Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

20.07.1979

Herausforderung durch IBM

Vom ersten Erscheinen des Computers an wurde die Informatik ein strategischer Sektor für die meisten Länder. Die Staaten, die sich bewußt waren, wie spezifisch deren "Rohstoff" - die Information - war, haben sich sehr bald für diese Industrie interessiert. So haben seit 1945 nur wenige Bereiche - von der Kerntechnik abgesehen - eine so sorgsame Aufmerksamkeit der Regierungen erfahren. Diese Wachsamkeit drückt den Willen aus, hier noch stärker als in anderen Industriezweigen die in Erscheinung tretende amerikanische Vorherrschaft in Grenzen zu halten. Die Staaten setzten hierzu erhebliche Mittel ein, je nach einer dem nationalen Temperament entsprechenden Strategie.

Japan hat sich bemüht, die technologischen Kenntnisse zu sammeln, die zum Bau von Rechnern nötig sind. Danach hat es sich von jeder äußeren Einmischung abgeschirmt und einen strengen Protektionismus eingerichtet. Indem es seiner Informatikindustrie Absatzmöglichkeiten garantierte, hat es Wachstum und Exportfähigkeit auf Großserienbasis gegründet.

Was Deutschland betrifft, so hat es in einer ersten Phase die amerikanische Vorherrschaft hingenommen. Es hat dann nach und nach - nachdem die Basistechnologie erworben war - die Produkte "germanisiert": Eine solche Politik hat es schon auf anderen Gebieten, so in der Kerntechnik, verfolgt. Auf diese Weise konnte es sich eine solide, auf Exportlücken orientierte Industrie schaffen.

Großbritannien hat eine stärker gefächerte Politik betrieben: Die Unterstützung eines nationalen Herstellers stellte ein Element globalen politischen Handelns dar, in dem die Entwicklung der Anwendungen, die Ausbildung der Nutzer und die Verbindungen zur Nachrichtentechnik einen wichtigen Platz hatten.

Frankreich führte eine Politik "Ó la Colbert". Der Wunsch, Computer für die atomare Abschreckungsmacht zu bauen, hat deren starrköpfigen Charakter noch verstärkt. Die Anstrengungen konzentrierten sich auf ein einziges Unternehmen das in Abhängigkeit von der Verwaltung stand, getragen war vom Willen nach technologischer Unabhängigkeit und geführt wurde nach Mechanismen, die aufs engste die Ziele der Industrie und die Zwänge staatlicher Regelungen vermischten.

So unterschiedliche Strategien mußten unterschiedliche Ergebnisse zeitigen. Die beschleunigte Informatisierung in all diesen Ländern hat ausländischen Erzeugnissen einen mehr oder weniger großen Platz eingeräumt. 1975 lieferten amerikanische Firmen 45 Prozent der Computerinstallationen in Japan, 60,5 Prozent in Großbritannien, 75 Prozent in Deutschland, 83,5 Prozent in Frankreich (nach der Verschmelzung von CII und Honeywell Bull 75 Prozent). Diese globalen Daten verbergen verschiedenartige Erscheinungen: Mehr oder weniger entwickeltes technisches Potential, ungleiche Exportfähigkeit, unterschiedlichste Auswirkungen auf die anderen Bereiche des Informatiksektors. So macht nur die "List der Geschichte" aus der französischen Informatik-Dienstleistungsindustrie die zweitstärkste der Welt, obwohl sie ursprünglich keine sehr wichtige Zielgruppe der Politik darstellte.

Diese gegensätzlichen Situationen zeugen von einem bereits ausgetragenen Kampf: Von einem Kampf, der die Stellung der amerikanischen Industrie schwächen sollte und zwar zuallererst IBM - allein durch die Beherrschung der Computerherstellung. Heute ist die Herausforderung eine andere. IBM geht über die Informatik hinaus: Einsätze, Breite des Kampffeldes und Art der Auseinandersetzung haben sich gewandelt.

Einzigartige Härte

Um IBM entgegenzutreten, muß man die Gründe der Dynamik dieses Unternehmens verstehen, das Gewicht seines Erfolges abschätzen und versuchen, seine Zukunftslinien vorauszusehen.

Dieses Unternehmen hat klüger als alle anderen, auf die multinationale Karte gesetzt. Indem es sich auf den amerikanischen Markt, den stärksten der Welt, stützte, hat es IBM verstanden, sich in die Marktlogik der anderen einzureihen. Es dezentralisiert das Industrie- und Handelsgebaren, behält aber die zentrale Kontrolle seiner wesentlichen Forschungs-, Investitions- und Marktstrategien.

Es beherrscht den Sektor, der in den nächsten zehn Jahren die größte Entwicklung erleben wird: Die Information wird in der Gesellschaft von morgen immer weiter zunehmen, und die Informatik und später die Telematik werden sie dabei begleiten. IBM ist hier so stark etabliert, wenn nicht als einziger, so doch zumindest mit einer solchen "Machtreserve", daß es nicht dauerhaft bedroht werden kann. Im Gegensatz zu den Erdölkonzernen wird es weder bedroht durch Lieferanten, die es im Rücken angreifen könnten, noch durch Unsicherheiten und Schwierigkeiten, die große Industriekonzerne kennzeichnen.

Seine Stellung (60-70 Prozent) auf dem Computer-Weltmarkt zeugt von seinen technischen und wirtschaftlichen Fähigkeiten und erklärt sein Finanzpotential. Es verstärkt die Politik, die in einer Hand alle die Trümpfe vereint, die - sowohl bei den grundlegenden Vorleistungen wie auch bei den Nachwirkungen - das Eindringen der Informatik bestimmen. Kein Unternehmen aber auch kein Staat hat auf die gleiche Weise die Kontrolle über eine Kette, die vom Bauelement bis zum Satelliten reicht.

Bis jetzt besteht die Triebkraft von IBM darin, seine Dynamik auf ein klares kommerzielles Ziel gegründet zu haben. Es hat mit einer einzigartigen Härte das Spiel des Marktes akzeptiert, das es bestimmt, dem es gleichzeitig aber auch gehorcht. Aber es handelt sich für IBM, wie für alle Informatikhersteller, jetzt um eine andere Aktivität: IBM ist der Wende der neuen Informatik ebensosehr gefolgt, wie es sie auch hervorgerufen hat.

Als der Welt größter Verbraucher von Bauelementen wollte IBM auch der größte Hersteller sein. Dies ist ihm mit beeindruckender Geschwindigkeit und Wirksamkeit gelungen. Jetzt mißt das Unternehmen dem Telekommunikationsbereich eine außerordentliche Wichtigkeit bei. Von diesem Interesse zeugt sein beharrliches Bemühen, von der amerikanischen Bundesregierung das Recht zu erhalten, einen Satelliten zu starten. Die Kommunikationen aber sind heute verflochten, die Fähigkeit der Satelliten zu groß, als daß IBM sich mit reiner Teleinformatik begnügte: Es kündigt seine Absicht an, Sprach-, Bild- und Datenübertragung zu leisten. Es wird dann mit den fernmelde- und nachrichtentechnischen Institutionen in deren traditionellen Aktivitätsbereichen konkurrieren müssen.

Wenn jemand, Staat oder Unternehmen, einer solchen Strategie eine Antwort dadurch bieten würde, daß er sich ausschließlich auf die Herstellung von Computern konzentrierte, würde er IBM von gestern, nicht IBM von heute, noch weniger IBM von morgen die Stirn bieten.

Die industrieorientierte Antwort hierauf - wir werden später darauf zurückkommen - betrifft alle Aspekte der Informatikbranche: Bauelemente, Mini- und Periinformatik-Herstellung, Großinformatik, Dienstleistungsunternehmen. Aber der Einsatz hinsichtlich der Souveränität hat sich verlagert. Er erstreckt sich jetzt auf die Herrschaft über Nutze: Sie bestimmen gleichzeitig die Kontrolle über Kommunikation und die Steuerung der Rechnermärkte.

Paradoxerweise geben der Erfolg von IBM und das Feld seiner neuen Entwicklung den Staaten die Gelegenheit, sich selbst als Gesprächspartner dieses Unternehmens auf einem Gebiet zu behaupten, auf dem sie - wenn sie es wollen - weniger ohnmächtig sind. Als Hersteller und Verkäufer von Maschinen hatte IBM Kunden und einige Konkurrenten. Als Herrscher über Netze würde das Unternehmen eine Dimension erhalten, die über die rein industrielle Sphäre hinausgeht. Es würde, gewollt oder ungewollt, an der Beherrschung unseres Planeten teilnehmen. Es besitzt in der Tat alle Voraussetzungen, um eines der großen und weltweiten Steuerungs- und Regelungssysteme zu werden.

Manche waren oder sind noch immer Träger einer Eschatologie, die ständig versucht, die Mittel und Methoden ihres Vorgehens neu zu gestalten: So etwa die katholische Kirche oder die kommunistische Internationale. Jeder erkennt oder erlebt heute die Schwierigkeiten, die aus diesem Tohuwabohu entstehen. Von einer umgekehrten Situation ausgehend, ist die IBM dazu berufen, ihrerseits eine der großen treibenden Kräfte der Welt zu werden. Sie besitzt bereits den Apparat dazu. Sie spürt vielleicht schon die kommerziellen Chancen, sie ermißt aber zweifellos nicht die politischen Beschränkungen. Das Ausmaß seines Erfolges wird das Unternehmen früher oder später zwingen, eine neue Sicht seiner Umgebung zu gewinnen. Dies bietet aber den Staaten eine gute Gelegenheit, einen neuen Dialog mit IBM zu beginnen.

Simon Nora ist Inspecteur General des Finances und Alain Mine Inspecteur des Finances; beide sind Autoren des Berichts "Die Informatisierung der Gesellschaft"

Abdruck der Seiten 76 bis 79 mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers und des Verlages aus: Simon Nora, Alain Minc: Die Informatisierung der Gesellschaft, herausgegeben von Uwe Kalbhen GMD; Campus Verlag, Frankfurt/New York, 1979, 278 Seiten, 28 Mark.