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17.03.2000 - 

Comparex liefert keine Mainframes mehr

Hitachi-Anwender ohne langfristige Perspektive

MÜNCHEN (kk/ba) - Nach der Entscheidung von Hitachi Data Systems, den Verkauf seiner Mainframes stark einzuschränken und sich auf die Entwicklung CMOS-basierter Server zu konzentrieren, stellt sich für Anwender die Frage nach dem langfristigen Schutz ihrer Investitionen. Die von Comparex vertriebenen Mainframes sind auf die neue Technik nicht aufzurüsten.

Arg gebeutelt werden derzeit die Nerven der Kunden der Comparex Informationssysteme GmbH. Nachdem das Unternehmen vergangene Woche den Wechsel des Speicherlieferanten (von Hitachi zu EMC) bekannt gegeben hatte, folgt jetzt der Offenbarungseid im Großrechnergeschäft: Comparex hat in diesem Bereich keine Neuprodukte mehr anzubieten.

Schuld an der Misere ist die Hitachi Data Systems Corp. (HDS). Deren Großrechner verkauft Comparex bisher in Deutschland, Österreich, den Niederlanden und Belgien. Die Japaner, die erst vor ein paar Wochen mit dem "Trinium" (bei Comparex nennt er sich "M3000") den derzeit leistungsstärksten Mainframe im Markt eingeführt hatten, wollen ihre Großrechner nicht länger an Neukunden - etwa Umsteiger von Amdahl oder IBM - verkaufen.

Der Grund für die ungewöhnliche Entscheidung liegt in den zu hohen Herstellungskosten der Maschine. Dazu Carl Greiner, Chefanalyst der Meta Group in den USA: "Das aufwendige Prozessordesign ist einfach zu teuer. Hitachi kann mit diesen Maschinen kein Geld verdienen." HDS verwendet für die Prozessoren das Mischverfahren "ACE 2", bestehend aus der älteren Technik "Emitter Coupled Logic" (ECL) und dem heute gebräuchlichen "Complementary Metal Oxide Semiconductor" (CMOS).

Zudem verschob sich die Einführung der Trinium-Rechner gerade in die Periode, in der Anwenderunternehmen wegen der bevorstehenden Jahr-2000-Umstellung keine Neuinvestitionen in Hardware tätigten. Hinzu kommt, dass das Technologieabkommen mit IBM, das den Japanern bislang Zugang zu den (CMOS-)Chips von Big Blue gesichert hatte, seit Anfang dieses Jahres ausgelaufen ist und nicht erneuert wurde. Hitachi hatte für die kleineren Mainframes der "Pilot"-Serie IBM-Prozessoren verwendet und ist jetzt von zukünftigen Chipentwicklungen der Armonker abgeschnitten. Somit blieb für die Japaner nichts anderes übrig, als die eigene CMOS-Entwicklung zu forcieren.

Nach Ansicht der Meta Group war IBM auch für den Preisverfall bei Großrechnern im vergangenen Jahr verantwortlich, als Maschinen mit "G5"- und "G6"-CMOS-Prozessoren sehr aggressiv vermarktet wurden und sich die MIPS-Preise halbierten. Ähnliches vermeldet der "Diebold Management Report", der den Preis für ein Mainframe-MIPS aktuell auf 2500 Dollar schätzt. "Ein jährlicher Preisverfall von 30 Prozent gilt als üblich."

Noch niedriger stuft Hans-Dieter Jonescheit, Geschäftsführer der deutschen Comparex, die derzeit zu erzielenden MIPS-Preise ein: "2000 Dollar, mehr zahlt der Markt nicht." Er verweist auf eine ältere Publikation von Hitachi, wonach die Company Mühe habe, Rechner zu bauen, die zu diesem Preis vermarktet werden können: "Da können Sie sich unsere Gewinnmargen vorstellen." Der Anteil des Mainframe-Geschäfts am Gesamtumsatz von Comparex sei in den vergangenen drei Jahren von 40 Prozent auf derzeit rund 15 Prozent gesunken. Wenn jetzt das Neugeschäft wegfalle, "dann trifft uns das natürlich schon".

Ob der Preisverfall nach den jüngsten Entwicklungen anhält, bezweifeln unterdessen einige Analysten. Für IBM bedeute der Schritt von HDS zunächst einen Konkurrenten weniger im Kampf um Neukunden. Damit ergäbe sich für Big Blue wieder mehr Spielraum bei der Preisgestaltung von Highend-Systemen.

Hitachis Entscheidung, den Verkauf der Großrechner mit der hauseigenen ACE-2- Technik mit Leiterbahnen aus Kupfer einzustellen, begründet der englische Analyst und Hitachi-Kenner Barry Graham mit dem zu erwartenden kurzen Lebenszyklus der Trinium-Maschinen. Hitachi hatte geplant, 2002 Rechner mit eigenen reinen CMOS-Prozessoren vorzustellen, so dass die ACE-2-Rechner nur rund zwei bis drei Jahre am Markt geblieben wären. "Es gibt für Hitachi kommerziell keinen Sinn, eine große Menge an Trinium-Rechnern im Markt zu platzieren, die dann ersetzt werden müssen, denn sie wären ja nicht auf die neue CMOS-Technik aufrüstbar." Deshalb setze der Hersteller seine ganze Energie ein, um schneller an die neue Prozessortechnik zu gelangen.

Tatsächlich hat Hitachi angekündigt, seine zukünftige Rechnergeneration "Next Generation Server" (Codename "Hercules") bereits in der zweiten Jahreshälfte 2001 und nicht erst 2002 auf den Markt zu bringen. Nach Angaben von Chris Douglas, verantwortlich für das Server-Geschäft von HDS in Zentraleuropa, haben die Arbeiten an diesem System im März 2000 begonnen. Derzeit lote man bei den Kunden aus, welche Anforderungen sie an die Multiplattform-Maschine stellen. Hercules soll neben OS/390 auch noch unter Unix und NT lauffähig sein.

Details über die Architektur waren noch nicht zu erfahren, jedoch scheint es so zu sein, dass sich alte ACE-basierte Mainframes nicht auf die CMOS-Technik aufrüsten lassen werden. Anwender heutiger Server müssten also in neue Hardware investieren.

Für Elke Freitag, Gruppenleiterin für Netzwerke bei der Würth AG in Künzelsau, bedeutet die Entscheidung von Hitachi kein Problem. Würth stellt derzeit auf Client-Server-Strukturen um und nutzt den vor zwei Jahren von Comparex bezogenen Großrechner nur für bestehende Applikationen. "Und dafür reicht er uns in der Größe aus, Hochrüstungen sind nicht vorgesehen", erklärt die Managerin. Auch für eine eventuelle CMOS-Maschine von Hitachi bestehe kein Bedarf.

Einig sind sich die Analysten darüber, dass Hercules ein 64-Bit-System sein wird. IBM arbeitet derzeit an der Umstellung des Mainframe-Betriebssystems OS/390 von 31 auf 64 Bit und rechnet damit, im Laufe des Jahres die neue Version anbieten zu können. Zum Jahreswechsel 2000/2001 dürfte dann auch der entsprechende Großrechner (Codename "Freeway") auf den Markt kommen - ein halbes Jahr vor Hitachis Hercules-Maschine.

Die Frage, ob man die Hitachi-Kunden so lange bei der Stange halten kann, beantwortet Greiner damit, dass Alternativen immer willkommen seien. Allerdings bestehe die Gefahr, dass die Japaner zwölf Monate oder länger vom Markt verschwunden sind, "und in einem Jahr kann viel passieren". Wichtig sei für Hitachi: Was immer das Unternehmen tut, es müsse schnell und kostengünstig geschehen. Das sei ungewohnt für die japanische Mentalität.

Ähnliches beobachtet auch Comparex-Chef Jonescheit. Zwar verfügten die Hitachi-Produkte über eine sehr gute Technik, "aber die Japaner sind nicht nah genug am Markt". Die ganzen Innovationen und neueren Konzepte, Client-Server-Strukturen, ASPs und ISPs und das Internet selbst stammten aus den USA. In diesen Bereichen finde derzeit das Wachstum statt und nicht notwendigerweise im OS/390-Sektor.

Indirekt sei die Marktnähe von US-amerikanischen Unternehmen auch ein Grund für Comparex gewesen, den Speicherhersteller zu wechseln: "EMC hat neben dem Hardwareportfolio eine ganze Menge an sehr interessanter Software anzubieten." Dahin geht der Trend: "Man muss den Kunden Komplettlösungen anbieten können, und da hinkt Hitachi ein ganzes Stück hinterher."

Offiziell beendet hat Comparex die Distribution von Hitachi-Mainframes (noch) nicht. Jedoch ist für Jonescheit die Situation eindeutig: "Wenn keine Produkte mehr da sind, die verkauft werden können, dann schläft die Beziehung ein." Den bestehenden Mainframe-Kunden werde man Aufrüstungen, Service und Support anbieten, aber ein Neukundengeschäft könne man eben nicht generieren.

So sieht sich Comparex derzeit nicht in der Lage, das alte Credo erfüllen zu können: Egal für welche Plattform sich der Kunde entscheidet - OS/390, Unix oder NT -, Comparex liefert den passenden Server. Nachdem im Unix-Bereich Sequent durch den Verkauf an IBM als Lieferant ausgefallen war, kann Comparex nur noch im NT-Umfeld Server anbieten.

Dort nutzt man die "Aviion"-Rechner der ehemaligen Data General, jetzt EMC, für "Server-based Computing". Darunter versteht Jonescheit den Aufbau von Server-Farmen unter NT, an die Thin Clients angehängt werden. Comparex vermarktet die Server als "S1000".

Derzeit sucht die Company nach einem neuen Rechnerlieferanten im Unix-Bereich. Nach Analyse der Industrieverflechtungen - Hewlett-Packard vertreibt seit rund einem Jahr statt EMC- nun Hitachi-Speicher -, bleibt einzig Sun als potenter Unix-Hersteller übrig. Dazu Jonescheit: "Wir haben noch keinen Abschluss, führen aber intensive Gespräche." Sun wäre auch wegen seines Vertriebsmodells ein Wunschpartner: "Sun will 70 Prozent des Umsatzes mit dem indirekten Kanal und nur 30 Prozent durch Direktabsatz erzielen. Das käme uns sehr entgegen."

Angesprochen auf die bestehende Kooperation zwischen Sun und Storagetek im Speicherbereich und die Tatsache, dass Sun durch die Übernahme von Encore selbst ein Highend-Speichersystem im Portfolio hat, erklärt Jonescheit: "Es wäre illusorisch zu glauben, im Zeitalter der Koopetition ganz ohne Konfliktpotential auskommen zu können." So etwas lasse sich aber vernünftig regeln.

Außerdem geht der Manager davon aus, dass Comparex noch viele Jahre die Wartung für Hitachi-Produkte erledigen werde, denn Großrechner und Speicher blieben lange Zeit in den Unternehmen. Fortdauern werde deshalb auch die Kooperation mit Hitachi.

Prozessortechnik bei HitachiCarl Greiner, Chefanalyst der Meta Group in den USA, erläuterte gegenüber der COMPUTERWOCHE, woher die Probleme stammen, mit denen Hitachi Data Systems (HDS) jetzt im Großrechnergeschäft zu kämpfen hat. Danach entschied sich HDS Mitte 1990 für Produktionsstätten, die auf der gleichen Entwicklungslinie Maschinen mit ECL- und CMOS-Prozessoren fertigten. Was dabei herauskam, war die sehr erfolgreiche und leistungsstarke "Skyline"-Familie, die 1996/97 eingeführt wurde. Die Entscheidung, auf die kombinierte Prozessortechnik zu setzen, hinderte die Japaner allerdings daran, schneller mit neuen Produkten auf den Markt zu kommen. "Während Intel oder IBM jährlich neue CMOS-Chips entwickeln konnten, war das mit ECL-CMOS nicht möglich."

Dazu kam der Preisverfall im Mainframe-Geschäft, so dass Hitachi nicht mehr "kostenkompatibel" produzieren konnte. Deshalb entschloss man sich, den Fabrikationsprozess völlig neu zu strukturieren und voll auf die CMOS-Technik umzustellen. "Für die Implementierung der CMOS-Chipfabrik benötigt man ungefähr ein Jahr - und einen Haufen Geld."

Neben den niedrigeren Herstellungskosten liege ein weiterer Vorteil der neuen Technik darin, dass die Chips praktisch mit jedem Betriebssystem zusammenarbeiten würden. "Und Hitachi benötigt CMOS-Prozessoren nicht nur für die Server, sondern auch für andere Produkte."