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09.10.1974

Heute Transistor, morgen Theorie

18. September 1974: Im ZDF wurde unter dem Titel "Alpha und Asphalt" ein computerbezogener Psycho-Thriller ausgeflimmert, in dem eine appetitliche Mathematiklehrerin auch ein Doppelleben als Prostituierte führte - oder andersrum? -,weil der für ihre Existenzprägung verantwortliche Rechner die Gene falsch gemixt hatte. Die Klärung der programmierten Provokation übernahm dann ein Justizcomputer, der wie eine von Nixdorf entworfene Stereo-Anlage wirkte (und imponierte).

19. September 1974: Im KÖLNER STADTANZEIGER erscheint eine Glosse über das "Millionending" - den 1970 für das Bonner Parlament angeschafften Abstimmungscomputer, der seine vorgesehene Aufgabe zwar nicht erfüllte - warum, blieb unklar -, dafür aber bei den Plenarsitzungen für Verwirrung und Heiterkeit sorgte und dem sonst so sauertöpfischen Herbert Wehner einige publizistisch auswertbare Sarkasmen entlockte. Interessant die rücksichtsvolle, am vermeintlichen Fachwort-Defizit des Durchschnittslesers orientierte Eindeutschung von "Hardware" und "Software": Sie heißen, auf Zeitungskölsch, "feste und mobile Bestandteile des Rechners".

Da ein Transistor tangibler und plausibler ist als die Systemtheorie, die kuriose Pointe interessanter als die kommerzielle Praxis, kommen die meisten Mitmenschen, soweit sie nicht vom Job her mit der EDV befaßt sind, über ein anekdotisches Verhältnis zur Datenverarbeitung nicht hinaus.

Auch wer den Computerspezialisten nicht für eine Kreuzung zwischen Medizinmann und Strippenzeichner hält, kann sich, als Laie, bei dem Ausdruck "Operator" oder "Operateur" einer gewissen Blinddarm-Assoziation nicht entziehen.

Dank Manipulation der Massenmedien hält der unbeleckte Normalbürger den Computer für eine hochkomplizierte, mit tausend Blinklampen bestückte Rechenmaschine, in die man, per Tastatur, ein Problem eingibt, worauf nach einigem Schnurren und Surren an anderer Stelle der Konfiguration die Antwort herausfällt. Der weitgedehnte Bereich der Systemanalyse, Programmierung, Software und Anwendung macht sich jenseits der engen Grenzen des Fachressorts nicht publik - und bleibt auch bei Messen und Ausstellungen unsichtbar. Ein COBOL-Compiler läßt sich nicht verchromen, und dem virtuellen Speicher gebricht es an augenfälligen integrierten Schaltkreisen. Für das abstrakte Konzept kein Verständnis.

Das nach der LCP-Methode (Logic for the Construction of Programs) organisierte

Programm leitet sich aus den Axiomen der Mengenlehre ab. Die Dateneingabe, -Aufbereitung und -verarbeitung wird unter den Hierarchie-Aspekt verschachtelter mengen gestellt; von der

Ganzheit steigt der Programmierer hinab durch sukzessive logische Analysen ins Detail (Untermengen). Das Flußdiagramm formiert sich als Konsequenz mengentheoretischer Konstruktionen und Definitionen. Herausragende Vorteile:

Die Insuffizienz der Visualisierung von Programmierlogik und Software führte in der EDV-Vergangenheit zur Mythologisierung des Computers; sie bildet auch heute noch eine starre Schranke vor dem Erkenntnisvermögen der Öffentlichkeit. In der Zukunft könnte sich das ändern - dann nämlich, wenn die vom französischen lnformatiker Jean Dominique Warnier, Cheftheoretiker in der Gründlagenforschung des HoneywelI-Bull-Konzerns, Paris, entwickelte LCP-Programmierlogik sich durchsetzt.

Die Programmierausbildung verläuft nach strengen methodischen Regeln: die Programmteile können von einzelnen, separaten Arbeitsgruppen erstellt werden; die LCP-Programme lassen sich zwei- bis zehnmal so schnell schreiben und testen. Dergleichen wird jetzt auch von IBM unter dem Namen HIPO (Hierarchy Input Process Output) propagiert.

Die Mengenlehre, wie sie auf bundesdeutschen GrundschuIen gelehrt und in Elternbeiräten derzeit als subtile Kindesmißhandlung denunziert wird, erscheint nunmehr in völlig anderem Licht.

Was pedagogisch-euphemistisch auch "Neue Mathematik" geheißen wird, wäre demnach die Bildungsbasis für den homo informaticus der kommenden Generation. Bessere Voraussetzungen für eine Zukunftsgesellschaft, die den Computer als selbstverständliches Werkzeug ihrer Entwicklung einsetzt, kann man sich gar nicht wünschen.

Haben die Gegner der grundschulpflichtigen Mengentheorie, haben die engagierten Wiederabschaffer der Neuen Mathematik bei ihren zahlreichen Petitlohen an die Kultusminister der Länder daran schon einmal gedacht?

Heinzgünther Klaus ist Leiter der Presseabteilung bei der Honeywell Bull GmbH, Köln.