die Prozedur geändert werden.

Die konventionelle EDV ist durch starre Zuordnung der Daten an Programme gekennzeichnet. Auch wenn man sich bei modernen Betriebssystemen um die physische Anordnung der Daten auf den Datenträgern nicht zu kümmern braucht, werden sie in den Dateien für einen Zweck organisiert und an den Algorithmus angepaßt, mit dem sie verarbeitet werden sollen.

Eine neue Anforderung irgendeiner Fachabteilung, die bei der ursprünglichen Systemanalyse nicht berücksichtigt wurde, verursacht in den meisten Fällen schwer überwindbare Schwierigkeiten, die Daten und die Prozeduren an die neuen Anforderungen anzupassen.

Ein aus den Teilen Datenbank (DB) und Datenbankverwaltungssystem (DBVS) bestehendes Datenbanksystem (DBS) soll Daten für die verschiedensten, manchmal ungenau definierten Aufgaben verwalten können. Das kann nur dann gelingen, wenn die DB von seinem DBVS und von den Benutzerprogrammen so weit wie möglich unabhängig ist. Der Grad der mit einem DBS erreichbaren Datenunabhängigkeit ist für die Softwareentwicklung und Softwarepflege das wichtigste Kriterium überhaupt. Alle anderen Forderungen an ein DBVS (mit einer Datenbeschreibungs- und Datenmanipulatlonssprache) sind zweitrangig. Die Lösung der anderen Probleme (wie hohe Verfügbarkeit, Vermeidung von Dead-lock-Situationen bei parallelem Zugriff, Schutz und Sicherung) ist zwar eine lebensnotwendige Bedingung, aus der Sicht der Softwareentwicklung sind sie aber ohne nennenswerte Bedeutung.

Die COMPUTERWOCHE beginnt in diser, Ausgabe mit einer Serie über die Struktur- und Formatabhängigkeit von Daten. Autor Ladislav Motl, Jahrgang 1942, ist Mitarbeiter der Münchner Unternehmensberatung UNA und zur Zeit im Siemens-Auftrag an der Entwicklung von Datenbank-Software tätig.