Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

04.09.1987

Hippokratischer Eid auch für Informatiker?

Dr. Hermann Rampacher, Geschäftsführer der Gesellschaft für Informatik (GI) e.V., Bonn

Wer Macht verschafft wie ein Wissenschaftler, der trägt auch Verantwortung. "Die Anforderungen an die Verantwortung wachsen proportional zu den Taten der Macht", sagt Buchautor und Philosoph Hans Jonas. Die Informatik ist der größte heute bekannte, weitgehend universell einsetzbare Wirkungsmultiplikator; folglich tragen Informatiker große Verantwortung für die Folgen ihrer Taten oder Unterlassungen.

Die Frage nach der Verantwortung des Wissenschaftlers für die absehbaren Folgen der Anwendungen seiner Arbeit ist alt und wurde erstmals von den Griechen aufgeworfen. Als wichtigste angewandte Wissenschaft galt damals die Medizin. Ein spezifischer Verhaltenskodex - der Eid des Hippokrates - gab zu jener Zeit die angemessene Antwort.

Könnte ein Verhaltenskodex für Informatiker die Frage nach der Verantwortung des Informatikers beantworten helfen? Wer diese Frage stellt, muß sich die Gegenfrage gefallen lassen: Wie können in einer Zeit, in der sich empirisch ein Zerfall zahlreicher überkommener Normen nachweisen läßt, neue normative Forderungen Oberhaupt sinnvoll begründet werden? Ich schlage dazu vor: Man versuche einmal, solche neuen Normen argumentativ ethisch zu begründen und zum anderen ihnen zusätzliche Legitimation dadurch zu verschaffen, daß sie von nationalen, besser noch von internationalen Gremien der "Scientific Community" der Informatiker verabschiedet werden. Auf jeden Fall sollten mögliche Normen, an denen sich Informatiker bei ihrer persönlichen Entscheidung orientieren können, in Gremien der Informatik selbst wissenschaftlich erarbeitet werden. In der Gesellschaft für Informatik (GI) existiert bereits ein Arbeitskreis "Grenzen eines verantwortbaren Einsatzes der Informationstechnik", der sich dieser Fragestellung widmet. Ohne dessen Ergebnissen vorzugreifen, möchte ich hier einen potentiellen Verhaltenskodex zur Diskussion stellen.

Normenuniversalität:

Ich orientiere mich bei meinen Handlungen an den moralischen Normen, die das Sozialsystem der Wissenschaft konstituieren. Im Sinne der Allgemeinverbindlichkeit dieser wie aller anderen ethisch begründbaren Normen versuche ich durch mein Verhalten dazu beizutragen, diesen Normen auch außerhalb der Wissenschaft Geltung zu verschaffen.

Ohne Suche nach der Wahrheit gibt es keine Wissenschaft. Ich stelle deshalb innerhalb meines fachlichen Kompetenzbereichs die höchstmöglichen Anforderungen an den Wahrheitsgehalt meiner Aussagen; insbesondere verschweige ich nicht deren Gültigkeitsgrenzen.

Außerhalb meines Kompetenzbereichs ist der Wahrheitsgehalt meiner Aussagen deutlich geringer. Ich suche folglich meinen Kompetenzrahmen und den meiner Fachkollegen stets zu erweitern von der Grundlagenforschung bis hin zu konkreten Anwendung. Ich unternehme insbesondere alle Anstrengungen, Informatikfolgenabschätzungen in meine beziehungsweise in die Arbeit der Gemeinschaft der Informatiker zu integrieren. Ich versuche, Entscheider wie die allgemeine Öffentlichkeit über gravierende absehbare Folgen der Informatik, insbesondere meiner eigenen Arbeit, aufzuklären.

Ich gebe bekannt, wenn ich argumentierend meinen Kompetenzbereich überschreite. Ich trage auch dann zu einer an der Wahrheit orientierten emotionsarmen Debatte bei, indem ich meine geübte Argumentationskraft, meine Fähigkeit nichtlinear, also in "Systemen zu denken", in den Dienst der Öffentlichkeit stelle. Das sozialsystem Wissenschaft kann nur existieren, wenn die persönliche Entscheidungsfreiheit des Forschers, Entwicklers oder Lehrers in allen Fragen der Forschung und Lehre gewährleistet ist. Ich trage in meiner fachlichen Arbeit dazu bei, daß diese persönliche Entscheidungsfreiheit

Verantwortlichkeit auch außerhalb der Wissenschaft erhalten bleibt beziehungsweise erweitert wird. Dazu gehört auch, daß ich den Schutz personalbezogener Informationen achte.

Das Sozialsystem Wissenschaft kann nur existieren, wenn ich mich in meinem Fach zuverlässig verhalte; denn nur so können meiner Arbeit aufbauen. Ich versuche folglich, mich innerhalb wie außerhalb meiner fachlichen Arbeit unbedingt zuverlässig zu verhalten.

Der universelle Werkzeugcharakter der Informatik dient oft als Multiplikator der Wirkung von Vorhaben zunächst ohne Informatik-Komponente. Diese Multiplikationswirkug verlangt von der Informatik-Komponente eine besonders hohe Zuverlässigkeit. Wenn diese im Blick auf die Risiken und die Chancen des geplanten Gesamtsystems nach, dem Stand des Wissens unerreichbar erscheint, muß ich Entscheiden wie Öffentlichkeit darüber aufklären.

Das Sozialsystem Wissenschaft kennt keine Sonderstellung von Geschlecht, Nation, Rasse oder Religion. Ich trete deshalb für die Gleichberechtigung von Mann und Frau und trage stets zum vernünftigen Interessenausgleich zwischen Völkern, Rassen Glaubensgemeinschaften bei. Fortschritt in der Wissens wird durch Minderheiten bewirkt, die zu Mehrheiten den. Folglich prüfe ich Argumente auch von Minderheiten und versuche, aus zu lernen - innerhalb wie außerhalb der Informatik.

Normenkonflikte:

Bei den meisten Handlungen sind mehrere moralische Normen zu beachten, deren gleichzeitige Erfüllung ganz oder teilweise ausgeschlossen erscheint. Ich versuche, nur so zu handeln, daß meine Handlung nach Maßgabe meines Fachwissens allen von meinem Handeln betroffenen Wesen am besten dient. Handelt es sich hierbei um Menschen, tue ich so, als sei ich selbst ein Betroffener.

Ich suche den Handlungsspielraum aller von den Systemen, die ich erforsche, entwickle oder konstruiere, Betroffenen zu optimieren. Dazu gehört insbesondere eine humane Benutzerschnittstelle und ein Gesamtsystem, das absehbar positive gesundheitliche Folgen für alle Betroffenen mit sich bringt. Wegen des Werkzeugcharakters der Informatik sind oft Informatik-Untersysteme nicht allein ausschlaggebend für die Funktionsfähigkeit eines Gesamtsystems. Ohne die Funktionsfähigkeit meiner Systemkomponente ist andererseits die des Gesamtsystems nicht gewährleistet. Ich handle so, als hinge Effizienz und Effektivität des Gesamtsystems nur von meiner Arbeit ab.

Es ist absehbar, daß die Überlebensfähigkeit der Informationsgesellschaft - gerade im Falle einer friedliche Zukunft - von einer breit eingesetzten "intelligenten Technik" abhängt, deren "Gehirn" die Informatik-Komponente ist. So sind zum Beispiel der sparsame Umgang mit nicht erneuerbaren Ressourcen, die Verminderung oder gar Vermeidung von Umweltbelastung, ein hoher Standar der Sicherheits- und Medizintechnik unabdingbare Voraussetzungen für die Zukunft. Insgesamt ist absehbar, daß kaum noch ein Arbeitsplatz ausgefüllt werden kann ohne Grundkenntnisse in der Informatik, die damit Basiswissenschaft einer neuen Kulturtechnik wird. Ich trete dafür ein, daß alle Kinder: eine angemessene Grundausbildung in Informatik erhalten.

Ich beachte bei meiner fachlichen Arbeit auch die Lasten, die ich räumlich und zeitlich Entfernten(Nachgeborenen)auferlege. Ich suche alles in meiner Macht Stehende zu tun, die absehbaren Lebenschancen der Lebenden wie der Ungeborenen zu optimieren. Für den wirtschaftlichen oder militärischen Erfolg eines Vorhabens ist oft Geheimhaltung der fachlichen Arbeit erforderlich. Ich prüfe stets, ob die Optimierung eines Subsystems (meines Unternehmens, meines Staates), die grundsätzlich in bestimmten Grenzen notwendig und moralisch vertretbar ist, nicht zu absehbaren Folgen führt, die das Gesamtsystem(Staat, Menschheit)nachhaltig destabilisieren, unkompensierbar schädigen oder gar in seiner Existenz gefährden. Bei einer solchen Gefährdung habe ich meine Fachkollegen oder auch, die Öffentlichkeit zu informieren.