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18.11.1988 - 

DV-Industrie fühlte sich im Wahlkampf vernachlässigt:

Hi-Tech war kein Thema für Bush und Dukakis

WASHINGTON/MÜNCHEN (IDG) - In den Vereinigten Staaten zweifelt kaum jemand daran, daß die achtziger und neunziger Jahre als "Zeitalter der Informationstechnik" in die Annalen eingehen werden. Und doch war Technologiepolitik kein zentrales Wahlkampfthema. Die DV-Industrie, von Fernost-Konkurrenz bedrängt, zeigte deshalb Unmut.

George Bush hat es geschafft. Er zieht ins Weiße Haus, während Michael Dukakis geschlagen zurückkehrt an seinen Schreibtisch im Gouverneurspalast von Massachusetts. Daß der Favorit vieler Manager aus Neuenglands boomender DV-Industrie es doch noch schaffen würde, den amtierenden Vizepräsidenten zu besiegen, hatte seit einigen Wochen kaum einer seiner Unterstützer noch zu hoffen gewagt.

Der offenbar unabwendbare Untergang des demokratischen Präsidentschaftsbewerbers forderte in der Branche schon im Vorfeld der Wahl ein Opfer. Den Rücktritt von Prime-Chef Joe M. Henson aus Natick bei Boston bringen Insider mit dessen Engagement für Dukakis in Verbindung: Henson hätte gute Chancen auf einen Ministersessel in einer Dukakis-Administration gehabt; als sich ein Sieg Bushs abzeichnete, sei der Prime-Präsident abgetreten, damit das Unternehmen nicht später bei der Vergabe öffentlicher Aufträge von den Republikanern die Quittung bekäme.

Weder Henson noch seine politisch engagierten Branchenkollegen von der Ostküste, etwa John Cullinane oder An Wang, vermochten aber das Thema Industrie- und Technologiepolitik in die Kampagnen der Demokraten oder Republikaner einzubringen. Die DV-Manager sind enttäuscht, daß die Wettbewerbsfähigkeit amerikanischer Betriebe bei den Wahlkampfstrategen als weniger publikumswirksam galt als emotionsgeladene Streitpunkte - wie etwa der Mord, den ein Häftling während eines Hafturlaubs beging.

Bereits vor der heißen Phase der verbalen Schlacht ums Weiße Haus - im Mai dieses Jahres - hatte IBM-Chef John Akers seinem Unmut Luft gemacht: "Let's get out of trivial pursuits and into the key questions of national competitiveness and survival!" (Sinngemäß: "Beschäftigen wir uns nicht mit Alltäglichkeiten, sondern mit Überlebensfragen wie der Wettbewerbsfähigkeit Amerikas!")

Auch Jack Biddle, Präsident des Branchenverbands Computer & Communications Industry Association (CCIA), ist vom nahezu "themenlosen" Wahlkampf der beiden Bewerber um das höchste Amt der Staaten enttäuscht. "Welcher Kandidat auch immer gewinnt", sagte er vor dem Election Day, "die Hochtechnologie-Industrie steht vor der Aufgabe, der neuen Regierung erst einmal beizubringen, welche lebenswichtige Rolle die Technologie für unser wirtschaftliches Wohlergehen und unsere nationale Sicherheit spielt."

Dabei gäbe es genug Diskussionsstoff. Biddle, Akers und andere Grössen der DV-Industrie nannten gegenüber der COMPUTERWORLD folgende Punkte:

- Die Autoren diverser Studien sähen die Gefahr, daß die USA den technologischen Wettlauf mit Japan in mehreren Schlüsselbereichen verlieren könnten - etwa Supercomputer, Supraleiter und Glasfasertechnik.

- Der Anteil der Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen der Industrie am Bruttosozialprodukt sei in Amerika geringer als in Japan, der Bundesrepublik Deutschland und Frankreich.

- Seit 1972 sei der Produktivitätsindex der japanischen Fabriken achtmal so schnell gestiegen wie der entsprechende US-Index; das Council on Competitiveness bescheinige auch der deutschen Industrie eine dreimal schnellere Produktivitätssteigerung als der amerikanischen.

- Rund 60 Prozent der High-School-Absolventen seien nicht ausreichend vorbereitet für den Einstieg ins Berufsleben; der Anteil der Analphabeten an der erwachsenen Bevölkerung betrage in den Vereinigten Staaten 13 Prozent.

Die Ursache für die Abwesenheit der Thematik in der Wahlkampagne, die der Industrie so am Herzen liegt, sieht Ex-Abgeordneter Ed Zschau darin, daß "eine intellektuell anspruchsvolle Annäherung an einen solchen Gegenstand zu kompliziert ist für einen Fernsehspot". Tatsächlich müßte die Regierung auf vielen verschiedenen Gebieten etwas tun, wenn sie wirksam die Computerhersteller fördern wollte: in der Steuer-, Handels-, Investitions-, Forschungs- und Bildungspolitik.

"Vermutlich fanden die Kandidaten, diese komplexe Materie wäre zu schwer zu erklären und brächte zudem ihre Kampagnen zu wenig vorwärts", meint Kenneth Kay, Geschäftsführender Direktor des Council on Research and Technology. Dennoch hat er den Eindruck, daß nicht nur Dukakis, der Gouverneur des High-Tech-Staates Massachusetts, sondern auch der neue Präsident den Interessen der DV-Branche aufgeschlossen gegenüberstehe. Wenn George Bush sich an die Ziele hält, die in seinem Positionspapier zur Wahl festgehalten sind, dürfen die Amerikaner mit steuerlicher Förderung von Forschung und Entwicklung rechnen, des weiteren mit Verbesserungen bei der wissenschaftlichen Ausbildung und einer Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität. Ferner will sich Bush dafür einsetzen, daß Investoren, die ihr Geld länger als ein Jahr in einem Unternehmen lassen, nur noch 15 Prozent Steuer auf ihren Wiederverkaufsgewinn zahlen müssen. Dukakis hingegen hatte sich gegen "Steuergeschenke für die Reichen" ausgesprochen.

Alles in allem entspricht der Ausgang der Wahl den Interessen der Computerindustrie. Obwohl Bush keine so prominenten Befürworter aus der Branche vorweisen konnte wie sein demokratischer Widersacher, hatten sich bei einer Gallup-Umfrage unter DV-Geschäftsführern 80 Prozent für den Republikaner ausgesprochen. Denn die Freiheit, die ihnen die "Reaganomics" verschafft haben, wollen die meisten Manager nicht missen. Dukakis habe den Export von Arbeitsplätzen bejammert, sagt Western Digitals Chairman Roger Johnson. Doch es könne die Wettbewerbsfähigkeit von US-Firmen sogar erhöhen, wenn sie die Fabrikation ins Ausland verlagerten.