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Computer vom "Schwager" aus Italien:

HIS: 62er-Dialoge und "Stille Evolution"

11.08.1978

MAILAND - Wenn Kunden bei Honeywell Bull ein System 62 unterschreiben, so geht die Kölner Zentrale erst einmal "einkaufen". Denn der eigentliche Lieferant, Hersteller und Entwickler dieser Rechnerserie, ist die Honeywell Information Systems (HIS) in Italien. Während die HIS Italien und England direkt an die US-Mutter berichten, ist die Honeywell Bull mit Sitz in Paris ein anderes Unternehmen, an dem mehrheitlich private Aktienbesitzer und der französische Staat beteiligt sind. Honeywell Bull und HIS sind also über die Konzernspitze "verschwägert". Der guten Zusammenarbeit tut das jedoch nach Angaben aller Honeyweller keinen Abbruch. Im Gegenteil. HIS in Italien hat mit der vollen Kompetenz für das System 62 eine wichtige Funktion zu erfüllen. Das Unternehmen exportiert diese Rechnerserie an alle Honeywell-/CII Honeywell Bull-Gesellschaften. Mit 3 600 Mitarbeitern setzt die HIS Italia im Jahr 90,2 Milliarden Lire um und hält im eigenen Land einen Marktanteil von 32 Prozent aller installierten Zentraleinheiten.

Der für europäische Kunden konzipierte Rechner 62 wurde 1972 in Italien entwickelt. 1974 wurde mit der Produktion begonnen. Inzwischen hat sich der Rechner zu einem ausgesprochenen Dauerbrenner entwickelt: Bis heute sind rund 2 200 Anlagen ausgeliefert worden. Der durchschnittliche Konfigurationswert liegt derzeit bei etwa 450 000 Mark. Tendenz: Steigend, denn früher wurden vorwiegend Batch-Systeme verkauft. Inzwischen ist jedoch der Computer vom "Schwager" zu einem Dialogsystem weiterentwickelt worden.

Die wichtigsten Vorarbeiten dafür leistete das HIS-Entwicklungszentrum in Pregnana, 20 km westlich von Mailand. Dort sind 500 Mitarbeiter beschäftigt, von denen etwa die Hälfte Hardware-Entwicklung betreibt. Der wohl aufwendigste Bereich ist eine Testabteilung, die mit Elektronenmikroskopen die Verläßlichkeit von Chips prüft. Etwa ab 1979 will man an Stelle der bisher verwendeten 4 K-Bauteile leistungsfähigere 18 K-Chips einsetzen.

Darüber hinaus entwickelt Pregnana mehrere serielle Drucker, Terminals und Disketten- beziehungsweise Bandlaufwerke.

Auf dem Softwaregebiet wurde das GCOS-Betriebssystem für die 62 erarbeitet. Es enthält zur Zeit 250 ausführbare Module, 3 200 Module im Ursprungsformat sowie

1.000.000 Befehle im Ursprungsformat.

Letzter Beitrag zum "Tuning" der 62er Serie ist TPS (Transaction Processing System), ein Programmiersystem für Dialogverarbeitung. Es besteht aus Monitor, spezialisierter Sprache für abstellbare Bildschirmformate, Generator, Untersystemen für Query-Funktionen, Datenerfassung und Programmentwicklung sowie Dienstprogrammen. Mit diesem Programm wird Rechnerleistung auch außerhalb eines EDV-Zentrums an dezentralen Sachbearbeiterplätzen zugänglich. Benutzerdateien können zum Beispiel von jedem Terminal aus gelesen und fortgeschrieben werden, indem das File Sharing auf die Satzebene verlagert wurde.

Erst Weberei, dann Olivetti und jetzt HIS

Produktion und - wohl aus steuerlichen Gründen - auch HIS-Italia-Firmensitz, ist der Marktflecken Caluso, 30 km von Turin in Richtung Aosta-Tal entfernt. Trotzdem hat dieser eher beschauliche als hektische Ort bereits Geschichte gemacht, wenn man seine Computerfabrikhistorie zurückverfolgt. Im ältesten Teil, einer aufgegebenen Weberei, hielt schon Olivetti Einzug, ehe es 1960 zur Gründung der Firma Olivetti-Bull und später, 1964, zur Bull-GE kam. 1970 zog die HIS Italia ein und weitete alsbald die Produktion auf 36 000 qm Gebäudefläche erheblich aus. Trotz aller Expansion bewahrten die Italiener Tradition: Firmenverwaltung und Teil der Fertigung arbeiten noch heute im ältesten Gebäudekomplex, einem nostalgischen Backsteingebäude im Stil der Jahrhundertwende, das von ehrwürdigen Palmen flankiert wird.

Beschäftigt sind 1 200 Mitarbeiter, davon 300 allein für die Entwicklung und Installierung von automatischen Test- und Kontrollsystemen. Auffällig in den Fertigungshallen ist der hohe Anteil von minicomputerunterstützten Testläufen, in deinen die 62er Computerzentraleinheiten bis zu ihrem Endtest in allen Produktionsschritten geprüft werden. Diese Zuverlässigkeitstests beginnen beim einzelnen Chip und reichen von der Kartenprüfung über automatische Back Pack Messungen bis zum fünfstündigen rechnerunterstützten Endtest. Zur Zeit gehen täglich etwa 60 Zentraleinheiten vom Band. 1978 sind 900 Anlagen geplant.

Täglich werden 60 Drucker produziert

Seit Anfang dieses Jahres werden in Caluso auch eigene Drucker hergestellt. Es handelt sich um 30 beziehungsweise 120 Zeichen/sec.-Matrixdrucker mit oder ohne Tastatur. Der Druckknopf wurde selbstentwickelt. Er besitzt ein äußerst geringes Eigengewicht und verschleißarme Nadelführungen. Da alle Modelle auch als OEM-Produkt angeboten werden, wurde auf weitgehende Modularität geachtet, etwa zweiter, Formulartransport oder Einzeilenvorschub für den Einsatz als Banken-Schalter-Terminal. Für die Steuerung werden zwei Intel-Mikroprozessoren eingebaut. Zur Zeit werden täglich 60 Stück gefertigt.

Neben diesen direkten Funktionen hat die HIS Italia noch eine weltweite Serviceaufgabe. Sie übernimmt Ersatzteilversorgung und schwierige Wartungsfälle, sie schult Kunden, Softwarefachleute, Systemspezialisten und Techniker in einem Mailänder Zentrum. Nebenbei ist HIS auch noch Verkäufer der eigenen Produkte. Sie unterhält eine Vertriebsorganisation in Italien, Israel, Jugoslawien, der Türkei sowie im Iran.

Auf dem Softwaregebiet will man sich der Optimierung vorhandener Funktionen widmen, nachdem das Programmiersystem für Dialogverarbeitung mit fertigen Untersystemen komplettiert wurde. Hardwareseitig nennen die Italiener ihr Konzept "Stille Evolution". Das heißt: Vierwendung kompakterer Bauelemente mit noch schnelleren Ausführungszeiten. Darüber hinaus soll die gesamte Peripherieproduktion gesteigert werden. Derart hält sich der italienische "Schwager" bei seinen "Verwandten" und Kunden im Gespräch.

*Klaus Rosenthal ist freiberuflicher EDV-Journalist in Aschaffenburg