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15.01.2007

Herkules - IT-Riese auf tönernen Füßen

Rund 7,1 Milliarden Euro kostet den Steuerzahler die Modernisierung der Bundeswehr-IT. Zu viel, meinen Rechnungsprüfer und prangern Fehler bei der Planung von "Herkules" an.

Zwölf Jahre benötigte der griechische Sagenheld Herkules, um diverse Ungeheuer zu töten, das Himmelszelt auf seine Schultern zu nehmen, den Höllenhund Kerberos aus dem Hades zu zerren und einen ziemlich großen Stall auszumisten. Zwölf Jahre wird es vermutlich auch dauern, bis alle Bundeswehrmitarbeiter im Rahmen des IT-Projekts Herkules endlich mit neuen Rechnern und Kommunikationsanlagen ausgerüstet sind. Nach acht Jahren heftiger Diskussionen hat das Vorhaben nun alle Hürden genommen. Weitere vier Jahre werden IBM und Siemens Business Services (SBS) wohl benötigen, um in der ersten Phase des Outsourcing-Vorhabens die hoffnungslos veraltete IT-Infrastruktur auszutauschen.

Herkules - die Fakten

Auftraggeber: Bundeswehr.

Auftragnehmer: BWI Informationstechnik GmbH (BWI GmbH) in Meckenheim bei Bonn.

Anteile (BWI): Bund (49,9 Prozent), SBS (50,05 Prozent), IBM (0,05 Prozent).

BWI-Töchter: BWI Systeme GmbH (IBM), BWI Services GmbH (SBS).

Geschäftsführung BWI: Peter Blaschke (Vorsitzender/SBS), Klaus Hahnenfeld (Bundeswehr), Christa Heinz (IBM), Richard Kollmuß (SBS).

Auftrag: Modernisierung der nichtmilitärischen Informations- und Kommunikationstechnik der Bundeswehr.

Aufteilung: IBM - Modernisierung der Rechenzentren und Anwendungen; Pflege der Individual- und Standardsoftware (SAP), des Intranets, der Web-Anwendungen sowie der Kommunikationsprogramme; Einführung einer Public Key Infrastructure (PKI); SBS - Betrieb und Modernisierung der dezentralen Systeme an 1500 Standorten (140000 PCs, 7000 Server, 300000 Festnetztelefone, 15000 Mobiltelefone); Management der Daten und Sprachnetze.

Mitarbeiter: 2950 der Bundeswehr (ein Drittel soll nach einem Jahr in die Bundeswehr zurückkehren) plus eine nicht genannte Zahl von IBM und SBS.

Volumen: rund 7,1 Milliarden Euro.

Laufzeit: zehn Jahre.

Herkules - die Geschichte

1999: Erste Pläne für Herkules.

28. Juni 2001: Die Ausschreibung beginnt.

2002: Es bleiben zwei Konsortien übrig: Isic 21 (CSC, EADS, Mobilcom) und TIS (Deutsche Telekom, IBM, SBS).

Juni 2002: Das Bundesverteidigungsministerium verhandelt nur noch mit Isic 21. Die endgültige Entscheidung über das auf 6,65 Milliarden Euro veranschlagte Projekt verzögert sich.

September 2003: Das Verteidigungsministerium legt einen Vertragsentwurf vor. Die Verhandlungen gehen jedoch weiter.

1. Juli 2004: Nachdem ein Ultimatum Ende Juni ohne Zusage von Isic 21 verstrichen ist, bricht das Verteidigungsministerium die Verhandlungen ab.

November 2004: TIS kündigt ein neues Angebot an.

Februar 2005: Die Deutsche Telekom steigt aus. SBS und IBM wollen als SI weitermachen;

23. März 2005: SI legt ein neues Angebot vor.

Mai 2005: Die Verhandlungen mit SI beginnen.

22. Dezember 2005: Einigung mit dem Konsortium SI (SBS und IBM).

September 2006: Herkules verteuert sich auf 7,1 Milliarden Euro.

November 2006: Bundesrechnungshof kritisiert Herkules-Vorhaben.

13. Dezember 2006: Der Haushaltsausschuss stimmt dem Herkules- Projekt zu.

28. Dezember 2006: Der Herkules-Vertrag wird unterschrieben.

SAP - im Schatten von Herkules

Parallel zu Herkules arbeitet die Bundeswehr seit Jahren an einer flächendeckenden SAP-Einführung. Das Projekt "Standard-Anwendungs-Software Produkt-Familien" (SASPF) ist ebenfalls auf zehn Jahre angelegt und kostet den Bund rund 750 Millionen Euro. Ziel ist es, zwischen 1200 und 1400 Insellösungen und Altprogramme abzulösen.

In der Endausbaustufe sollen an etwa 700 Standorten rund 50 000 parallele Nutzer mit dem SAP-System arbeiten. Allerdings läuft auch bei SASPF nicht alles glatt. Wollten die Verantwortlichen das Projekt ursprünglich bis 2007 abschließen, ist mittlerweile vom Jahr 2010 die Rede. Inwieweit die Verzögerungen bei Herkules dafür verantwortlich sind, lässt sich nicht sagen.

SASPF-Projekt-Manager Adolf-Peter Bröhl hatte in der Vergangenheit Probleme eingeräumt. So kritisierte er beispielsweise die unzureichende und zeitaufwändige Abstimmung mit der Bundeswehr. Rainer Arnold, verteidigungspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, schob jedoch der SAP den Schwarzen Peter für die Verzögerungen zu.

Mehr zum Thema

www.computerwoche.de/

583486: Bundesrechnungshof nimmt Herkules aufs Korn;

581151: Bundeswehrprojekt Herkules wird teurer;

547663: Bundeswehrprojekt Herkules mit Isic-21-Konsortium gescheitert;

1061886: Bundeswehr kürt CSC zum Favoriten;

1060235: Herkules soll Bundeswehr-IT ausmisten.

Weitere Links:

www.bwi-it.de: BWI Informa- tionstechnik GmbH;

www.bmvg.de: Verteidigungsministerium;

www.bundeswehr.de: Bundeswehr.

Hier lesen Sie ...

• wie SBS und IBM mit Herkules die Modernisierung der Bundeswehr-IT planen;

• welche Hürden das Projekt zu Anfang nehmen muss;

• warum sich das Vorhaben so lange verzögert hat.

Von Heldentaten kann bislang keine Rede sein. Das größte IT-Vorhaben in der Geschichte der Bundeswehr präsentierte sich in den zurückliegenden Jahren vielmehr als eine Kette von Pannen, Missgeschicken und Verzögerungen (siehe Kasten "Herkules - die Geschichte"). Bis zuletzt wurde das Auslagerungsprojekt kontrovers diskutiert. Mitten in die abschließenden Beratungen des Verteidigungs- und Haushaltsausschusses des Deutschen Bundestags im November 2006 platzte ein Sonderbericht des Bundesrechnungshofs (BRH), der mit Herkules kritisch ins Gericht ging.

In dem der computerwoche vorliegenden Dokument kommen die Prüfer zu dem Ergebnis, dass das Public-Private-Partnership-Modell (PPP) den Bund bis zu einer Milliarde Euro teurer kommen könnte als eine Bundeswehr-eigene Lösung. Darüber hinaus hätten es die Verantwortlichen im Bundesverteidigungsministerium versäumt, rechtzeitig die Wirtschaftlichkeit ihres Unterfangens zu prüfen. Dies hätte schon vor dem Beginn des Vergabeprozesses geschehen müssen, heißt es in dem Papier. Nach dem Beschluss einer PPP habe es kaum noch Entscheidungsspielräume gegeben. "Insgesamt wird das Gesamtverfahren nicht den gesetzlichen Anforderungen gerecht", moniert die Behörde.

Allerdings, so räumen die Prüfer ein, habe es zuletzt keine Alternative mehr gegeben. Um weitere Verzögerungen und vergaberechtliche Probleme wie beispielsweise Schadensersatzforderungen zu vermeiden, musste die Bundeswehr den einmal eingeschlagenen Weg mit Herkules zu Ende gehen.

Das haben die Politiker offenbar ähnlich gesehen und das Projekt zuletzt im Eilverfahren durch die Ausschüsse gepeitscht, um möglichst noch bis Ende 2006 die Verträge unter Dach und Fach zu bekommen. "Ich hätte mir die Geschichte auch anders vorstellen können", gibt Johannes Kahrs zu, SPD-Abgeordneter und Mitglied des Haushaltsausschusses. "Irgendwann kommt so ein Vorhaben aber an einen Punkt, an dem man das Ganze endlich anpackt oder sein lässt."

Bundeswehr-IT in desolatem Zustand

Auch sein Kollege von Bündnis 90/Die Grünen Alexander Bonde begrüßt den Projektstart. "Das Informationsrückgrat der Bundeswehr ist in einem desolaten Zustand", warnt der Abgeordnete. Insellösungen und eine zersplitterte Applikationslandschaft verhinderten ein effizientes Management der Streitkräfte. "Hier ist dringend ein Befreiungsschlag notwendig." Die Kritik des Rechnungshofes kann Bonde nicht nachvollziehen.

Die Prüfer ließen außer Acht, dass der Bund niemals die notwendigen Anfangsinvestitionen hätte aufbringen können. Daher sei eine Kooperation mit Privatunternehmen aus der IT-Branche die einzige wirtschaftliche Alternative gewesen. Es habe im Grunde nur zwei Optionen gegeben: "Mit dem PPP-Modell loszulegen oder mit leeren Händen dazustehen."

"Kritik wird abgewürgt"

Für andere Oppositionspolitiker steht PPP dagegen eher als Kürzel für Pleiten, Pech und Pannen. Das Verteidigungsministerium begebe sich in eine überteuerte Abhängigkeit, kritisiert beispielsweise die haushaltspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion "Die Linke" Gesine Lötzsch. "Es ist skandalös, die grundsätzliche Kritik des Bundesrechnungshofes abzuwürgen." Zwar sei die Modernisierung der Bundeswehr-IT notwendig, meint der FDP-Abgeordnete Jürgen Koppelin. Mit dem jetzt unterzeichneten Vertrag gebe die Politik jedoch jeden Einfluss auf.

IBM und SBS erhielten mit ihren Unterschriften einen Blankoscheck, so die Kritiker. Auch wenn die Vorgaben nicht eingehalten würden, müsse der Bund zahlen. Eine Haushaltssperre lasse sich nicht verhängen. Zudem könne der Rechnungshof nicht prüfen, wie das Geld der Steuerzahler eingesetzt werde, da sich dessen Befugnisse nur auf die Ministerien beschränkten. Auch die geforderte Beteiligung mittelständischer Unternehmen in Höhe von 30 Prozent des Vertragsvolumens sei lediglich zugesagt, aber nicht garantiert worden.

Eine Garantie sei aus vergaberechtlichen Gründen nicht möglich, halten die Herkules-Befürworter dem entgegen. Außerdem werde ein Mittelstandsplan erarbeitet und der Bundestag regelmäßig darüber unterrichtet. Ferner gebe es eindeutige Haftungsklauseln, sollten die Vorgaben nicht eingehalten werden. IBM und Siemens müssten gegenseitig haften. Damit könne sich der Bund mit eventuellen Forderungen an einen der beiden Vertragspartner wenden. Diese müssten das Weitere dann unter sich ausmachen.Dass sich IBM und Siemens die Schuld gegenseitig in die Schuhe schöben und der Bund auf seinen Schadensersatzansprüchen sitzen bleibe, sei damit ausgeschlossen.

Mit der Vertragsunterzeichnung in den Morgenstunden des 28. Dezember 2006 war der Weg für Herkules frei. IBM und SBS, darauf offenbar gut vorbereitet, schickten am gleichen Tag das mehrheitlich von SBS geführte Gemeinschaftsunternehmen BWI Informationstechnik GmbH an den Start, dessen einziger Auftrag die Betreuung des Großkunden Bundeswehr ist. Störfeuer von Seiten des bereits vor Jahren ausgeschiedenen Wettbewerbers, des Isic-21-Konsortiums, hat es nach Angaben eines BWI-Sprechers nicht gegeben. Vertreter von CSC, EADS und Mobilcom selbst wollten die Vorgänge rund um die Bewilligung und den Vertragsabschluss nicht kommentieren. Ein Gang vor die Vergabekammer hätte nach Einschätzung von Experten den besagten Firmen nur negative Publicity gebracht.

Grundsätzlich besäßen IBM und SBS genug Erfahrung, um Herkules zu bewältigen, meint Katharina Grimme, Analystin des Marktforschungsinstituts Ovum. Allerdings habe es in der Vergangenheit aufgrund kultureller Differenzen oft Probleme bei IT-Großprojekten der öffentlichen Hand mit privaten Partnern gegeben. Aus Sicht der Analystin wäre es sinnvoller gewesen, das Mammutvorhaben in mehrere kleine Projekte aufzuteilen. Damit wäre ihrer Ansicht nach das Management vereinfacht und das Risiko gestreut worden.

"Alles wird davon abhängen, wie gut die Bundeswehr mit den beiden Dienstleistern zusammenarbeitet", prognostiziert Grimme. Partnerschaftliche Zusammenarbeit dürfe nicht heißen, dass die Dienstleister versuchten, ihren Auftraggeber zu melken. Gleichzeitig müsse die Bundeswehr aber auch bereit sein, für die geforderten Leistungen einen angemessenen Preis zu zahlen.

Geld mitbringen und verdienen

Genau dieser Punkt sei jedoch oft ein Problem, ergänzt Analystenkollege Martin Barnreiter von Pierre Audoin Consultants (PAC). Während die öffentliche Hand davon ausgeht, dass der private Partner Geld mitbringt, wolle dieser Geld verdienen. Das werde den beiden Dienstleistern angesichts der notwendigen Anfangsinvestitionen jedoch erst gegen Ende der Vertragslaufzeit gelingen. Allerdings hätten IBM und SBS gute Chancen, bei Folgeprojekten zum Zuge zu kommen.

Das Prestigeprojekt verurteilt beide Unternehmen zum Erfolg, kommentiert Barnreiter. Vor allem die Komplexität von Herkules sei eine Herausforderung. Weil sich die Bundeswehr derzeit neu aufstellt und Standorte schließt beziehungsweise zusammenlegt, müsse die Lösung so flexibel wie möglich ausgelegt werden.

Der Wechsel vieler Bundeswehr-Mitarbeiter in die neu gegründete IT-Gesellschaft BWI könnte dem Analysten zufolge helfen, die komplexen Herausforderungen zu meistern. Allerdings müssten zunächst alle Vorbehalte gegen Herkules ausgeräumt werden. In der Vergangenheit hatte es immer wieder kritische Stimmen auch aus Bundeswehrkreisen über das Vor- haben gegeben. Brigadegeneral Günther Schwarz hatte Herkules vor etwa einem Jahr als Kind des letzten Jahrhunderts bezeichnet. Es verbrauche viel Geld und Ressourcen, die an anderer Stelle möglicherweise sinnvoller eingesetzt werden könnten.

Auch das PPP-Modell ist nicht unumstritten. So sorgte vor rund einem Jahr die Wivertis GmbH für negative Schlagzeilen. Die IT-Gesellschaft, die zu 49,9 Prozent der Stadt Wiesbaden und zu 50,1 Prozent SBS gehört, hatte im November 2004 für zehn Jahre und 82 Millionen Euro den IT-Betrieb der hessischen Landeshauptstadt übernommen. Statt Kosten zu sparen, habe die Kommune jedoch wegen überteuerter Hardware und Extraaufwendungen mehr ausgeben müssen als vorher, kritisierte damals Stefan Burkhardt, Mitglied der Rathausfraktion Die Grünen. Zugleich habe die Qualität der IT-Betreuung stark nachgelassen, und das Computer- und Telefonnetz seien öfter abgestürzt. "Die Stadt hat ihr zentrales Nervensystem in fremde Hände gegeben - zum Schaden der Bürger und der Arbeitseffizienz."

Auf ihre Kosten seien nur SBS und der Mutterkonzern Siemens gekommen, da nur auf deren Produkte zurückgegriffen werde, monierte der Politiker. Auch der Hardwarehersteller Fujitsu-Siemens Computers (FSC), auf dessen Produkte die Wivertis GmbH hauptsächlich setzte, profitierte von dem hessischen PPP-Modell. Wenn es darum geht, im Rahmen von Herkules die lukrativen Lieferaufträge für Telefonanlagen und PCs zu ergattern, dürften Insidern zufolge Siemens und FSC ebenfalls keine schlechten Karten haben.

Wer hilft, wenn es brennt?

Um wirtschaftliche Risiken und Abhängigkeiten im Falle von Herkules zu vermeiden, müssten die Verantwortlichen im Berliner Verteidigungsressort vorbauen, fordert der Bundesrechnungshof. Mindestens drei Jahre vor Vertragsende sollten die Ergebnisse der PPP evaluiert und einer Wirtschaftlichkeitsuntersuchung unterzogen werden. Neben einer erneuten Ausschreibung könne dies auch bedeuten, eine Exit-Strategie zu entwickeln.

Übrigens: Der Herkules der griechischen Sage nahm trotz seiner übermenschlichen Kräfte ein tragisches Ende. Seine eifersüchtige Gattin vergiftete ihn versehentlich mit einem in Zentaurenblut getauchten Gewand. Als sich der Held in seiner Qual selbst verbrennen wollte, hatte Vater Zeus Mitleid mit seinem unehelichen Sohn und entrückte diesen vom lodernden Scheiterhaufen in den Olymp. Und wer rettet den IT-Herkules, wenn es brennt?