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04.10.1991 - 

Bull, Olivetti und SNI sind unzufrieden mit der öffentlichen Vergabepolitik

Herstellerstreit um die Rolle der europäischen DV-Industrie

VENEDIG - "Europäische Informations-Technologie-Herausforderung" - diese Maxime einer Tagung der International Data Corporation (IDC) in Venedig, bei der Manager der führenden Computerhersteller Lösungswege aus der Krise der DV-Branche aufzeigen sollten, nahmen die drei Europäer Bull, Olivetti und SNI wörtlich: Sie warfen dem "Japaner" ICL stellvertretend für die gesamte überseeische Konkurrenz den Fehdehandschuh hin und verweigerten eine gemeinsame Diskussion.

Wie angespannt die Stimmung in den Top-Etagen von Bull, Olivetti und SNI sein muß, wurde am zweiten Tag des IDC-Forums deutlich: Ursprünglich sollten Francis Lorentz, Chairman und CEO der Groupe Bull, Hans-Dieter Wiedig, Chef von SNI, und Vittorio Cassoni, Managing Director und Chief Operating Officer der Olivetti Group, gemeinsam mit ICLs Chairman und CEO, Peter Bonfield, in einer Forumsdiskussion die neue Identität der europäischen Informations-Technologie-Industrie beleuchten. Dazu kam es nicht.

Zwar wollte Manfred Frey, Geschäftsführer der deutschen IDC-Dependance, gegenüber der COMPUTERWOCHE nicht bestätigen, daß es in der Quadriga Streit gegeben habe. Er bejahte jedoch, daß ursprünglich eine gemeinsame Diskussion geplant war.

Ein Informant, der nicht genannt werden wollte, fand deutlichere Worte: Zwei der drei Diskutanten neben ICL hätten klipp und klar gesagt, "wenn ICL an der Diskussion teilnimmt, gehen wir".

Die drei schwer angeschlagenen europäischen Unternehmen sehen den britischen Konzern, dessen Aktien zu 80 Prozent von Fujitsu-Ltd.-Aktionären und nur noch zu 20 Prozent von Anteilseignern der Northern Telecom Europe gehalten werden, offensichtlich nicht mehr als Firma an, die europäische Interessen vertritt. Bonfield, dessen Unterlagen noch mit "Panel Diskussion" überschrieben waren, mußte von den Veranstaltern in die Vortragsreihe der internationalen DV-Hersteller - mit DEC und der IBM - umgruppiert werden.

Ihm half auch nicht, daß er ICL ausführlich als europäisches Unternehmen darzustellen versuchte. "Hat sich durch den Fujitsu-Deal unsere Identität verändert?" fragte Bonfield beschwörend. Die japanischen Aktionäre seien ausschließlich am Return ihres Investments interessiert, beantwortete er seine Frage gleich selbst.

"Außerdem hat Fujitsu gemerkt, daß sich ihr Management-Stil von dem der ICL erheblich unterscheidet", fuhr Bonfield fort und versuchte glaubhaft zu machen, daß Nippons Anteilseigner mittlerweile selbst die Meinung vertreten, der beste Schutz ihrer Investitionen sei, ICL als autonome Einheit innerhalb der Fujitsu-Familie agieren zu lassen.

Er bestritt auch, daß ICL durch die Übernahme der Japaner Nachteile in Kooperationsgremien europäischer DV-Unternehmen hinnehmen mußte. "Das ist nie der Fall gewesen", so Bonfield.

Diese Aussage steht jedoch im klaren Gegensatz zu der Entscheidung der Jessi-Gemeinde (Joint European Submicron Silicon), die die Briten von ihrem runden Tisch verbannt sowie von drei Jessi-Projekten ausgeschlossen hat. "ICL hat durch den Aufkauf seinen Status als Jessi-Partner automatisch verloren", begründete im April ein Jessi-Sprecher den Rauswurf (vergleiche CW Nr. 16 vom 19. April 1991, Seite 2: "Esprit entscheidet...").

Lorentz, Chef der auch als Ziel einer japanischen Beteiligungsofferte (NEC) auserkorenen Groupe Bull, wollte sich in seiner Rede zwar nicht zu "defensiven Maßnahmen" hinreißen lassen, doch betonte er ausdrücklich, wie übervorteilt die europäischen DV-Hersteller im internationalen Wettbewerb seien: "Die öffentlichen MIS-Kontrakte in den USA gehen zu 80 Prozent an amerikanische Unternehmen. 70 Prozent der staatlichen Aufträge in Japan werden an Japaner vergeben." Europäische Konzerne könnten sich hingegen nur in knapp jedem dritten Fall freuen, den Zuschlag von Regierungsstellen zu erhalten. Anläßlich flankierender Hilfsmaßnahmen für den maroden Bull-Konzern hatte Frankreichs Industrieminister Roger Faroux die Subventionen noch mit der Bemerkung gerechtfertigt, "Bull soll keine Marionette in der Hand der Japaner werden".

Mit Blick auf die außereuropäische Konkurrenz und den anwesenden zuständigen Director General der EG-Kommission für die Informationstechnologie, Michel Carpentier, forderte der Bull-Boß denn auch: "Ich bin der Meinung, da der Wettbewerb fairer sein muß."

Wiedig, der seinen Vortrag wörtlich vom Blatt ablas und in der Fragestunde nur auf Deutsch antwortete - "ich möchte sicherstellen, daß ich nicht mißverstanden werde" -, blies ins gleiche Horn. Abgesehen von dem Hindernis des in viele Fragmente aufgesplitterten europäischen Marktes stellt sich nach den Worten von Wiedig der europäischen DV-Industrie ein Problem, mit dem auch europäische und amerikanische Autohersteller in Japan zu kämpfen haben: "Unzweifelhaft trägt die Art und Weise der 'Kauf-japanisch-Haltung' beziehungsweise des 'Buy american' zu der geschilderten Marktsituation bei."

Wiedig hofft auf EG-Maßnahmen

Der deutsche Manager setzt auf Aktivitäten der europäischen Kommission, die "hoffentlich einen positiven Einfluß auf die vergleichsweise widrigen Voraussetzungen der europäischen Industrie für einen weltweiten Wettbewerb haben". Auch Wiedig beeilte sich zu versichern, Protektionismus sei nicht gefragt: "Aber sollten wir europäischen Anbieter als Partner immer dann den Vorzug erhalten, wenn wir den technologischen Anforderungen einer Ausschreibung gemäß der Marktsituation Genüge leisten, dann können wir den Herausforderungen der 90er Jahre standhalten."

Dieses Bittgesuch schmetterte Carpentier allerdings ab. Zwar sei man sich in Brüssel der Wettbewerbs-Problematik bewußt und dahingehend mit Japanern und Amerikanern im Gespräch. Kühl erwiderte er jedoch an die Adresse seines Vorredners: "Sie müssen schon selbst die Initiative ergreifen, wenn Sie wettbewerbsfähig bleiben wollen" (siehe auch Seite 6).

Cassoni, eloquent und nie um eine markige Aussage verlegen, gab sich erstaunlich realitätsnah. Obwohl auch der Olivetti-Manager die Diskussion des Für und Wider staatlicher Unterstützung für die havarierende europäische DV-Industrie aufnahm, schlug er sich selbst an die Brust: "80 Prozent der Speicher-Chips beziehen wir aus Japan, 90 Prozent der CPUs aus USA von Intel, Microsoft besitzt einen 80prozentigen Anteil an PC-Betriebssystemen - und wir Europäer haben das Problem, uns nie auf etwas Bestimmtes spezialisiert zu haben."

Wie David C. Moschella, Senior Vice-President der IDC-Abteilung Worldwide Research, rechnete auch Cassoni vor: "Es gibt heute in der ganzen Welt nur noch ein einziges Unternehmen, da es sich leisten kann, in allen Bereichen zu agieren und sowohl als Hard- als auch als Software-Anbieter sowie als Systemintegrator aufzutreten." Im Gegensatz zu dem IDC-Analysten sprach Cassoni den Namen IBM nicht aus.

Die europäischen Unternehmen sollten sich in Zukunft in Bescheidenheit üben und nicht Geld in Züge investieren, die längst abgefahren seien. Erklärend fügte er hinzu: "Mit Unidata wollten wir damals der IBM im Mainframe-Bereich Paroli bieten. Das ging ins Auge", und fuhr fort, daß sich die Europäer zukünftig als Rettungsanker auf die Systemintegration sowie die Aufgabenfelder Software und Service konzentrieren sollten.