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05.01.1990 - 

Entsorgungsaspekte sind schon bei der Hardware-Konzeption zu beachten

High-Tech-Müll: Neue: Recyclingwege und -verfahren

Andreas Oberholz ist freier BDV-Autor in Düsseldorf.

Die Computerbranche tüftelt derzeit offenbar an Rücknahmestrategien für ausgediente Rechner. Parallel dazu rückt die Frage nach umweltfreundlichen Recycling- und Entsorgungssystemen für den Computerschrott in den Mittelpunkt.

Rund zehn Millionen verkaufte Rechner - vom Personal Computer bis zur Großrechenanlage - befinden sich derzeit im bundesdeutschen Markt etwa 1,2 Millionen Geräte vornehmlich PCs, sind allein 1989 dazugekommen. Angesichts der ungebrochenen "Computerisierung" vor allem privater Haushalte und kleinerer Unternehnnen sowie einer durchschnittlichen Lebensdauer der Geräte von fünf bis zehn Jahren ist im kommenden Jahrzehnt mit entsprechenden Schrottbergen ausrangierter Rechner und Bildschirme zu rechnen.

Noch kein geschlossenes Entsorgungskonzept

Schon heute schätzen Experten des Umweltbundesamtes die Menge des anfallenden Computerschrotts auf 6500 Tonnen jährlich. Erwartete Steigerungsraten: fünf bis zehn Prozent pro Jahr. Dazu kommen noch einmal 25 000 Tonnen Elektronikschrott aus dem Fernmeldebereich oder den elektronischen Bauteilen diverser Haushaltsgeräte.

Der Computerriese IBM hat deshalb in der Schweiz seit rund drei Monaten damit begonnen, die eigenen Markengeräte zurückzunehmen und an Spezialentsorger weiterzugeben. Der Haken an der Sache: Die Abgabe ist jeweils nur im Warenverteilzentrum Kloten möglich - Post- oder Bahngebühren also unvermeidlich - und muß bezahlt werden (für Privatpersonen kostenlos, sonst 20 Rappen pro Kilo für Maschinen und Kabel sowie 1,30 Franken pro Kilo für Bildschirme und Zubehör). Eine Lösung, die keine allzu große Resonanz verspricht, zumal Bring-Systeme dieser Art aufgrund oft unbefriedigender Erfassungquoten selbst in der allgemeinen Abfallwirtschaft nicht mehr präferiert werden.

Die IBM Deutschland prüft zur Zeit, ob es sinnvoll ist, mit einer ähnlichen Offerte aufzuwarten. Hier stünde das Warenverteilzentrum Nieder-Roden bei Frankfurt als Anlaufstelle zur Debatte. Doch der Deutschland-Ableger des Computerriesen geht mit einem solchen Angebot wohl auch deshalb nicht in die Offensive, weil "noch kein geschlossenes Entsorgungskonzept vorliegt"- wie Klaus Michael Erben von der IBM-Presseabteilung zugibt. Ein Problem, das ebenso die Planer der Nokia Data umtreibt. Ihr Rücknahmekonzept, so ist aus der Düsseldorfer Deutschland-Zentrale zu hören, soll etwa im Februar 1990 vorliegen. O-Ton: "Die Nokia will die Geräte so aus dem Markt nehmen, daß die Umwelt nicht geschädigt wird, also um weltneutral vernichten oder einem Recyclingprozeß unterwerfen, der höchsten Ansprüchen genügt."

Doch wie diesen Ansprüchen gerecht werden? Computerschrott hat es in sich, denn neben 23 verschiedenen Edel- und Buntmetallen, von denen derzeit Gold, Silber, Kupfer, Aluminium und Nickel für eine Wiederverwerturg interessant sind, findet sich vor allem eine problematische Kunststoff-Fraktion. Die Platinen bestehen nämlich bis zu sechs Massenprozent aus imprägnierten Papieren, Phenolharzen und flammenhemmenden Bromverbindungen oder aus Glasfasermatten in Verbindung mit bromierten Epoxydharzen. Gerade diese Verbindungen von Brom und aromatischen Kohlenwasserstoffen in den Flammenhemmern beziehungsweise Harzen können bei der Verbrennung die gefürchteten Furane und Dioxine freisetzen.

Um dieser Problematik beizukommen und gleichzeitig die enthaltenen NE-Metalle möglichst wirtschaftlich zu recyclen, gibt es derzeit in der Bundesrepublik mehrere prozeßtechnische Ansätze. Die Norddeutsche Affinerie in Hamburg beispielsweise schleust bis zu tausend Tonnen Computerschrott pro Jahr in ihren normalen Kupfergewinnungs-prozeß ein. Im 1200 Grad Celsius heißen Bad eines Konverters, in dem Kupferstein zu Rohkupfer geschmolzen wird, verglühen die Kunststoffanteile des Schrotts. Aus dem Metallkonglomerat gewinnen die Hamburger dann mit verschiedenen Verfahren wie etwa der elektrolytischen Raffination neben Kupfer auch Nickel, Edelmetalle und Zink (als Flugstaub).

Hans Joachim Veltens Leiter Umweltschutz bei der Affinierie, attestiert diesem Procedere absolute Unbedenklichkeit: Es entstehen keinerlei Geruchsemissionen, und eventuell entstehende Dioxine und Furane werden bei diesen hohen Temperaturen sogleich zersetzt. Außerdem ist dem Konverter eine ausgezeichnete Abgasreinigung nachgeschaltet, bestehend aus einer mehrstufigen Wäsche, Tropfenabscheidung und Katalysatoren." Im Endergebnis, so Velten, lägen die Dioxin-Emissionswerte im Pikogramm-Bereich (Billionstel Gramm), also urn drei Zehnerpotenzen unter denen normaler Müllverbrennungsanlagen, in denen tagtäglich Elektronikschrott aus Haushallten verbrannt wird.

Verfahrenstechniken dieser Art, die den Kunststoffanteil im Computerschrott ohne größere Probleme in Luft aufgehen lassen, dürfte generell die Zukunft gehören. Denn bei konkurrierenden Verfahren, etwa der naßchemischen Aufarbeitung, entstehen Abwässer und der Kunststoff verbleibt als zu entsorgender Reststoff. Dies wirft auch ökonomische Probleme auf. Bei tendenziell rückläufigem Edelmetalleinsatz (derzeit noch 300 bis 600 Gramm pro Tonne Leiterplatten) und insgesamt kleineren Platinen heutiger und künftiger Computergenerationen ist nämlich absehbar, daß die Erlöse der zurückgewonnenen Metalle von den Entsorgungskosten aufgefressen oder zumindest erheblich geschmälert werden.

Interesse finden vor diesem Hintergrund auch Versuche, den Computerschrott mittells Pyrolyse (Verschwelung unter Sauerstoffausschluß) zu knacken. Eine Anlage der Mannheimer Filma NE-Metall wurde nach Protesten aus der Bevölkerung allerdings kurz nach der Inbetriebnahme im September 1986 abgeschaltet. Anwohner klagten über Geruchsbelästigungen, Übelkeit, allergische Reaktionen und Verätzungen im Halsbereich. Allerdings steht die Pyrolyse-Anlage inmitten von Raffinerien, Chemiewerken und einer Futtermittelfabrik, Ursache und Wirkung waren also nur schwer zu durchleuchten. Das gefürchtete Seveso-Dioxin konnte jedenfalls bei keiner Emissionsprüfung nachgewiesen werden, wohl aber andere Dioxine und Furane in der Gesamt-Größenordnung von Milliardstel Gramm.

Nach einer Überarbeitung ist die Mannheimer Anlage nunmehr seit Februar 1989 wieder in Betrieb. Der Tübinger Dioxin-Experte Professor Hagenmaier stellt ihr ein gutes Zeugnis aus, denn - so sein Urteil - Dioxine, die bei der Verschwelung von Leiterplatten entstünden, würden so weit wie nur irgend möglich verbrannt.

Auf die Pyrolyse schwört auch die BC Berlin-Consult, die seit dem Sommer 1988 auf DDR-Gebiet nahe Berlin eine Versuchsanlage bertreibt. Die Verfahrenskombination namens Pyrocom aus Pyrolyse und Verbrennung der Pyrolyseprodukte "verdaut" Isolierstoff- und Leiterplattenmaterialien auf der Basis von Papieren und Glasfaser, die mit bromierten Kunstharzen imprägniert oder zusätzlich mit Kupferfolie kaschiert sind, sowie flüssige und pastöse Rückstände aus verunreinigten Lösemitteln. Kapazität der ersten großtechnischen Anlage: zehn Tonnen pro Tag.

Matthias Teller, Umweltschutzleiter des Berliner Unternehmens, sieht ein deutliches Plus für die Pyrolyse: "Die Emissionswerte liegen selbst bei extrem hohen Schadstoff-gehalten im Eingangsmaterial nur bei rund 0,1 bis 0,2 Nanogramm pro Kubikmeter, also Milliardstel Gramm." Das sei weit weniger als der Auswurf von Müllverbrennungsanlagen, die zudem aufgrund des Müll-Mix mit harmlosen Abfällen mit weit geringeren Belastungen der Eingangsmaterialien arbeiten.

Mit einer ganz anderen Variante geht derzeit die Firma Meisterjan GmbH (Edelmetall-Recycling) aus dem sauerländischen Menden an den Start. Als "Eigenentwicklung" offeriert der gleichnamige Firmenchef seit wenigen Wochen ein Kaltverfahren, bei dem der Elektronikschrott nach einer speziellen Vorbehandlung gemahlen wird dann in Kunststoff- und Metallfraktion separiert wird, wobei letztere zur weiteren Aufsplittung an Firmen wie Heraeus oder Degussa weiterwandert: "Gegenüber den Kosten konventioneller Aufarbeitung von rund 7000 Mark pro Tonne sind wir um die Hälfte preiswerter, bei gleichzeitig höherer Metallausbeute."

Es tut sich also einiges in Sachen Computerschrott. Deshalb erscheinen die Hersteller besonders gefordert. Sie könnten die spätere Entsorgung oder Verwertung gleich bei der Produktkonzeptionierung berücksichtigen und durch eine für den Kunden problemlose Rücknahme ausgedienter Geräte die Materialkreisläufe schließen .