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10.12.1993 - 

Gastkommentar

Heute zeigen die Kids ihren Chefs, "was mit dem Computer geht"

Leise kippt der Markt von anbieter- auf nachfragegesteuert: Gestern noch war Mangel an guten Entwicklern, und bisherige Softwarekrisen drehten sich um mehr Effizienz und schnelleres Ausbilden. Auch "Mitlaeufer" unter den Programmierern, nicht im Einsatzgebiet verwurzelt und keine Vollinformatiker, konnten sich gut verkaufen - als Angestellte wie als Freelancer. Jetzt ist, erkennbar am Arbeitsmarkt, die Nachfrage weg: wirklich ueberraschend?

Aufmerksame bemerkten die Strukturverschiebung schon laenger, wenn auch die gute Konjunktur sie bremste: Fuer die klassischen Funktionen von Planung, Disposition und Abwicklung in der Geld- Waren-Personalwirtschaft sind mit der Zeit viele gute Pakete entstanden. Zwar meist fuer PCs - aber auch das praegt die Vorstellungen von Grossrechnernutzern. Fertige Pakete ersparen es, praktisch Gleiches noch einmal zu entwickeln, denn die Geschaeftsablaufsprobleme sind doch immer wieder dieselben: Der Spielraum ist ja durch Gesetze und Usancen ziemlich begrenzt. Millionen Programmierkundige schrieben in den letzten Jahren Software - teils schon als Schueler: eine Folge von Millionen billiger PCs. Sie und die gelungensten Anwendungen, die mit ihrer Hilfe entstanden, sind Grund des aktuellen Marktdrucks. In der Informatik kann - im Gegensatz zu anderen Technologien - ein Produkt, die Software, eben billig vervielfaeltigt und in grossen Zahlen zu niedrigem Preis angeboten werden.

Durch ein breites Fertigangebot wird handwerkliche Einzelerzeugung in jeder Branche unterlaufen: Es ist nicht nur billiger, sondern kann auch vorher besehen und auf Herz und Nieren erprobt werden. Fuer den Softwaremarkt ist das wichtig, wird doch in der DV nur selten die Belastbarkeit eines Produkts vorher durchgerechnet, wie man es in anderen technischen Sparten tut. Fertigsoftware bedeutet daher ein viel geringeres Betriebsrisiko: Die lange Entwicklungszeit faellt weg, und Funktionalitaet, Qualitaet und Sicherheit sind pruefbar.

Jahrzehntelang hiess es: "Unsere DV-Loesung muss unsere organisatorischen Wuensche hundertprozentig erfuellen, koste es was es wolle, es geht uns dabei um Unternehmerisches." Den Guru suchte man, weil man die gewuenschte Software nicht genau beschreiben konnte: Man wollte sich anvertrauen. Denn wie ueberall: Wo keine Transparenz besteht, zum Beispiel durch Kataloge, kann der Kunde kaum sagen, was er genau will. Und der Programmierer fragt von sich aus nur, was seine Software tun, und nicht wie gut sie sein soll: ob besser und sicherer - dafuer spaeter fertig und "etwas" teurer, oder ganz einfach (so dass man die Sicherheit im Betrieb durch sorgfaeltige Handhabung erreichen muss) - dafuer schneller fertig und billiger. Heute zeigen die Kids ihren Chefs, "was mit dem Computer geht" - und einige koennen ihn schon selbst bedienen: Die verstehen, worueber sie entscheiden.

Die betriebliche DV-Stelle muss sich mit dieser Marktaenderung auch wandeln: Nicht mehr die "alleskoennenden" (und nichts genau kennenden) Softwaremacher sind gefragt, die jedes neue Problem einigermassen zu kapieren und dann den Rechner kunstvoll (und unpflegbar) darauf zu trimmen suchen. Jetzt braucht man branchenkundige Software-Einkaufsberater: Sie sollen nicht jeden Wunsch akzeptieren, sondern vorrechnen koennen, mit welchen vertretbaren Abstrichen die Fachabteilung ihre wesentlichsten Funktionen bekommt - und die besonders wirtschaftlich.

Der Traum der Chefs, durch die ganz spezielle DV-Loesung den grossen Marktvorteil zu erreichen, ist ausgetraeumt: Wettbewerbsrelevant sind nur wenige Systeme, fuer die aber ganz neue Ansaetze vonnoeten sind. Alle reden heute von Kosten, und alle haben in Abwicklung und Verwaltung die gleichen Sorgen.

Ob Auswaehlen von Software oder Anpassen oder ob ganz neue Loesungen (wo das Entwickeln meist ein Abenteuer ist, auch wenn viele Manager das nicht wahrhaben wollen, und nicht mit fabrikmaessiger Herstellung zu vergleichen - da so vieles noch unwaegbar ist, man alles bedenken soll aber doch nichts hundertprozentig weiss): Um das zu steuern, bedarf es in der DV-Stelle guter Kenntnisse der internen "Branchen" und Ablaeufe. Die Arbeitsteilung in der DV- Stelle muss nach Wissensfeldern, also nach Kunden, Fachabteilungen und Unternehmensfunktionen erfolgen: Damit die betreffende DV- Gruppe sich bestmoeglich auf deren Probleme einstellen und mit den Anwendern qualifiziert ueber Funktionalitaet und Aufwand verhandeln kann. Denn das kann kein Dritter, noch Dazwischengeschalteter, der ja die auf diesem Feld vorhandenen Pakete nicht kennt und nicht fuer die Gesamtloesung verantwortlich sein kann. Nur nahe an den Kundenproblemen, entscheidungsfaehig und flach unterhalb der DV- Leitung angesiedelt kann die DV-Stelle kuenftig ueberleben.

Qualitaet bekommt immer mehr Bedeutung: Was in heutigen Paketen Standard ist, bestimmt auch die Erwartungen bei Anpassungen und bei einzeln gefertigter Software. Beim Entwickeln erreicht man Qualitaet vor allem in der Planung - durch sorgsames Ueberlegen -, und das kostet! Die richtige Qualitaet ist die, die dem Kunden echten Nutzen bringt und die er daher auch bezahlen kann. Voraussetzung ist schriftliches Fixieren des Abzuliefernden - nicht nur aller Funktionen, sondern auch in welcher Qualitaet -, und der einmaligen und laufenden Kosten: Darauf muss der Auftraggeber, der Chef, der Organisator festgelegt werden. Checklisten, die erinnern, was alles zu regeln ist, sind auch hier nuetzlich.

Die gleichen Checklisten helfen auch beim Auswaehlen und Pruefen von Fertigsoftware. Wir finden sie in Testzeitschriften von Autos, Fotoapparaten, Hausgeraeten - jetzt auch fuer Anwendungssoftware, denn nach Funktion und Klasse vergleichbare Produkte lassen sich nach sauberen Kriterien bewerten. Zudem helfen die DIN- beziehungsweise ISO-Merkmalsgruppen fuer Softwarequalitaet: Funktionalitaet, Effizienz, Zuverlaessigkeit, Benutzbarkeit, Aenderbarkeit, Uebertragbarkeit (wobei "Funktionalitaet" nicht die Vielzahl und Breite aller angebotenen Funktionen meint, sondern wie verlaesslich, sicher und brauchbar vor allem das Wichtigste ausgefuehrt ist).

Nur ausreichendes Ueberpruefen garantiert Qualitaet - also mindestens Stichproben, wie es die Hardwareproduktion uns vorlebt. Was man nicht pruefen kann, laesst sich nicht einfordern. Und was in einem Unternehmen nicht mit Konsequenz eingefordert wird, das wird nicht ernstgenommen, wird unterlassen - das sagt jede Eltern-, Lehrer- und Fuehrungserfahrung. Aber die Kriterien muessen klar sein: Eine Qualitaetsstelle, die ohne vorheriges Klarlegen ihrer "Objectivs" beim Entwickler moniert, wird zum blossen Rechthaber und loest nur Streit aus: Niemand will sich doch etwas vorwerfen lassen, wo er nicht durch klare Regeln seine Chance hatte.

Sicherheit ist bei Software wohl die wichtigste Qualitaet - wie bei anderen Produkten. Darum ist auch Informationssicherheit so wichtig. Ihre drei Kriteriengruppen (Schutz der Vertraulichkeit, der Verfuegbarkeit und der Integritaet) ueberschneiden sich mit den genannten Merkmalsgruppen fuer Qualitaet wegen der unterschiedlichen Blickwinkel: DIN/ISO fragt nach bestimmten Eigenschaften von Software, die ihre Qualitaet ausmachen, an die man beim Entwickeln denken muss. Informationssicherheit fragt, ob die Informationen des Nutzers gegen typische Risiken geschuetzt sind, also genau nach den drei genannten Hauptsicherheitszielen. Daher laesst sich auch nicht die eine Sicht der anderen ueber- oder unterordnen: Sie gliedern das Feld eben nach unterschiedlichem Ansatz und unterschiedlichen Aspekten (Mengenlehre-geuebte Eltern kapieren das).

Was folgt daraus fuer das Operieren am Markt der Software- Auftragsentwickler? Gut beratene Kunden lassen sich moeglichst nicht Softwaremassanzuege machen, sondern greifen - unter Verzicht auf den einen oder anderen liebgewonnenen Schnoerkel - zu Erprobtem, fertig Angebotenem und passen sich notfalls ein wenig an.

Gut beratene Anbieter sollten auf ihren Spezialkenntnisgebieten beziehungsweise in den Branchen, wo sie erfolgreich eingefuehrt sind, auf vorhandene Produkte aufsetzen, an diese anbauen oder Nachfolgeprodukte anschliessen. Neben der Funktionsbreite ihrer Erzeugnisse sollten sie vor allem Qualitaet und Sicherheit herausstellen: konkrete Vorteile, um sich auf diesem Feld vom Mitbewerb abzuheben.

Wer nur individuelles Software-Entwickeln anbietet, wird ein haerteres Leben haben: im Wettlauf mit anderen, im Markt etablierten, manchmal eben besseren - oder als Einzelkaempfer billigeren - Konkurrenten, und das bei ruecklaeufiger Gesamtnachfrage. Da hilft nur, im Ideenwettlauf mit anderen Freaks ganz neue Felder frueh zu besetzen.

Die Marktmechanismen zwingen - wie in den letzten Jahren in vielen Berufen zu beobachten - zu fruehzeitiger Ausrichtung auf kuenftig Absetzbares, will man aus dem Marktwettlauf herausfallen: Wer als Software-Entwickler ueberleben will, muss pruefen, wie gut er auf ueberlebenden Software-Geschaeftsfeldern ist, ob und welche tragenden strategischen Produkte er hat. Wer erst im Abschwung seine Staerken erkennen und ausbauen will, duerfte zu spaet daran sein.